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Mittwoch, 8. Februar 2017

Besprochen: THE XX - "I SEE YOU"


Auf ihrem dritten Album demonstrieren The xx die bislang deutlichste Weiterentwicklung ihrer bisherigen Karriere - und triumphieren damit auf ganzer Linie. 

Jetzt wo The xx endlich ihr drittes Album auf die Welt losgelassen haben, lohnt sich durchaus ein Blick zurück. Zum einen, weil man das Trio wohl ohne zu übertreiben als eine der besten und talentiertesten Bands der  mindestens letzten 15 Jahre betiteln kann. Und zum anderen, weil "I See You" eine neue Phase im künstlerischen Schaffen der Band einläutet. So wurden doch ihre zwei vorangegangenen Platten - das 2009er Debüt "xx" und der 2012er Nachfolger "Coexist" - durch eben den minimalistischen, melancholischen und verträumten, zum Teil nahezu unterkühlten und von schwerelos im Raum hängenden Chris-Isaak-Gitarren begleiteten Sound geprägt, den man mittlerweile als typsich für die Band betrachtete. Diesen groben Stil änderten sie zwar auch auf ihrem Zweitwerk "Coexist" aus dem Jahr 2012 nicht grundlegend, sondern blieben ihm gar weitestgehend treu - aber unterwarfen ihm einen im Grunde sanften, aber doch spürbaren Update. Die bislang jedoch deutlichste Weiterentwicklung haben sie sich nun für ihr neues und drittes Studioalbum "I See You" aufgespart. Wenn man denn sein Dasein in Kenntnis der (hervorragenden) Soloarbeiten ihres Klang-Tüftlers Jamie Smith (alias Jamie xx) fristet, dann sollten einem Teile ihres neuen Sounds in ihrem groben musikalischen Umfeld zwar nicht gänzlich unbekannt sein - aber doch muss man beim Genuss der neuen Platte mitunter mächtig staunen. Die Band klingt auch auf "I See You" nach wie vor ganz nach sich selbst - ihr grundlegender Klangcharakter geht nie verloren, aber doch ist die Weiterentwicklung allgegenwärtig spürbar. Schon die famose erste Single "On Hold" machte ja bereits deutlich, dass sich der Sound der Band verändert hat - was man ihm vor allem an seiner dichteren und weniger minimalistischen Atmosphäre, dem fast schon tanzbaren Rhythmus und dem prägnanten Einsatz eines Hall & Oats-Samples anmerkt.



Welch neue Winde auf dem restlichen Album dann noch so wehen, macht allen voran wohl der Opener "Dangerous" klar, der mit Bläserfanfaren, dancigen Elementen und einen flotten Groove aufwartet. Oder in etwas geringerem Maße auch der wunderbare und verträumt tänzelnde Indie-Pop-Ohrwurm "I Dare You" oder das atmosphärische und genial produzierte Meisterstück "Brave For You", welches einem geradewegs unter die Haut fährt. Andere Momente scheinen dagegen dann fast schon wie die "alten" The xx zu klingen, wenngleich auch ihnen (sei es nur etwas softer ausgeprägt) der Charakter ihres weiterentwickelten Sounds anhaftet. So wie die grandiose zweite Single "Say Something Loving", welche die typische Handschrift des Trios mit einer unverschämt wunderbaren Pop-Melodie, aber zudem mit einem volleren und reichhaltigeren Sound vereint. Oder die melancholische, wunderschöne und atmosphärische Hymne "A Violent Noise", die zusammen mit dem nahezu traurigen "Performance" noch am nächsten an die ursprünglichen Wurzeln des Trios heran reicht.



Auch wenn The xx sich auf ihrer neuen Platte keineswegs als Band neu erfinden, einen solch dennoch deutlichen Wandel haben viele wohl nicht erwartet - und oftmals wohl auch nicht erhofft: einige wünschen sich ja am sehnlichsten, dass die eigene Lieblingsband immer so klingen möge, wie man sie einst kennen und lieben gelernt hat. Doch von der Sorte Musiker, die sich darauf spezialisiert haben, entweder mit jedem neuen Album kreativ weiter auf der Stelle zu treten, oder sich gar immer schamloser dem aktuellen Massengeschmack anzubiedern, gibt es eh schon viel zu viele. Drum sollte man es eher feiern, wenn junge und talentierte Bands es favorisieren, die künstlerische Weiterentwicklung dem ewigen Gleichklang vorzuziehen. Vor allem dann, wenn sie dabei auch noch zu solch künstlerischer Höchstform auflaufen, wie The xx dies auf "I See You" vermochten. 



Montag, 2. Januar 2017

Bestenliste: DIE BESTEN PLATTEN 2016!


Lange Monate habe ich diesen Blog hier aus Zeitmangel vernachlässigt - und auch mit meinen Platten des Jahres bin ich nicht nur sehr spät dran (noch nie ist es zuvor vorgekommen, dass ich meine Platten des Jahres erst zum Beginn des neuen Jahres veröffentlichte), sondern fällt diese Liste mit "nur" 15 Platzierungen  diesmal auch so kurz aus, wie noch nie zuvor (sonst bewegte es sich je nach Jahr zwischen wenigstens 20 und höchstens 50 Plätzen). Wobei das Musikjahr 2016 ein in meinen Ohren sehr gutes war - doch hab ich leider einfach nicht genügend Zeit und Energie aufbringen können, um mehr als nur meine 15 Alben des Jahres 2016 zusammen zu bekommen. Es musste hier zum Teil auch sehr schnell gehen und normalerweise würde ich jetzt noch ein Weilchen an den Texten herum feilen. Aber das muss jetzt halt funktionieren so wie es ist - weil ich sonst hier noch locker bis Februar beschäftigt wäre. ;) So wirkt die Liste immerhin etwas "knackiger" und übersichtlicher - und bietet somit quasi die für mich persönlich "ultimativen" Platten des Jahres!



15. ALICIA KEYS - "HERE"


In den letzten Jahren, aber ganz speziell in 2016, hat es so manchen eher im Mainstream beheimateten Künstler gegeben, der auf gewisse Weise endgültig künstlerisch erwachsen werden wollte. Einer von ihnen war Alicia Keys - womit aber nicht auf ihre derzeitige No-Make-Up-Attitüde angespielt werden soll. Es ist schon viel darüber diskutiert worden, dass sie sich derzeit im Grunde nur noch ohne Make Up zeigt - was sich auch auf dem Cover ihres diesjährigen Albums "Here" wiederholt. Es ist aber nicht der (durchaus positive) optische Wandel, der hier gemeint ist, sondern der musikalische. Das deutete sie schon im Frühjahr mit der ersten Single "In Common" an: einer getragenen und wunderbar melodischen Perle, die mit Tropical- und Dancehall-Elementen spielt. Auf dem nun zum Ende diesen Jahres endlich nachgereichten Album findet es sich allerdings nur auf der Deluxe-Edition wieder, was aber eine recht gute Entscheidung war, hätte es aus dem Gesamtsound des Albums doch zu sehr heraus geragt. Zwar zeigte es auch eine andere, tatsächlich ein bisschen weniger am typischen Mainstream orientierte Seite von ihr - doch auf der neuen Platte verfolgt sie einen etwas anderen Ansatz. "Here" klingt minimalistischer, klassischer und authentischer, als das meiste, was sie bisher musikalisch so ausgeheckt hat. Vermutlich hat wohl noch kein Album von ihr so in sich geschlossen geklungen, trotz seiner relativen stilistischen Vielfältigkeit. Mal dreht sie in "The Gospel" aus perlenden Pianos, minimalistischen Marschtrommeln und den im Titel angesprochenen Gospel-Chören einen Ohrwurm, dann untermalt sie in "The Pawn" eine leidenschaftliche und groovige Soul-Perle mit einem soft pochenden Beat, oder lässt sich wie im grandiosen und melancholischen "Kill Your Mama" nur von einer akustischen Gitarre begleiten. Auch verstärkt von (akustischen) Gitarren geprägt zeigt sich die wunderbare Single "Blended Family (What You So For Love)", das melodische und stimmungsvoll tänzelnde "Girl Can't Be Herself" oder auch das fantastische und geradezu hymnische "Holy War" (♪♫♪), welches das Album abschließt - und wonach man selbiges gleich wieder von vorne hören will. 





14. WHITNEY - "LIGHT UPON THE LAKE"


Auch wenn bei dem Namen wohl die meisten instinktiv an die 2012 verstorbene Miss Houston denken werden, so hat dies hier mit ihr wohl denkbar wenig zu tun. Denn hinter dem Namen Whitney verbirgt sich eine Newcomer-Indierock-Band aus Chicago, die im Sommer diesen Jahres mit "Light Upon The Lake" ihr Debüt vorlegte, welches von der Kritik mit Begeisterung aufgenommen wurde. Das muss einen auch keineswegs wundern - denn hier hat die Band uns ein so feines musikalisches Süppchen aus Indierock, Folk und Psychedelic Pop zusammen gerührt, dass es ein wahrer Hochgenuss ist. Ganz wunderbar illustriert das schon die Eröffnungsnummer und erste Single "No Woman" (♪♫♪), die aus Indie-Folk-Einflüssen, melodisch sanften Gitarren, schwerelosen Streichern und feierlichen Bläsern einen künftigen Klassiker bastelt. Und dem folgt noch so viel wunderbares - sowas wie das sonnenscheinig melodische "The Falls",   der ausgelassen psychedelisch tänzelnde Ohrfänger "No Matter Where We Go", der warmherzige und von leidenschaftlichen Gitarren und Bläsern untermalte "Dave's Song", oder der wunderbare, traumverloren folkige Titelsong "Light Upon The Lake". Ein zeitloses und zugleich wie aus der Zeit gefallenes Album, von dem man fast schwören könnte, dass es schon lange ein Klassiker wäre, wenn man es denn nicht besser wüsste. 





13. KANYE WEST - "THE LIFE OF PABLO"

Was ist "The Life of Pablo" eigentlich wirklich? Ist die neueste Platte von Kanye West noch ein Album, oder vielleicht doch vielmehr ein wahnwitziger, gewaltiger, atmender und sich stetig wandelnder Koloss? So richtig weiß man keine Worte zu finden. Doch wie leicht ist es schon ein Album zu beschreiben, dass lange Zeit nur in digitaler Form über TIDAL zu hören und ursprünglich als reiner Stream geplant war - und welches von Kanye West immer wieder durch diverse Updates ergänzte wurde!? So wandelten sich Songs und Tracklist immer wieder, und und manchmal stießen auch neue Gastmusiker hinzu. Und am Ende konnte man sich nie so richtig sicher sein, ob die eigenen Lieblingssongs in eine paar Wochen noch immer so klingen würden, wie man sie liebte. Aber dennoch: auch wenn "The Life of Pablo" genau genommen kein perfektes Album ist und durchaus seine Höhen und Tiefen hat, so hat West doch auch hier wieder so manch ein Highlight zu bieten. Ob nun der herrliche, mit Einflüssen aus Rap, R&B, Soul und Gospel spielende Opener "Ultralight Beam", dass in den Versen unterschwellig düster veranlagte und in den Refrains um Gastvocals von Rihanna erweiterte "Famous", der astreine Ohrwurm "Waves", bei dem auch Chris Brown und Kid Cudi mit von der Partie sind, das ziemlich großartig produzierte "FML" mit The Weeknd, das geniale "Wolves" (♪♫♪), in dem auch Sia für eine Passage dazu stößt, das stark housig veranlagte und von diversen prägnanten Gesangs-Samples durchzogene "Fade", oder das melancholische "Saint Pablo" mit dem britischen Sänger Sampha, dass im Sommer diesen Jahres - 4 Monate nach der Veröffentlichung des Albums - als (bisher) letzter Song seinen Weg auf das Album fand. Und auch wenn man sich immer noch nicht so richtig sicher sein mag, ob Kanye West dem Album nicht noch ein paar weitere Metamorphosen verordnet, so ist "The Life of Pablo" bis dato ein zwar einerseits irgendwie zerrissenes und unstetes, aber gleichzeitig auch faszinierendes, lebendiges und unberechenbares Album. 






12. PJ HARVEY - "THE HOPE SIX DEMOLITION PROJECT"

Das die britische Musikerin PJ Harvey immer und immer wieder für ganz hervorragende Musik gut ist, wissen viele wohl nicht erst seit ihrem letzten Album "Let England Shake", auch wenn es vermutlich ihr bisheriges Meisterwerk darstellt. Das ihr neues Album "The Hope Six Demolition Project" dies nicht toppen kann, hat aber ganz und gar nichts negatives zu bedeuten. Denn trotzdem ist ihr hier ein verdammt feines Album gelungen, dass man wie eine Art Reisetagebuch betrachten kann. So liefern die Songs der Platte diverse Beobachtungen, die sie auf ihren Reisen durch Washington, Afghanistan oder den Kosovo machte. Doch es sind nicht einfach harmonische Bilder, die sie hier verarbeitet und in den Köpfen der Hörer herauf beschwört. Mal sind es beklemmende Bilder, wie die nahezu apokalyptischen Szenen aus Afghanistan, die sie in "The Ministry of Defence" (♪♫♪) verarbeitet, und mal sind es die alltäglichen Beobachtungen, wie sie sie etwa in "Near The Memorials Of Vietnam And Lincoln" schildert. Manchmal irgendwie auch ein wenig von beidem, wie etwa in "The Wheel", welches ihre Eindrücke auf ihrer Reise in den Kosovo beschreibt.  Das sie all das dann auch noch in ganz hervorragende Musik gießt, die von Alternative-Rock über Folk bis hin zu Psychedelic- und Jazz-Einflüssen reicht, ist bei PJ Harvey kaum eine Überraschung. 





11. NICK CAVE & THE BAD SEEDS - "SKELETON TREE"


Wie ja nicht gerade untypisch für Nick Cave, war auch sein diesjähriges Album "Skeleton Tree" ein außerordentlich düsteres und schwermütiges Album. Themen wie Tod und Sterblichkeit sind hier allgegenwärtig, so das man fast schon denken könnte, dass diese 8 neuen Stücke seine Reaktion auf den Tod seines 15jährigen Sohnes seien, der vor wenigen Monaten tragisch verunglückte. Doch die meisten Songs entstanden bereits vor seinem tragischen Unfall - was dieses Album in gewisser Weise aber manchmal auch fast schon prophetisch erscheinen lässt. Auch wenn die unfassbar traurigen Ereignisse um Nick Cave mit der Entstehung der Songs als solches nichts zu tun haben, so wird dem Hörer in Anbetracht seines persönlichen Schicksalsschlags beim Genuss dieser Platte noch ein wenig mehr Gänsehaut beschert. Denn schon ganz für sich betrachtet, ist ihm und seiner Band hier ein fantastisches, beklemmendes und eindringlich emotionales Album gelungen. Als hervorragendes Beispiel dient gleich der Opener "Jesus Alone" (♪♫♪): ein kleines, dunkles Meisterstück, dass sich auf fast ambient-artige Weise auf düster brummenden Synthesizern treiben lässt. Und je weiter Nick Cave und seine Bad Seeds auf der neuen Platte voran schreiten, durchstreifen sie dabei die verschiedensten Facetten düsterer Klangwelten. "Rings of Saturn" etwa zeigt sich dabei sehr melodisch und überwiegend von gesprochenen Passagen geprägt (und weckt zumindest bei mir immer wieder Erinnerungen an R.E.M.'s "E-Bow The Letter"), das schwermütige "Girl In Amber" wird von einer getragenen Atmosphäre, sanften Pianos und geisterhaften Chören untermalt, "I Need You" fügt dem sogar (wenn man es ein wenig böse ausdrücken will) eine leicht kitschige Note hinzu, im Duett mit der dänischen Sopranistin Else Torp schwebt "Distant Sky" mit einem traurigen und zugleich fast versöhnlichen Charakter auf sanften Orgelklängen daher, und der melancholische Titelsong "Skeleton Tree" entwickelt zum Ende der Platte gar schon fast popige Qualitäten. Auch wenn manch einer vielleicht ein wenig Geduld aufbringen muss, sich ganz in die dunkle und schattige, aber auch ergreifende Welt von "Skeleton Tree" hinein zu hören - diese Geduld ist es allemal wert.





10. BEYONCÉ - "LEMONADE"

Es war streng genommen nicht ihr diesjähriges Album "Lemonade", dass die kleine Revolution und den hörbaren Kurswechsel in Beyoncé's Karriere markierte. Das tat sie bereits mit dessen 2013er Vorgänger "Beyoncé". Die Zeiten der vorangegangenen 10 Jahre, in denen sie insgesamt 4 Studioalben veröffentlichte, die immer demselben und ernüchternden Grundrezept folgten, ein paar handfeste Ohrwürmer mit äußerst beliebigem Füllmaterial auf Albumlänge zu strecken, waren auf einmal wie hinfort gefegt. Plötzlich ergab ein komplettes Album von Miss Knowles einen Sinn - und zum ersten mal schien sie die Gesamtwirkung einer Platte über einzelne Hits zu stellen. Und da wo sie bei "Beoyncé" aufhörte, machte sie in diesem Jahr auf "Lemonade" weiter. Auch ihre neue Platte war wieder ein "visual album", dass hochwertig produzierte Musikvideos zu allen Albumtracks automatisch mitlieferte - und auch die künstlerische und kreative Herangehensweise war eine ähnliche. Und doch ist "Lemonade" anders: es ist wohl Beyoncé's stilistisch bislang mit Abstand vielseitigstes Album, dass aber trotzdem auch in seiner Gesamtheit durchweg zu überzeugen weiß. Und auf "Lemonade" kann es mitunter schon ziemlich bunt zugehen: so fußt etwa der fabelhafte Ohrwurm "Hold Up" (♪♫♪) auf einem prägnanten Sample eines Easy-Listening-Klassikers von Andy Williams, "Don't Hurt Yourself" hört man mit seiner kratzbürstig-rockigen Ausrichtung deutlich die Kollaboration mit Jack White an, "Sorry" kann sich hervorragend als elektronisch veredelter R&B sehen lassen, das sehr atmosphärisch produzierte "6inch" bietet feinsten Alternativ-R&B in Zusammenarbeit mit The Weeknd, mit dem auf ihre Südstaaten-Wurzeln hinweisenden "Daddy Lessons" hat sie sogar einen unglaublich guten Conutry-Song ausgeheckt, die geniale Hymne "Freedom" mit Kendrick Lamar kann mit Einflüssen aus Soul, Blues, Rock, Gospel und HipHop dienen und das in meinen Augen wahrhaft fantastische "All Night" (♪♫♪) offenbart sich als R&B-Perle, die auf einem OutKast-Sample reitet und in einem himmlisch schönen Refrain mündet. Doch so bunt zusammen gewürfelt all das "auf dem Papier" auch klingen mag, so fügt sich all das zu einem durchweg gelungenen Album zusammen.  Mit "Lemonade" ist Beyoncé in der Tat gleich noch ein verdammt hervorragendes Album gelungen, dass sehr nah dran ist, am Prädikat "Meisterwerk". Unter den weiblichen Größen im aktuellen US-R&B, kann ihr aktuell auch künstlerisch fast nur noch ihre kleine Schwester ernsthaft gefährlich werden. Aber das ist eine andere Geschichte...





9. BLOOD ORANGE - "FREETOWN SOUND"

In irgendeiner Form werden die meisten da draußen wohl schon mal dem amerikanisch-britischen Musiker Dev Hynes begegnet sein - ob bewusst oder unbewusst. So etwa als Songwriter und Produzent, wodurch er bereits Solange Knowles, Kylie Minogue, Tinashe oder Jessie Ware betreute, oder in Form seiner Projekte Lightspeed Champion oder Blood Orange. In letzterer musikalischer Inkarnation hat er in diesem Jahr das 3. Album "Freetown Sound" veröffentlicht, welches sich zurecht als eines der besten seines Jahrgangs bezeichnen darf. Denn hier hat Dev Hynes sogar das seltene Kunststück geschafft, aus vielen verschiedenen Sounds, Einflüssen und Stimmen ein rundes und harmonisches Album zu kreieren, dass in seiner Gesamtheit nahezu wie aus einem Guss erscheint, aber doch aus den unterschiedlichsten Zutaten besteht. Und auch die verschiedensten Gastsänger geben sich förmlich die Klinke in die Hand. U.a. kommt ihm auf dem funky stampfenden "E.V.P." die Blondie-Sängerin Debbie Harry zur Hilfe, die traumhaft schöne und melancholisch getragene Perle "Hardon Collider" (♪♫♪) wird durch Vocals von Nelly Furtado veredelt, im irgendwie herrlich karibisch geflavourten "Best To You" bekommt er Unterstützung der US-Musikerin Lorely Rodriguez alias Empress Of, und im famosen "Better Than Me" steht ihm Carly Rae Jepsen zur Seite. Was aber nicht bedeuten soll, dass es unter den weitestgehend von Hynes allein interpretierten Stücken nicht auch schon genügend Highlights gäbe - muss man diesbezüglich doch etwa ganz deutlich auf Stücke wie die ganz wunderbare Single "Augustine" (♪♫♪), die romantische und warme R&B-Perle "But You", das 80s-inspirierte "Hands Up", oder das atmosphärisch getragene, mit verspielten Saxofonen und einer Art oldschooligen HipHop-Groove garnierte "Squash Squash" hinweisen. Und dann fällt das Album mit seinen 17 Stücken auch noch nicht einmal zu lang aus, sondern entwickelt gar mit jedem Hören eine noch stärkere Suchtwirkung. So famos wie auf "Freetown Sound" hat in 2016 wohl kaum ein Zweiter Alternative-R&B, Synthpop, Funk und zig andere Elemente und Einflüsse zu einem schlüssigen Album vereint - was es zurecht zu einem der herausragenden Platten seines Jahrgangs macht. 





8. PET SHOP BOYS - "SUPER"

Nach gut 30 aktiven Jahren im Musikbusiness, muss man als Musiker nicht immer innovativ sein und darf auch ruhig mal etwas schwächeln. Doch auf die Pet Shop Boys trifft beides nicht zu. Denn innovativ waren sie streng genommen ja nie wirklich. Vielmehr waren sie zumeist die Garanten für seichte Pop-Musik - aber eben ihre ganz eigene, wunderbare, melodische, mitreißende und catchy Art von seichter Pop-Musik. Und schwächeln wollen Neil Tennant und Chris Lowe definitiv auch nicht - was sie in diesem Jahr einmal mehr mit ihrem mittlerweile 13. Studioalbum "Super" eindrucksvoll demonstrierten. Ähnlich dem 2013er Vorgänger "Electric", erforschten die Pet Shop Boys in diesem Jahr auch auf "Super" die verschiedenen Sphären der (stark von den 90ern beeinflussten) Dance-Musik. Nur war es diesmal kein so gezielt auf den Dancefloor zugeschnittenes Album, wie es "Electric" war. Denn auf "Super" vereinten die Pet Shop Boys auch wieder all die anderen Attribute, die das Duo stets ausgemacht haben. Allen voran wären das wohl die unwiderstehlichen Ohrwürmer und potenziellen Hits. Und die fliegen einem hier nur so um die Ohren. Angefangen mit der ersten Single "The Pop Kids" (♪♫♪), auf dem sie die Dance-Ära der frühen 90er abfeiern, gefolgt von der verdammt catchy zweiten Single "Twenty-something" (♪♫♪) (so cheesy sie auch sein mag: allein diese Hookline ist Gold wert!), oder solch unwiderstehlich ohrwurmigen , kleinen Dance-Pop-Juwelen wie "Say It To Me" oder "Burn". Und ebenso stellen sie hier ihre über die Jahrzehnte immer wieder kräftig aufblitzende "Clubtauglichkeit" unter Beweis, was man etwa "Happiness" oder "Inner Sanctum" deutlich anhört. Und zum Glück zeigen sie auch mal wieder ihre durchaus tiefgründigeren Momente, die sie nicht selten mit Ironie würzen. Das großartige und melancholisch-dancige "The Dictator Decides" ist dafür ein wunderbares Beispiel, welches von einem müden und einsamen Diktator kündet, der sich insgeheim nichts sehnlicher als seine eigene Absetzung wünscht. Oder aber auch die Synthpop-Ballade "Sad Robot World", die sich der Ambivalenz des technologischen Fortschritts widmet. Mit "Super" haben die Pet Shop Boys in meinen Augen ihr bestes Album seit "Very" (1993) und "Yes" (2009) gezaubert und klingen dabei, als seien sie seit den frühen 90ern keinen Tag älter geworden.




7. FRANK OCEAN - "BLONDE"

Als im Jahr 2012 das Debütalbum "Channel Orange" des jungen US-Musikers Frank Ocean erschien, war nicht nur bei mir persönlich die Begeisterung groß - denn da hatte Ocean damals als Erstling ein geradezu fantastisches Album vorgelegt, mit dessen Hilfe er neben Musikern wie FKA twigs, Janelle Monaé oder The Weeknd mit zur Speerspitze des PBR&B oder auch Alternative-R&B gehörte: das sich in den letzten Jahren immer stärker heraus kristallisierte Subgenre aus jungen R&B-Musikern, die sich zusehends von den typischen Regeln des zeitgenössischen R&B lossagten und kunstvoller, kreativer und experimentierfreudiger zu Werke gingen. Auf seinem diesjährigen Zweitwerk "Blonde" ging Ocean den einst eingeschlagenen Weg noch konsequenter weiter, als er ihn begonnen hatte - zeigte er sich und seine Musik auf den 17 Stücken von "Blonde" doch noch experimenteller, intimer, abstrakter und unkonventioneller als zuvor. Die erste und bislang einzige Single "Nikes" machte das schon recht gut vor - als fast schon chillig und ambient-artig getragene R&B-Nummer, die mit hoch gepitchten Vocals beginnt, ehe ab der zweiten Hälfte seine Stimme wieder normale Höhen anschlägt. Doch was sonst noch so auf dem Album passiert, raubt einem mitunter den Atem, bleibt es doch fast stets minimalistisch, aber stets wandel- und unvorhersehbar. Das fabelhafte und melancholische "Ivy" wird etwa von nahezu psychedelisch umwehten Gitarren eingerahmt, die wunderbare und von James Blake produzierte Soulballade "Solo" wird von sanften und getragenen Orgelklängen begleitet,  das von aus der Ferne herüber hallenden Gitarren und hypnotischen Synthies untermalte "Skyline To" entwickelt fast schon psychedelische Wirkungen, das wunderbare "Self Control" (♪♫♪) beginnt als auf sanften Gitarrenakkorden gebettete Ballade, in die sich bald hoch gepitchte Vocals mischen - und das gen Ende unter Beihilfe von Streichern zur schwebenden und fast schon andächtigen Hymne anwächst. Das genial produzierte und mehrere verschiedene Phasen durchlaufende "Nights" hätte in einer besseren Welt ein Hit sein können und das großartige "White Ferarri" (♪♫♪) erweist sich als intime und minimalistische Ballade, die sich an Auszügen aus "Here, There And Everywhere" der Beatles bedient. Mit seinem lang erwarteten Zweitwerk hat Frank Ocean in diesem Jahr gezeigt, dass er sich in genau in die richtige Richtung weiterentwickelt. Er lässt sich nicht vom Mainstream anstecken und zu radiofreundlichen Instant-Hits hinreißen, sondern folgt vor allem seiner eigenen Vision. Und genau das ist es, was "Blonde" so herausragend im Pop-Jahr 2016 machte.





6. BON IVER - "22, A MILLION"

Justin Vernon alias Bon Iver einen sagenhaften Musiker zu nennen, dürfte für Kenner des Amerikaners auch nach nur zwei Alben schon zu einer Art Selbstverständlichkeit geworden sein. Denn Vernon ist ein Musiker, bei dem irgendwie alles richtig läuft. So ist er ein Künstler, der sich kontinuierlich und merkbar weiterentwickelt, ohne seinen eigenen persönlichen Charakter zu opfern. So war sein erstes Album "For Emma, Forever Ago" noch eine minimalistische Folkplatte, die er in einer Jagdhütte aufnahm, während sein zweites Werk "Bon Iver, Bon Iver" in seinem Gesamtbild dagegen deutlich hymnischer und barocker wirkte - wenngleich es mit dem wundervollen "Beth/Rest" gar einen der besten 80s-Songs enthielt, die nicht in den 80s entstanden sind. Bei alledem biederte er sich nie kommerziellen Erwartungen an und hat trotzdem auch bereits den Sprung in den Mainstream geschafft - wie etwa durch wiederholte Zusammenarbeit mit Kanye West. Allzu vielen Leuten da draußen ist er aber wohl dennoch nicht bekannt - und so hat er sich fast schon klammheimlich zu einem der besten Musiker unserer Zeit gemausert. Und diesem Ruf kann er auch auf seinem neuen und dritten Studioalbum "22, A Million" mehr als gerecht werden. Auch hier führt er seine bisherige Tradition fort, sich als Künstler beständig weiterzuentwickeln - was schlussendlich in seiner bisher wohl mit Abstand experimentierfreudigsten Platte mündete! Ob seine Zusammenarbeit der letzten Jahre mit James Blake oder Kanye West dazu geführt haben mag, kann ich nicht sagen, aber auf seiner neuesten Platte entfernt sich Vernon so weit von seinen folkigen Wurzeln, wie noch nie zuvor - und setzt seine gewohnt großartige Kunst verstärkt mit modernen Mitteln um: Vocoder, elektronische Spielereien, Synthesizer, Samples, Störgeräusche...alles mit dabei. Das mündet mal in wunderschöne, getragene und oft minimalistische Stücke wie das  von (Vocal-)Samples durchdrungene "22 (Over Soon)", das großartige und atmosphärisch produzierte "33"God"" (♪♫♪), sowie in solch melodisch schönen Stücken wie "#29 Strafford Apts" und "8 (Circle)", die eine kleine Ahnung davon vermitteln, wie Coldplay in einer besseren Welt klingen könnten - oder aber auch mal  in so einer stark von abstrakten Rhythmen geprägten Nummer, wie das fabelhafte "10 (Deathbreast)" (♪♫♪). Wie auch wohl kaum anders zu erwarten war, ist ihm mit "22, A Million" wieder einmal etwas ganz großes geglückt.




5. JAMES BLAKE - "THE COLOUR IN ANYTHING"

James Blake sollte ja mittlerweile eigentlich für die meisten kein allzu großer Geheimtipp mehr sein: dieses britische Elektropop-/Post-Dubstep-Wunderkind mit dem zerbrechlichen Soul in der Stimme, der es irgendwie wie kein zweiter schafft, solch eine emotionale und teils schwermütige Atmosphäre mit verschachtelter, durchdachter und abstrakter Elektronik zu paaren, wie er dies bereits auf seinen bisherigen zwei Alben "James Blake" (2011) und "Overgrown" (2013) zelebrierte. Und seine kreativen Quellen sprudelten auch in diesem Jahr kräftig weiter, hat er doch im Frühjahr mit seinem 3. Album "The Colour In Anything" so etwas wie seinen persönlichen Epos vorgelegt, der sich über 17 Stücke und eine Spieldauer von über 70 Minuten erstreckt. Und dabei bietet er einen quasi perfekten Querschnitt all dessen, was ihn als Künstler und Musiker so besonders und einzigartig macht. Da wären etwa wieder diese ganz wunderbaren, teils fragilen und intime Piano-Balladen, wie der Titelsong "The Colour In Anything" oder das wunderbare "f.o.r.e.v.e.r.". Oder aber auch in atmosphärisch elektronisch verzierter Variante, wie es das atmosphärische "Radio Silence" (♪♫♪) oder das nahezu herzwringende "Love Me In a Whatever Way" vormachen. Aber auch seine stark beatigen und beinahe schon tanzbaren Momente kommen hier etwa mit dem famosen "I Hope My Life (1-800 Mix)" hervorragend zur Geltung, sowie auch seine fast schon folkig anmutende Seite beleuchtet wird, wie mit der genialen Kooperation mit Bon Iver in "I Need a Forest Fire" (♪♫♪). So kann man hier aber auch  immer wieder Bezüge zu R&B und Soul erkennen, wie im gemeinsam mit Frank Ocean komponierten "My Willing Heart", sowie auch ein wenig in "Always", in welchem er eben jenen Song von Frank Ocean's diesjährigem Album "Blonde" sampelte, an dem er selbst mitgewirkt hat ("Godspeed"). Seien wir aber ehrlich: "The Colour In Anything" ist nicht unbedingt ein leichtes Album...schon gar nicht auf den ersten Versuch. Doch hat man sich erst einmal durch diesen Koloss von einem Album hindurch gearbeitet, bleibt einem mit hoher Wahrscheinlichkeit nicht viel anderes übrig, als sich hoffnungslos zu verlieben.




4. ANOHNI - "HOPELESSNESS"

Anohni hat ja bereits eine sehr bewegte und gleichsam fruchtbare musikalische Karriere hinter sich. Bisher unter dem bürgerlichen Namen Antony Hegarty als Kopf der Band Antony & The Johnsons bekannt, ist die heute offen transsexuelle Musikerin auch vielfach in Zusammenarbeit mit diversen Musikern in Erscheinung getreten, zu denen u.a. Björk, Lou Reed, Coco Rosie oder Rufus Wainwright zählen. Und in diesem Jahr ließ sich Anohni dann auch zu ihrem ersten Solo-Album hinreißen - das Fans ihrer bisherigen Musik doch durchaus auf eine harte Probe stellen konnte. Denn anstelle einer emotionalen Mischung aus Baroque-Pop und Kammermusik, ist ihr erster Alleingang "Hopelessness" von experimentellen und atmosphärischen Electronica- und Dance-Klängen geprägt. Doch ebenso auffällig bei ihrem neuen Werk ist die inhaltliche Thematik - denn es lässt sich unmöglich umschreiben, ohne dabei reflexartig die Bezeichnung "Protest-Album" zu benutzen. Eines wie man es in dieser Ausprägung schon lange nicht mehr erlebt hat. Davon konnte man bereits in den vorab veröffentlichten Singles einen deutlichen Eindruck bekommen. Allen voran die erste Single "4 Degrees" (♪♫♪): ein nahezu eingängiger und von episch stampfenden und trommelnden Beats, flirrenden Synthies, dramatischen Bläsern und leidenschaftlichen Streichern begleiteter Ohrwurm, der sich mit deutlich anklagenden Worten dem Klimawandel widmet. Und auch die zweite Single "Drone Bomb Me" (♪♫♪) steht dem in nichts nach, eher im Gegenteil: noch eindringlicher und fesselnder geht Anohni auf dieser atmosphärischen Elektropop-Perle zu Werke, die aus der Sicht eines afghanischen Mädchens erzählt, deren Eltern bei einem Drohnenangriff getötet wurden - und die nun selbst auf den Tod wartet, womit die Künstlerin auf eindrucksvolle und bedrückende Weise Amerikas Drohnenkrieg ins Visier nimmt. Diesen Kurs setzte sie dann auch auf dem gesamten Album fort und arbeitet sich dabei durch diverse Themengebiete. So adressiert sie "Watch Me" an NSA und die US-Regierung, indem sie zu fast romantisch harmonischen Klängen und einer wunderbaren Melodie, die permanente digitale Überwachung in Form von sarkastischer Unterwürfigkeit anprangert. Später erweist sich dann "Obama" als enorm düstere und minimalistisch elektronische Kritik an dem scheidenden US-Präsidenten, in der Synth-Pop-Perle "Execution" übt sie im Kontrast zu seiner warmen und melodischen Atmosphäre Kritik an der Todesstrafe, und im Titelsong "Hopelessness" verewigt sie so etwas wie die große Hymne an den Misanthropen in uns allen - wenn sie uns Menschen zu epischen und schillernden Elektro-Pop-Klängen sehr treffend mit einem Virus vergleicht. Auf gewisse Weise ist Anohni somit auch eine Art Soundtrack des Jahres 2016 gelungen - denn wir sind uns wohl alle darin einig, dass die Welt uns gerade in 2016 wieder viele seiner Probleme vor Augen geführt hat. Und mit "Hopelessness" ist ein wütendes, trauriges, kunstvolles und zugleich melodisch eingängiges Album gelungen, das viele dieser Probleme in den Fokus rückt.   



3. RADIOHEAD - "A MOON SHAPED POOL" 


Manchmal könnte man ja schon auf die Idee kommen, sich die Frage zu stellen, wann Radiohead wohl je mit ihrer gewohnten Manier, mit ihrer nun schon so lange währenden Tradition brechen werden. Doch damit ist eher ihr Geschick gemeint, immer wieder auf's neue großartige Platten zu erschaffen - nicht die stilistische Ausrichtung ihrer Musik. Zugegeben: einen so gewaltigen Bruch wie einst mit ihrem 2000er Werk "Kid A" (diesem Wunderwerk aus Free-Jazz und experimenteller Elektronik) und dessen 2001er Nachfolger "Amnesiac" (welches in denselben Sessions entstand und dabei ähnlich experimentierfreudig ausfiel), hat die Band so nie wiederholt. Und doch hatte auch jedes andere Album danach seinen ganz eigenen Charakter und seine unverwechselbaren Eigenheiten. So war "Hail To The Thief" im Jahr 2003 ihr wohl rockigstes und "erdigstes" Album seit langem, "In Rainbows" entwickelte mit seinen unwiderstehlich popigen Melodien eine nahezu schillernde Atmosphäre, während ihr bislang letztes Werk "The King of Limbs" deutlich von (zum Teil abstrakten) Rhythmen geprägt war. Ihr neues und neuntes Werk "A Moon Shaped Pool" hingegen ist vor allem durch seinen minimalistischen und melancholischen Sound, sowie oft von getragener Atmosphäre und nicht selten auch von Streichern geprägt. Doch wie man es nun auch definieren mag: mit ihrer bereits angesprochenen Traditionen brechen sie auch diesmal wieder nicht - sondern es ist ihnen stattdessen wieder einmal ein ganz wunderbares Album gelungen, aus dem sich mit mehrmaligem Hören immer mehr Perlen und potenzielle Lieblingslieder heraus kristallisieren. Die durchaus verdiente erste Single "Burn The Witch" (♪♫♪) kann man in Radiohead's Kosmos schon mal geflissentlich einen Hit nennen, während sich mit nur ein klein wenig Geduld auch aus der ambient-artigen zweiten Single "Daydream" ein kleines Wunderwerk heraus schält. Und auch das restliche Album hat noch einiges zu bieten. Wie etwa die melancholische und teils "geisterhaft" schwebende Art-Rock-Perle "Decks Dark", die von Akustikgitarre begleitete Ballade "Desert Island Disk", das düster getragene und in seinem Intro nahezu ein wenig an Joy Division gemahnende "Ful Stop", oder das von einem soften Groove und im Mittelteil von einsamen, aber genialen Synthie-Klängen begleitete Meisterstück "Indetikit" (♪♫♪). Manche Momente ihrer diesjährigen Platte mögen an "OK Computer" erinnern, andere wiederum  an "Amnsiac" oder auch "In Rainbows" - und der letzte Track "True Love Waits" ist gar ein Live-Standard der Band seit 1995, der hier erstmals als Studioversion veröffentlicht wurde. Und trotzdem ist "A Moon Shaped Pool" bei all dem ein eigenständiges, ein in sich schlüssiges und vor allem ein großartiges Album, mit dem die Band ihren Ruf als einer der wichtigsten Bands unserer Zeit auch weiterhin spielend verteidigen kann. 




2. SOLANGE - "A SEAT AT THE TABLE"

Wer schon mit dem bisherigen Schaffen von der heute 30-jährigen Sängerin und Songwriterin Solange vertraut ist, der weiß was für ein gewaltiges Talent in ihr steckt. Ihr als Teenager aufgenommenes Debüt, auf dem ihr noch der typische Mainstream-R&B-Sound seiner Zeit übergestülpt wurde, kann man dabei getrost ignorieren. 6 Jahre später, auf ihrem zweiten Album "Sol-Angel & The Headly St. Dreams" (2008) legte sie richtig los, auf dem sie sich deutlich von Bands á la The Supremes beeinflussen ließ. Dem folgte die grandiose 2012er EP "True", auf der sie sich deutlich in Richtung 80's-Soul- und New Wave bewegte - und die den heimlichen Überhit "Losing You" beinhaltete. Und in 2016 schob sie dann 8 Jahre nach ihrem letzten Album endlich ihr drittes Werk "A Seat At The Table" nach - und erlangte endlich eine so breite Aufmerksamkeit, wie wohl noch nie zuvor. Vollkommen zurecht, schuf sie hier doch ein feinsinniges, zeitloses und kunstvolles Neo-Soul-Meisterwerk, dass man hoffentlich noch in vielen Jahren als Soul-Klassiker unserer Tage in Erinnerung behalten wird. Und dafür benötigt es nicht einmal offensichtliche Hits, die einem auf Anhieb ins Gesicht springen. "A Seat At The Table" ist viel eher ein Gesamtkunstwerk, dass seinen Zauber weniger durch einzelne Stücke, als vielmehr durch seine Gesamtheit definiert - wenngleich sich hier auch dennoch zahlreiche Juwelen auftun, die ganz für sich allein überzeugen können. Angefangen beim minimalistischen und wunderbaren Opener "Rise" (♪♫♪) oder der stimmungsvoll von sanft pochenden Beats, zärtlich schwebenden Streichern und perlenden Pianos untermalten Single "Cranes In The Sky" (♪♫♪), über die traumhafte und von soften Beats begleitete R&B-Perle "Don't You Wait" oder das fast schon spartanisch, aber ungemein atmosphärisch arrangierte "F.U.B.U.", bis hin zum relaxt groovigen und unaufgeregt ohrwurmigen "Boderline" oder dem getragenen und auf gewisse Weise fast schon hypnotische Wirkung entfaltenden "Don't Wish Me Well". Und doch ist das Ganze hier trotzdem mehr, als nur die Summe seiner Teile. Solange ist mit ihrem 3. Werk ein so wunderbares, unwiderstehliches und schlicht großartiges Album gelungen, dass der sonst stets schnell herunter gebetete Fakt, dass sie die kleine Schwester von Beoyncé ist, schnell zur unwichtigen Fußnote wird. Denn künstlerisch war sie ihrer großen Schwester schon etwas länger um einiges voraus - und hat sie nun mit "A Seat At The Table" (trotz aller herausragender Qualitäten von Beoyncé's eigenem diesjährigen Albums "Lemonade") endgültig weit hinter sich gelassen. 





1. DAVID BOWIE - "BLACKSTAR"


Das David Bowie eine der sehr seltenen und kostbaren Lichtgestalten in der Geschichte des Pop war, muss man wohl kaum noch jemandem erzählen, der wenigstens das kleine 1x1 der populären Musik verinnerlicht hat. Er war einer der wenigen, die nahezu alle Jahrzehnte des Pop maßgeblich durch ihre Kunst mit beeinflusst und ganze Generationen von Musikliebhabern und Musikern gleichermaßen geprägt haben. Von seinen Anfängen in den 60ern mit "Space Oditty" und seine spektakulär kreative Phase in den 70ern, die u.a. Meisterwerke wie "Hunky Dory", "Ziggy Stardust", "Low" oder "Heroes" hervor brachte, über seinen großen Chart-Erfolg mit "Let's Dance" und den kurz darauf folgenden künstlerischen wie kommerziellen Absturz mit "Tonight" und "Never Let Me Down" in den 80ern, seine kreative Renaissance in den 90ern mit "Outside" oder "Earthling", oder den teils gereifteren Klängen auf "Heathen" oder "Reality" in den 2000ern, bis hin zu seinem unerwarteten und famosen Comback mit "The Next Day" in den frühen 2010ern. Aber es sollte schlussendlich sein letztes Album sein, dass diese große und schillernde, von diversen Höhen und auch ein paar Tiefen begleitete Karriere würdig krönen, und dem Künstler David Bowie ein in dieser Form wohl nahezu einzigartiges Denkmal setzen sollte. Schon allein aus rein musikalischer Perspektive. Denn trotzdem er sich schon zuletzt auf seinem Comeback-Album wieder in künstlerischer Höchstform präsentierte, sollte er erst mit "Blackstar" wieder mit einer derartigen Inspiration und künstlerischen Relevanz zu Werke gehen, wie er dies zuletzt in den 70er Jahren fertig brachte: und so wurde daraus ein düsteres, experimentelles und vor Kreativität nur so (dunkle) Funken sprühendes Mosaik aus Jazz-, Art-Rock- und Elektronik-Elementen. 



Der Titelsong und Opener "Blackstar" (♪♫♪) macht dies als 10-minütiger, atmosphärischer und nahezu hypnotischer Epos ebenso deutlich, wie auch das kryptische "Girl Loves Me" (♪♫♪): ein düster getragenes Meisterstück, dessen Text sich zu weiten Teilen aus der Fantasiesprache Nadsat aus Anthony Burgess' Roman "A Clockwork Orange", sowie dem (ausgestorbenen) Slang Polari zusammensetzt, der in den Londoner Gay-Clubs der 70er und 80er Jahre Verwendung fand. Doch die wichtigste Botschaft des Albums blieb den meisten zunächst noch verborgen - seine stark düster geprägte Atmosphäre, sowie seine zahlreichen Anspielungen auf Tod und Sterblichkeit waren zwar schon ganz zu Anbeginn deutlich spürbar. Doch als David Bowie nur 2 Tage nach dem Release für die Weltöffentlichkeit vollkommen überraschend nach einer (geheim gehaltenen) 1 1/2jährigen Erkrankung verstarb, dämmerte einem langsam die wahre Bedeutung seines letzten Werks, welche Produzent Toni Visconti kurz darauf offenbarte: denn Bowie selbst wusste nur zu gut, dass er sterben würde - und plante so "Blackstar" als seinen Schwanengesang, seinen Abschied von der Welt, im Bewusstsein seines nahenden Todes. Und plötzlich sah man vieles hier mit anderen Augen. Allen voran wohl die zweite Single "Lazarus" - hörte man nun diese schwermütig wunderbare Art-Jazz-Pop-Perle, spürte man förmlich einen Stich im Herzen, wenn er zu Beginn singt: "Look up here, I'm in heaven / I've got scars that can't be seen / I've got drama can't be stolen / Everybody knows me now." Oder gar wenn er gen Ende immer wieder fast schon beschwörend wiederholt: "Oh, I'll be free / Just like a bluebird / Oh, I'll be free." Und auch viele andere Songs offenbarten plötzlich ihre wahre, traurige Botschaft - so wie etwa im bereits erwähnten Titelsong ("Something happened on the day he died / Spirit rose a metre and stepped aside / Somebody else took his place, and bravely cried / I'm a Blackstar"), oder etwa das melancholische und melodisch einnehmende "Dollar Days" ("I'm dying to push their back against the grain / And fool them all again and again / I'm trying to"), welches sich zunehmend zu einer schwermütigen Art-Rock-Hymne aufbaut und lyrisch sowohl seine Vergangenheit, als auch seinen baldigen Tod zu behandeln scheint. 

David Bowie war nun einmal ein lebendes, schillerndes und facettenreiches Gesamtkunstwerk mit tausend Gesichtern - der Mann der vom Himmel fiel, um dem Pop den Sternenstaub zu bringen. Daher eigentlich kein Wunder, dass er mit "Blackstar" auch seinen eigenen Tod zum Kunstwerk machte. 

Donnerstag, 12. Mai 2016

Besprochen: BEYONCÉ - "LEMONADE"

Vor gut 2 Jahren leitete Miss Knowles-Carter mit ihrem unerwartet großartigen letzten Album "Beyoncé" eine neue Phase ihrer Karriere ein, die spätestens jetzt mit dem Nachfolger "Lemonade" endgültig zur Perfektion findet: ein Album, das seine Zeit vermutlich noch lange überdauern wird.

Über die weiteste Strecke ihrer bisherigen Karriere konnte man Beyoncé Knowles doch leicht mit einer gewissen Grundskepsis begegnen. Ohne Frage war schon früh klar, dass eine Menge Talent und Potential in ihr steckte - und Hits hat sie auch in aller Regelmäßigkeit auf die Welt los gelassen, die sich zu weiten Teilen auch dauerhaft in den Hirnwindungen einnisteten. Schnell stieg sie seit dem Beginn ihrer Solokarriere ab den frühen 2000ern zu einer der erfolgreichsten und größten Musikerinnen unserer Zeit auf und war fortan aus dem Musikbusiness unmöglich wegzudenken. Aber trotz alledem: ein durchweg anständiges und wirklich essentielles Album wollte ihr ums verrecken nicht gelingen. Ihre ersten vier Platten sollten überwiegend nach dem allzu typischen Mainstream-Pop-Prinzip funktionierten: eine knappe handvoll Hits und zündender Ohrwürmer, die um einen Haufen mittelmäßigen Füllmaterials ergänzt und auf Albumlänge gestreckt wurden (eine kleine Ausnahme stellte dabei am ehesten ihr viertes Album "4" dar, welches als ganzes Album immerhin als solide durchgehen konnte). Doch was genau auch immer mit ihrem 5. Album "Beyoncé" vor gut zwei Jahren in sie gefahren sein mag: man wollte schon beim ersten Hören dieses Albums vor lauter Dankbarkeit ehrfürchtig vor den Boxen auf die Knie gehen. Oder um wenigstens die eigene Kinnlade wieder aufzusammeln, nachdem einem selbige vor Staunen zu Boden gekracht war. Denn als man schon gar nicht mehr damit gerechnet hatte, überraschte uns die Dame auf ihrem selbstbetitelten Album mit einem hochkarätigen Werk, auf dem man sie so innovativ und kreativ wie noch nie erlebte. Doch eigentlich muss einen dieser plötzliche Wandel auch wieder nicht so sehr überraschen. Denn schon so manch ein Musiker brauchte eine Weile, um als Künstler zu wachsen - oder eben um sich durch Erfolg eine gewisse Unabhängigkeit zu erarbeiten, die ihm zunehmend freiere Hand auf seine eigene Kunst gewährte. Und so scheint die Königin des zeitgenössischen amerikanischen R&B mit ihrem letzten Album eine neue Karrierephase eingeleitet zu haben - die sie nun auch auf ihrem neuen und 6. Studioalbum "Lemonade" mehr als konsequent fortsetzt. Ähnlich wie sein Vorgänger stellt auch die neue Platte eine Art "visual album" dar, welches in Verbindung mit einem 1-stündigen Kurzfilm daher kommt, der zu jedem Song ein aufwendig produziertes Video liefert. Und auch musikalisch kehrt sie zum Glück nicht zu ihrer alten Manier zurück (was ja durchaus zu befürchten stand), sondern legt im Grunde genommen nochmal zusätzlich eine kräftige Schippe oben drauf - noch emotionaler und persönlicher, zum Teil düsterer und auch facettenreicher geht sie auf "Lemonade" zu Werke, als man es bislang je von ihr gewöhnt war. Das schaffte sie mit einer langen Liste an Songwritern, Produzenten, Gastmusikern und Samples, die ob ihrer Größe anfangs skeptisch stimmen kann: allzu oft verderben doch viele Köche den Brei. Doch das Endergebnis ist über jeden Zweifel erhaben, so geschickt wie sie hier mit ihren Helfern all die vielen Bestandteile zu einer Reihe nahezu fantastischer Songs verflechtet.



Das geht gleich beim Opener los - der emotionalen und persönlichen Ballade "Pray You Catch Me", der man doch recht deutlich anhören kann, dass hier der Brite James Blake als Co-Songwriter mitgewirkt hat (und mit dem es ein wenig später auf dem kurzen, aber wundervollen "Forward" als Duett-Partner ein Wiedersehen gibt). Danach folgt das hervorragende und optimistischer gestimmte "Hold Up", welches auf einem prägnanten Sample eines Easy-Listening-Oldies von Andy Williams reitet und zudem noch mit Songwriting-Credits von Ezra Koenig (Vampire Weekend) und Joshua Tillman (Father John Misty) dienen kann. Auf "Don't Hurt Yourself" (♪♫♪) stimmt sie hingegen im Duett mit Jack White eine deutlich von Blusrock geprägte und mit rohen Ecken und Kanten versehene Nummer an, die sich an Auszügen aus Led Zeppelin's "When The Levee Breaks" bedient. Mit "6 Inches" lässt sie kurze Zeit später ein famos atmosphärisches Duett mit The Weeknd folgen, welches mit Samples von Isaac Hayes ("Walk on By") und Animal Collective ("My Girls") jongliert - während sie direkt darauf in "Daddy Lessons" zu einer von Akustikgitarren, Handclaps, "Yee-haw"-Rufen und jazzigen Bläsern begleiteten Americana/Country-Perle ihre Kindheit in Texas thematisiert. Und auch zum langsamen Ende hin hagelt es noch weitere Hingucker. Ein besonderes Highlight ist dabei etwa "Freedom": eine kraftvolle und mitreißende Hymne an die afroamerikanische Frau, die auf einem Sample eines 60s-Psychedelic-Klassikers von Kaleidoscope basiert und ein Rap-Feature von Kendrick Lamar im Gepäck hat. Dem folgt dann sofort die ganz und gar wunderbare Midtempo-Ballade "All Night", die sich in den himmlisch schönen Refrains die einprägsamen Bläser aus OutKast's "SpottieOttieDopaliscious" borgt - bis das Album dann schlussendlich von seiner ersten Single abgerundet wird: der minimalistischen und stark HipHop-orientierten Black-Power-Hymne "Formation", die trotz all ihrer zum Teil überragenden Qualitäten im Grunde fast noch den "schwächsten" Part des Albums bildet.



Trotz des eh schon überaus famosen Vorgängers: so experimentierfreudig, vielseitig und spannend, so emotional, zeitlos und kurzum so verdammt gut wie auf "Lemonade", hat man Beyoncé bis dato noch nicht erlebt. Aus so vielen völlig unterschiedlichen Puzzleteilen zusammen gebaut, dass einem bei näherer Betrachtung nahezu schwindelig werden kann - und doch so harmonisch und passgenau zusammengefügt, dass es einem wahren Kunststück gleichkommt.  Man möchte zwar nicht zu weit vorgreifen, aber darf man sich hier wohl die Dreistigkeit heraus nehmen, zu behaupten, dass "Lemonade" seine Zeit vermutlich noch lange überdauern wird. 



Donnerstag, 28. April 2016

Besprochen: PET SHOP BOYS - "SUPER"

Die Pet Shop Boys sind einfach nicht totzukriegen - das beweisen sie zum wiederholten male auf ihrem neuen und nunmehr 13. Studioalbum "Super", dass so knackig und zwingend in die Gehörgänge schießt, als wären die 90er nie zu Ende gegangen.

Vor ziemlich genau 30 Jahren entschieden sich die beiden Briten Neil Tannent und Chris Lowe, fortan unter dem Namen Pet Shop Boys die Pop-Musik um ihre ganz eigenen Kreationen zu bereichern, als Ende März 1986 ihr Debütalbum "Please" erschien. Was dem folgte, ist Geschichte - aber eine, die man gerne immer mal wieder erzählt. So sollten sie sich alsbald nicht nur zu einem der erfolgreichsten Pop-Duos der 1980er Jahre mausern, auch weit darüber hinaus pflasterten sie ihren Weg mit Hits und einer beinahe nicht enden wollenden Reihe solider bis hervorragender Alben. Dabei entwickelte sich die Band stetig weiter, ohne dabei aber jemals ihren ganz ureigenen Sound zu verlieren. Ihren seit jeher enormen Hang zu zartschmelzenden Melodien und mitreißenden Hooks würzten sie immer mal wieder mit anderen Einflüssen. So gingen sie mal klassisch popige Wege, arbeiteten viel mit Dance-, aber zwischendurch auch mal mit Latino-Einflüssen, oder versuchten sich an "erdigeren" und handgemachteren Klängen. Schon in Anbetracht dessen, was sie allein in den letzten Jahren dem Hörer so kredenzten, konnte einem mitunter ein wenig schwindelig werden. Mit ihrem 2009er Dance-Pop-Meisterwerk "Yes" fanden sie etwa zur großen Form eines "Very" (1993) zurück, schlugen daraufhin auf ihrem 2012er "Elysium" wieder deutlich ruhigere Töne an, um dann nur ein Jahr später mit "Electric" quasi die Clubs und Dancefloors zu stürmen. Und diesen zuletzt eingeschlagenen Weg geht das Duo nun auch auf seinem neuen und 13. Studioalbum "Super" konsequent weiter. Wiederholt verpflichteten sie Stuart Price (Madonna, The Killers) als Produzenten, mit dessen Hilfe sie sich erneut auf dem Spielplatz der 90er-Dance-Music austoben. Davon konnte man bereits in den vergangenen Wochen durch das vorab veröffentlichte Material einen guten Eindruck gewinnen. Zunächst durch die Promo-Single "Inner Sanctum", die durch seinen elektronischen und tanzbaren, aber dennoch melodischen und atmosphärischen Sound ein klein wenig wie die PSB-Version einer Faithless-Nummer anmutet. Und dann natürlich durch die offizielle erste Single "The Pop Kids": einem unwiderstehlichen Dance-Pop-Ohrwurm, der musikalisch wie auch inhaltlich die Dance-Ära der frühen 90er Jahre wiederaufleben lässt.  


The Pop Kids - Pet Shop Boys from: Super 4/1/16 from gb0 on Vimeo.

Aber "Super" ist keine reine Nostalgie-Platte, die die guten alten Zeiten zurück zu holen versucht. Es gibt sie ja durchaus zur Genüge, diese Sorte altgedienter Musiker, die immer wieder versuchen, ihre eigenen großen Tage zu kopieren - nur um regelmäßig und kläglich an diesem Vorhaben zu scheitern. Aber nicht die Pet Shop Boys. Man könnte sagen, dass sie eher einen langen Blick zurück auf die Vergangenheit werfen, während sie weiter unbeirrt in Richtung Zukunft schreiten. So mag man zwar immer mal wieder gewisse Parallelen zu früheren Werken wie "Introspective", "Very" oder "Yes" entdecken, aber dennoch klingt "Super" wie keines ihrer Alben zuvor. Selbst von seinem 3 Jahre älteren Bruder "Electric" kann es sich in vielen Punkten abheben. Auch wenn es einer ähnlichen Grundstruktur und einem ebenfalls eher Club-orientierten Gesamtsound folgt, so besitzt "Super" doch einige zusätzliche Attribute, die es sogar zu einem noch besseren Album machen. Zum einen kann es den eh schon hohen Hit-Faktor seines Vorgängers noch übertreffen, fällt es einem doch partout unheimlich schwer, welchen der vielen potentiellen Hits der Platte man nun eigentlich am besten finden soll. Vielleicht den fabelhaften und catchy Ohrwurm "Twenty - something" (♪♫♪), dessen hervorragende Synthie-Hookline sich auf Anhieb in die Hirnwindungen einnistet? Oder wie wäre es mit der einnehmenden Dance-Pop-Hymne "Burn", die theoretisch einer ihres größten Charterfolge seit langem werden könnte? Vielleicht aber doch der ein wenig nach einem jungen PSB-Classic schmeckende Ohrfänger "Undertow" (♪♫♪)? Oder darf es vielleicht eher so ein leicht housig veranlagter Dance-Pop-Kracher wie "Say It To Me" sein? 



Doch auch andere Momente kommen hier wieder zum Vorschein, die auf dem Vorgänger in dieser Form nahezu vollständig ausgespart wurden - wodurch "Super" immer wieder mit dessen durchgängigen Club-Charakter bricht: die nachdenklichen bis romantischen, aber gleichzeitig sarkastischen Momente, die auch allzu typisch für die Pet Shop Boys sind. Als Beispiel drängt sich da gleich das großartige "The Dictator Decides" (♪♫♪) auf. Nach einem leicht dark-wavig anmutenden Intro entwickelt sich der Song zu einem melancholisch getragenen Dance-Pop-Meisterstück, das von einem müden und traurigen Diktator kündet, der sich insgeheim nichts sehnlicher als die eigene Absetzung wünscht: "Can someone please say the impossible? / Crowds should be out on the street / I've lost any will to threaten and kill / I'll be easy for you to defeat / And at any resistance I meet / I'll beat a retreat", heißt es da etwa. Und auch die wunderbare, verträumt-traurige Synthpop-Ballade "Sad Robot World" (♪♫♪), welche gewissermaßen die Ambivalenz des technologischen Fortschritts behandelt, macht sich ebenso hervorragend. 

Trotzdem "Super" in vielen Punkten augenscheinliche Ähnlichkeiten zu seinem Vorgänger aufweist, treten die Pet Shop Boys keineswegs auf der Stelle. Selbst wenn das meiste natürlich ganz typisch nach ihnen selbst klingt, muss es dennoch nicht immer nach denselben Regeln funktionieren. Sogar der obligatorische Querverweis auf ihren großen 1993er Hit "Go West" fehlt hier gänzlich, den sie seit damals in irgendeiner Form auf fast jedem Album versteckten - siehe "Red Letter Day" (1996), "New York City Boy" (1999), "The Sodom & Gomorrah Show" (2006), "Pandemonium" (2009) oder zuletzt "Love Is a Bourgeois Construct" (2013). Stattdessen gelingt ihnen hier auf äußerst hervorragende Weise eine zugleich nostalgische, als auch zeitgemäße Dance-Platte, die so zwingend und knackig aus den Lautsprechern perlt, als stünden die beiden Herren (die mittlerweile auch schon Mitte 50 bzw. Anfang 60 sind) noch immer mitten im Saft ihrer Jugend.






 

Mittwoch, 24. Februar 2016

Besprochen: RIHANNA - "ANTI"

Gerade war man noch versucht, Rihanna's lange geplantes achtes Studioalbum als ein einziges großes Gerücht zu den Akten zu legen, da erblickte "Anti" kürzlich doch noch das Licht der Welt. Und auch wenn einige das sicherlich kaum noch für möglich hielten, sollte dabei eine wirklich schicke Platte herum kommen.

Beinahe hätte man ja schon glauben können, dass Rihanna's achtes Studioalbum so etwas wie ihr persönliches "Chinese Democracy" werden könnte. Ihr wisst schon - das bislang letzte Album der Guns N' Roses, das über zig Jahre hinweg immer wieder neu angekündigt und dann doch jedes mal erneut verschoben wurde, bis man es letztendlich schon beinahe als einen einzigen großen Running Gag verdächtigte, mit der die Band (bzw. Axl Rose) die Musikwelt erfolgreich zum Narren hielt. Denn zumindest für Rihanna's Verhältnisse, die zuvor fast stets im pünktlichen Jahrestakt ein neues Alben lieferte, sollte es ziemlich lange dauern, bis ihr achtes Studioalbum endlich das Licht der Welt erblickte: immerhin beinahe 4 Jahre. Prinzipiell keine schlechte Idee, suchte Rihanna doch laut eigener Aussage nach einem neuen Sound, der zeitloser und individueller klingen sollte. So schien sie danach zu streben, sich künstlerisch von dem zwar oft sehr hitlastigen, aber dennoch hauptsächlich auf kommerzielle Bedürfnisse zugeschnittenen R&B- und Dance-Pop-Sound der Vergangenheit zu emanzipieren. Und da kann man sich ja auch mal eine längere kreative Auszeit gönnen - aber doch spannte sie einen in der Endphase der langen Wartezeit nochmal so richtig auf die Folter, nahm das neue Werk doch schon seit gut einem Jahr langsam Form an. So häuften sich seit Anfang 2015 die Vorzeichen auf eine neue Platte, als sie anfing regelmäßig Vorab-Singles zu veröffentlichen. So kam zuerst im Januar vergangenen Jahres der wunderbare und minimalistische Gitarrenpop-Ohrwurm "FourFiveSeconds" mit Paul McCartney & Kanye West, einige Wochen später dann die schicke R&B-Nummer "Bitch Better Have My Money", gefolgt von der getragenen Midtempo-Ballade "American Oxygen", die im Frühjahr 2015 nachgelegt wurde. Doch dann passierte einige Monate lang erst einmal gar nichts. So konnte man zuletzt ernsthafte Befürchtungen hegen, dass sich Rihanna künstlerisch mittlerweile ziemlich verrannt haben könnte. Nicht nur das zu viel Zeit, Geld und Ambitionen schon so manch einem Album das Genick gebrochen haben - überdies kann auch die Entscheidung irritieren, das die bisher veröffentlichten Singles entgegen ursprünglicher Pläne schlussendlich komplett aus dem Albumkontext heraus gelöst, und kurz vor dem Albumrelease durch die nun einzige Vorab-Single "Work" ersetzt wurden. Und in Unkenntnis des ganzen Albums, konnte man sich beim ersten Genuss des neuen Stückes durchaus fragen, ob das wirklich eine so gute Idee war. So haben wir hier zwar einen minimalistisch produzierten und melodisch warmen Raggae-R&B-Ohrwurm im Duett mit Drake, der vor allem mit mehrmaligem Hören wachsen kann - aber irgendwie kann man sich auch sehr leicht die Frage stellen: soll das der neue Sound sein, nach dem sie all die Jahre gesucht hat? 



Rihanna - Work feat. Drake von maxiocio

Doch im Albumkontext macht auch die Single eine noch bessere Figur. Denn das schlägt sich entgegen aller Befürchtungen in der Tat ziemlich gut, merkt man ihm doch recht deutlich den neuen Kurs an, den Rihanna einzuschlagen gedachte. So zeigt sie sich vielfältig und auch mitunter durchaus experimentierfreudig, die Produktion der Stücke gelingt facettenreich und nicht selten minimalistisch, während sich Rihanna durch einen im Grunde wilden Stil- und Genre-Mix arbeitet, der aber einen dennoch erstaunlich geschlossenen Gesamtsound ergibt. So geht's schon ziemlich fantastisch mit dem hübsch beatigen und von Dub-Einflüssen geprägten Opener "Consideration" (♪♫♪) im Duett mit der Singer/Songwriterin SZA los, gefolgt von der kurzen, aber wunderbaren und warmen Neo-Soul-Perle "James Joint" - ehe wir dann bei einem waschechten Hit landen, der allerdings passend zum Albumsound "bodenständiger" und zeitloser in Szene gesetzt ist, als man es bisher gemeinhin von Rihanna gewöhnt war: die famose, 80s-infizierte und von leidenschaftlichen E-Gitarren begleitete Power-Ballade "Kiss It Better" (♪♫♪). Und auch danach passiert hier noch eine Menge feines. So beachte man etwa das düster angehauchte und groovig atmosphärische "Desperado" (♪♫♪), die wunderschöne, warme und von sanften Akustikgitarren getragene Ballade "Never Ending" (♪♫♪), die hervorragend mit einem Sample aus Dido's 2000er Hit "Thank You" spielt, die melodische und in Richtung Amy Winehouse schielende Retro-Soul-Nummer "Love On The Brain" , die leidenschaftliche Ballade "Higher" (♪♫♪), in welcher Rihanna hörbar bis an die Grenzen ihrer stimmlichen Fähigkeiten geht, oder auch das sehr gelungene "Same Ol' Mistakes" (♪♫♪), welches ein Cover von Tame Impala's letztjährigem "New Person, Same Old Mistakes" darstellt. Rihanna's Version ist zwar im Grunde eine Art 1:1-Kopie, die selbst die nahezu komplette Produktion des Originals übernimmt. Und doch steht dieser Song, der sich somit auch bei ihr irgendwo zwischen Synthpop, Psychedelia und HipHop-Einflüssen einpendelt, Rihanna so verdammt gut zu Gesicht, dass sich selbst Tame Impala's Mastermind Kevin Parker begeistert zeigte.

In gewisser Weise ist "Anti" ein typischer Grower, der mit Sicherheit vor allem bei Liebhabern ihrer bisherigen Musik auf Skepsis stoßen könnte. Die für sie typischen, schmissig tanzbaren Nummern, die einen direkt von der Couch reißen, lässt Rihanna diesmal in der Kiste - und an ihre Stelle rückt ein in sich eher getragener Klangcharakter, der selten über Midtempo hinaus geht. Und auch die bei ihr sonst oft üblichen, gnadenlos in die Synapsen knallenden Ohrwürmer, welche einem auf Anhieb ins Gesicht springen, findet man hier deutlich seltener. So zeigt die mittlerweile 27jährige Sängerin auf "Anti", dass sie allmählich auch musikalisch endgültig erwachsen werden will. Dabei machen sich durchaus auch ein paar Parallelen zu etwa Beyoncé's letztem Album "Beyoncé" deutlich, auch wenn "Anti" natürlich nicht ganz an dessen schwindelerregend hohes Niveau anknüpfen kann. Aber dennoch befindet sich Rihanna auf genau dem richtigen Weg. Denn die potentiellen Hits mögen diesmal geringer ausgefallen sein, als sonst - aber als Gesamtwerk ist ihr mit "Anti" wohl dennoch ihr bislang bestes und zeitlosestes Album gelungen. 




Freitag, 15. Januar 2016

Besprochen: DAVID BOWIE - "BLACKSTAR"

"Look up here, I'm in heaven": der Mann, der dem Pop einst den Sternenstaub brachte, hat seine letzte Reise angetreten - und nur wenige Tage vor seinem tragischen und überraschenden Tod, verabschiedete er sich von der Welt mit einem letzten erhabenen Meisterwerk, das ihn zu seinem Lebensende noch einmal so kreativ und relevant zeigte, wie seit den 70er Jahren nicht mehr.

Eigentlich hatte ich meine Rezension zum neuen Album von David Bowie schon an dem Wochenende seines Erscheinens (es wurde am Freitag den 8. Januar, dem 69. Geburtstag des Künstlers, veröffentlicht) weitestgehend fertiggestellt. Doch nun hat sich einfach alles verändert
: denn nur zwei Tage später sollte eine kleine Welt für mich zusammen brechen, als Bowie am 10. Januar 2016 verstarb - nach einem 18-monatigen Kampf gegen ein Krebsleiden, das der Weltöffentlichkeit bislang völlig unbekannt war. Ein unfassbarer und unglaublich tragischer Tod, der für die Welt vollkommen unvorbereitet kam - aber offensichtlich nicht für Bowie selbst, was weite Teile seines nun letzten Albums "Blackstar" in einem völlig anderen Licht erscheinen lassen. Doch dem Leser sei hier versichert: der Umstand seiners Todes mag zwar dazu geführt haben, dass sich der Blickwinkel nun grundlegend verschoben hat, aus der man das Album betrachten muss, die Bewertung hat es jedoch nicht beeinflusst (die hier vergebene Sterne-Bewertung stand für mich bereits vor seinem Tod fest). Doch die Umstände mögen es mir verzeihen, dass ich nun in Gedenken an den Mann, der einst "Major Tom" zum ersten (und nicht einzigen) Mal zu den Sternen schickte, ein klein wenig weiter ausholen muss. Weil der Welt nicht nur ein musikalisches Genie entrissen wurde, welches bereits die frühen Tage der populären Musik mit prägte, sondern das man nach einem Jahrzehnt der musikalischen Abwesenheit gerade erst wieder zurück gewonnen glaubte. Als Bowie vor ziemlich genau 3 Jahren - an seinem 66. Geburtstag - sein einst neues Album "The Next Day" und damit auch seine Rückkehr ins aktive Musikgeschäft nach 10 Jahren Auszeit ankündigte, war das zurecht eine Art musikalische Sensation. So gehörte er doch zu den wichtigsten Pop-Legenden überhaupt, der schon in den 60ern mit frühen Perlen wie "Space Oddity" begann, die 70er durch Album-Meisterwerke wie  u.a. "Hunky Dory", "Ziggy Stardust", "Station To Station" oder die berühmte Berlin-Trilogie ("Low", "Heroes" und "Lodger") entscheidend prägte, in den 80ern künstlerische ("Scary Monsters & Super Creeps") und kommerzielle ("Let's Dance")  Erfolge, aber auch kreative Katastrophen wie "Tonight" oder "Never Let Me Down" erlebte, sich in den 90ern mit Werken wie "Outside" oder "Earthling" wieder zu gutem Ruf spielte, und mit Platten wie "Heathen" und "Reality" auch den Sprung ins frühe neue Jahrtausend schaffte. Doch in den Jahren darauf sollte es musikalisch vollkommen still um ihn werden - und man befürchtete ja bereits für immer, nachdem ihn gesundheitliche Gründe in diesen vorzeitigen kreativen Ruhestand zwangen. Doch dann kehrte er bekanntlich 2012 mit einem großartigen neuen Album zurück - seinem mit Abstand besten, seit dem 1980er "Scary Monsters and Super Creeps". So schien er eine neue kreative Quelle aufgetan zu haben, die scheinbar so ergiebig und unermüdlich sprudelte, wie man dies bei ihm schon sehr lange nicht mehr erlebt hatte. Denn schon bald hatte Bowie auch wieder etwas ganz anderes im Sinn: denn mit der letztjährigen Single "Sue (Or in a Season of Crime)" zur Best-of-Compilation "Nothing Has Changed", lieferte er dann prompt ein 7 1/2-minütiges Meisterstück aus Pop und Free-Jazz, das einen vagen Verdacht erwecken sollte, in welche stilistische Richtung es künftig für Bowie gehen könnte - und diesen konnte man dann auch getrost als bestätigt erachten, als er vor kurzem den Titelsong als erste Vorab-Single seines neuen Albums veröffentlichte: den 10-minütigen Epos "Blackstar", in dem er uns einen atmosphärischen und nahezu hypnotischen Koloss aus Art-Pop, Jazz, Electronica und psychedelischen Momenten baute.



Und auch als gesamtes Album ist "Blackstar" musikalisch das geworden, was man sich nun im Vorfeld erhofft hatte: ein kreatives, in weiten Teilen eher düsteres, experimentelles und von starken Jazz-Einflüssen geprägtes Werk, das David Bowie in künstlerischer Bestform präsentierte. Unvorstellbar, dass er dieses Album in dem Wissen seines nahenden Todes aufgenommen hat. So ist mittlerweile auch durch seinen Stammproduzenten Toni Visconti (der auch dieses Album betreute) bekannt, das Bowie "Blackstar" bewusst als seinen persönlichen "Schwanengesang" plante. Man muss dabei allein nur seine somit letzte (und grandiose!) Single "Lazarus" betrachten - die sich nun plötzlich als ein atemberaubender musikalischer Abschied offenbart: eine düstere, tief melancholische und jazzig verspielte Hymne, in der er gleich zu Beginn die Zeilen singt: "Look up here, I'm in heaven / I've got scars that can't be seen / I've got drama can't be stolen / Everybody knows me now." Verstärkt wird dies noch durch das geniale, mindestens ebenso düstere und nun auch auf ehrfurchtgebietende Weise mutig morbide Video, das Bowie mit bandagierten Augen in einem Krankenhausbett liegend zeigt, wie er sich zur Musik wiegt und aufbäumt. Damit hat Bowie nun auch aus seinem Tod ein Kunstwerk gemacht. Und auch in so einigen anderen Stücken den neuen Albums, wie etwa im ganz und gar großartigen und melancholisch melodischen "Dollar Days" (♪♫♪), oder im vom Sound eher optimistisch getragenen und verspielt jazzigen "I Can't Give Everything Away" (♪♫♪), kann man nun derartige thematische Bezüge erkennen. Daneben zeigte er sich hier auch weiterhin so kreativ und experimentierfreudig, wie man es in dieser Ausprägung wohl zuletzt in seiner Berlin-Trilogie zu hören bekam. So ist etwa auch "Girl Loves Me" (♪♫♪) höchst interessant - denn wer bei diesem dunkel getragenen, eindringlichen und zudem auch fabelhaften Song den Text zu verstehen versucht, wird höchstwahrscheinlich scheitern: "You viddy at the cheena / Choodesny with the red rot / Libbilubbing litso-fitso / Devotchka watch her garbles / Spatchko at the rozz-shop / Split a ded from his deng deng / Viddy viddy at the cheena", heißt es da unter anderem. Denn die Lyrics setzten sich hier zu weiten Teilen aus der fiktiven Sprache "Nadsat" aus Anthony Burgess' Roman "A Clockwork Orange", sowie dem heute nahezu ausgestorbenen Slang "Polari" zusammen, der aus den Londoner Gay-Clubs der 60er und 70er Jahre stammt. Und zwei bereits bekannte Stücke begegnen uns hier auch - sozusagen. Denn die bereits früher angesprochene letztjährige Single samt seiner B-Seite sind hier vertreten - allerdings in neu aufgenommenen Interpretationen. "Sue (Or In a Season of Crime)" (♪♫♪) verschob er in der Neuaufnahme in deutlich rockigere, von düsteren Gitarren, aber auch noch immer von deutlich jazzigen Einflüssen geprägte Klangsphären. Und dessen ursprüngliche B-Seite "Tis a Pitty She Was a Whore" (♪♫♪) wirkt hier gegenüber seinem etwas roheren Original noch ausgereifter und besitzt eindringlichere Gesangspassagen (welche seine wunderbare, manchmal fast schon herzzerreißende Melodie noch deutlicher zur Geltung bringen),  während neben den etwas geordneteren, aber dennoch leidenschaftlichen Free-Jazz-Elementen auch ein paar Synthesizer zum Einsatz kommen. All das verschmilzt auf "Blackstar" nach und nach zu einem einzigen atemberaubenden Gesamtkunstwerk, welches schlussendlich Bowie's finalen künstlerischen Meilenstein formt - so wie ein letztes und kraftvolles kreatives Aufbäumen.  

 
Doch auch David Bowie selbst war als Person und Künstler ein großes lebendes Gesamtkunstwerk. Ob er nun Charaktere wie Major Tom, Ziggy Stardust, Aladdin Sane oder The Thin White Duke kreierte und verkörperte, sich dabei stilistisch von Pop, Rock, Psychedelia und Soul, über Glam, Experimental, Electronica und New Wave, und bis hin zu Industrial, Jungle oder Jazz entwickelte und nebenbei noch Generationen folgender Musiker prägte und beeinflusste: er war nie einfach ein weiterer Musiker unter vielen - er stach stets in jeder erdenklichen Weise heraus und folgte immer neuen Ideen und Einflüssen. Das er seine Krebserkrankung und seinen nahenden Tod für sich behielt, während er nur Tage zuvor nochmal ein grandioses Album in die Welt setzte, passt irgendwie ziemlich gut in dieses Bild. Ähnlich wie bei Freddie Mercury, musste wohl auch für den Vollblutkünstler Bowie die Show weitergehen - bis auch der letzte Vorhang gefallen war. Mit "Blackstar" krönt nun ein letztes Meisterwerk sein musikalisches Vermächtnis, welches Bowie zu seinem Lebensende noch einmal so kreativ, innovativ und künstlerisch relevant zeigte, wie seit den 70er Jahren nicht mehr. Spätestens jetzt ist jedes Hören des Albums wie ein erneuter Abschied - von einem einzigartigen Ausnahmekünstler und einem der einflussreichsten Musiker des 20. Jahrhunderts. Doch sprechen wir in dieser Hinsicht nun lieber nicht davon, dass er ganz einfach "tot" ist. Der Tod ist etwas viel zu schlichtes und irdisches für David Bowie - den Mann, der einst vom Himmel fiel und dem Pop den Sternenstaub brachte. Sagen wir einfach: nun hat er sein großes Gesamtkunstwerk vollendet - und das wird für die Ewigkeit bleiben.