♪♫♪ ...music makes the people come together... ♪♫♪

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Freitag, 8. November 2013

Besprochen: CELINE DION - "LOVED ME BACK TO LIFE"

 Irgendwie peinlich, aber trotzdem wahr:
Wer den Gefilden des sogenannten "Adult Contemporary Pop" nicht gänzlich abgeneigt sein sollte, der könnte mit "Loved Me Back To Life" nach langem wieder ein Album von Celine Dion entdecken, das man in der Tat gut finden kann!

Ob man sie nun mag oder nicht: an der kanadischen Sängerin Celine Dion ist wohl bislang niemand herum gekommen. Angefangen als Siegerin des Grand Prix Eurovision de la Chanson (heute: Eurovision Song Contest) im Jahr 1988 für die Schweiz, wurde sie vor allem im Verlaufe der 90er Jahre zu einem Superstar, der mit Hits wie "Think Twice", "Beauty and the Beast" (zum gleichnamigen Disney-Film), "Because You Loved Me", "It's All Coming Back To Me Now", dem Titanic-Titelsong "My Heart Will Go On", oder "That's The Way It Is" förmlich um sich warf. Und auch noch Anfang der 2000er konnte sie vor allem mit "A New Day Has Come" oder "Alive" ein paar Hits abwerfen. Doch dann war es auch bald eher ruhig um sie. Zwar blieb sie stets aktiv, absolvierte eine mehrjährige Show in Las Vegas, veröffentlichte Compilations, einige französische Alben, und 2007 dann ihr bislang letztes englisches Studioalbum "Taking Chances", das zwar schon ein wenig Aufmerksamkeit errang, welche aber keinesfalls an die alten Tage anknüpfen konnte - weder künstlerisch noch kommerziell. Die Sache ist ja auch die bei Celine Dion, dass sie nie die unbedingte Albumkünstlerin war. Eine ausführliche Best-of wird wohl mit Abstand das beste Album von ihr darstellen, gab es doch kein Album das man als ultimativ essentiell bezeichnen könnte - ein Album, das man gehört haben muss. Aber durchaus brachte sie manche Alben zustande, die man ohne weiteres als gut bezeichnen kann. Zu den französischen Alben, die in der Masse schon immer die vielseitigeren und persönlicheren zu sein schienen, zählen da etwa "Deux" (1995) und "S'il suffisait demair" (1998). Und bei den englischen Platten wären da wohl vor allem "Falling Into You" (1996) und "Let's Talk About Love" (1997) zu nennen. Vorausgesetzt natürlich, man hat ein offenes Ohr für den typischen Stil der Dame, den man gut als Adult Contemporary Pop bezeichnen könnte: quasi seichte und melodische Pop-Musik, die niemandem weh tut...und die man trotzdem gut finden kann. 6 Jahre ist ihr letztes englisches Album also nun bereits her - und just kommt Celine Dion mit ihrem neuen Album "Loved Me Back To Life" zurück, und vermutlich könnte sie hier wieder verstärkte Aufmerksamkeit erhalten. Für die könnte nämlich schon die Vorabsingle selbigen Namens sorgen: eine fabelhafte Pop-Nummer mit mitreißendem Refrain, die von niemand anderem als Sia Furler komponiert wurde! Celine Dion's wohl bester Song seit...mehr als 10 Jahren!

Und hört man sich dann auch das neue Album an, merkt man: die Frau hat sich auch hier nicht dumm angestellt! Verstehen wir uns nicht falsch...ich bin wohl der letzte der mit so etwas gerechnet hätte. Aber sie versucht durchaus ein wenig mit der Zeit zu gehen, ohne sich dabei aber zu weit von dem zu entfernen, was der Fan gemeinhin von ihr erwartet hat. Dabei wird die Musik aber wieder ein klein wenig jünger und...tja, man muss es so sagen: unpeinlicher! Als Beleg dafür dient etwa das ziemlich tolle "Somebody Loves Somebody" (♪♫♪): ein nicht gänzlich unkitschiger, aber eingängiger, mitreißender und beatiger Pop-Song, der ihr ohne weiteres einen neuen Hit bescheren könnte. Ebenfalls sehr gelungen ist "Incredible" (♪♫♪), ein warmes, melodisches und ganz wunderbares Pop-Duett mit Ne-Yo, oder auch das von selbigem komponierte und produzierte "Thank You" (♪♫♪)! Aber auch das vom Titel sehr ähnliche "Thankful" (♪♫♪) macht als leidenschaftliche Midtempo-Ballade eine sehr gute Figur. Ein paar Coverversionen hat sie hier zudem auch im Gepäck - die aber durchweg gut ausgewählt sind: mal ergeht sie sich äußerst solide an Daniel Merryweather's "Water on a Flame" (♪♫♪), macht sich auf enorm hörenswerte Weise Ivy Quainoo's "Breakaway" (♪♫♪) zu eigen (welches im übrigen von demselben schwedischen Songwriter-Team komponiert wurde, wie das auch hier enthaltene "Somebody Loves Somebody"), und Stevie Wonders "Overjoyed" (♪♫♪) hat sie dann kurzerhand mit selbigem im Duett neu eingespielt. 

Man darf mir jetzt gerne einen Hang zum Kitsch unterstellen, oder mich der zeitweiligen Geschmacksverirrung schuldig sprechen. Alles geschenkt! Aber nachdem ich als Teenie in den 90ern mal ein großer Fan der Frau war, und mit den 2000ern zunehmend bis fast vollständig den Bezug zu ihrer Musik verloren hatte, freue ich mich nun beinah schon, dass ich nach über 10 Jahren endlich mal wieder ein Album von Celine Dion gut finden kann. Natürlich ist "Loved Me Back To Life" nicht der ultimative Wurf geworden - auch dies ist kein Meisterwerk, das man unbedingt gehört haben muss. Aber es ist eine durchweg schöne Pop-Platte, die zwar auch nur eine Ansammlung unterschiedlicher Songs darstelltm aber immerhin sind es überwiegend gute Songs geworden! Und das ist bei Celine Dion ja bekanntlich alles andere als selbstverständlich. 








Donnerstag, 7. November 2013

Besprochen: LADY GAGA - "ARTPOP"

Mit "ARTPOP" wollte Lady Gaga den Gegenentwurf zu Andy Warhol's "Popart" kreieren - und ihr ist ein schillerndes und berauschendes Pop-Erlebnis gelungen, das seinen Namen zurecht trägt.

Ob man es nun wahrhaben will oder nicht, eines jedoch ist so sicher wie das Amen in der Kirche: Lady Gaga ist ein Pop-Phänomen, wie es die Musikwelt nur sehr selten erlebt. Denn auch der Zeitpunkt, in dem sie die Bühne betrat um die Welt zu erobern, war nahezu perfekt abgestimmt. In einer Zeit, als die bisher amtierenden Größen im Pop an ihren eigenen Krisen scheiterten und auf tragische Weise weg starben (Michael Jackson, Whitney Houston), ihnen sogar bereits der erste vielversprechende Nachwuchs folgte (Amy Winehouse), etablierte Größen allmählich anfingen auf der Stelle zu treten (leider: Madonna), und zeitgenössische Kollegen auf dem Markt vorherrschten, die aber trotz ihrer Qualitäten alle nicht so ganz das Zeug zum universellen Pop-Superhelden hatten (Britney Spears, Katy Perry, Rihanna) - und mittendrin trat die junge Frau Stefani Germanotta aus New York auf den Plan, und durchlebte die Metamorphose zum Kunstobjekt Lady Gaga! Doch wer hinter diesem "Phänomen Gaga" nur rein kommerzielle Überlegungen der Plattenindustrie witterte, sollte (hoffentlich) bis heute eines besseren belehrt worden sein. Denn mit ihren bisherigen hervorragenden Alben "The Fame/The Fame Monster" (2008/2009) und "Born This Way" (2011), und natürlich mit viel Eigenwilligkeit, Engagement, Talent und Hits, mutierte die einst unscheinbare junge Frau zu Lady Gaga: diesem kunstvollen Zwitterwesen aus Andy Warhol, David Bowie und Madonna. Und so machte sie sehr schnell unmissverständlich klar, dass eben die Schnittlinie zwischen Kunst und Pop, zwischen Stil und Trash ihre bevorzugte Heimat ist! Dieser Symbolik gibt sie sich insbesondere auf ihrem neuen und schon lange mit äußerster Spannung erwarteten, dritten Studioalbum hin: und nennt es kurzerhand "ARTPOP"! Und auch das Cover-Artwork drückt den Bezug auf deutlich Weise aus, welches vom amerikanischen Künstler Jeff Koons entworfen wurde: fast wie echt, hockt da die Skulptur einer nackten Lady Gaga, mit einer großen blauen Kugel zwischen ihren Beinen, während im Hintergrund Sandro Botticellis Gemälde "Die Geburt der Venus" (ca. 1486) zu explodieren und zersplittern scheint. Das ist ist ebenso Trash, Kitsch und Zumutung, wie auch Kreativität, Kunst und vor allem: Pop! Und auch den ersten musikalischen Vorgeschmack gab sie uns  längst mit der ersten Single "Applause" - ein großartiger und mitreißender Ohrwurm, der sich deutlich an Elementen des Eurodance bedient, gesanglich gar Brücken zu Annie Lennox und David Bowie schlägt, und zu den erfreulichsten Mainstream-Hits des bisherigen Jahres zählt.

Applause Official Video - LADY GAGA from Oguzhan Can on Vimeo.

Und so gibt dieser Song auf gewisse Weise auch den Weg des ganzen Albums vor: Gaga bleibt ihren Dance-Wurzeln treu, lässt sie aber weitere Verzweigungen in die verschiedensten Richtungen treiben. So nehme man etwa den Opener "Aura" (♪♫♪), der als Promotion-Beitrag zum Film "Machete Kills" ja bereits bekannt ist: anfangs geben noch psychedelisch anmutende Akustik- und Western-Gitarren den Ton an, ehe sich selbige in einem Strudel aus elektronischen Klängen und Techno-Elementen wiederfinden, die ein wenig an das Wirken von Justice oder Daft Punk erinnern, und ihrerseits in einen genialen Refrain münden. Und gleich darauf haut sie uns mit "Venus", welches ursprünglich als zweite Single gedacht war, einen derart mitreißenden Dancefloor-Kracher um die Ohren, dass es fast besoffen macht vor Freude. Mit "G.U.Y." (♪♫♪) - was herrlich pikanter Weise für "Girl Under You" steht - legt sie sogleich einen discoiden Elektro-Pop-Kracher nach, der auf Anhieb in die Glieder fährt.  Äußerst stark fällt auch "Sexxx Dreams" (♪♫♪) aus - kein Wunder, stand es doch neben "Applause" als erste Single zur Debatte, und sollte wenigstens mit einem späteren Release geadelt werden: ein genialer, zwischen fast mystisch wirkenden Versen, und blumig synthiepopigen Refrains pendelnder Vollblut-Ohrwurm. "Swine" (♪♫♪) ist dann vielleicht so etwas wie das neue "Scheiße", auf welchem sie glitzernde Synthesizer und melodischen Gesang mit acid-artiger Elektronik sabotiert, und auch selbst gesanglich mal kräftig aus der Haut fährt. Mit "Gypsy" (♪♫♪) lässt sie eine mitreißende Dance-Hymne vom Stapel, die sich als potentieller Hit und Floorfiller empfiehlt, und "Mary Jane Holland" (♪♫♪) schreitet als stolzer Dance-Pop mit 90s-Anleihen des Weges, während sie mit dem funky und soft housigen Titelsong "Artpop" (♪♫♪) fast schon bedächtig, aber mit Beat im Blut durch die Disco schwebt.



Lady Gaga schlägt zwischendurch aber auch andere Töne an, was diese bunte Songsammlung zu einer wahren Pop-Wundertüte anwachsen lässt. So ist "Jewels & Drugs" (♪♫♪) unter Mithilfe von T.I., Too Short und Twista stark dem HipHop-Gefilde zugeneigt. Doch die Herren legen hier eine respektable Leistung vor, werden von radikalen Elektro-Sounds begleitet - und immer wieder von Gaga's Einsätzen in Dance-Pop-Gefilde zurück gezerrt. Die zweite und aktuelle Single "Do What U Want" (♪♫♪) ist ja bereits als ganz fabelhafte, von R.Kelly im Duett begleitete RnB-Synthpop-Perle bekannt, in der Gaga stellenweise fast wie Christina Aguilera klingt. Und ein besonders heraus stechendes Highlight bietet die von Rick Rubin produzierte Ballade "Dope" (♪♫♪), welche nicht mehr als ein Piano, Gaga's Stimme und ein klein wenig softer Elektronik benötigt, um vollends zu überzeugen. 
  
Auch Gaga's jüngste künstlerische Kopfgeburt ist Pop as Pop can be, und steht seinen älteren Geschwistern in dieser Hinsicht in nichts nach. Und doch hat es sich seinen Titel verdient: denn trotz allem Zeitgeist, trotz aller Melodik und Eingängigkeit, lotet Gaga hier ein weiteres Mal ihre Grenzen im Pop aus, und zeigt stellenweise noch etwas mehr Mut zu Experiment und Eklektizismus. Das dies alles dabei stets den Massengeschmack anspricht, liegt bei einer Musikerin wie Lady Gaga jedoch auf der Hand - und erst recht bei einem angestrebten Konzept, wie bei "ARTPOP": es soll gar den Gegenentwurf zu Andy Warhol's "Popart" darstellen, und die Kunst ganz dem Pop ausliefern. Aber ist ihr das denn nun tatsächlich gelungen? Für die einen wird es moderne Pop-Kunst sein, für die anderen hingegen wird es immer Trash bleiben. Aber das ist doch gut so, denn auch das Pop-Phänomen Lady Gaga selbst, könnte weder ohne das eine, noch ohne das andere existieren. Und so ist ihr neues Album auch zu 100% Gaga: es ist künstlich und kunstvoll zugleich; es ist bunt, schrill, laut und gefühlvoll; es ist innovativ, zeitgemäß und radiotauglich - und recycelt sich dabei immer wieder quer durch die Musik- und auch Kunstgeschichte. Kurz: "ARTPOP"!



Samstag, 26. Oktober 2013

Besprochen: KATY PERRY - "PRISM"

Mission geglückt: mit ihrem neuen Album ist Katy Perry vermutlich das beste Pop-Album gelungen, das ihr nach einem Überflieger wie "Teenage Dream" überhaupt möglich war.

Die bisherige Karriere von Katy Perry konnte man ja nicht immer als allzu treffsicher bezeichnen. Ihr erstes Album, welches sie im Jahr 2001 noch unter ihrem bürgerlichen Namen Katy Hudson veröffentlichte, und vor allem aus christlich geprägtem Pop-Rock bestand (und auch gemeinhin spezifisch in der Sprate des Christian-Rock geführt wird), kann man sich getrost sparen. Das eigentliche Album mit dem ihre Karriere so richtig los ging, war dann ihr Zweitwerk "One of The Boys", das 7 Jahre später als erstes Album unter ihrem neuen Künstlernamen Katy Perry erschien - welches bei mir aber ebenfalls auf wenig Freude stieß. Schon Singles wie "I Kissed a Girl" oder "Hot & Cold" konnten mir keinerlei nennenswerte Gefühlsregung entlocken, und ließen mich doch ziemlich kalt. Allerdings konnte sie mit dessen Nachfolger endlich auch bei mir vollends punkten: ihr dritte Platte "Teenage Dream" (2010) sollte gar zu einem DER Pop-Alben seiner Zeit avancieren, welches zudem mindestens fünf US-No.1-Hits hervor brachte (es sind gar sechs No.1-Hits, wenn man die erweiterte Edition "Teenage Dream - The Complete Confection" mit zählt), die ihr auch weltweit enormen Erfolg bescheren sollten. Eine kleine, unwiderstehlich süße Dance-Pop-Offenbarung, welche sie vor allem unter kräftiger Mithilfe von Dr. Luke und dem schwedischen Hitmacher Max Martin (Britney Spears, Ace of Base, Backstreet Boys, *NSync) ins Leben rief. Bei diesem Team hat sie es auch auf ihrem nun brandneuen Album "Prism" weitestgehend belassen, sind doch die eben erwähnten Produzenten auch an nahezu allen Stücken der neuen Platte beteiligt. So auch schon an der Vorabsingle "Roar", die sich auf Anhieb als weiterer (US-No.1-)Hit behaupten konnte, und mit einer schicken Ohrwurm-Melodie glänzt.



Und dennoch ist der Gesamtsound ihres neuen Albums "Prism" ein etwas anderer als auf dem Vorgänger. Natürlich haut sie hier keine Experimente raus, aber der Fokus liegt nicht mehr ganz so explizit auf dem Dance-Pop-Level von "Teenage Dream" - auch wenn es hie und da ohne Frage auch tanzbar zur Sache geht. Als Paradebeispiel dafür steht vor allem "Walking On Air" (♪♫♪), welches sich deutlich auf den Eurodance der frühen 90er Jahre bezieht - und ohne weiteres einen Hit abgeben könnte. Und auch das famose und ohrwurmige "This Is How We Do" (♪♫♪) spielt mit ein paar ähnlichen Anleihen, während "Birthday" (♪♫♪) stimmungsvoll die funky Disco-Schiene bedient, und "International Smile" (♪♫♪) in mitreißend dancige, gar nahezu daft-punkige Sphären vorstößt. Aber auch andere Stile und Bezüge werden durchgespielt. So ergeht sie sich hier mal an eher klassisch zeitgenössischen Pop-Ohrwürmern, wie sie es etwa gelungen mit "Legendary Lovers" (♪♫♪), oder dem nachdenklich-schönen Pop-Nachruf "Ghost" (♪♫♪) vormacht. Es wird aber auch mal etwas HipHop/RnB-lastiger, wie auf "Dark Horse" (♪♫♪) zu hören - vom melodischen Standpunkt eine gelungene  Sache, nur die Produktion klingt irgendwie ziemlich 2002, und auch der Rap-Part von Juciy J wirkt ein wenig überflüssig. Doch auch gefühlvollere Pfade beschreitet sie auf "Prism" recht ausgiebig, was dann von hymnischem Midtempo, wie etwa der neuen und wunderbaren zweiten Single "Unconditionally", bis hin zur fast zeitlos schönen, und von Sia Furler co-komponierten Pop-Perle "Double Rainbow" (♪♫♪) reicht. 



Man wird zwar mit ziemlicher Sicherheit davon ausgehen können, dass "Prism" wohl nicht ganz so viele weltweite No.1-Hits abwerfen wird, wie dies sein Vorgänger tat - aber doch ist Katy Perry erneut eine stattliche Pop-Wundertüte gelungen, die womöglich das beste Album darstellt, dass ihr nach so einem Kracher mit "Teenage Dream" überhaupt möglich war. 





Samstag, 12. Oktober 2013

Inselplatten: ACE OF BASE - "HAPPY NATION (U.S. Version)" (1993)

Mit "Happy Nation" legte die schwedische Band Ace of Base in den frühen 90ern nicht nur ein bis heute unwiderstehliches Pop-Album vor, das sie zu den "Abba der 90er Jahre" machen sollte, sondern auch mit mehr als 30 Millionen verkauften Exemplaren eines der erfolgreichsten Debüts aller Zeiten!

Schon vor etwa einem Jahr widmete ich mich hier dem Debütalbum der schwedischen Band Ace of Base - doch nun, da sich auch der offizielle weltweite Release des Albums zum 20. Mal jährt (in Schweden erschien es bereits 1992, weltweit dann endgültig Ende 1993), will ich mich dem hier noch einmal umfassender widmen. Zunächst einmal ist es ja gar nicht so einfach, was genau man nun unter dem eigentlichen Debüt der Band versteht, liegen doch mindestens 3 unterschiedliche Fassungen davon vor. Ursprünglich erschien "Happy Nation" in Skandinavien im Dezember 1992, während der Release von selbiger Version dann im Frühjahr 1993 auch im restlichen Europa, Südafrika und Lateinamerika folgte. Nun stand vor allem noch der US-Markt aus, der dann aber auch endlich im November 1993 bedient wurde. Und so viel Europa mittlerweile auch kulturell mit den USA gemein hat, so musste hier doch wie so oft eine Extrawurst her: in Nordamerika erschien es unter dem Titel "The Sign", und zudem mit erweiterter und veränderter Tracklist! So wurden dieser Fassung 3 neue Songs beigefügt. Zeitgleich erschien aber auch für den Rest der Welt eine neue Fassung, die schlicht "Happy Nation (U.S. Version)" genannt wurde - auch wenn es streng genommen nicht die in Amerika vertriebene Fassung darstellte, und neben dem dort zusätzlich enthaltenen Material, noch ein paar weitere Songs enthielt. Puh...gar nicht so einfach. Aber, und das ist die Hauptsache: vor allem als "Happy Nation (U.S. Version)" ist ihnen ein nahezu unschlagbares Album gelungen. Nicht das das Original-Album an sich nicht schon hervorragend genug gewesen wäre, beinhaltete dies schon mehr Hits und perfekte Pop-Songs, als so manch ein anderes Album. Angefangen im Frühjar/Sommer 1993 mit der ersten Single "All That She Wants", die sich zum musikalischen Flächenbrand ausweitete. Ein sommerlicher, locker-flockiger und von Raggae und Dub beeniflusster Ohrfänger, der weltweit die Spitzen der Charts stürmte, und dies zum Teil für Monate (so wurde es zwar kein No.1-Hit in den USA, konnte sich dafür aber 3 Monate lang in den Top 3 halten). 


Im Sommer 1993 folgte dann die zweite, und sogar noch bessere Single "Wheel of Fortune" (♪♫♪), welche bis heute zum meinen ausgesprochenen Lieblingen des Quartetts zählt, ehe Ende 1993 mit dem Titelsong "Happy Nation" (♪♫♪) der dritte Hit in Folge dazu kam - und das durchweg zurecht, ist ihnen mit dieser etwas mystischer anmutenden Single doch ebenso ein ganz hervorragender Pop-Song gelungen, der dem nun mittlerweile typischen Stil der Band weiter folgte. Mit der neuen Fassung des Albums kamen aber noch ein paar weitere Hits  dazu, welche durchaus maßgeblich für den Erfolg des Quartetts werden sollten, und das eh schon famose Ursprungsmaterial noch zusätzlich massiv aufwerteten. So wurde etwa "Don't Turn Around" (♪♫♪) im Sommer 1994 weltweit ein großer Hit, und stellt die wohl erfolgreichste, als auch mir beste bekannte Version des Songs dar, welcher im Original von Tina Turner stammt - doch Ace of Base machten sich den Song in ihrer Fassung derart famos zu Eigen, dass man den Song heute niemand anderem mehr zuordnen würde. Im einstigen Sommer 1994 ohne Frage einer meiner persönlichen Lieblingssongs. Mit "Living in Danger" (♪♫♪) lieferten sie dann im Herbst selbigen Jahres einen etwas düstereren, und vor allem mal wieder fabelhaften weiteren Hit - für die heutige Internet-Generation schier unvorstellbar, dass ich als einstiger Teenager mehrere Wochen geduldig ausharrte, ehe die Single endlich beim Plattenhändler meines Vetrauens ankam, und ich sie stolz mein Eigentum nennen konnte. Doch allen voran war da natürlich der massive Welthit "The Sign", der im Frühjahr '94 als erste Single des neuen Materials erschien, und uns seinerzeit derart begeisterte, das wir uns sofort todsicher waren, es hier mit einem Pop-Klassiker zu tun zu haben. Bis heute ein perfekter Pop-Song. Punkt.

Ace Of Base - The Sign from TECHNOMANiAKO on Vimeo.

Doch das war nicht alles: auch neben diesen 6 Hits steckt doch noch ein wenig mehr in dem Album. Nicht nur das auch der ebenfalls auf dieser Version neue Dance-Pop-Song "Hear Me Calling" (♪♫♪) hohe Qualitäten aufwies (auf dem US-Album "The Sign" nicht enthalten), auch einige Songs, die noch von dem ganz ursprünglichen Release stammten, sind noch heute wärmstens zu empfehlen. Hierfür sollten vor allem das minimalistisch eurodancige "Young & Proud" (♪♫♪), das in Schweden als Single veröffentlichte "Waiting for Magic" (♪♫♪) (auf der neuen Version ist statt des Originals der ebenfalls sehr gute "Total Remix 7"" enthalten), oder der herrlich nach den frühen 90ern schmeckende Dance-Song "Dancer In a Daydream" (♪♫♪) Pate stehen. 
Auf den ersten Blick mag es "nachgeborenen" zwar vielleicht nicht unbedingt als Pop-Meilenstein gelten, aber wer näher hin hört, der merkt: "Happy Nation" war und ist bester 90s-Pop, der ohne Zweifel das Zeug hat, ebenso lange in der Gunst des Publikums zu bestehen, wie etwa die Musik ihrer Landsleute von ABBA. 

Zwar wurde ihre Musik gemeinhin grob der einst rollenden Eurdance-Welle zugeordnet, was aber nur die halbe Wahrheit ist. Zum einen hatten sie mit Denniz Pop einen seinerzeit hochkarätigen Pop-Produzenten an ihrer Seite, der in den 90ern auch Welthits von Dr. Alban ("It's My Life", "Sing Hallelujah"), den Backstreet Boys ("We've Got it Goin' On", "Everybody"), *NSync ("I Want You Back") oder Rednex ("Wish You Here") zu verantworten hatte. Zum anderen waren sie eine echte Band, die sich nicht aus von Produzenten aufgestellten Mitgliedern zusammen setzte, sondern aus den drei Geschwistern Linn, Jenny und Jonas Berggren, plus ihrem gemeinsamen Freund Ulf Ekberg. Und außerdem hatte die Band von anfang an ihren ganz eigenen Style, der sich doch deutlich vom einst gängigen Eurodance-Sound abhob. So wurde vor allem der deutliche Hang zu elektronisch erweiterten Raggae-Klängen zum typischen Markenzeichen der Band, der sich auch durch ihre ganze weitere Bandgeschichte ziehen sollte - und sogar zum Teil auch Lady Gaga beeinflusste. 
Auch das zweite Album "The Bridge", welches 1995 erschien, konnte mit fast ebenso hoher Qualität überzeugen, wenngleich es sich noch sträker dem eher klassischen Pop zuwandte - doch als sich kurz darauf die bisherige Frontfrau Linn plötzlich in den Hintergrund zurück zog, und ihrer Schwester Jenny das Rampenlicht überließ, fing es auch mit der Band selbst an zu schwächeln, was sich zuerst 1998 auf ihrem 3. Album "Flowers" deutlich machte. Und ihr letztes gemeinsames Album "Da Capo" von 2002, wurde dann leider nur noch eine kleine Fußnote im Schaffen der Band, welche sich daraufhin konsequent aus dem aktiven Musikgeschäft zurück zog. Einige Jahre darauf folgte der offizielle Ausstieg von Linn und Jenny, ehe die nun übrig gebliebenen Mitglieder Jonas und Ulf zwei neue Sängerinnen engagierten - und dem Andenken ihrer anfänglichen Größe mit dem 2010er Album "The Golden Ratio" einen derben Schlag versetzten. 

Und so bleibt "Happy Nation" das eine große, und von der Band selbst ewig unerreichte Album, das bis heute den Sound der frühen bis mittleren 90er so wunderbar widerspiegelt, dass man es als nichts geringeres betrachten muss, als eines der besten Pop-Platten seiner Zeit!



Freitag, 11. Oktober 2013

Besprochen: LORDE - "PURE HEROINE"

 Zum ausgehenden Musikjahr kommt die jugendliche Newcomerin Lorde daher, und rollt mit ihrem überraschend fantastischen Debütalbum das Feld von hinten auf!

Die junge Sängerin Lorde (die bürgerlich Ella Maria Lani Yelich-O'Connor heißt) dürfte ja sehr vielen da draußen nicht mehr unbekannt sein. In ihrer Heimat Neuseeland ist die erst 16 Jahre junge Dame schon ein Star, und kann dort bereits auf zwei No.1 Hits verweisen. Das sie erst 16 ist, hört man ihr aber nicht an - auch wenn sie durchaus mit ihrem mädchenhaften Charme kokettiert, was auch durch die Tatsache genährt wird, dass sie sich gesanglich nah am Kosmos einer Lana Del Rey bewegt. Doch ihr Sound ist ein anderer. Ihre Songs, die sie übrigens zum größten Teil selbst schreibt, orientieren sich vorrangig durchaus an melodischem Pop - aber sie inszeniert ihn vor allem durch eher sparsam arrangierte Sounds, und dem Einsatz von minimalistischer, softer Elektronik und Einflüssen aus Chillwave, Elektro- und Synthpop. Das kann dann zeitweilig musikalische Formen annehmen, die an britische Kollegen wie Massive Attack oder The xx denken lassen. Das machte sie schon gut mit ihrer zweiten und zudem äußerst famosen Single "Tennis Court" (♪♫♪) deutlich, welches der erste Song von ihr war, der mir vor einigen Wochen in die Ohren drang. Aktuell ist allerdings ihre erste Single "Royals" bei vielen auf heavy rotation, welche wohl bald auch international einschlagen wird - konnte der Song doch gerade die Pole Position der US-Single-Charts einnehmen! Ein minimalistischer, aber maximal wirkungsvoller Ohrfänger, den man so schnell nicht mehr aus den Ohren bekommt.


Und nun legt der Teenager sein Debüt-Album vor, welches den Titel "Pure Heroine" trägt - und wenn der Titel den Suchtfaktor umschreiben sollte, den das Album auszulösen imstande ist, dann ist er sehr gut gewählt. Denn diese hier 10 vorliegenden Stücke sind ohne weiteres dafür tauglich, den Grundstein für eine große Karriere zu legen. Die junge Dame beweist eine Menge Talent und vor allem: guten Geschmack! Hier hören wir keinen neuen Teenie-Star, der auch bald mit will.i.am oder Red One rummachen, und vornehmlich auf dem Cover der Bravo beheimatet sein wird. Nein, denn diese junge Dame zeigt wesentlich mehr Eigenständigkeit, gegen die auch ein derzeit gern zitierter Lana-Del-Rey-Vergleich nicht lange bestehen kann. Schon auf ihrem Erstlingswerk hat sie ihren eigenen Sound gefunden, der trotz einer gewissen Homogenität dennoch im Detail vielseitig ist. So kommt etwa das wunderbare "Ribs" (♪♫♪) auf aus der Ferne herüber hallenden, soft pumpenden Chillwave-Soundflächen daher geschwebt, während das grandiose "Buzzcut Season" (♪♫♪) mit herrlicher Melodie, soft elektronischem Beiwerk, und ein paar deutlichen Erinnerungen an Kollegen wie The xx daher kommt. Die neueste und dritte Single "Team" (♪♫♪) verdingt sich unterdessen als wunderbare und herrlich melodieverliebte Pop-Perle, die auf sanften Synthpop-Elementen und soft klöppelnden Beats basiert. Und "Glory And Gore" (♪♫♪) markiert ein weiteres Highlight, welches sich als famoser, und einprägsamer Pop-Song mit minimalistischer und hervorragender Produktion ausdrückt.

Ganz am Anfang mag es vielleicht "nur" eine überdurchschnittlich gute Pop-Platte sein. Doch hat man sie erst ein paar mal durch die Gehörgänge gleiten lassen, erkennt man: Lorde ist mit ihrem Debüt gar ein fantastischer Einstand gelungen, der den oft überfrachteten zeitgenössischen Pop wieder auf grundlegendere Elemente reduziert, und damit ein paar neue Spielregeln im zeitgenössischen Pop einführen könnte. Denn "Pure Heroine" ist Pop, dessen Herzstück der Song selbst, die Melodie und das Gefühl darin darstellt. Ohne all den falschen Produktionsbombast, der allzu oft über mangelnde Ideen hinweg täuschen soll. Lorde ist hier trotz ihres jungen Alters eine derart zeitlose und gleichzeitig zeitgemäße Pop-Platte gelungen, dass man sie ohne Zweifel zu einem DER Newcomer des Jahres erheben muss. Ein Album das süchtig macht!



Sonntag, 29. September 2013

Besprochen: JUSTIN TIMBERLAKE - "THE 20/20 EXPERIENCE - 2 OF 2"

 Der König ist tot, es lebe der König - Klappe, die Zweite:
Mit dem zweiten Teil seiner "The 20/20 Experience" kann Justin Timberlake das hohe Niveau des Vorgängers fast vollständig halten - und verlangt nun quasi endgültig nach dem offiziellen Titel des neuen King of Pop.

Es war ja zurecht eine große Aufregung, als Justin Timberlake im März diesen Jahres mit "The 20/20 Experience" sein 3. Album vorlegte. Nicht nur, dass er es nach seinen Anfängen bei N'Sync mit seinen ersten beiden Solo-Alben "Justified" (2002) und "Futuresex/Lovesounds" (2006) geschafft hatte, sich den Ruf als exzellenter und ernst zu nehmender Sänger, Songwriter und Produzent zu erarbeiten. Denn zudem war es seit Jahren still um ihn als Musiker geworden, während er sich mehr auf seine Schauspielkarriere konzentrierte ("The Social Network") - und so wurde der Hunger nach neuem Material fast ins unermessliche gesteigert. Ganze 7 Jahre sollte es bis zu neuem Solomaterial des jungen Mannes dauern - doch diese Wartezeit sollte sich lohnen. Denn was er da im Frühjahr vorlegte, war nichts geringeres als sein bisher bestes Album! Und es war eben deshalb so gut, weil er nicht - wie zuletzt auf dem Vorgänger - versuchte, den Sound des Pop der Zukunft zu kreieren, sondern sich auf Inhalt, Tiefe und Zeitlosigkeit konzentrierte. Aber das war dann auch noch lange nicht alles - denn schon kurz nach Veröffentlichung kam heraus, dass im Herbst ein weiteres neues Album kommen sollte: "The 20/20 Experience - 2 of 2" heißt das neue Album, dass nun den Vorgänger als großes Gesamtwerk komplettiert - passend dazu wird es mit Erscheinen der neuen Platte auch ein Paket geben, welches beide Alben enthält, und den Titel "The 20/20 Experience: The Complete Experience" tragen wird. Vorab gab es ja bereits die erste Single daraus zu hören, die ohne Zweifel wieder eine hervorragende war: der verdammt schicke und stark discoide RnB-Kracher "Take Back The Night", der deutlich an Michael Jacksons "Off The Wall"-Phase erinnert. Und er zeigt ganz klar, die diese Fußstapfen für ihn keineswegs zu groß sind!


Und hat man erst einmal das Album in ganzer Länge genossen, stellt sich eine vergleichbare Begeisterung ein, die auch schon den Vorgänger begleitete. Doch Obacht: auch hier ist für manch einen das mehrmalige Hören empfohlen, wodurch die unterschiedlichen Elemente der Musik, sowie ihre wahre Größe erst richtig zur Geltung kommen. Auf "The 20/20 Experience - 2 of 2" setzt Timberlake konsequent und erhobenen Hauptes eben den Weg fort, den er mit dem 1. Teil einschlug - und das ist auch verdammt nochmal die genau richtige Entscheidung gewesen. Wieder einmal verweigert er sich auch auf dem zweiten Teil überwiegend der radiofreundlichen Song-Spieldauer. Die kürzesten Stücke drehen sich um die 5-Minuten-Marke, während sich der Rest zwischen 7 und 10 Minuten abspielt! Und dennoch hört man gerade hier doch mehr oder weniger deutliche Bezüge zu seinen ersten beiden Werken, ohne sich dabei zu wiederholen, als vielmehr bewusste Bezüge zum eigenen Schaffen zu übernehmen, und für die Gegenwart neu aufzubereiten. So nehme man etwa die neue Single "TKO" (♪♫♪), welche einen fabelhaften Pop-Song darstellt, der doch recht deutlich an "Cry Me a River"-Zeiten erinnert. Währenddessen orientiert sich der funky und poppige Opener "Gimme What I Don't Know (I Want)" (♪♫♪) stärker an die "Futeresex/Lovesounds"-Phase, was man auch dem hervorragenden "True Blood" (♪♫♪) nachsagen kann: èin groovig produzierter Brocken von einem Song, der sich über fast 10 Minuten erstreckt. Doch das nutzt Justin mal wieder für etwas, was für ihn ja mittlerweile zum Markenzeichen wurde: wie schon auf beiden letzten Platten des häufigeren geschehen, arbeitet er auch hier wieder mit Breaks, sowie Stimmungs- und Stilwechseln. 

Als weiteres Highlight wäre vor allem "Amnesia" (♪♫♪) zu nennen, welches sich schnell als exzellenter Pop-Song zeigt, der durchaus Zeug und Klasse hätte, zu einem zukünftigen Klassiker zu avancieren - ein Single-Release wäre daher dringend erwünscht! Und auch "Only When I Walk Away" (♪♫♪), welches eine Spur "roher" inszeniert ist, und vermehrt von E-Gitarren ausgeschmückt wird (und sich nach dem Break zu einem groovigen und minimalistischen RnB-Meisterstück entwickelt), gibt ebenso einen echten Hingucker ab. Ach, und wenn das romantische Pop-Herz noch mehr braucht, kann es gen Ende wunderbar zum warmherzigen "Not a Bad Thing" (♪♫♪) dahin schmelzen - dem dann fast nahtlos als Hidden Track die nicht minder schöne, in zärtliche Akustikgitarren und Streichern gebettete Ballade "Pair of Wings" folgt.

Wenn man allerdings unbedingt Kritikpunkte sucht, findet man diese höchstens im direkten Vergleich zu seinem Vorgänger. So kann "The 20/20 Experience - 2 of 2" zwar ein durchweg hohes Niveau liefern, aber es wirkt möglicherweise nicht ganz so in sich geschlossen, wie dies sein Vorgänger tat - der Gesamtsound klingt vielleicht etwas relaxter als zuletzt, und womöglich nicht immer so unmittelbar zwingend. Doch damit soll seine Leistung in keinster Weise schlecht geredet werden - denn ohne die direkte Gegenüberstellung, die anhand des hier zugrunde liegenden Konzepts ja nur ganz natürlich ist, würde all dies vermutlich überhaupt nicht auffallen. So ist Justin mal wieder ein fabelhaftes Album, und zusammen genommen ein schlichtweg großartiges Gesamtwerk gelungen, mit dem er sich erneut weit von seiner (männlichen) Konkurrenz im zeitgenössischen Pop abhebt.


Besprochen; CASPER - "HINTERLAND"

 Casper gibt sich auf seinem neuen Album ganz der Weiterentwicklung hin - und schafft dabei einen weiteren kreativen Meisterstreich, der mehr als einfach nur HipHop ist.

Mit der Erwartungshaltung ist das ja immer so eine Sache! Gerade nach einem hoch umfeierten, und bestenfalls zudem auch sehr erfolgreichen Album, läuft fast ein jeder Künstler erst einmal Gefahr, den hoch gesteckten Erwartungen von Kritikern und Fans nicht gerecht werden zu können. Grob gesprochen geht es für den Künstler um die zentrale Frage, wie es danach weitergehen soll: Beständigkeit oder Weiterentwicklung? Beide Szenarien bergen eigene Risiken. Geht der Künstler den zuvor eingeschlagenen Weg nahtlos weiter, werden die einen loben, dass er sich selbst treu bleibt, während andere von künstlerischem Stillstand predigen. Geht er allerdings neue Wege, und schlägt den Pfad der Weiterentwicklung ein, werden manche ihm voll begeisterter Neugier folgen, während andere am Wegesrand hocken bleiben, und den "guten, alten Tagen" nachtrauern. Eines ist sicher: allen recht machen kann man es nie! Und dieses Schicksal wird vermutlich auch das neue Album "Hinterland" von Casper ereilen. Schon jetzt - erst kurz nach Veröffentlichung der neuen Platte - kann man alle nur denkbaren Meinungen von Fans und Hörern vernehmen. Denn Casper entschied sich hier eindeutig für die Weiterentwicklung. Wobei der junge und hoch talentierte Musiker auch mit seinem letzten, und sowohl umfeierten als auch höchst erfolgreichen Album "XOXO" in keine Schublade zu passen schien - zumindest nicht, ohne das Arme, Beine, Kopf und Arsch in alle Richtungen hinaus ragen sollten. Casper vereinte seine ganz eigene, unnachahmliche Art und Weise des Rappens mit größtenteils lebendigen bis tiefgründigen Texten, und kräftigen Bezügen zur Indie-Musik - und bündelte all dies zu einem hervorragenden Album, das auf gewisse Weise die Vorstellung von zeitgenössischem deutschen Rap neu definierte. Das war neu, frisch und in höchstem Maße sympathisch. Eindringlichkeit und Authentizität, statt falschen Posen und großkotzigen HipHop-Klischees. Ja, man war und ist gar gewillt, sich hier der Genre-Bezeichnung "HipHop" gänzlich zu verweigern. Denn "XOXO" war so viel mehr als das. Und auf "Hinterland" entwickelt er sich noch eine ganze Ecke weiter - und ich kann zumindest für mich sprechen, wenn ich sage: man möchte ihn in den Arm nehmen, und ihm unablässig für die Entscheidung danken! Hätte er genauso weiter gemacht wie zuletzt, hätte er es schwer gehabt, dem direkten Vergleich zum Vorgänger zu bestehen. So entgeht "Hinterland" dem auf gewisse Weise, indem er neue Wege erforscht, und dennoch gleichzeitig ganz er selbst bleibt. Er flirtet auch hier wieder deutlich mit Elementen des Indie, wie er das schon auf der ersten Single "Im Ascheregen" verdeutlichte: ein famoses und eindringliches Meisterstück, dass nicht allzu weit vom einem Klangkosmos á la Coldplay & Co. entfernt ist, und der inhaltlich durchaus Raum für Interpretationen lässt.


Und ähnlich fabelhaft ging es dann auch sogleich auf der zweiten Vorab-Single weiter: der großartige Titelsong "Hinterland" (♪♫♪), der einen nachdenklichen Text mit Folk-Pop-Anleihen anreichert. Das machte ja allein schon großen Hunger - den Casper aber mit dem restlichen Album vortrefflich zu stillen vermag, indem er uns ein reichhaltiges und abwechslungsreiches 11-Gänge-Menü serviert, das ein wahrer Gaumenschmaus für Musikliebhaber sein kann. So geht er auf "...Nach der Demo ging's bergab!" äußerst stimmungsvoll mit irgendwie beatlesk anmutenden, beherzten Pianos und Bläsern zu Werke, und auf "Jambalaya" legt er ein schickes, mitreißend party-taugliches Tempo auf's Parkett, während eine Art Cheerleader-Chor ein paar herrliche Reime skandiert. Im tief melancholischen und ebenso famosen "Lux Lisbon" lässt er sich SEHR gelungen von Editors-Frontmann Tom Smith begleiten, mit "Ariel" gibt er ein nachdenkliches, eindringliches und fast schwebendes Highlight zum Besten, gemeinsam mit Kraftclub gestaltet er "Ganz schön okay" zu einem weiteren potentiellen Hit, und mit "La Rue Morgue" versprüht er eine herrlich angestaubte Art von Nachtclub-Atmosphäre, die sich u.a. aus summenden und singenden Chören, Akustikgitarren, Retro-Orgeln und erhabenen Bläsern zusammen fügt.  Und wenn man denkt, das man das Beste schon gehört hat, entlässt er uns zum Finale mit dem tadellosen Closer "Endlich angekommen" aus dem neuen Album, in dem er auf melancholisch-schöne Weise, und über eine Spiellänge von fast epischen 6½ Minuten, seinen eigenen rasanten Aufstieg reflektiert.

Man kann sich eigentlich nur freuen über dieses Album, in dem er noch mehr verschiedene Zutaten als zuletzt zu einem äußerst schmackhaften Indie-HipPop-Süppchen zusammen rührt, und noch konsequenter die eigentlich so eng abgesteckten Grenzen seines musikalischen Umfeldes ignoriert. Man kann allerdings natürlich auch weiterhin dem Sound früherer Tage nach jammern, und "Hinterland" in die hintersten Winkel des musikalischen Langzeitgedächtnisses verbannen - nur verpasst man dann auch leider ein tolles Album, das qualitativ die deutsche HipHop-Szene mal wieder kräftig aufmischen wird.