♪♫♪ ...music makes the people come together... ♪♫♪

♪♫♪ ...music makes the people come together... ♪♫♪

Donnerstag, 9. April 2015

Besprochen: TWIN SHADOW - "ECLIPSE"

 Schon wieder eine 80's-Pop-Platte? Wo einem diese Nachricht sonst eigentlich eher ein müdes Gähnen entlockt, darf bei Twin Shadow geradezu frohlockt werden. Denn auch auf Album No.3 kann man von seinen persönlichen 80's einfach nicht genug kriegen.

Seit einer gefühlten Ewigkeit wird von diversen Musikern ja nur allzu gerne der typische Sound der 80er Jahre wiedergekäut - fast so, als würde die Geschichte der populären Musik keine anderen Bezüge und Inspirationsquellen bereit halten. Obgleich der amerikanische Musiker Twin Shadow diese Zeit selbst nur als Kind erlebte, gehört er dennoch zu jenen Künstlern, die von Anfang an diese musikalische Dekade in den Fokus ihres künstlerischen Wirkens gestellt haben. Angesichts der Tatsache, dass die 80er mitunter ja auch zu einigen Schandtaten bereit waren, die heute noch gewaltig in den Ohren schmerzen, muss sich hier allerdings niemand Sorgen machen. Denn George Lewis Jr. alias Twin Shadow hat bereits in den vergangenen Jahren auf seinen ersten beiden Alben "Forget" (2010) und "Confess" (2012) deutlich bewiesen, dass er sich nur der besten, wertvollsten und reichhaltigsten Elemente besagter Dekade bedient - um sie in  erstaunlich authentischem und dennoch zeitgemäßem Sound ins Heute zu transferieren. Eine wahre Schande, dass die beiden Alben nie die Beachtung gefunden haben, die sie verdient hätten. Denn Twin Shadow leistet nicht nur stimmlich hervorragende Arbeit, sondern ist auch ein ganz fabelhafter Songwriter, dem immer wieder die feinsten Melodien aus den Ärmeln purzeln. Doch es ist noch nicht zu spät, dass er endlich mehr Ohren erreicht - denn sein neues und drittes Studioalbum "Eclipse" in erwartungsgemäß wieder einmal hervorragend und bündelt alle Stärken, die er bereits auf seinen ersten zwei Werken wunderbar zur Schau stellte. Davon konnte man nach den schon vorab veröffentlichten Songs der neuen Platte allerdings bereits ausgehen. 

Twin Shadow - Turn Me Up from Alex Turvey on Vimeo.

Der erste davon war "Old Love/New Love" (♪♫♪), welcher bereits im Spiel "GTA V" zu hören war - und mit seinen tanzbaren Beats, stimmungsvollen Pianos, funky Gitarren und seiner schillernden Elektronik, als einziger Song stärker in den 90ern verwurzelt ist. Danach folgte der wieder deutlich in den 80ern zu verortende und fabelhafte Pop-Ohrwurm "To The Top" (♪♫♪), der mit einem mitreißenden Refrain gesegnet ist. Und die dritte und bislang letzte im Bunde, ist die fantastische aktuelle Single "Turn Me Up": eine wunderbare, von New Wave und R&B beeinflusste Hymne, die bei mir seit Monaten auf heavy rotation läuft. Und dies komplettierte er mit einigen weiteren Stücken nun zu einem fabelhaften dritten Album, das seinen Vorgängern im Grunde in kaum etwas nachsteht. So kann schon der Einstieg mit dem hervorragenden, eher melancholisch gefärbten Opener "Flatliners" (♪♫♪) ein wenig sprachlos machen, wenn Lewis hier voller Inbrunst und Leidenschaft einen fast perfekten Popsong darbietet. Das optimistisch-melodische und von beherzten Streichern untermalte "When The Lights Turn Out" erweist sich daraufhin gleich als der nächste Ohrwurm - dem sich dann auch sofort das wundervolle und eher balladeske, aber dennoch ziemlich hymnische "Alone" hinzu gesellt, das er im Duett mit der Sängerin Lily Elise darbietet. Und auch der soulig atmosphärische und vom Synthpop geküsste Titelsong "Ecplipse" (♪♫♪) überzeugt auf ganzer Linie, ebenso wie der schillernd epische Popsong "Half Life" (♪♫♪) oder das eine Ecke düsterer veranlagte und elektronisch verzerrte "Watch Me Go" (♪♫♪).

Man kann sich ja schon seit Jahren nicht mehr vor Platten voll mit diversen Einflüssen der Musik der 80er Jahre retten. Diesbezüglich kann eine weitere dieser Sorte auch durchaus leicht untergehen. Es wäre aber sehr schade, wenn "Eclipse" dieses Schicksal ereilen würde, fanden doch auch die beiden großartigen Vorgänger-Alben von Twin Shadow schon viel zu wenig Aufmerksamkeit. Und auch "Eclipse" ist einfach wieder einmal zu gelungen, als das man es ignorieren dürfte.



 

Mittwoch, 8. April 2015

Besprochen: THE PRODIGY - "THE DAY IS MY ENEMY"

 Mit ihrem neuen Album "The Day Is My Enemy" servieren uns The Prodigy überwiegend ein solch leidenschaftslos hin geklatschtes ADHS-Big-Beat-Geballer, dass einem der Gedanke kommen kann, dass ihr Feind in Wirklichkeit nicht der Tag, sondern die Musik ist.

Mindestens jene, welche die 90er Jahre bewusst miterlebt haben, könnten auch einst zu der Erkenntnis gelangt sein, dass die britische Elektro-Truppe The Prodigy seinerzeit mitunter ziemlich relevant und fähig sein konnte. Schon bei früheren Hits wie "No Good (Start The Dance)", "Poison" oder "Voodoo People", sowie dem dazugehörigen Album-Klassiker "Music For The Jilted Generation" (1993), war trotz der deutlichen Dance-, Elektro- und Techno-Elemente, immer eine rotzige, kantige und widerborstige Atmosphäre zu spüren - was sie etwa durch geschickt genutzte Industrial- oder Jungle-Einflüsse erreichten. Und dies sollten sie auf ihrem 3. Album "The Fat of The Land" (1997) und mit so mitreißenden Elektro-Rock-Bastarden wie "Firestarter", "Breathe" oder "Smack My Bitch Up" noch auf die Spitze treiben. Und mit diesem Stil, den man dann vor allem seinerzeit gerne Big Beat nannte, hatten The Prodigy nun entscheidenden Anteil daran, die beiden einst verfeindeten Lager Techno und Rock miteinander zu versöhnen. Doch der Siegeszug dieses Genres - dem sich mitunter auch Fatboy Slim oder Appollo 440 auf ihre Weise anschlossen - sollte nicht lange anhalten. So sollte es auch geschlagene 7 Jahre dauern, ehe The Prodigy mit "Always Outnumbered, Never Outgunned" im Jahr 2004 wieder ein Album vorlegten - welches allerdings so uninspiriert, flach und schlichtweg stinklangweilig daher kam, dass die Musikwelt es bis heute wohl schon nahezu verdrängt hat. Doch gerade als man so gar nicht mehr mit ihnen gerechnet hatte, kehrten sie dann im Jahr 2009 mit ihrem bislang letzten Album "Invaders Must Die" zurück - und konnten in der Tat wieder ein wenig musikalischen Boden gut machen. Wirklich neu oder originell klangen sie nicht, aber sie machten ihre Sache wieder hörbar besser, als auf dem ziemlich missratenen Vorgänger. Aber letztendlich blieb auch dieses Album eine gute Ecke hinter dem Niveau ihrer frühen Arbeiten zurück. Und doch wäre man dieser Tage beinahe schon froh darüber, wenn ihr brandneues und nunmehr sechstes Studioalbum "The Day Is My Enemy" wenigsterns diese Klasse erreichen  würde. Sicherlich: Singles wie "Nasty", "Wild Frontier" (♪♫♪) oder das von Martina Topley-Bird besungene "The Day Is My Enemy" (♪♫♪) konnten durchaus kurzweilig bespaßen - und ein klein wenig von den Erinnerungen an ihre guten alten Zeiten reanimieren. Aber eben doch nur ein wenig. Und auch nur kurzweilig.



Denn spätestens in Kenntnis des gesamten neuen Albums, macht sich eine immense Ernüchterung breit. Von Kreativität und Einfallsreichtum findet man hier keine Spur, stattdessen funktioniert alles nach dem Schema F. Zusammen gesetzt aus den ewig gleichen Bestandteilen, schleudern uns The Prodigy hier mehr als ein Dutzend beinahe durchgehend nichtssagender Haudrauf-Songs um die Ohren, die sich zusammen zu einer knappen Stunde fast durchgängiger Langeweile aufblähen. Band-Mastermind Liam Howlett gefällt sich offenbar vor allem darin, die meisten Songs aus stets identisch schmeckenden Zutaten zusammen zu panschen - die sich vor allem auf ballernden Bass, sich selbst (und mitunter auch den Hörer) schwindelig wirbelnde Beats, fadenscheinig heraus gebolzte Gitarrenriffs und die immer wieder eingestreuten Synthesizer-Fanfaren beschränken, die zuletzt ca. Mitte der 90er noch als halbwegs originell durchgehen konnten. Das bandeigene Rumpelstilzchen Keith Flint keift sich zwar auch dieses Mal wieder auf gewohnt herrliche Weise die Seele aus dem Leib, aber begleitet wird er dabei mehrheitlich von recht lieblos hin konstruiertem Gleichklang - der dem Hörer fast immer gleich von Anfang an kräftig auf die Mütze geben will. Hier wird im Grunde nie versucht, auch nur ansatzweise eine Art Spannungsbogen aufzubauen oder auch nur ein paar halbwegs prägnante Höhepunkte zu erzeugen.  

Die wenigen Ausnahmen, wo man auch ein paar kleine erhellende Momente aus dieser musikalischen Einöde mitnehmen kann, beschränken sich dann etwa auf "Beyond The Deathray" (♪♫♪), wo mal das Tempo kräftig herunter gefahren und dem Stück etwas Raum für Melodie gelassen wird - und für etwas, das man ansatzweise Seele nennen könnte. Und auch "Invisible Sun" (♪♫♪) stimmt versöhnlicher, drosseln sie hier doch ebenfalls mal das Testosteron und erschaffen immerhin ein wenig Atmosphäre.  Hier und da gibt es in manch anderen Stücken zwar auch immer wieder recht ansprechende Momente - die dann in der Regel aber alsbald in indifferent daher polterndem ADHS-Big-Beat-Geballer ersaufen. Damals, vor bummelig 20 Jahren, beherrschten sie ihr Handwerk noch mit Raffinesse - heute hingegen wirken The Prodigy nur noch verkrampft und eindimensional. 
So war ich schon im ersten Moment ein wenig erschrocken, als ich las, dass der große und berühmte britische NME dem Album 8 von 10 Punkten gibt - und es zum besten Album der Band seit "The Fat of The Land" erklärt. Aber dann erinnerte ich mich daran, dass derselbe NME ja auch Oasis bis heute für die beste Band seit den Beatles hält...



Sonntag, 15. März 2015

Besprochen: MARINA & THE DIAMONDS - "FROOT"

Nach der ziemlich ernüchternden Mainstream-Anbiederung ihres letzten Werkes, gehört Marina & The Diamonds mit ihrem dritten Studioalbum endlich wieder zu den Guten.

Noch allzu frisch erscheinen einem doch die Erinnerungen, als die walisisch-griechische Sängerin Marina Diamandis alias Marina & The Diamonds im Jahr 2010 mit ihrem herrlichen Debüt "The Family Jewels" daher kam, um unseren Alltag mit so unwiderstehlichen Pop-Köstlichkeiten wie "I am Not a Robot", "Hollywood" oder "Mowgli's Road" zu versüßen. Und uns dabei die Hoffnung auf ein neues kleines Pop-Phänomen mit auf den Weg zu geben. Doch die Freude währte leider nicht sehr lange, konnte sie die Erwartungen mit ihrem Zweitwerk "Electra Heart" (2012) doch keineswegs erfüllen. Wenn das Album auch durchaus seine Momente hatte, so war der charmant-eingängige Sound des Debüts doch einer recht austauschbaren Dance-Pop-Platte gewichen, die kaum noch etwas davon erkennen ließ, was einem auf dem Vorgänger noch so bezaubert hatte. Mit einer Vielzahl von Produzenten und Co-Songwritern wie Dr. Luke, Benny Blanco oder Stargate, erschien das Album wie eine ziemlich plumpe Anbiederung an den aktuellen Mainstream, und ließ kaum Spielraum für die eigene Persönlichkeit der Sängerin. Doch dem will die Dame nun auf ihrem neuen und dritten Album "Froot" quasi mit dem genauen Gegenteil begegnen: hier wurden zum ersten Mal auf einem ihrer Alben sämtliche Songs von ihr allein geschrieben und komponiert, wofür sie nach eigener Aussage ihre Art des Songwritings komplett verändert hat. Und zusammen mit David Kosten (Bat for Lashes, Everything Everything) hat sie es zugleich auch co-produziert. Und diese veränderten Umstände hört man dem neuen Album auch deutlich an, welches sich nun akustisch von seinem Vorgänger hörbar positiv abhebt!



So geht es schon ganz wunderbar los, wenn sie mit dem Opener "Happy" (♪♫♪) in das neue Album startet. Wer dahinter jetzt allerdings einen nervtötend fröhlichen Gassenhauer wie seinen Namensvetter von Pharrell Williams befürchtet, der sei unbesorgt: denn entgegen seinem Titel versteckt sich dahinter eine eigentlich gar nicht so fröhliche, sondern eher melancholische, beizeiten traurige und dennoch wunderschöne Ballade, die auch für ein paar kleine Gänsehautmomente gut ist. Im schicken Titelsong "Froot" (♪♫♪) verschwören sich daraufhin die wunderbar süße Melodie und der tänzelnde Disco-Groove zu einem äußerst unterhaltsamen Pop-Vergnügen, ehe sie mit "I'm a Ruin" einen ganz fabelhaften Ohrwurm mit leicht melancholischer Schlagseite folgen lässt. Aber auch abseits dieser ersten drei Stücke kann das Album mit ein paar Highlights strahlen. So etwa mit der neuen Single "Forget" (♪♫♪), einem melodisch einnehmenden Song, der ein wenig die Atmosphäre eines zeitlosen Pop-Ohrwurms ausstrahlt. Aber auch so kleine Perlen wie das eingängig melodische "Can't Pin Me Down" (♪♫♪), das verträumte und harmonisch-schöne "Weeds" (♪♫♪), das zugleich tief melancholische und optimistisch melodische "Solitaire" (♪♫♪) oder das nachdenkliche "Immortal" (♪♫♪), kann man auf ihrem neuen Album finden.  

Insgesamt klingt "Froot" geschlossener und persönlicher als sein Vorgänger. Es jagt nicht mehr krampfhaft den hipsten Musiktrends hinterher, zeigt wieder weit mehr Seele als zuvor und kann mit ein paar sehr feinen Melodien punkten. Zwar ist aus Marina & The Diamonds immer noch nicht das einst versprochene Pop-Phänomen geworden, aber mit "Froot" ist ihr dafür immerhin ein grundsolides Pop-Album gelungen, mit dem sie künstlerisch endlich wieder Boden gut machen und sich zugleich als fähige Songwriterin beweisen kann. Sie gehört wieder zu den Guten. 



 

Samstag, 7. März 2015

Besprochen: MADONNA - "REBEL HEART"

Nachdem Madonna's Herrschaft in den vergangenen Jahren doch immer wackeliger und instabiler zu werden drohte, sitzt die "Queen" mit  ihrem neuen und 13. Studioalbum "Rebel Heart" endlich wieder fest auf dem Pop-Thron.

Wenn man wie meine Wenigkeit in den 1980er und 1990er Jahren aufgewachsen ist, wurde man irgendwie auch automatisch in dem Selbstverständnis groß, dass Madonna unangefochten den Thron der "Queen of Pop" besetzte. Ganz gleichgültig, ob man sie nun mochte oder auch nicht. Und eigentlich hat sich daran bis heute nicht viel geändert - auch der Tatsache zum Trotz, das ja immer mal wieder darum gestritten wird, ob nun Lady Gaga oder vielleicht doch eher Taylor Swift die neuen Thronhüter wären. Nur kann eben keiner von ihnen auf eine so beispiellose und mehr als 30 Jahre andauernde Karriere zurückblicken, wie dies Madonna Louise Ciccone kann. Doch in den letzten paar Jahren konnte man doch ohne viel Mühe den Eindruck gewinnen, als würde Madonna's Pop-Thron spürbar zu wackeln beginnen. So waren es vor allem im Rückblick betrachtet ihre letzten beiden Alben, die einen ziemlich ratlos hinterließen. "Hard Candy" und "MDNA" hatten zwar fraglos ihre Momente - aber wurde bei ihnen doch auf kurz oder lang nur allzu deutlich klar, dass Madonna sich künstlerisch kräftig verzettelt hatte. Wo sie in der Vergangenheit immer wieder neue Trends geprägt und losgetreten hatte, schien sie zuletzt eher verzweifelt zu versuchen, auf bereits rollende Züge aufzuspringen. Es blieb einem jedoch immer noch die Hoffnung, dass sich dies beim nächsten Album wieder ändern könnte. Weil man eben nur zu genau wusste: Madonna kann es doch eigentlich besser. Und diese Hoffnungen wurden dann auch bald ganz unerwartet genährt. 

Denn nachdem Ende letzten Jahres illegal zahlreiches neues Demo-Material von Madonna im Internet auftauchte, war selbige zwar gar nicht amused, aber trat kurz darauf die Flucht nach vorne an. Und so stellte sie kurz vor Weihnachten 2014 bereits die ersten 6 Songs ihres neuen und 13. Albums "Rebel Heart" via iTunes zur Verfügung. Und man musste allein nur den großartigen Opener "Living for Love" hören, um deutlich zu merken, dass sich bei Madonna einiges geändert hat: eine Art erhebende und mitreißende Durchhalte-Hymne für gebrochene Herzen, die von House-Elementen, 90s-Piano (welches übrigens von Alicia Keys beigesteuert wurde) und Gospel-Gesang begleitet wird - und so auch perfekt in den aktuellen Zeitgeist passt, der ja u.a. durch so junge Vertreter wie Kiesza unlängst den House der frühen 90er für sich wiederentdeckt hat. Doch damit biedert sich Madonna in der Tat keinem vorherrschenden Trend an, hat sie diese Ära doch einst selbst gelebt! Aber spätestens wenn man erst den offiziellen Clip dazu gesehen hat, sollte es endgültig um einen geschehen sein: denn damit gelang Madonna ihr bestes Musikvideo seit mehr als einer Dekade, indem sie auf famose Art und Weise eigene frühere Clips wie "Take a Bow", "Open Your Heart", "La Isla Bonita" oder "Girl Gone Wild" zitiert.

Madonna // Living For Love from HSL2014 on Vimeo.

Und auch wenn das restliche vorab bekannte Material diesen Eindruck schon Ende vergangenen Jahres ganz deutlich bestärkte, so ist doch spätestens jetzt nach dem kompletten Genuss von "Rebel Heart" klar: Madonna kann dieses erste Versprechen auch auf Albumlänge ganz und gar einlösen. Und das schafft sie mit einer Riege an famosen Songs und potentiellen Hits, die sie endlich wieder in Höchstform präsentieren. Etwa mit dem Ohrwurm "Devil Pray" (♪♫♪), der sich der Thematik des Drogenkonsums aus spirituellen Gründen widmet und der durch Einsatz von Akustikgitarren und softer Elektronik, Erinnerungen an ihre "Music"-Ära herauf beschwört. Ein äußerst gelungener Song, was aber auch überraschen kann - zumindest wenn man weiß, dass Avicii an der Produktion beteiligt war. 
"Ghosttown" erweist sich hingegen als fantastische und hoffnungsvolle Pop-Perle, die von ruhigen Versen geprägt ist, zwischen denen der hymnische und von stimmungsvollen Beats begleitete Refrain fast schon majestätisch empor ragt - und die sich inhaltlich mit einer Art postapokalyptischen Welt befasst, in der die Menschen nichts mehr haben, außer sich selbst: "That song is kind of looking at the world in a way, seeing civilization collapse around us, for lack of a better word. And at the end of the day, if we run out of oil and we don't have electricity and we don't have all the modern conveniences, and we have no phones and computers, all we're going to have is each other, is humans", wie sie in einem Interview mit dem Rolling Stone schilderte. Man benötigt nicht viel Fantasie, um sich denken zu können, dass der aktuell wahrhaft katastrophale Zustand der Welt sie zu dem Thema inspiriert hat. 
Auf dem genialen "Unapologetic Bitch" (♪♫♪) zeigt sich Madonna dann endlich mal wieder von einer bislang ganz neuen Seite: zusammen mit Produzent Diplo (der auch einige weitere Songs des neuen Albums betreute) versuchte sie sich hier tatsächlich an Raggae-, Dub- und Dancehall-Klängen, was ihr (selbst zu meiner Überraschung) ganz außerordentlich gut gelungen ist. Beim hervorragenden "Illuminati" (♪♫♪) arbeitete Madonna wiederum mit Produzent Kanye West zusammen - der sich den Song aus Madonna's Demo-Katalog explizit aussuchte, nachdem er laut Sängerin schon beim ersten Hören ganz aus dem Häuschen war. Und dem verpasste er dann seine ganz persönliche Note, was sich in dem kühl-minimalistischen und vielseitigen Sound niederschlägt, der sich irgendwo zwischen Electronica, Synth-Pop, RnB und HipHop einpendelt. 


Als eine weitere große Perle des Albums zeigt sich die warme und melodieverliebte, stark auf Akustikgitarren basierende Midtempo-Ballade "Joan of Arc", in der sich Madonna aber keineswegs mit der französischen Nationalheldin und Heiligen der römisch-katholischen Kirche vergleichen will. Vielmehr zeigt sie hier einerseits die verletzliche Seite eines Superstars. "Each time they write a hatefull word, draggin' my soul into the dirt, I wanna die. Never admit it, but it hurts", heißt es dort etwa. Oder wenn sie dann später mit Zeilen fortfährt, wie: "I can be a superhero right now, even hearts made out if steel can break down. I'm not Joan of Arc, not yet. I'm only human." Doch bald merkt man, dass Madonna sich hier nicht in Selbstmitleid zerfließend die Wunden lecken will - sondern das es sich dabei in Wirklichkeit um ein ganz wunderbares Liebeslied handelt, wenn sie im Refrain weiter singt: "Anything they did to me, said to me, doesn't mean a thing cause you're here with me now. Even if the world turns it's back on me. There could be a war, but I'm not going down".  
"Hold Tight" (♪♫♪) erweist sich hingegen als famoser und atmosphärischer, von mitreißenden Beats angeheizter Pop-Ohrfänger mit kräftigem Synthie-Einschlag - und zudem auch ziemlich hohen Hitqualitäten. Das anfänglich für manche vielleicht etwas unscheinbar wirkende "Body Shop" (♪♫♪) mausert sich alsbald zu einem weiteren Höhepunkt der Platte, der als warme und von Akustikgitarren dominierte Perle besticht, in der Madonna schon allein durch ihren beinah scheuen Gesang glänzt. Und mit dem Finale des Albums gelingt ihr auch ganz Wundervolles, was man zumindest als Kenner der geleakten Demos so wohl kaum erwartet hätte: war seine Demo noch recht einfach gestrickter Dance-Pop mit Avicii-typischem Trance-Geballer, so ist es ein wahrer Segen, was Madonna aus der finalen Version von "Wash All Over Me" (♪♫♪) gemacht hat - ist daraus doch schlussendlich eine ziemlich klassische, Piano-lastige und von soften Beats und Chören begleitete Ballade geworden.  



Ein paar kleine Abstriche muss manch einer hier aber auch machen. So könnten vor allem eher etwas aufgedrehte Nummern wie "Bitch, I'm Madonna" (♪♫♪) oder "Iconic" (♪♫♪) für manch einen (wenn auch nicht zwingend für mich selbst) recht gewöhnungsbedürftig sein. Und gerade in diesem Kontext erscheint es einem dann fast schon wie eine Schande, dass gleich mindestens zwei Songs als Bonus-Tracks auf die Deluxe-Edition des Albums verbannt wurden, die qualitativ eigentlich auf das reguläre Albums gehört hätten. Allen voran kein geringerer Song, als der Titelsong (!) des Albums höchstpersönlich: warum sich Madonna dazu entschieden hat, den großartigen und autobiographischen Gitarren-Pop-Ohrwurm "Rebel Heart" (♪♫♪) nicht auch auf das reguläre Album zu nehmen, wird mir wohl auf ewig schleierhaft bleiben. Und dann wäre da auch noch das fantastische "Messiah" (♪♫♪): eine erhabene und wunderschöne, von Piano und Streichern untermalte Ballade, die man in meinen Ohren gerne mit zu den besten Balladen der Dame zählen darf. Doch das sind im Grunde nur Fußnoten - zumal hier sowieso mindestens die Deluxe-Edition die erste Wahl sein sollte.
 

Mit "Rebel Heart" hat Madonna nun also endlich einen spürbaren und auch überfälligen Kurswechsel in ihrem musikalischen Schaffen eingeleitet. Dem neuen Album hört man deutlich an, dass es Madonna hier nicht vorrangig um fette Sounds und möglichst zeitgemäße Produktion ging. Ganz im Gegensatz zu ihren letzten beiden Alben, die spätestens in Nachhinein wie recht ungelenke Versuche wirkten, Anschluss an den aktuellen Mainstream zu finden. Doch "Rebel Heart" ist da hör- und spürbar anders gestrickt. Hier liegt der Fokus wieder so deutlich auf Melodie, Songwriting und Gesang, wie bei Madonna schon eine ganze Weile nicht mehr. Trotzdem es zwar sicherlich kein Meisterwerk par excellence hergibt, so ist "Rebel Heart" aber dennoch ein spannendes und wirklich fabelhaftes Pop-Album, das mit seiner stilistischen Vielfältigkeit über seine gesamte Strecke hervorragend funktioniert. Und zudem Madonna's mit Abstand bestes Album seit mindestens 10 Jahren markiert. 



 

Sonntag, 15. Februar 2015

Besprochen: BJÖRK - "VULNICURA"

Wenn es nicht so bezaubernd wäre, könnte man es fast schon langweilig finden: denn Björk bleibt auch weiterhin ihrem eigenen kreativen Geist treu und hat mit ihrem neuen Album erneut ein formvollendetes Kunstwerk geschaffen.

Das digitale Zeitalter hat auch das Musikbusiness kräftig herum gewirbelt - oder besser gesagt hat es selbiges noch immer am Schlafittchen, um es auch weiterhin unermüdlich umher zu schleudern. Damit haben durchaus einige Musiker unserer Zeit zu kämpfen - doch die isländische Künstlerin Björk, die wohl zu einer der wenigen im Pop zählt, der man in jeglicher Hinsicht das Etikett "Künstlerin" anheften kann, hat sich dem digitalen Zeitalter von Anfang an ganz hervorragend angepasst - und scheint seine Regeln seit jeher intuitiv zu beherrschen. Entstammt sie doch ursprünglich Punk-Wurzeln und beschränkte sich später durchaus mal enorm minimalistischer Mittel (wie etwa auf ihrem 2004er Album "Medulla", welches fast nur aus der menschlichen Stimme bestand), so hat sie doch auch von Anfang an immer wieder die verschiedensten Winkel der digitalen Sphären ausgelotet, um sie mit der Realität zu verknüpfen - nicht nur rein musikalisch. Ihr diesbezügliches Meisterstück stellte ihr bislang letztes Album "Biophilia" dar - ein großes multimediales Gesamtkunstwerk und Konzeptalbum, dass sich akustisch als auch lyrisch mit Naturphänomenen wie der Gravitationskraft, den Planetenbewegungen oder gar der Virologie befasste. Und optisch zudem ebenso, stellte  es doch das zugleich erste App-Album der Welt dar, welches zu jedem Song eine interaktive und visuell dem jeweiligen Songthema angepasste App bot, mit deren Hilfe man zumeist die Songs gar nach eigenen Vorstellungen neu arrangieren konnte.

Auf gewisse Weise passt es da fast schon perfekt ins Bild, was sich nun kürzlich ereignete: gerade hatte Björk erst  Anfang Januar des neuen Jahres angekündigt, dass im März ihr neues Album "Vulnicura" erscheinen würde, da stand auch nur ein paar Tage später - zwei Monate vor dem geplanten Release - das komplette Album als Leak in Netz. Daraufhin machte Björk genau das Richtige. Sie erwähnte diesen durchaus nicht wenig spektakulären Leak in der Öffentlichkeit mit keinem Wort, sondern machte  kurzerhand Nägel mit Köpfen - und schubste wenige Tage nach seinem Leak "Vulnicura" auch ganz offiziell in die Welt hinaus. Und selbige sollte es dann auch freudig und mit offenen Armen auffangen. Denn auch ihre neue und nunmehr neunte Platte ist zu 100% Björk: ganz sie selbst und gleichzeitig auch wieder ganz anders. Nach den eher experimentierfreudigen Platten der Vergangenheit, erlebt man mit "Vulnicura" wohl Björk's intimstes und emotionalstes Werk seit langem. Wo es in der Vergangenheit lyrisch  bei ihr oft abstrakt, politisch oder zuletzt auch ganz wissenschaftlich zuging, so geht es dieses Mal vor allem um eines: um die Liebe und all die Hoffnungen, die Gefühle und den Schmerz, den sie mit sich bringen kann. Keine ungefährliche Angelegenheit, wie man aus Erfahrung weiß. Aber Björk verfällt nicht in Jammern und Selbstmitleid. Stattdessen entführt sie uns wieder einmal in ganz wunderbare Klang- und Gefühlssphären, die einen fast schon dazu bewegen, ehrfürchtig und ungläubig vor den Boxen zu hocken, angesichts dessen, was sich den Ohren hier wundervolles darbietet. Angefangen gleich mit dem erhabenen und wunderschönen Opener "Stonemilker", der zugleich als erste Single der Platte dient: eine von bittersüßen Streichern begleitete und von Björks unnachahmlichem Organ geadelte Perle, die gerade ganz zurecht von weltweiten Kritikern über den Klee gelobt wird.

Björk "Stonemilker" directed by Neil Curtis from Neil Curtis on Vimeo.

Die teilweise großen Experimente und herrlich fiesen kleinen Störeffekte, wie sie auf den letzten paar Platten gerne mal zu hören waren, weichen hier zwar einer überwiegend getragenen Grundatmosphäre - aber das soll beileibe nicht bedeuten, dass Björk zahm geworden wäre. Denn sie spickt ihre diesmal oft sehr ausladenden Stücke (die sich zumeist zwischen 6 und 10 Minuten Länge abspielen) wieder mit unzähligen Ideen, herrlichen Melodien und kleinen Ecken und Kanten. So weckt etwa der "Lionsong" (♪♫♪) vor allem mit seinen anfänglichen A-cappella-Gesängen deutliche Erinnerungen an ihre "Medúlla"-Phase, lässt aber später auch deutlich an "Homogenic"-Zeiten denken. Das grandiose und atmosphärische "Family" (♪♫♪) führt in vielschichtige, intensive und abstrakte Klangsphären, die von vereinzelt stampfenden und verzerrten Elektro-Beats, über leidenschaftliche Streicher, bis hin zu schwerelosen Ambient-Schwaden reichen. "Black Lake" (♪♫♪) erweist sich unterdessen als wunderbarer und schwermütiger Epos von 10 Minuten Länge, der von zärtlichen Streichern und softem synthetischen Beiwerk begleitet wird - ehe ihm Björk und Produzent Arca während des Mittelteils einen deftigen Beat verordnen. "Atom Dance" (♪♫♪) tapst zu Beginn mit sanften und leichtfüßig tänzelnden Schritten des Weges und entwickelt sich zusehends zu einer atmosphärischen Pop-Offenbarung, die sogar noch Platz für fabelhafte Gast-Vocals von Antony Hegarty (Antony & The Johnons) bietet. Und in "Mouth Mantra" (♪♫♪) vereinen sich Björks beschwörender Gesang, dramatische Streicher, asymmetrische Beats und verschachtelte Elektronik zu einer düsteren und eindringlichen Art-Pop-Hymne.

Wollte man "Vulnicura" mit dem bisherigen Schaffen der eigenwilligen isländischen Pop-Märchenfee abgleichen, so könnte man es doch in einer ähnlichen Tradition mit Alben wie "Homogenic" (1997) oder "Vespertine" (2001) sehen - was sowohl stilistisch, aber auch qualitativ durchaus zutrifft. Und gleichzeitig zeigt Björk auch wieder ganz andere Facetten ihres künstlerischen Wirkens. Doch am Ende klingt ja eh keine Björk-Platte wie die andere - aber die meisten von ihnen dafür außerordentlich gut. Und auch "Vulnicura" stellt da in keinerlei Hinsicht eine Ausnahme dar, sondern zeigt sich erneut als ganz großer Wurf, der die Messlatte für das Musikjahr 2015 schon in seinen ersten Tagen auf gewaltige Höhen schraubt. Aber genug der vielen Worte...verliebt euch doch einfach selbst! 




Freitag, 2. Januar 2015

Besprochen: DAVID BOWIE - "NOTHING HAS CHANGED"


Auf "Nothing Has Changed" lädt uns David Bowie auf eine Reise durch 50 Jahre Musikgeschichte ein: mit seiner bislang umfangreichsten und wohl auch gelungensten Best-of-Compilation.

Zum Jahresende sind Best-of-Compilations ja fast schon Tradition geworden. Nur wird der Markt leider mit viel zu vielen lieblos zusammen geklatschten Zusammenstellungen überschwemmt, stets wohl nur in der einzigen Hoffnung der Plattenfirmen, dass sie möglichst zahlreich unter den Weihnachtsbäumen landen. Es gibt aber auch immer wieder einige Lichtblicke - und David Bowie wäre wohl kaum einer der größten, wichtigsten und besten lebenden Legenden im Pop, wenn er nicht zu eben diesen Lichtblicken zählen würde. Zwar sind seit seiner letzten ausführlicheren Bestandsaufnahme mit "Best of Bowie" im Jahr 2002 nur zwei weitere Studioalben des Briten erschienen, aber trotzdem macht die neueste Compilation "Nothing Has Changed" Sinn, die seit Ende November in den Läden steht. Zum einen hat der Herr erst vor 2 Jahren sein fulminantes Comeback nach 10 Jahren Pause bestritten und schien seitdem auch aus der zeitgenössischen Musik nicht mehr weg zu denken - und das, wo man nach so langer Zeit eigentlich gar nicht mehr mit einer aktiven Wiederkehr von Bowie gerechnet hat. Und: so ausführlich hat er seine Karriere noch nie in einer Platte zusammen gefasst, als in diesen insgesamt 59 Songs auf 3 CDs, die sich über 50 Jahre Musikgeschichte erstrecken! Angeführt wird das ganze erst einmal von einem brandneuen Stück, das aber bei weitem mehr ist, als der übliche obligatorische neue Song, der so viele Best-of's begleitet. Und der oft nicht mehr als eine lauwarme Angelegenheit darstellt, um auch dem Fan, der schon alles hat, noch einen kleinen Kaufanreiz zu bieten. Nein, denn zumindest in meinen Ohren ist das leidenschaftliche "Sue (Or Season of Crime)" ein großartiger und eindringlicher, düster-schillernder Jazz-Epos von 7 Minuten Spieldauer, der direkt unter die Haut geht. 


David Bowie - Sue (Or In A Season Of Crime) on MUZU.TV.


Und danach gibt es dann eine (großzügige) Auswahl der größten, wichtigsten und besten Songs des Briten -  im Rückwärtsgang!  So legt er doch mit seinen neuesten Songs los und arbeitet sich in umgekehrter chronologischer Reihenfolge zurück zu den Anfängen seiner Karriere. So geht es gleich mit den Singles seines 2012er Comeback-Albums "The Next Day" weiter: mit der nachdenklichen Ballade "Where Are We Now?", dem großartigen "The Stars (Are Out Tonight)" oder dem ebenfalls famosen "Love Is Lost", welches in dem als Single veröffentlichten elektronischen Hello-Steve-Reich-Mix vorliegt. Danach folgen dann erst mal die 00er, in denen sich Bowie künstlerisch durchaus solide bis gut anstellte: das führt über so jüngere Pop-Klassiker wie "Everbody Says Hi" oder "Slow Burn" (♪♫♪), bis hin zu bisher nur online bzw. überhaupt nicht offiziell erhältlichen Songs wie "Let Me Sleep Beside You" oder "Your Turn To Drive"  (welche 2001 für das unveröffentlichte Album "Toy" entstanden, auf denen er einige seiner frühesten Songs neu aufnahm). Und dann geht es durch die 90er Jahre, zu Songs wie dem mit Industrial-Elementen gewürzten "I'm Afraid of Americans", zu der von Jungle- und Noise-Rock-Einflüssen infizierten kleinen Perle "Little Wonders", dem famosen Pet-Shop-Boys-Remix von "Hallo Spaceboy" (♪♫♪) (als welcher der Song auch als Single veröffentlicht wurde) oder dem passablen Früh-90er-Pop-Song "Jump They Say".

David Bowie - LOVE IS LOST / Hello Steve Reich Mix (official video) from denial of service on Vimeo.

Die 80er hingegen waren bedeutend schwieriger - was man sicherlich auch weiß, wenn man näher mit dem Backkatalog Bowie's vertraut ist. Vor allem zwischen Mitte und Ende der 80er befand sich der Brite auf dem Tiefpunkt seines Schaffens. Doch erstaunlicherweise merkt man das dieser Zusammenstellung kaum an, weil man sich hier auf die größten Hits und die besseren Momente dieser Karrierephase beschränkte. Angefangen mit "Time Will Crawl", dem vielleicht einzigen wirklich hörbaren und memorablen Song seines ziemlich üblen '87er Albums "Never Let Me Down". Aber auch Beiträge wie "Absolute Beginners" (♪♫♪), "Loving The Alien" oder "This Is Not America" machen sich hier sehr gut, gehören sie doch definitiv zum Besten, was Bowie in den mittleren 80ern vollbrachte. Und auch wenn ich mich immer noch nicht so recht mit den Singles seines '83er Albums "Let's Dance" anfreunden kann, so haben der berühmte Titelsong, sowie das etwas kitschige "China Girl" und das in meinen Ohren fast unerträglich gut gelaunte "Modern Love" hier durchaus ihre Existenzberechtigung - gehören sie doch mit zu seinen größten Hits. Dagegen war Bowie in den frühen 80ern noch in unbestreitbarer Höchstform - was hier durch eine Reihe unsterblicher Klassiker unmissverständlich klar gemacht wird: etwa mit dem grandiosen New-Wave-Meisterstück "Ashes To Ashes", dem vom Post-Punk infizierten Kracher "Scary Monsters & Super Creeps", dem herrlich mitreißenden New-Wave-Rocker "Fashion" oder dem schlicht und ergreifend fantastischen Queen-Duett "Under Pressure" (♪♫♪).

"Ashes to Ashes" 1980 from David Bowie on Vimeo.

Das größte und saftigste Filetstück kommt in dieser Compilation dann zum Ende: mit den 70er Jahren, der wohl unbestritten kreativsten und innovativsten Phase in Bowie's Karriere. Das geht hier los mit dem beherzt mitreißenden Rocker "Boys Keep Swinging" (in dessen Video Bowie in Drag-Aufmachung zu sehen ist!) - und danach glaubt man in einem einzigen Meer aus Klassikern der Pop-Geschichte zu waten: so folgen u.a. sein fantastischer Berliner-Mauer-Song "Heroes" (♪♫♪), der fraglos einen der besten Songs aller Zeiten darstellt; das relaxte und melodisch einnehmende "Sound & Vision"; die famose und schillernde Funk-Bombe "Fame", welche er gemeinsam mit Ex-Beatle John Lennon komponierte; das mitreißend melodische und auf einem genialen Gitarrenriff reitende "Rebel Rebel"; die grandiose Glam-Rock-Hymne "Ziggy Stardust" oder der schillernde und blumig-leidenschaftliche Klassiker "Starman" (♪♫♪), welche beide aus seinem fantastischen Konzeptwerk "The Rise and Fall of Ziggy Stardust & The Spiders from Mars" stammen; die zeitlose und melodieverliebte Glam-Pop-Perle "Life on Mars?" oder der famose und unwiderstehliche Pop-Ohrwurm "Changes"...

"Life on Mars" 1973 from David Bowie on Vimeo.

Und dann kommen noch kurz die 60er ins Spiel, die hier fulminant mit einem seiner größten Klassiker beginnen: dem psychedelisch hypnotisierenden "Space Oddity", von dem sich später Peter Schilling die Story seines NDW-Hits "Major Tom" klauen sollte. Ziemlich großartig dann auch der 60's-Ohrwurm "In The Heat Of The Morning" (♪♫♪), der bis auf ein paar Compilations unveröffentlicht blieb. Mit "Silly Boy Blue" wurde dann wohl einer der besten Songs seines eher mauen 1967er Debütalbums bedacht, während auch mit den durchaus ein wenig an die Beatles erinnernden Nummern "Can't Help Thinking About Me" und "You Got a Habbit of Leaving" die hohe Qualität nicht abreißt. Und das Finale der Compilation bestreitet dann ganz konsequent der erste Song, der je von David Bowie erschienen ist - einst allerdings noch unter dem Namen Davie Jones: die energische und melodische Beat-Nummer "Liza Jane" (♪♫♪)  aus dem Jahr 1964.



Alles in allem eine wirklich hervorragende Zusammenstellung, die ziemlich gut den Spagat zwischen Hits, Klassikern, Raritäten und vergessenen Perlen schafft. Dabei dann so konsequent vom Hier und Jetzt bis in seine frühesten Künstlertage zurück zu spulen, um dabei sämtliche Facetten  seines künstlerischen Wirkens abzudecken, und selbst seine schwächeren Phasen in einem erstaunlich guten Licht erstrahlen zu lassen, macht hier schon einen enormen Reiz aus. Und das massig hervorragende Songmaterial von David Bowie erledigt natürlich den großen Rest. Zudem ist die physische Version auch optisch sehr schön und liebevoll gestaltet, wirkt hochwertig, geschmackvoll und bietet Dank einiger Fotos auch einen visuellen Querschnitt von Bowie's diversen Metamorphosen. All das macht "Nothing Has Changed" zu seiner bislang stärksten Best-of-Compilation, die für Liebhaber und Einsteiger gleichermaßen interessant ist.




Mittwoch, 31. Dezember 2014

Special: DIE 20 BESTEN PLATTEN DES JAHRES 2014!


Dieses Jahr war es echt schwer mit meinen Platten des Jahres. Zum einen lag dies am Zeitmangel. Aber zum anderen auch mit daran, dass das Jahr 2014 in meinen Ohren ein vergleichsweise schwaches Musikjahr war. Noch Mitte des Jahres war ich mir unsicher, ob ich überhaupt in meiner Bestenliate 10 Platten zusammen bekommen würde - doch die zweite Jahreshälfte sah dann zum Glück wesentlich besser aus. Trotzdem bin ich hier nur auf 20 Platten gekommen, da ich durch den besagten Zeitmangel alle Hände voll zu tun hatte, allein schon zu diesen 20 Platzierungen die entsprechenden Texte zu verfassen. So fällt diese Liste nun etwas magerer aus, als in den Jahren zuvor - aber ich hoffe, dass dies nächstes Jahr anders aussehen wird.
Aber hier sind sie also nun also: die meiner Ansicht nach 20 besten Platten des Jahres 2014!




20. KIESZA - "SOUND OF A WOMAN"

Als erstes war da Anfang des Jahres dieser eine Hit, der als Indie-Release überraschend in den weltweiten Charts einschlug: der melodische und am Stil des 90er-House angesiedelte Ohrwurm "Hideaway" von der kanadischen Newcomerin Kiesza. Im Grunde ein perfektes Szenario für zwei völlig gegensätzliche Entwicklungen: entweder der Auftakt für eine große weitere Karriere, oder auch ein potentielles Paradebeispiel für ein One-Hit-Wonder. Doch spätestens mit ihrem diesjährigen Debütalbum "Sound of a Woman" machte sie klar, dass sie letzteres auf gar keinen Fall ist. Denn mögliche Hits gibt es hier in Serie. So etwa der fabelhafte und tatsächliche zweite Hit "Giant In My Heart", der mitreißende Dance-House-Kracher (und offizieller dritter Single-Release) "No Enemiesz" (♪♫♪), das hörbar vom 90er-Dance beeinflusste "The Love", ihre wunderbares, als herzerweichende Ballade neu interpretiertes Cover von Haddaway's Eurodance-Klassiker "What Is Love", die leidenschaftlich in die Synapsen krachende House-Pop-Bombe "Over Myself", oder die schwebende und leicht 80s-orientierte Perle "So Deep". Vermutlich kein Album für die Ewigkeit. Aber im Moment eines meiner Pop-Alben des Jahres.


19. KELE - "TRICK"

Auch wenn er mit seiner Band Bloc Party ursprünglich aus den Sphären des Indierock stammt, so hat Frontmann Kele Okereke noch nie einen Hehl daraus gemacht, dass sein Herz vor allem für elektronische Musik schlägt - was man auch immer wieder deutlich im späteren Sound seiner Band bemerkte. Dieser Leidenschaft ließ er in diesem Jahr auch auf seinem zweiten Soloalbum "Trick" freien Lauf - und das offenbarte eine unerwartet tolle Weiterentwicklung. Hier bündelte Kele seine Stärken noch effizienter als auf seinem Solo-Debüt "The Boxer" und schuf ein - wie für ihn ja zum Glück üblich - stark pop-orientiertes Album, das mit einem Sound irgendwo zwischen House, Ambient und Minimal aufwartet, der getragen, oft melancholisch und manchmal auch fast düster ist, dabei aber fast immer gleichzeitig auch tanzbar bleibt. Dabei konzentriert er sich inhaltlich fast schon einem Konzeptwerk gleich mit der Liebe - mit all ihren Stadien und Facetten. Ob nun der erste Eindruck beim Kennenlernen ("First Impressions"), die Euphorie der jungen Liebe ("Coasting"), die Zweifel ("Doubt", ♪♫♪), das leidenschaftliche sexuelle Verlangen ("Stay The Night") oder die schweren Zeiten einer schwindenden Liebe ("Like We Used To"). All das verpackt er in ein in sich geschlossen wirkendes Gesamtwerk, das noch einen ganze Ecke mehr zu begeistern weiß, als es das Debüt gekonnt hat.




18. TAYLOR SWIFT - "1989"

Spätestens in diesem Jahr hat mich Taylor Swift endgültig gekriegt. Zwar war auch dem Country-Pop der Vergangenheit immer mal wieder durchaus etwas abzugewinnen - doch vor allem wie sie sich auf ihrem diesjährigen Album "1989" hemmungslos dem Pop in die Arme warf, hatte mein besonderes Interesse geweckt. Denn auch wenn es nicht gerade in weite künstlerische Tiefen vorstößt (aber wann tat das ihre Musik schon jemals?), ist ihr doch eine ganz fabelhafte Pop-Platte gelungen, die mit zu den süßesten Versuchungen ihrer Art in diesem Jahr zählte. Vor allem gemeinsam mit dem schwedischen Produzenten Max Martin (welcher seit 20 Jahren schon Ace of Base, die Backstreet Boys, Britney Spears, Pink oder Katy Perry zu diversen Welthits verhilft), sowie einigen anderen Produzenten und Songwritern, hatte sie hier ein strammes Bündel voller Hits geschnürt - bei denen sich Swift von der Musik ihres Geburtsjahres 1989 hat inspirieren lassen. Und ob nun der Welterfolg "Shake it Off", der unwiderstehlich süße Ohrwurm "Blank Space" (♪♫♪), das mitreißend eingängige "All You Had To Do Was Stay", das herrlich 80s-infizierte "Style", das getragene und die Sphären einer Lana Del Rey streifende "Wildest Dreams",  oder der sommerlich unbeschwerte Ohrwurm "How You Get The Girl": die potentiellen Hits schienen ihr und ihren Helfern auf "1989" nur so aus dem Ärmeln zu purzeln. So ist es zwar kein Album, dass ein großes künstlerisches Statement abgibt. Und doch hält sie all das ein, was man sich von einer Pop-Platte wünscht: das sie die Welt für einen kleinen Moment ein wenig schöner macht! 




17. TINASHE - "AQUARIUS"

Das der RnB gerade eine gute Phase hat, machte in 2014 auch die amerikanische Newcomerin Tinashe deutlich, die mit ihrem Debütalbum "Aquarius" von vielen unbemerkt eines der schönsten Versuchungen des zeitgenössischen RnB abgeliefert hat - der sich hervorragend in die derzeitige PBR&B-Tradition á la Frak Ocean, FKA twgis, Janelle Monaé oder The Weeknd einreiht. Der jungen Dame gelang hier ein Album, dass Anspruch und Qualität mit Hits verbindet. Das kann dann auch mal atmosphärischer klingen, wie etwa im grandiosen "Bet", das gen Ende in einem epischen Gitarrensolo mündet. Doch die Hits begegnen einem hier in unterschiedlichen Gestalten: mal als die geschmeidige erste Single "2 On", aber auch mal in Form der großartigen und melancholisch-melodischen RnB-Pop-Perle "Pretend" (♪♫♪), des famosen und minimalistisch dancig veranlagten Ohrwurms "All Hands On Deck", des wunderbaren und melodisch getragenen "Far Side Of The Moon" oder des elektronisch gewürzten RnB-Pop-Hits "Wildfire". Vielleicht kein Genre-Meisterwerk, aber dennoch ein wahrhaft gelungenes Album - und für mich einer der süßesten RnB-Pop-Momente des Jahres!




16. CARIBOU - "OUR LOVE"

Anfangs haderte ich ein klein wenig mit "Our Love", der neuesten Kopfgeburt des kanadischen Elektro-Musikers Dan Snaith. Diesmal - wie schon so oft - unter dem Namen Caribou. Schon seine letzte Platte unter dem Namen Daphni hinterließ mich etwas ratlos, wohingegen das letzte Caribou-Album bei mir ganz besonders kräftige Wurzeln schlug. Nicht, dass mir nun "Our Love" in diesem Jahr missfallen hätte. Nur irgendwie schien bei mir nicht ganz so der Funke über zu springen, wie er dies 2010 mit "Swim" geschafft hatte. Die nervösen Grooves, die experimentellen Ecken und Kanten, waren auf "Our Love" einem warmen und harmonischeren Sound gewichen, den man auch fast fluffig nennen könnte. Und doch konnte ich nicht allzu lange die wahre Schönheit hinter dem Album übersehen. So mag "Our Love" etwas glatter klingen als alles, was Snaith in den Jahren zuvor so gemacht hat - und doch steckt nicht weniger Herz und Seele darin. So hat er hier eine Reihe wunderbarer kleiner Elektro-Pop-Perlen geschmiedet, die in ihrer Darbietung durchaus variieren können - und in denen digitale und analoge Klänge zu kleinen, überwiegend warmen und optimistisch geflavourten Hymnen verschmelzen. Die sich langsam, aber letztendlich zu gewaltigen Höhen hinauf schraubende Elektro-Pop-Hymne "Can't Do Without You" (♪♫♪), führt das zum Einstieg schon perfekt vor. Und auch weitere Kostbarkeiten, wie das schillernde und melodisch schwebende "Second Chance",  das tanzbar beatige "All I Ever Need", das rhythmische und hypnotisch daher flötende "Mars" oder das atmosphärische und eindringliche "Back Home" kann man hier finden - nebst einigen anderen, versteht sich. Denn Dan Snaith beherrscht auch hier sein Handwerk nahezu perfekt und präsentiert sich mal wieder mehr als gelungen in einem etwas anderen Klangkostüm.




15. APHEX TWIN - "SYRO"

Für guten Elektro war ich ja irgendwie schon immer gern zu haben - und damit versorgte der Ire Richard D James unter dem Namen Aphex Twin überwiegend die 90er Jahre. Nachdem er in den 2000ern an diversen anderen Projekten und Veröffentlichungen tüftelte, sollte in diesem Jahr das große Comeback anstehen, als er mit "Syro" das erste Aphex-Twin-Album seit 13 Jahren veröffentlichte. Denn mit kreativen, verspielten, teils minimalistischen, aber zugleich auch komplexen elektronischen Klängen, kann er den Tracks des Albums ein solches Leben einhauchen, welche ihre kühl und digital klingenden Titel nicht vermuten ließen. So etwa die filigran melodische Single "minipops 64 [120.2]" (♪♫♪) oder der 10-minütige, verschachtelte und getragene Epos "XMAS_EVET10 [120]". Das wunderbar oldschoolige und leicht düster angehauchte "produk 29 [101]" entfaltet eine enorm hypnotische Wirkkraft, "4 bit 9d api+e+6 [126.26]" fasziniert als vielschichtiges und atmosphärisches Elektro-Meisterstück, und "CIRCLTON6A [141.98]" kommt ein wenig forscher, nicht minder famos und zudem mit wundervoll angestaubten Nintendo-Sounds daher. Es ist aber vor allem die Essenz all dessen, was Richard D James hier an Ideen und Sounds zusammen getragen hat, was so fasziniert. Ein großes Gesamtkunstwerk, das man einfach selbst erlebt haben muss - denn so eine  Soundwundertüte sollte man sich nicht entgehen lassen.




14. JAMIE T - "CARRY ON THE GRUDGE"

Was man bislang von dem britischen Talent Jamie T zu hören bekam, war ja schon außergewöhnlich - und auch außergewöhnlich gut! Tief verwurzelt im weißen britischen HipHop, wie er vor ihm vor allem von The Streets berühmt wurde, doch immer noch eine ganze Ecke stärker durch diverse andere Stile angereichert, die von Indierock bis Psychedelia reichten. Auf seinen ersten beiden schwindelerregenden Platten "Panic Prevention" (2007) und "Kings & Queens" (2009) verfuhr er so - und dann war erstmal Ruhe im Karton. Ganze geschlagene 5 Jahre sollte es von da an dauern, ehe ein neues Album das Licht der Welt erblickte. Und "Carry on The Grudge" unterscheidet sich auch stilistisch relativ deutlich von seinen Vorgängern. Und ist dennoch nicht minder großartig. Die HipHop-Bezüge sind hier nahezu verschwunden, während er aber weiterhin seine Kunst mit gewohnt facettenreichen Klängen und wunderbaren Melodien zelebriert. Der Opener "Limits Lie" etwa startet als herrlich leidenschaftliche Indiepop-Perle mit leichter 60s-Schlagseite in das Album, gibt den Stab weiter an die famose und atmosphärische erste Single "Don't You Find", ehe das melancholisch schöne und soft folkig veranlagte "Turn On The Light" (♪♫♪) seinen großen Auftritt hat. Und danach hat er dann u.a. auch noch den tanzbaren und gut gelaunten Indierock-Ohrwurm "Zombie", das warme, blumige und britpopige "Mary Lee", den zackig mitreißenden Indierock-Ohrfänger "Rabbit Hole", oder die romantische und zärtliche Folk-Pop-Ballade "Love Is Only a Heartbeat Away" zu bieten.Und so ist dem Briten nach etwas längerer kreativer Pause und einer musikalischen Kurskorrektur, wieder einmal ein herausragendes Album gelungen, dass einem mit Sicherheit lange im Fell hängen bleiben wird.




13. TODD TERJE - "IT'S ALBUM TIME"

Man kann es nur als herrlich bezeichnen, was der norwegische DJ, Songwriter und Produzent Terje Olsen alias Todd Terje in diesem Jahr auf seinem Debütalbum so angestellt hat - welches er nach einer bereits fast 10-jährigen Karriere aus mehreren EP's, Compilations, Remixen, Singles oder Kooperationen mit anderen Musikern (er co-komponierte Robbie Williams' 2012er Hit "Candy" und co-produzierte einige Sücke des letztjährigen Albums von Franz Ferdinand) nun folgerichtig als eine Art große Ankündigung betitelte: "It's Album Time"! Und das ließ man sich hier nicht zweimal sagen - denn es ist ein ganz und gar famoses Album geworden. Das Grundgerüst bilden hier ganz offenkundig die beiden ältesten Songs: die epische, melodische und großartige 2012er Elektro-Space-Disco-Bombe "Inspector Norse", sowie das sommerlich tanzbare, einnehmend discoide und mit einem unwiderstehlich funky Groove  angereicherte "Strandbar", das im letzten Jahr als Single erschien. Und um eben diese beiden Nummern hat der Norweger hier mit "It's Album Time" ein fast perfektes elektronisches Album herum gebaut, das seiner kühlen Heimat kaum gerecht wird. In einer von Grund auf optimistischen Atmosphäre, vereint er hier Electronica-, (Space-)Disco-, Synthpop- und ein paar eingestreute Bossa Nova-Elemente zu einer warmen, atmosphärischen und homogenen Klangcollage, die aber dennoch mit Funken sprühender Kreativität aufwartet. So kann man hier schillernden und mit Streichern angereicherten Klängen wie auf "Preben Goes To Acapulco" lauschen, "Svensk Sås" kann wunderbare Urlaubsstimmung entfachen, beim großartig spacigen Synth-Elektropop-Spektakel "Delorean Dynamite" (♪♫♪) ruft nicht nur der Songtitel gewisse retrofuturistische 80er-Erinnerungen wach, mit Brian Ferry am Mikro hat er zudem ein fabelhaftes Cover des 80s-Klassikers "John And Mary" von Robert Palmer im Gepäck und "Oh Joy" erweist sich als großartig melodischer und hymnischer Retro-Elektro-Pop. Eine Platte, in die man sich verlieben kann.  




12. RYAN ADAMS - "RYAN ADAMS"

Man muss es einfach so sagen: Ryan Adams ist ein großartiger Musiker. In regelmäßigen Abständen setzt er hervorragende Platten in die Welt, von denen mir persönlich immer ganz besonders "Love is Hell" und "Cold Roses" am Herz lagen - kein Wunder also, dass sein diesjähriges 14. Studioalbum wieder einmal bei mir besonders Gefallen fand, welches er ganz schlicht nach sich selbst "Ryan Adams" benannte. Denn es steht stilistisch ganz im Geist eben solcher Platten. Hier sind sie wieder, diese großen Gefühle und Melodien, eingebettet in diese atmosphärischen und zumeist eher melancholisch gefärbten, zeitlos anmutenden Rock-Klänge, wie sie so viele bei Adams lieben. Exemplarisch dafür steht schon die erste Single: das herrlich melodische, nachdenklich veranlagte und von schillernden Orgeln untermalte "Gimme Something Good" (♪♫♪). Und in jede Ecke und in jeden Winkel man auf seinem neuen Album auch schaut, man wähnt sich sofort in einem weiteren Klassiker des rastlosen Musikers. Das gelingt ihm etwa mit der beherzten Perle "Kim" oder dem wunderbaren "Am I Safe", die man sich auch gut auf "Love Is Hell" hätte vorstellen können. Oder mit der wunderschönen und traurigen Ballade "My Wrecking Ball", die fast ausschließlich von einer zärtlichen Akustikgitarre untermalt wird - und recht lebhafte Erinnerungen an "Cold Roses" wecken kann. Großartig macht sich auch das noch etwas leidenschaftlicher agierende "Stay With Me", ebenso wie auch das leicht psychedelisch umwehte und melancholische "Shadows", denen man ohne weiteres schon jetzt den "Klassiker"-Stempel aufpappen kann. Aber das gilt eben auch für das gesamte Album, das einen emotional wahrhaft zu fesseln vermag.




11. AZEALIA BANKS - "BROKE WITH EXPENSIVE TASTE"

Ganze 3 Jahre musste man auf das Debüt der amerikanischen Musikerin Azealia Banks warten - eine Zeit, in der sie uns mit einigen Singles, EPs und einem Mixtape fütterte, die einen aber auch nur noch hungriger machten. Doch Ende diesen Jahres hat Miss Banks es endlich geschafft - und veröffentlichte "Broke With Expensive Taste" sogleich ohne jegliche Vorankündigung! Im Grunde ist ihr Debüt genau das geworden, was man sich von der jungen Frau auch erhofft hatte - und was das ist, lässt sich gar nicht so leicht in Worte packen. Wollte man versuchen zu umschreiben, welche Art von Musik Miss Banks macht, wäre es vermutlich leichter zu sagen, welche Art von Musik sie NICHT macht. Schon immer tanzte sie auf diversen Hochzeiten, experimentierte in die verschiedensten und gegensätzlichsten Richtungen. Und das manifestiert sich auch ganz deutlich auf ihrem Debüt: kein Song klingt wie der andere, aber jeder einzelne Song klingt zu 100% nach Azealia. Sie schleudert uns hier Hits der unterschiedlichsten musikalischen Couleur um die Ohren, als würde es dabei um ihr Leben gehen. Ob nun die famose und melodisch-beatige Debütsingle "212", das elektronisch unterkühlte "Heavy Metal and Reflective", das sich zur waschechten und leidenschaftlichen Latino-Nummer mausernde "Gimme a Chance", die düster-melodische HipPop-Perle "Ice Princess", das nahezu radikale und elektronisch stampfende "Yung Rapunxel", der famose und eingängige Dance-House-Pop-Kracher "Chasing Time" (♪♫♪), der von Ariel Pink co-komponierte und gut gelaunte Surf-Pop-Ohrfänger "Nude Beach A-Go-Go", oder so herrlich von House, Electronica und Pop geküsste Nummern wie "Miss Amor" und "Miss Camaraderie". Man sagt ja so schön, dass zu viele Köche den Brei verderben - und allzu oft kommt das am Ende auch hin. Doch bei Miss Banks ist es durchaus keine Überraschung, dass sie auch hier die Ausnahme der Regel darstellt. Denn fast jeder Song des neuen Albums entstand mit einem anderen Produzenten, während sie zudem auch mit Samples nur so um sich wirbelt. Das klingt auf dem Papier womöglich wie ein großes buntes Kuddelmuddel. Und irgendwie ist es das auch. Aber dafür das spannendste und kreativste Kuddelmuddel, das der Pop in 2014 zu bieten hatte.




10. WANDA - "AMORE"

Zugegeben: anfangs hab ich mich nicht so recht an die gerade heiß umfeierte österreichische Band Wanda und ihr Debütalbum "Amore" heran gewagt - viel zu sehr schreckten mich die ewigen Falco-Vergleiche ab, die in Bezug auf die Band derzeit gerne gebetsmühlenartig wiederholt werden. Ganz so, als würde es keine anderen musikalischen Referenzen in Österreich geben, als Falco - der mich zudem noch nie so wirklich hinter dem Ofen hervor locken konnte. Aber nachdem ich mich dann doch einmal der Platte der Jungs aus Wien gewidmet hatte, merkte ich schnell, dass meine Ohren hier (zum Glück!) keine Ähnlichkeiten zu Falco ausmachen können. Stattdessen präsentierte sich mir eine selbstbewusste, lockere und verdammt talentierte Band - die hier mit maximaler Spielfreude, einer ordentlichen Portion Leidenschaft und ein paar augenzwinkernden kleinen Provokationen, ein Dutzend mitreißender Ohrwürmer zusammen geschmissen hat, die sich gemeinsam zu einem fast schwindelerregend guten Debüt zusammen fügen. Angefangen mit dem Opener und geradezu hymnischen und eindringlichen Hit "Bologna" (♪♫♪), der sich schon auf Anhieb mit so einer perfekten Passform in die Synapsen schmiegt, dass man ihn fraglos zu einem der Songs des Jahres ausrufen will. Und danach führt uns hier der Weg über das in herrlich bunten Farben schillernde "Jelinka", die melodisch schunkelnde Single "Auseinandergehen ist schwer", den fast schon funky tanzbaren Indierock-Ohrfänger "Kairo Downtown", das mit einem leicht melancholischen Beigeschmack spielende "Stehengelassene Weinflaschen", oder den verdammt fabelhaften Ohrwurm "Schick mir die Post", der mich irgendwie immer wieder unterschwellig an die Beatles erinnert - und führt bis hin zu weiteren Highlights, wie das ein wenig in Richtung Britpop schielende "Bleib wo du warst" oder der beherzte Pop-Rock-Schunkler "Das es uns überhaupt gegeben hat". Aber hier könnte sowieso jeder Song für sich ein Hit sein - und gerade das ist es, was "Amore" noch einmal ganz besonders auszeichnet. Für diese Band kann man sich nur eine große und lange Zukunft wünschen.





9. ARIEL PINK - "POM POM"

Der amerikanische Musiker und Multi-Instrumentalist Ariel Pink, war schon immer wunderbar anders, unangepasst und eigenwillig - aber dabei in künstlerischer Hinsicht hochgradig liebenswert. Denn was der Herr uns zusammen mit seiner Stammband als Ariel Pink's Haunted Grafitti immer wieder musikalisch kredenzte, konnte einen des öfteren gewaltig staunen lassen. Zuletzt etwa 2012 mit ihrem bisher letzten Album "Mature Themes". Und in diesem Jahr hat Ariel Pink so etwas wie sein erstes tatsächliches Soloalbum nachgelegt: das grandiose "Pom Pom". Denn so schlicht das Album optisch auch anmuten mag, so facettenreich, schillernd, ekstatisch, leidenschaftlich und eindringlich ist es musikalisch. Wie eine prall gefüllte, psychedelisch glitzernde Wundertüte, der so unablässig Songs der unterschiedlichsten stilistischen Ausprägungen entschlüpfen, dass einem vor Freude ganz schwindelig werden kann. Mal begegnet man so einem dynamischen und facettenreichen Psychedelic-Rock-Feuerwerk wie "White Freckles" (♪♫♪), dann wieder atmosphärisch düsteren Meisterstreichen wie "Four Shadows", melancholisch veranlagten New-Wave-Köstlichkeiten wie "Lipstick", 60s-infiziert daher dengelndem Pop á la "Nude Beach A-Go-Go" (das er zusammen mit Azealia Banks komponierte, weshalb auf ihrem diesjährigen Debütalbum auch eine eigene Version des Songs enthalten ist), oder herrlich bunten und experimentelle Haken schlagenden Klängen wie in "Dinosaur Carebears". Wer sich einmal durch diesen Brocken von einem Album aus 17 Songs innerhalb von mehr als einer Stunde Spieldauer gearbeitet hat, der möchte "Pom Pom" mit Sicherheit trotzdem gleich noch einmal von vorne hören. Denn Ariel Pink's erstes Soloalbum entwickelt einen unwiderstehlichen Suchtcharakter, dem man sich nur allzu gerne hemmungslos hingibt. 




8. MAC DeMARCO - "SALAD DAYS"

Oft sind es die experimentellen, die verschrobenen und die innovativen Klänge, welche besonders heraus stechen und am prägnantesten haften bleiben. Aber manchmal sind es auch die auf den ersten Blick womöglich etwas unscheinbaren Platten, die sich aber verdammt lange hängen bleiben. Die eben gekommen sind, um zu bleiben. Zu dieser Sorte zählte in diesem Jahr "Salad Days", das zweite Album des kanadischen Singer/Songwriters Mac DeMarco. Und irgendwie ist es mehr, als nur ein Album - alles riecht und schmeckt hier nach einem Klassiker...einem zukünftigen Klassiker, wenn man so will. Hier gießt er uns eine Reihe atmosphärischer, warmer und melodieverliebter kleiner Songjuwelen in die Ohren, das einem ganz wohlig werden kann. Mit leichten, oft luftigen, nicht selten leidenschaftlichen, ein wenig psychedelisch hallenden, wunderbar denglenden und stets melodischen Gitarrenklängen, sowie seinem unaufgeregten Gesang, hat er hier so manch famosen Song erschaffen. Das geht mit dem verträumten Titelsong und Opener "Salad Days" los, führt über atmosphärische Kostbarkeiten wie "Brother", oder zeitlos schöne Singer/Songwriter-Perlen á la "Let Her Go", und geht bis hin zum psychedelisch schillernden "Passing Out Pieces" oder dem grandiosen, von einer großartigen Synthie-Melodie begleiteten "Chamber of Reflection" (♪♫♪). Ein warmes, verführerisch melodisches, manchmal auch ein wenig melancholisches, aber stets zeitloses Album, das voll und ganz von einem Gefühl der Freiheit und Leichtigkeit durchdrungen ist. Besser kann ich es einfach nicht in Worte fassen - am besten ist sowieso, man hört (und verliebt sich) selbst.




7. ALT-J - "THIS IS ALL YOURS"

Wie doch die Musikwelt aus dem Häuschen war, als vor zwei Jahren das Debütalbum "An Awesom Wave" der britischen Band Alt-J erschien - und das vollkommen zurecht, schuf die Band damit doch ein Meisterwerk, das strahlend, experimentierfreudig, eigen und eingängig zugleich war. Ein Album voll von Hits, auch wenn sie nicht immer von der konventionellsten Art waren. Diesen ganz eigenen Weg ging die Band dann dieses Jahr mit ihrem Zweitwerk "This Is All Yours" konsequent weiter - und machte erneut deutlich, wieso sie so einzigartig in der zeitgenössischen Pop-Landschaft sind. Denn sie trauen sich noch immer eine Menge. Etwa wieder einmal eine facettenreiche und eindringliche Indiepop-Hymne mit dem unscheinbaren Titel "Intro" zu versehen, in einem wunderbaren Stück wie "Nara" Textzeilen wie "I'm gonna marry a man like no other man" zu verwenden, oder in der famosen Lead-Single "Hunger of the Pine" ein sich stetig wiederholendes Sample von Miley Cyrus einzubauen, ohne das sie sich auch nur ansatzweise dafür schämen müssten. Im Gegenteil, will man sogar sagen. Ein andern mal lassen sie mit "Warm Foothills" eine ganz wundervolle Folk-Pop-Perle vom Stapel, in der Conor Oberst (Bright Eyes), Lianne La Havas, Marika Hackmann und Sivu beim Gesang aushelfen - und sich dabei beinah Wort für Wort abwechseln. "Every Other Freckle" (♪♫♪) ist wieder einer dieser unwiderstehlichen und dennoch auch irgendwie unkonventionellen Hits der Band und "Left Hand Free" zeigt sich deutlich vom Southern Rock beeinflusst. Zwar sind auf Album No.2 die Songs nicht mehr ganz so sehr auf Anhieb greifbar, wie noch auf dem Debüt - doch dadurch fällt das Endresultat keineswegs weniger fesselnd aus. Vielmehr hat die Band mit "This Is All Yours" wohl das denkbar beste Album geschaffen, dass ihnen nach einem Killer-Debüt wie "An Awesome Wave" überhaupt möglich war.

   


6. BECK - "MORNING PHASE"

Ich war einst ca. 14 Jahre jung, als mir Beck vor gut 20 Jahren mit seinem ersten Hit "Loser" als eine Art schloddriger Antiheld ins Bewusstsein rückte - und seitdem auch stets präsent blieb, so wie er auch zuletzt nicht nur mich mit seinem bislang letzten Album "Modern Guilt" zu begeistern vermochte. Aber dann verlor man ihn doch ein wenig aus den Augen. Künstlerisch blieb Beck zwar nicht untätig, aber dennoch sollte es geschlagene 6 Jahre dauern, ehe er in diesem Jahr mit "Morning Phase" endlich wieder ein Album einspielte. Aber das ist wieder einmal so wundervoll geworden, dass es die lange Wartezeit definitiv wert war. Dem vergleichsweise sehr facettenreich und experimentierfreudiger produzierten Vorgänger, stellt er dabei aber im Kontrast wieder eine ruhige, sehr akustisch anmutende, warme und zurückgenommene Folk-Pop-Platte entgegen - welche in einer Tradition mit seinem famosen 2002er Werk "Sea Change" verstanden werden will. Doch das neue Album konnte auch ohne derartige Vergleiche auf ganzer Linie überzeugen. Hier stehen nicht die soundästhetischen Raffinessen und Experimente im Vordergrund, sondern die Melodien und Harmonien. Und was für zeitlos wunderbare Stücke sind ihm hier doch aus dem Ärmel gepurzelt, die einem immer wieder tief unter die Epidermis krabbeln. So kann die Single "Blue Moon" schon heute als Folk-Pop-Klassiker durchgehen, das fabelhafte "Morning" ist dann so etwas wie die musikalische Entsprechung der ersten Sonnenstrahlen die am Morgenhimmel glitzern, "Wave" zeigt sich ebenfalls als zeitlose Perle, in der Beck's nahezu bedächtige Vocals auf schwebenden Streicherarrangements daher gleiten,"Turn Away" (♪♫♪) nimmt einen mit seiner wunderschönen, tief in die Seele des Hörers tauchenden Melodie und seiner schlichten akustischen Eleganz gefangen, und "Country Down" begeistert als warmes Country-Folk-Pop-Meisterstück, das mit einer außerordnetlich schönen Melodie glänzt. Ein ganz wunderbares Album, das man auch ohne weiteres ein Meisterwerk nennen darf.




5. LANA DEL REY - "ULTRAVIOLENCE"

Kein Wunder, das Lana Del Ray ein kleines Pop-Phänomen unserer Zeit darstellt. Gut umgesetzt, hat es sich im Pop schon immer bewährt, auf ein spezielles Konzept zu setzen. Das tat auch die junge Amerikanerin vor 2 Jahren mit ihrem Major-Debüt "Born To Die" und der bald darauf nachgelegten EP "Paradise" - und füllte damit auf Anhieb eine musikalische Nische aus, die vor ihr lange Zeit gänzlich unbesetzt war: in verführerischen und immer etwas düsteren Klängen, verherrlicht sie eine nostalgische und dunkle Romantik, in der sie mit den Merkmalen eines eigentlich längst vergangenen Amerikas kokettiert. Doch künstlerisch hat sie das - trotz ihrer bisher durchaus beachtlichen Leistungen - nie so nahezu perfekt auf den Punkt gebracht, wie auf ihrem diesjährigen Album "Ultraviolence". Noch konzentrierter, kunstvoller und schlüssiger, noch verführerischer, dunkler und zeitloser klingt das, was sie uns hier gezaubert hat. Gemeinsam mit Produzent Dan Auerbach (The Black Keys) ist ihr hier ein fast schon atemberaubend schönes Meisterstück gelungen, dass man so von ihr wohl kaum erwartet hatte. Da betrachte man nur mal so Eckpunkte wie das atmosphärische und hypnotische "West Coast" (♪♫♪), den schattigen und psychedelisch wundervollen Epos "Cruel World", das düster-melancholische und verführerisch schöne "Pretty When You Cry", das stellenweise majestätische und feierliche "Money Power Glory", die blumige und zugleich schwermütige Perle "Shades of Cool", das verträumte und schwelgerische "Brooklyn Baby", oder die zeitlos schöne und erhabene Ballade "Old Money". Und dennoch sei dem Leser die wirklich lohnenswerte Deluxe-Edition des Albums empfohlen, die zudem mit weiteren Perlen wie "Black Beauty" oder auch "Florida Kilos" aufwarten kann. Mit "Ultraviolence" hat es Lana Del Rey völlig zurecht so hoch in diese Liste geschafft - denn Dank dieses Albums, wird man die Amerikanerin künstlerisch wohl künftig noch viel ernster nehmen müssen, als man dies zuvor getan hat. Ganz großes Kino.




4. NENEH CHERRY - "BLANK PROJECT"

Heutzutage kann man ja manchmal schon froh sein, wenn sich jemand noch an Neneh Cherry erinnert. Nachdem die Schwedin in den späten 80ern mit Songs wie "Buffalo Stance" oder "Manchild" weltweite Hits landete, in den frühen 90ern Massive Attack finanzielle Starthilfe leistete und kurz darauf noch große Erfolge mit "7 Seconds" (im Duett mit Youssou N'Dur) oder "Woman" feierte, verloren sich die Spuren für die meisten. Nachdem sie daraufhin bei ihrem TripHop-Nebenprojekt CirKus unter geschlüpft war und zwischendurch für Gesangseinlagen bei den Gorillaz ("Kids With Guns") oder Kleerup ("Forever") vorbei schaute, war das erste richtige Lebenszeichen vor wenigen Jahren das Free-Jazz-Cover-Album "The Cherry Thing", in Kooperation mit dem schwedisch-norwegischen Jazz-Trio The Thing. Doch in diesem Jahr geschah das fast unglaubliche und Neneh Cherry veröffentlichte ihr offizielles viertes Studioalbum "Blank Project". Und das kam mit einer derartigen Qualität daher, dass sich das Warten von 18 Jahren (!) auf ein neues Album der Dame voll und ganz gelohnt hat. Aber auch in einem stilistisch ganz ungewohnten Gewand. War sie bei ihrem letzten Soloalbum schon nahezu im Mainstream-Pop angekommen, steht "Blank Projekt" in einer ganz anderen Tradition. Zusammen mit dem Elektro-Musiker Four Tet als Produzent, lässt sie sich hier von minimalistischer bis experimenteller Elektronik unterstützen. Mal funktioniert das wie im Opener "Across The Water" nur auf spartanische Beats gestützt, dann wieder mit minimalistischer Elektronik und polterndem Rhythmus, wie im Titelsong "Blank Project" (♪♫♪), bei "Naked" verbinden sich atmosphärisch minimalistische Produktion und Neneh's famoser Gesang zu einer fast zeitlosen Hymne, "422" offenbart uns eine getragene und hypnotische, von sanften Steeldrums begleitete Perle, und mit "Out of the Black" gibt's einen zum Teil analog klingenden Elektropop-Ohrwurm im Duett mit Robyn. Eigentlich hat man ja vorher gewusst - oder wenigstens gehofft - das ein neues Album von Neneh Cherry mit Sicherheit gut werden würde. Aber das sie nach 18-jähriger Solo-Pause mit ihrem persönlichen Meisterwerk zurück kehren würde, hätte man dann wohl doch nicht geahnt.




3. FKA TWIGS - "LP1"

Wer meinen Blog ein wenig verfolgt, dem wird wohl aufgefallen sein, dass ich nicht müde werde zu betonen, wie verdammt mies es weiten Teilen des R&B vor allem seit den 00er Jahren ging. Doch die Zeiten haben sich geändert - und damit auch die Spielregeln des R&B, der heute so kreativ klingen kann, wie nur selten zuvor. Eines der jüngsten Beispiele dafür, ist das diesjährige Debütalbum "LP1" der britischen Musikerin FKA twigs. Und es ist eine wahrhaft wundervolle und nicht selten gar atemberaubende Platte, die zeigt, dass es dem RnB wieder ganz hervorragend geht. Oft wird es aber auch in den PBR&B oder Alternative-R&B eingeordnet, was die Dame allgemein so treibt - und womit sie sich in eine ähnliche Tradition anderer junger Musiker wie Frank Ocean, The Weeknd oder Janelle Monaé einreiht: klassischer bis zeitgenössischer R&B, der aber kreativ mit allerlei bunten Zutaten, unterschiedlichen Stilen und auch unkonventionellen Strukturen experimentiert, und so zu einer ganz neuen Bedeutungsebene findet. Mit einem faszinierenden Gespür balanciert die Dame auf "LP1" geschickt auf den Schnittlinie zwischen Kunst und Pop, gießt dem Hörer zartschmelzende Melodien in die Ohren, während sie mit elektronisch geprägter Produktion und allerlei kleinen Effekten kunstvolle Akzente setzt. Dabei finden sich dann so musikalische Kostbarkeiten wie das atmosphärische und getragene "Lights On", die fantastische, von softer Elektronik unterfütterte Hymne "Two Weeks" (♪♫♪), das sinnliche und minimalistische, aber dennoch eindringliche "Hours", das eine Spur eingängiger ausgefallene und zum waschechten Hit gereichende "Video Girl", das atmosphärisch einnehmende "Closer", oder das auf seine sanfte, getragene Art und Weise facettenreiche und epische "Kicks". Und trotzdem ist es auch hier wieder die Gesatmwirkung des Albums, was einem als Hörer endgültig den Rest gibt: wie doch so oft, ist auch hier das Ganze mehr, als die Summe seiner Teile. Und selbst der noch so größte Meckerer und R&B-Feind wird bei "LP1" bedingungslos kapitulieren müssen, angesichts seiner künstlerischen Größe und Qualität, die - in meinen Augen - über jeden Zweifel erhaben sind.




2. D'ANGELO & THE VANGUARD - "BLACK MESSIAH"

Am 15. Dezember 2014 passierte etwas, womit die meisten Menschen wohl kaum gerechnet hatten: nachdem es wiederholt und über Jahre hinweg immer wieder verschoben wurde, erschien nach 14 Jahren (!) quasi urplötzlich das dritte Album des amerikanischen Soul- und Funk-Musikers D'Angelo. Mit seinen ersten beiden, von Hörern als auch Kritikern umfeierten Alben "Brown Sugar" (1995) und "Voodoo" (2000), wurde er zu einem der einflussreichsten Künstler des Neo-Soul - was ihm etwa Spitznamen wie "R&B-Jesus" einbrachte. Für Kenner und Fans des heute 40jährigen sollte es kaum eine Überraschung sein, dass er seiner künstlerischen Genialität auch auf seinem neuen Album treu bleibt - und auch seinen musikalischen  Referenzen: denn mit "Black Messiah" hat er ein R&B/Soul/Funk-Meisterstück aufgenommen, wie man es sich eigentlich schon lange von Prince gewünscht hatte. Doch stattdessen schenkt uns nun eben D'Angelo (hier offiziell als "D'Angelo & The Vanguard") diese Perle und (wenn ich mir diese abgedroschene Matapher hier mal erlauben darf) steigt wieder empor wie ein Phoenix aus der Asche. Und trotzdem "Black Messiah" die Gesamtwirkung einer sinnlich würzig duftenden und leidenschaftlich dampfenden Soul-R&B-Funk-Brühe erzeugt, so ist es dennoch facettenreich. Mal geht er wie auf "Ain't That Easy" unaufgeregte und funky-melodische Wege, während sich das fabelhafte "1000 Deaths" deutlich grooviger und komplexer arrangiert zeigt, zeitweilig fast skizzenhafte Züge aufweist, aber im Refrain dann als famoser Epos erstrahlt. "The Charade" (♪♫♪) erweist sich als verführerisches und unwiderstehlich süßes R&B-Meisterstück (bei dem unweigerlich wieder Erinnerungen an die großen Momente des bereits genannten Funk-Zwerges aufflammen), in "Sugar Daddy" trippelt er im Stepptanz über stimmungsvoll leichtfüßige Pianos und Bläser, und "Really Love" vereint sanfte Gitarren, Streicher und  leidenschaftlichen Gesang zu einem weiteren jungen Klassiker - was als Prädikat aber auch absolut zum großartigen "Another Life" passt, welches das Album abschließt. 
Das in den letzten Tagen eines Musikjahres völlig unerwartet eine bereits fast vergessene Größe zurück kehrt, und selbiges einmal kräftig von hinten aufrollt, erlebt man nun wirklich nicht alle Tage. So ein großes Album wie "Black Messiah" allerdings garantiert auch nicht.




1. PERFUME GENIUS - "TOO BRIGHT"
Kunst kann mindestens aus zwei völlig gegensätzlichen Quellen sprudeln, die aber durchaus beide ihre Vorzüge und Reize haben können: entweder ist sie ganz der Fantasie und dem Einfallsreichtum des Künstlers entsprungen, oder sie kommt eben direkt aus seinem Leben und seinen Erfahrungen. Der junge amerikanische Musiker Mike Hadreas alias Perfume Genius verfuhr schon seit jeher nach der zweiten Variante, denn er hatte nicht immer gerade ein sehr glückliches Leben - aber eine Menge Geschichten zu erzählen. Der offen schwule Musiker durchlebte eine Zeit als Drogenabhängiger, zog durch die Straßen und Gay-Clubs von New York, sah und erlebte Liebe, Schmerz, Trauer und Tod - und verarbeitete diese Erfahrungen von Anbeginn in seiner Musik, der somit schon immer ein meist tieftrauriger Klangcharakter innewohnte. Ob nun gleich auf dem bis auf die Knochen herunter geschälten Lo-Fi-Debüt "Learning" oder wenig später ebenso auf dem wundervollen, eine Spur cineastischer und hymnischer veranlagten Zweitwerk "Put Your Back N 2 It". Diese leichte, aber spürbare stilistische Weiterentwicklung trieb er auf seinem diesjährigen dritten Album "Too Bright" nun auf die bisherige künstlerische Spitze. So experimentell wie hier, hatte man den Herren bislang noch nicht erlebt. Daher ist es auch nicht so homogen wie seine Vorgänger: "Too Bright" ist zweifellos sein zerrissendstes und kontrastreichstes Werk - womit Perfume Genius aber die emotionale Tiefe und Bandbreite seiner Erfahrungen und somit auch Kompositionen noch deutlich erweitert. Das geht natürlich bei dem los, was man von ihm bisher kennt: diese ruhigen, wunderschönen und doch gleichzeitig bewegenden und traurigen Stücke, die einem nicht selten die eine oder andere Träne in die Augen treiben. So etwa der wunderbare Einstieg mit " I Decline" oder später die andächtig-wehmütige und in Teilen fast hymnische Ballade "No Good". Ebenso aber auch das gnadenlos fantastische und tränenziehende "Don't Let Them In", oder der tief melancholische und emotionale Titelsong "Too Bright". 



Doch auch deutlich pop-orientiertere und noch komplexer arrangierte Stücke hat er hier zu bieten, die in seinem Klang-Universum bisher gänzlich unbekannt waren - und die er dennoch grandios beherrscht. Deutlich zu hören etwa in der ersten Single "Queen", die ganz hervorragend als fast schon optimistisch anmutende, leicht barock angehauchte Indie-Pop-Nummer durchgeht. Im großartigen "Fool" offenbart sich uns zuerst eine melodisch schunkelnde Synthie-Perle, die sich nach einem sakral-schwebenden Mittelteil in einen fingerschnippenden Pop-Song verwandelt. Die zweite Single "Grid" zeigte sich auch mehr in Richtung Pop schielend, um diese Eingängigkeit aber sogleich durch einige eigenwillige und schrille Akzente wunderbar zu sabotieren. Und "Longpig" erweist sich als facettenreiches Synthie-Elektropop-Meisterstück, das soundästhetisch ein wenig an Musiker á la Kavinsky zu erinnern vermag. .



Und dann ist da noch eine andere, extrem dunkle Seite von Perfume Genius, die er in dieser Radikalität zuvor auch nie zum Ausdruck brachte. So etwa im großartigen und düster hymnischen "My Body", welches stellenweise ein wenig gen Industrial schielt, oder im getragenen und auf nahezu verstörende Art und Weise todtraurigen "I'm a Mother" - in das aber immer wieder ein paar sanfte Sonnenstrahlen hinein zu fallen scheinen. Das alles macht aus "Too Bright" ein dunkles und melancholisches, aber zugleich auch enorm schillerndes und experimentierfreudiges Werk, dass in meinem Musikjahr 2014 so prägnant hervor stach und so tiefe Wurzeln schlug, wie es kein anderes vermochte. In meinen Ohren ein wahres Meisterwerk und ein Album für die Seele.