♪♫♪ ...music makes the people come together... ♪♫♪

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Samstag, 26. Oktober 2013

Besprochen: KATY PERRY - "PRISM"

Mission geglückt: mit ihrem neuen Album ist Katy Perry vermutlich das beste Pop-Album gelungen, das ihr nach einem Überflieger wie "Teenage Dream" überhaupt möglich war.

Die bisherige Karriere von Katy Perry konnte man ja nicht immer als allzu treffsicher bezeichnen. Ihr erstes Album, welches sie im Jahr 2001 noch unter ihrem bürgerlichen Namen Katy Hudson veröffentlichte, und vor allem aus christlich geprägtem Pop-Rock bestand (und auch gemeinhin spezifisch in der Sprate des Christian-Rock geführt wird), kann man sich getrost sparen. Das eigentliche Album mit dem ihre Karriere so richtig los ging, war dann ihr Zweitwerk "One of The Boys", das 7 Jahre später als erstes Album unter ihrem neuen Künstlernamen Katy Perry erschien - welches bei mir aber ebenfalls auf wenig Freude stieß. Schon Singles wie "I Kissed a Girl" oder "Hot & Cold" konnten mir keinerlei nennenswerte Gefühlsregung entlocken, und ließen mich doch ziemlich kalt. Allerdings konnte sie mit dessen Nachfolger endlich auch bei mir vollends punkten: ihr dritte Platte "Teenage Dream" (2010) sollte gar zu einem DER Pop-Alben seiner Zeit avancieren, welches zudem mindestens fünf US-No.1-Hits hervor brachte (es sind gar sechs No.1-Hits, wenn man die erweiterte Edition "Teenage Dream - The Complete Confection" mit zählt), die ihr auch weltweit enormen Erfolg bescheren sollten. Eine kleine, unwiderstehlich süße Dance-Pop-Offenbarung, welche sie vor allem unter kräftiger Mithilfe von Dr. Luke und dem schwedischen Hitmacher Max Martin (Britney Spears, Ace of Base, Backstreet Boys, *NSync) ins Leben rief. Bei diesem Team hat sie es auch auf ihrem nun brandneuen Album "Prism" weitestgehend belassen, sind doch die eben erwähnten Produzenten auch an nahezu allen Stücken der neuen Platte beteiligt. So auch schon an der Vorabsingle "Roar", die sich auf Anhieb als weiterer (US-No.1-)Hit behaupten konnte, und mit einer schicken Ohrwurm-Melodie glänzt.



Und dennoch ist der Gesamtsound ihres neuen Albums "Prism" ein etwas anderer als auf dem Vorgänger. Natürlich haut sie hier keine Experimente raus, aber der Fokus liegt nicht mehr ganz so explizit auf dem Dance-Pop-Level von "Teenage Dream" - auch wenn es hie und da ohne Frage auch tanzbar zur Sache geht. Als Paradebeispiel dafür steht vor allem "Walking On Air" (♪♫♪), welches sich deutlich auf den Eurodance der frühen 90er Jahre bezieht - und ohne weiteres einen Hit abgeben könnte. Und auch das famose und ohrwurmige "This Is How We Do" (♪♫♪) spielt mit ein paar ähnlichen Anleihen, während "Birthday" (♪♫♪) stimmungsvoll die funky Disco-Schiene bedient, und "International Smile" (♪♫♪) in mitreißend dancige, gar nahezu daft-punkige Sphären vorstößt. Aber auch andere Stile und Bezüge werden durchgespielt. So ergeht sie sich hier mal an eher klassisch zeitgenössischen Pop-Ohrwürmern, wie sie es etwa gelungen mit "Legendary Lovers" (♪♫♪), oder dem nachdenklich-schönen Pop-Nachruf "Ghost" (♪♫♪) vormacht. Es wird aber auch mal etwas HipHop/RnB-lastiger, wie auf "Dark Horse" (♪♫♪) zu hören - vom melodischen Standpunkt eine gelungene  Sache, nur die Produktion klingt irgendwie ziemlich 2002, und auch der Rap-Part von Juciy J wirkt ein wenig überflüssig. Doch auch gefühlvollere Pfade beschreitet sie auf "Prism" recht ausgiebig, was dann von hymnischem Midtempo, wie etwa der neuen und wunderbaren zweiten Single "Unconditionally", bis hin zur fast zeitlos schönen, und von Sia Furler co-komponierten Pop-Perle "Double Rainbow" (♪♫♪) reicht. 



Man wird zwar mit ziemlicher Sicherheit davon ausgehen können, dass "Prism" wohl nicht ganz so viele weltweite No.1-Hits abwerfen wird, wie dies sein Vorgänger tat - aber doch ist Katy Perry erneut eine stattliche Pop-Wundertüte gelungen, die womöglich das beste Album darstellt, dass ihr nach so einem Kracher mit "Teenage Dream" überhaupt möglich war. 





Samstag, 12. Oktober 2013

Inselplatten: ACE OF BASE - "HAPPY NATION (U.S. Version)" (1993)

Mit "Happy Nation" legte die schwedische Band Ace of Base in den frühen 90ern nicht nur ein bis heute unwiderstehliches Pop-Album vor, das sie zu den "Abba der 90er Jahre" machen sollte, sondern auch mit mehr als 30 Millionen verkauften Exemplaren eines der erfolgreichsten Debüts aller Zeiten!

Schon vor etwa einem Jahr widmete ich mich hier dem Debütalbum der schwedischen Band Ace of Base - doch nun, da sich auch der offizielle weltweite Release des Albums zum 20. Mal jährt (in Schweden erschien es bereits 1992, weltweit dann endgültig Ende 1993), will ich mich dem hier noch einmal umfassender widmen. Zunächst einmal ist es ja gar nicht so einfach, was genau man nun unter dem eigentlichen Debüt der Band versteht, liegen doch mindestens 3 unterschiedliche Fassungen davon vor. Ursprünglich erschien "Happy Nation" in Skandinavien im Dezember 1992, während der Release von selbiger Version dann im Frühjahr 1993 auch im restlichen Europa, Südafrika und Lateinamerika folgte. Nun stand vor allem noch der US-Markt aus, der dann aber auch endlich im November 1993 bedient wurde. Und so viel Europa mittlerweile auch kulturell mit den USA gemein hat, so musste hier doch wie so oft eine Extrawurst her: in Nordamerika erschien es unter dem Titel "The Sign", und zudem mit erweiterter und veränderter Tracklist! So wurden dieser Fassung 3 neue Songs beigefügt. Zeitgleich erschien aber auch für den Rest der Welt eine neue Fassung, die schlicht "Happy Nation (U.S. Version)" genannt wurde - auch wenn es streng genommen nicht die in Amerika vertriebene Fassung darstellte, und neben dem dort zusätzlich enthaltenen Material, noch ein paar weitere Songs enthielt. Puh...gar nicht so einfach. Aber, und das ist die Hauptsache: vor allem als "Happy Nation (U.S. Version)" ist ihnen ein nahezu unschlagbares Album gelungen. Nicht das das Original-Album an sich nicht schon hervorragend genug gewesen wäre, beinhaltete dies schon mehr Hits und perfekte Pop-Songs, als so manch ein anderes Album. Angefangen im Frühjar/Sommer 1993 mit der ersten Single "All That She Wants", die sich zum musikalischen Flächenbrand ausweitete. Ein sommerlicher, locker-flockiger und von Raggae und Dub beeniflusster Ohrfänger, der weltweit die Spitzen der Charts stürmte, und dies zum Teil für Monate (so wurde es zwar kein No.1-Hit in den USA, konnte sich dafür aber 3 Monate lang in den Top 3 halten). 


Im Sommer 1993 folgte dann die zweite, und sogar noch bessere Single "Wheel of Fortune" (♪♫♪), welche bis heute zum meinen ausgesprochenen Lieblingen des Quartetts zählt, ehe Ende 1993 mit dem Titelsong "Happy Nation" (♪♫♪) der dritte Hit in Folge dazu kam - und das durchweg zurecht, ist ihnen mit dieser etwas mystischer anmutenden Single doch ebenso ein ganz hervorragender Pop-Song gelungen, der dem nun mittlerweile typischen Stil der Band weiter folgte. Mit der neuen Fassung des Albums kamen aber noch ein paar weitere Hits  dazu, welche durchaus maßgeblich für den Erfolg des Quartetts werden sollten, und das eh schon famose Ursprungsmaterial noch zusätzlich massiv aufwerteten. So wurde etwa "Don't Turn Around" (♪♫♪) im Sommer 1994 weltweit ein großer Hit, und stellt die wohl erfolgreichste, als auch mir beste bekannte Version des Songs dar, welcher im Original von Tina Turner stammt - doch Ace of Base machten sich den Song in ihrer Fassung derart famos zu Eigen, dass man den Song heute niemand anderem mehr zuordnen würde. Im einstigen Sommer 1994 ohne Frage einer meiner persönlichen Lieblingssongs. Mit "Living in Danger" (♪♫♪) lieferten sie dann im Herbst selbigen Jahres einen etwas düstereren, und vor allem mal wieder fabelhaften weiteren Hit - für die heutige Internet-Generation schier unvorstellbar, dass ich als einstiger Teenager mehrere Wochen geduldig ausharrte, ehe die Single endlich beim Plattenhändler meines Vetrauens ankam, und ich sie stolz mein Eigentum nennen konnte. Doch allen voran war da natürlich der massive Welthit "The Sign", der im Frühjahr '94 als erste Single des neuen Materials erschien, und uns seinerzeit derart begeisterte, das wir uns sofort todsicher waren, es hier mit einem Pop-Klassiker zu tun zu haben. Bis heute ein perfekter Pop-Song. Punkt.

Ace Of Base - The Sign from TECHNOMANiAKO on Vimeo.

Doch das war nicht alles: auch neben diesen 6 Hits steckt doch noch ein wenig mehr in dem Album. Nicht nur das auch der ebenfalls auf dieser Version neue Dance-Pop-Song "Hear Me Calling" (♪♫♪) hohe Qualitäten aufwies (auf dem US-Album "The Sign" nicht enthalten), auch einige Songs, die noch von dem ganz ursprünglichen Release stammten, sind noch heute wärmstens zu empfehlen. Hierfür sollten vor allem das minimalistisch eurodancige "Young & Proud" (♪♫♪), das in Schweden als Single veröffentlichte "Waiting for Magic" (♪♫♪) (auf der neuen Version ist statt des Originals der ebenfalls sehr gute "Total Remix 7"" enthalten), oder der herrlich nach den frühen 90ern schmeckende Dance-Song "Dancer In a Daydream" (♪♫♪) Pate stehen. 
Auf den ersten Blick mag es "nachgeborenen" zwar vielleicht nicht unbedingt als Pop-Meilenstein gelten, aber wer näher hin hört, der merkt: "Happy Nation" war und ist bester 90s-Pop, der ohne Zweifel das Zeug hat, ebenso lange in der Gunst des Publikums zu bestehen, wie etwa die Musik ihrer Landsleute von ABBA. 

Zwar wurde ihre Musik gemeinhin grob der einst rollenden Eurdance-Welle zugeordnet, was aber nur die halbe Wahrheit ist. Zum einen hatten sie mit Denniz Pop einen seinerzeit hochkarätigen Pop-Produzenten an ihrer Seite, der in den 90ern auch Welthits von Dr. Alban ("It's My Life", "Sing Hallelujah"), den Backstreet Boys ("We've Got it Goin' On", "Everybody"), *NSync ("I Want You Back") oder Rednex ("Wish You Here") zu verantworten hatte. Zum anderen waren sie eine echte Band, die sich nicht aus von Produzenten aufgestellten Mitgliedern zusammen setzte, sondern aus den drei Geschwistern Linn, Jenny und Jonas Berggren, plus ihrem gemeinsamen Freund Ulf Ekberg. Und außerdem hatte die Band von anfang an ihren ganz eigenen Style, der sich doch deutlich vom einst gängigen Eurodance-Sound abhob. So wurde vor allem der deutliche Hang zu elektronisch erweiterten Raggae-Klängen zum typischen Markenzeichen der Band, der sich auch durch ihre ganze weitere Bandgeschichte ziehen sollte - und sogar zum Teil auch Lady Gaga beeinflusste. 
Auch das zweite Album "The Bridge", welches 1995 erschien, konnte mit fast ebenso hoher Qualität überzeugen, wenngleich es sich noch sträker dem eher klassischen Pop zuwandte - doch als sich kurz darauf die bisherige Frontfrau Linn plötzlich in den Hintergrund zurück zog, und ihrer Schwester Jenny das Rampenlicht überließ, fing es auch mit der Band selbst an zu schwächeln, was sich zuerst 1998 auf ihrem 3. Album "Flowers" deutlich machte. Und ihr letztes gemeinsames Album "Da Capo" von 2002, wurde dann leider nur noch eine kleine Fußnote im Schaffen der Band, welche sich daraufhin konsequent aus dem aktiven Musikgeschäft zurück zog. Einige Jahre darauf folgte der offizielle Ausstieg von Linn und Jenny, ehe die nun übrig gebliebenen Mitglieder Jonas und Ulf zwei neue Sängerinnen engagierten - und dem Andenken ihrer anfänglichen Größe mit dem 2010er Album "The Golden Ratio" einen derben Schlag versetzten. 

Und so bleibt "Happy Nation" das eine große, und von der Band selbst ewig unerreichte Album, das bis heute den Sound der frühen bis mittleren 90er so wunderbar widerspiegelt, dass man es als nichts geringeres betrachten muss, als eines der besten Pop-Platten seiner Zeit!



Freitag, 11. Oktober 2013

Besprochen: LORDE - "PURE HEROINE"

 Zum ausgehenden Musikjahr kommt die jugendliche Newcomerin Lorde daher, und rollt mit ihrem überraschend fantastischen Debütalbum das Feld von hinten auf!

Die junge Sängerin Lorde (die bürgerlich Ella Maria Lani Yelich-O'Connor heißt) dürfte ja sehr vielen da draußen nicht mehr unbekannt sein. In ihrer Heimat Neuseeland ist die erst 16 Jahre junge Dame schon ein Star, und kann dort bereits auf zwei No.1 Hits verweisen. Das sie erst 16 ist, hört man ihr aber nicht an - auch wenn sie durchaus mit ihrem mädchenhaften Charme kokettiert, was auch durch die Tatsache genährt wird, dass sie sich gesanglich nah am Kosmos einer Lana Del Rey bewegt. Doch ihr Sound ist ein anderer. Ihre Songs, die sie übrigens zum größten Teil selbst schreibt, orientieren sich vorrangig durchaus an melodischem Pop - aber sie inszeniert ihn vor allem durch eher sparsam arrangierte Sounds, und dem Einsatz von minimalistischer, softer Elektronik und Einflüssen aus Chillwave, Elektro- und Synthpop. Das kann dann zeitweilig musikalische Formen annehmen, die an britische Kollegen wie Massive Attack oder The xx denken lassen. Das machte sie schon gut mit ihrer zweiten und zudem äußerst famosen Single "Tennis Court" (♪♫♪) deutlich, welches der erste Song von ihr war, der mir vor einigen Wochen in die Ohren drang. Aktuell ist allerdings ihre erste Single "Royals" bei vielen auf heavy rotation, welche wohl bald auch international einschlagen wird - konnte der Song doch gerade die Pole Position der US-Single-Charts einnehmen! Ein minimalistischer, aber maximal wirkungsvoller Ohrfänger, den man so schnell nicht mehr aus den Ohren bekommt.


Und nun legt der Teenager sein Debüt-Album vor, welches den Titel "Pure Heroine" trägt - und wenn der Titel den Suchtfaktor umschreiben sollte, den das Album auszulösen imstande ist, dann ist er sehr gut gewählt. Denn diese hier 10 vorliegenden Stücke sind ohne weiteres dafür tauglich, den Grundstein für eine große Karriere zu legen. Die junge Dame beweist eine Menge Talent und vor allem: guten Geschmack! Hier hören wir keinen neuen Teenie-Star, der auch bald mit will.i.am oder Red One rummachen, und vornehmlich auf dem Cover der Bravo beheimatet sein wird. Nein, denn diese junge Dame zeigt wesentlich mehr Eigenständigkeit, gegen die auch ein derzeit gern zitierter Lana-Del-Rey-Vergleich nicht lange bestehen kann. Schon auf ihrem Erstlingswerk hat sie ihren eigenen Sound gefunden, der trotz einer gewissen Homogenität dennoch im Detail vielseitig ist. So kommt etwa das wunderbare "Ribs" (♪♫♪) auf aus der Ferne herüber hallenden, soft pumpenden Chillwave-Soundflächen daher geschwebt, während das grandiose "Buzzcut Season" (♪♫♪) mit herrlicher Melodie, soft elektronischem Beiwerk, und ein paar deutlichen Erinnerungen an Kollegen wie The xx daher kommt. Die neueste und dritte Single "Team" (♪♫♪) verdingt sich unterdessen als wunderbare und herrlich melodieverliebte Pop-Perle, die auf sanften Synthpop-Elementen und soft klöppelnden Beats basiert. Und "Glory And Gore" (♪♫♪) markiert ein weiteres Highlight, welches sich als famoser, und einprägsamer Pop-Song mit minimalistischer und hervorragender Produktion ausdrückt.

Ganz am Anfang mag es vielleicht "nur" eine überdurchschnittlich gute Pop-Platte sein. Doch hat man sie erst ein paar mal durch die Gehörgänge gleiten lassen, erkennt man: Lorde ist mit ihrem Debüt gar ein fantastischer Einstand gelungen, der den oft überfrachteten zeitgenössischen Pop wieder auf grundlegendere Elemente reduziert, und damit ein paar neue Spielregeln im zeitgenössischen Pop einführen könnte. Denn "Pure Heroine" ist Pop, dessen Herzstück der Song selbst, die Melodie und das Gefühl darin darstellt. Ohne all den falschen Produktionsbombast, der allzu oft über mangelnde Ideen hinweg täuschen soll. Lorde ist hier trotz ihres jungen Alters eine derart zeitlose und gleichzeitig zeitgemäße Pop-Platte gelungen, dass man sie ohne Zweifel zu einem DER Newcomer des Jahres erheben muss. Ein Album das süchtig macht!



Sonntag, 29. September 2013

Besprochen: JUSTIN TIMBERLAKE - "THE 20/20 EXPERIENCE - 2 OF 2"

 Der König ist tot, es lebe der König - Klappe, die Zweite:
Mit dem zweiten Teil seiner "The 20/20 Experience" kann Justin Timberlake das hohe Niveau des Vorgängers fast vollständig halten - und verlangt nun quasi endgültig nach dem offiziellen Titel des neuen King of Pop.

Es war ja zurecht eine große Aufregung, als Justin Timberlake im März diesen Jahres mit "The 20/20 Experience" sein 3. Album vorlegte. Nicht nur, dass er es nach seinen Anfängen bei N'Sync mit seinen ersten beiden Solo-Alben "Justified" (2002) und "Futuresex/Lovesounds" (2006) geschafft hatte, sich den Ruf als exzellenter und ernst zu nehmender Sänger, Songwriter und Produzent zu erarbeiten. Denn zudem war es seit Jahren still um ihn als Musiker geworden, während er sich mehr auf seine Schauspielkarriere konzentrierte ("The Social Network") - und so wurde der Hunger nach neuem Material fast ins unermessliche gesteigert. Ganze 7 Jahre sollte es bis zu neuem Solomaterial des jungen Mannes dauern - doch diese Wartezeit sollte sich lohnen. Denn was er da im Frühjahr vorlegte, war nichts geringeres als sein bisher bestes Album! Und es war eben deshalb so gut, weil er nicht - wie zuletzt auf dem Vorgänger - versuchte, den Sound des Pop der Zukunft zu kreieren, sondern sich auf Inhalt, Tiefe und Zeitlosigkeit konzentrierte. Aber das war dann auch noch lange nicht alles - denn schon kurz nach Veröffentlichung kam heraus, dass im Herbst ein weiteres neues Album kommen sollte: "The 20/20 Experience - 2 of 2" heißt das neue Album, dass nun den Vorgänger als großes Gesamtwerk komplettiert - passend dazu wird es mit Erscheinen der neuen Platte auch ein Paket geben, welches beide Alben enthält, und den Titel "The 20/20 Experience: The Complete Experience" tragen wird. Vorab gab es ja bereits die erste Single daraus zu hören, die ohne Zweifel wieder eine hervorragende war: der verdammt schicke und stark discoide RnB-Kracher "Take Back The Night", der deutlich an Michael Jacksons "Off The Wall"-Phase erinnert. Und er zeigt ganz klar, die diese Fußstapfen für ihn keineswegs zu groß sind!


Und hat man erst einmal das Album in ganzer Länge genossen, stellt sich eine vergleichbare Begeisterung ein, die auch schon den Vorgänger begleitete. Doch Obacht: auch hier ist für manch einen das mehrmalige Hören empfohlen, wodurch die unterschiedlichen Elemente der Musik, sowie ihre wahre Größe erst richtig zur Geltung kommen. Auf "The 20/20 Experience - 2 of 2" setzt Timberlake konsequent und erhobenen Hauptes eben den Weg fort, den er mit dem 1. Teil einschlug - und das ist auch verdammt nochmal die genau richtige Entscheidung gewesen. Wieder einmal verweigert er sich auch auf dem zweiten Teil überwiegend der radiofreundlichen Song-Spieldauer. Die kürzesten Stücke drehen sich um die 5-Minuten-Marke, während sich der Rest zwischen 7 und 10 Minuten abspielt! Und dennoch hört man gerade hier doch mehr oder weniger deutliche Bezüge zu seinen ersten beiden Werken, ohne sich dabei zu wiederholen, als vielmehr bewusste Bezüge zum eigenen Schaffen zu übernehmen, und für die Gegenwart neu aufzubereiten. So nehme man etwa die neue Single "TKO" (♪♫♪), welche einen fabelhaften Pop-Song darstellt, der doch recht deutlich an "Cry Me a River"-Zeiten erinnert. Währenddessen orientiert sich der funky und poppige Opener "Gimme What I Don't Know (I Want)" (♪♫♪) stärker an die "Futeresex/Lovesounds"-Phase, was man auch dem hervorragenden "True Blood" (♪♫♪) nachsagen kann: èin groovig produzierter Brocken von einem Song, der sich über fast 10 Minuten erstreckt. Doch das nutzt Justin mal wieder für etwas, was für ihn ja mittlerweile zum Markenzeichen wurde: wie schon auf beiden letzten Platten des häufigeren geschehen, arbeitet er auch hier wieder mit Breaks, sowie Stimmungs- und Stilwechseln. 

Als weiteres Highlight wäre vor allem "Amnesia" (♪♫♪) zu nennen, welches sich schnell als exzellenter Pop-Song zeigt, der durchaus Zeug und Klasse hätte, zu einem zukünftigen Klassiker zu avancieren - ein Single-Release wäre daher dringend erwünscht! Und auch "Only When I Walk Away" (♪♫♪), welches eine Spur "roher" inszeniert ist, und vermehrt von E-Gitarren ausgeschmückt wird (und sich nach dem Break zu einem groovigen und minimalistischen RnB-Meisterstück entwickelt), gibt ebenso einen echten Hingucker ab. Ach, und wenn das romantische Pop-Herz noch mehr braucht, kann es gen Ende wunderbar zum warmherzigen "Not a Bad Thing" (♪♫♪) dahin schmelzen - dem dann fast nahtlos als Hidden Track die nicht minder schöne, in zärtliche Akustikgitarren und Streichern gebettete Ballade "Pair of Wings" folgt.

Wenn man allerdings unbedingt Kritikpunkte sucht, findet man diese höchstens im direkten Vergleich zu seinem Vorgänger. So kann "The 20/20 Experience - 2 of 2" zwar ein durchweg hohes Niveau liefern, aber es wirkt möglicherweise nicht ganz so in sich geschlossen, wie dies sein Vorgänger tat - der Gesamtsound klingt vielleicht etwas relaxter als zuletzt, und womöglich nicht immer so unmittelbar zwingend. Doch damit soll seine Leistung in keinster Weise schlecht geredet werden - denn ohne die direkte Gegenüberstellung, die anhand des hier zugrunde liegenden Konzepts ja nur ganz natürlich ist, würde all dies vermutlich überhaupt nicht auffallen. So ist Justin mal wieder ein fabelhaftes Album, und zusammen genommen ein schlichtweg großartiges Gesamtwerk gelungen, mit dem er sich erneut weit von seiner (männlichen) Konkurrenz im zeitgenössischen Pop abhebt.


Besprochen; CASPER - "HINTERLAND"

 Casper gibt sich auf seinem neuen Album ganz der Weiterentwicklung hin - und schafft dabei einen weiteren kreativen Meisterstreich, der mehr als einfach nur HipHop ist.

Mit der Erwartungshaltung ist das ja immer so eine Sache! Gerade nach einem hoch umfeierten, und bestenfalls zudem auch sehr erfolgreichen Album, läuft fast ein jeder Künstler erst einmal Gefahr, den hoch gesteckten Erwartungen von Kritikern und Fans nicht gerecht werden zu können. Grob gesprochen geht es für den Künstler um die zentrale Frage, wie es danach weitergehen soll: Beständigkeit oder Weiterentwicklung? Beide Szenarien bergen eigene Risiken. Geht der Künstler den zuvor eingeschlagenen Weg nahtlos weiter, werden die einen loben, dass er sich selbst treu bleibt, während andere von künstlerischem Stillstand predigen. Geht er allerdings neue Wege, und schlägt den Pfad der Weiterentwicklung ein, werden manche ihm voll begeisterter Neugier folgen, während andere am Wegesrand hocken bleiben, und den "guten, alten Tagen" nachtrauern. Eines ist sicher: allen recht machen kann man es nie! Und dieses Schicksal wird vermutlich auch das neue Album "Hinterland" von Casper ereilen. Schon jetzt - erst kurz nach Veröffentlichung der neuen Platte - kann man alle nur denkbaren Meinungen von Fans und Hörern vernehmen. Denn Casper entschied sich hier eindeutig für die Weiterentwicklung. Wobei der junge und hoch talentierte Musiker auch mit seinem letzten, und sowohl umfeierten als auch höchst erfolgreichen Album "XOXO" in keine Schublade zu passen schien - zumindest nicht, ohne das Arme, Beine, Kopf und Arsch in alle Richtungen hinaus ragen sollten. Casper vereinte seine ganz eigene, unnachahmliche Art und Weise des Rappens mit größtenteils lebendigen bis tiefgründigen Texten, und kräftigen Bezügen zur Indie-Musik - und bündelte all dies zu einem hervorragenden Album, das auf gewisse Weise die Vorstellung von zeitgenössischem deutschen Rap neu definierte. Das war neu, frisch und in höchstem Maße sympathisch. Eindringlichkeit und Authentizität, statt falschen Posen und großkotzigen HipHop-Klischees. Ja, man war und ist gar gewillt, sich hier der Genre-Bezeichnung "HipHop" gänzlich zu verweigern. Denn "XOXO" war so viel mehr als das. Und auf "Hinterland" entwickelt er sich noch eine ganze Ecke weiter - und ich kann zumindest für mich sprechen, wenn ich sage: man möchte ihn in den Arm nehmen, und ihm unablässig für die Entscheidung danken! Hätte er genauso weiter gemacht wie zuletzt, hätte er es schwer gehabt, dem direkten Vergleich zum Vorgänger zu bestehen. So entgeht "Hinterland" dem auf gewisse Weise, indem er neue Wege erforscht, und dennoch gleichzeitig ganz er selbst bleibt. Er flirtet auch hier wieder deutlich mit Elementen des Indie, wie er das schon auf der ersten Single "Im Ascheregen" verdeutlichte: ein famoses und eindringliches Meisterstück, dass nicht allzu weit vom einem Klangkosmos á la Coldplay & Co. entfernt ist, und der inhaltlich durchaus Raum für Interpretationen lässt.


Und ähnlich fabelhaft ging es dann auch sogleich auf der zweiten Vorab-Single weiter: der großartige Titelsong "Hinterland" (♪♫♪), der einen nachdenklichen Text mit Folk-Pop-Anleihen anreichert. Das machte ja allein schon großen Hunger - den Casper aber mit dem restlichen Album vortrefflich zu stillen vermag, indem er uns ein reichhaltiges und abwechslungsreiches 11-Gänge-Menü serviert, das ein wahrer Gaumenschmaus für Musikliebhaber sein kann. So geht er auf "...Nach der Demo ging's bergab!" äußerst stimmungsvoll mit irgendwie beatlesk anmutenden, beherzten Pianos und Bläsern zu Werke, und auf "Jambalaya" legt er ein schickes, mitreißend party-taugliches Tempo auf's Parkett, während eine Art Cheerleader-Chor ein paar herrliche Reime skandiert. Im tief melancholischen und ebenso famosen "Lux Lisbon" lässt er sich SEHR gelungen von Editors-Frontmann Tom Smith begleiten, mit "Ariel" gibt er ein nachdenkliches, eindringliches und fast schwebendes Highlight zum Besten, gemeinsam mit Kraftclub gestaltet er "Ganz schön okay" zu einem weiteren potentiellen Hit, und mit "La Rue Morgue" versprüht er eine herrlich angestaubte Art von Nachtclub-Atmosphäre, die sich u.a. aus summenden und singenden Chören, Akustikgitarren, Retro-Orgeln und erhabenen Bläsern zusammen fügt.  Und wenn man denkt, das man das Beste schon gehört hat, entlässt er uns zum Finale mit dem tadellosen Closer "Endlich angekommen" aus dem neuen Album, in dem er auf melancholisch-schöne Weise, und über eine Spiellänge von fast epischen 6½ Minuten, seinen eigenen rasanten Aufstieg reflektiert.

Man kann sich eigentlich nur freuen über dieses Album, in dem er noch mehr verschiedene Zutaten als zuletzt zu einem äußerst schmackhaften Indie-HipPop-Süppchen zusammen rührt, und noch konsequenter die eigentlich so eng abgesteckten Grenzen seines musikalischen Umfeldes ignoriert. Man kann allerdings natürlich auch weiterhin dem Sound früherer Tage nach jammern, und "Hinterland" in die hintersten Winkel des musikalischen Langzeitgedächtnisses verbannen - nur verpasst man dann auch leider ein tolles Album, das qualitativ die deutsche HipHop-Szene mal wieder kräftig aufmischen wird. 

Donnerstag, 19. September 2013

Besprochen: ARCTIC MONKEYS - "AM"

Nachdem die Band auf ihrem letzten Album fast schon von sich selbst gelangweilt schien, finden die Arctic Monkeys auf ihrem neuesten Werk endlich wieder zu ihren alten Stärken zurück!

Es war einmal die sogenannte "England-Welle", wie sie seinerzeit gerne genannt wurde. Musikliebhaber werden diese kurze, aber äußerst fruchtbare Phase in der jüngeren Musikgeschichte noch gut in Erinnerung haben, in dem junge britische Bands plötzlich wieder so voller Elan, Inspiration und Dynamik zu Werke gingen, dass man schon fast glauben wollte, dass da irgendetwas im Trinkwasser sein musste. Gerne werden die betreffenden Bands auch als die "Class of 2005" bezeichnet - wobei es sich nicht allein auf dieses eine Jahr beschränkte. Denn die erste heftige Woge kam schon 2004 mit ordentlich Wucht herüber geschwappt, als Franz Ferdinand ihr zurecht umfeiertes Debüt vorlegten - und quasi den ersten Vorboten dessen darstellten, was da noch kommen sollte. Denn die massivste Flut folgte in der Tat im Jahr 2005, als nahezu im Takt von wenigen Wochen hervorragende Debütalben junger Bands das Licht der Welt erblickten: Bloc Party legten ihr Debüt vor, Pete Doherty erlebte ein grandiose künstlerische Wiedergeburt mit seinen Babyshambles, und auch Maximo Park, The Dead 60s, die Editors, Art Brut oder die Kaiser Chiefs mischten kräftig mit. Doch eine junge Band sollte noch kommen - denn im Jahr 2006 erschienen die einst pickeligen Milchgesichter von den Arctic Monkeys auf der Bildfläche, und stellten mit ihrem Debüt "Whatever People Say I Am, That's What I'm Not" fast alles in den Schatten, was im Jahr zuvor passiert war. Die Musikwelt stand Kopf in Anbetracht der Genialität, der songschreiberischen Raffinesse und dem jugendlichen Sturm und Drang dieses Meisterwerks. 
Nach und nach sollten sich aber viele der einstigen Hoffnungsträger zunehmend in die Bedeutungslosigkeit verabschieden - bei manchen ging das recht schnell, verkamen doch etwa die Kaiser Chiefs schon auf Album No.2 zur Freibier-Kombo. Bei anderen dauerte es etwas länger, scheiterten Franz Ferdinand und Maximo Park doch erst an ihren jeweils 3. Alben. Die Arctic Monkeys nahmen aber auch diese Hürde mit Leichtigkeit, und standen als eine der wenigen da, die von der einstigen Hype-Welle noch übrig waren. Noch! Denn ihr 4. und bislang letztes Album "Suck It And See" (2011) sollte ihr erstes wahrhaft schwieriges Album werden. Nicht das es schlecht gewesen wäre - aber trotz aller Qualitäten, die ohne Frage auch dieses Album besaß, wurde man dennoch den faden Beigeschmack nicht los. Irgendwie klang die Band hier streckenweise eher fad, ideenlos und uninspiriert. Es wirkte beinah so, als wäre die Band von sich selbst gelangweilt. Doch lange ließ die Band das nicht auf sich sitzen - denn schon im Februar letzten Jahres erschien mit "R U Mine" die erste Single des nun erscheinenden fünften Albums "AM" (die ursprünglich aber als Stand-Alone-Single gedacht war, dann aber doch in den Kontext des Albums übernommen wurde). Und das sollte wieder ein Kracher werden. Ein dynamischer Indie-Rock-Ohrfänger, der beinah die Energie ihrer ersten beiden Alben reanimieren konnte, und ein deutliches Zeichen setzte: man sollte die Jungs nicht vorzeitig abschreiben!

Arctic Monkeys - R U Mine? from blcktrcl on Vimeo.


Bis zum nächsten offiziellen musikalischen Lebenszeichen dauerte es dann zwar noch ein wenig, aber in diesem Sommer war es dann soweit, und die eigentliche Vorab-Single "Do I Wanna Know?" (♪♫♪) erschien - und auch dieser Song konnte durchweg überzeugen, auch wenn er nicht mit einer so mitreißenden Energie protzt, wie sein direkter Vorgänger. Ein Hit ist es aber dennoch. Und nun schieben die Jungs auch ihr 5. Studioalbum "AM" hinterher, von dem man ganz klar schon vorweg sagen muss: endlich ist es wieder ein WIRKLICH gutes Album geworden! Die Arctic Monkeys scheinen wieder ganz bei sich zu sein - was aber nicht bedeuten soll, dass sie eine Neufassung ihres Debüts aufgenommen haben. Wer das erwartet muss enttäuscht werden - oder eben auch nicht, denn wäre es nicht ein bisschen armselig, die eigenen Erfolge einfach nur zu kopieren? Doch ein schwächelndes Album hin oder her: mit Frontmann Alex Turner hat die Band wohl einen der besten und talentiertesten Songwriter, die die jüngere britische Musikgeschichte hervor gebracht hat. Und das zeigt er hier auch endlich wieder zu Genüge. So etwa mit dem atmosphärischen, leicht melancholisch-psychedelisch gefärbten  Indie-Popper "One For The Road" (♪♫♪), "Arabella" (♪♫♪) gibt einen sehr feinen, melodischen, und zudem äußerst dynamisch zu Werke gehenden Ohrwurm ab, und mit "Party Anthem No.1" (♪♫♪) ergehen sie sich entgegen der Aussage des Titels an keiner Party-Nummer, sondern an einer schwelgerischen Ballade, die ein wenig an die besseren Momente ihrer letzten Platte erinnert. Mittels "Fireside" (♪♫♪) beglücken sie uns mit einer warmen, melodischen, und dennoch nachdenklichen Psychedelic-Pop-Perle, die auch wunderbar auf ihr 3. Album "Humbug" gepasst hätte - eines der klaren Highlights der neuen Platte! Die neue Single "Why'd You Only Call Me When You're High?" (♪♫♪) trifft erneut als fabelhafter Indie-Pop-Ohrwurm direkt ins Schwarze, das genüsslich in die Beine gehende "Snap Out Of It" (♪♫♪) steht dem auch in kaum etwas nach, und "I Wanna Be Yours" (♪♫♪) gräbt sich als schwebende und erhabene Ballade auf Anhieb ins Langzeitgedächtnis. 

So machen die Arctic Monkeys deutlich klar, dass sie ihr Pulver noch längst nicht verschossen haben - und es passt ganz in den Geist der Zeit: Dank guter bis hervorragender neuer Platten von den Babyshambles, Franz Ferdinand oder Bloc Party, scheint die einstige "Class of 2005" gerade einen zweiten Frühling zu erleben. Und die Arctic Monkeys sind an vorderster Front mit dabei. 




Mittwoch, 18. September 2013

Besprochen: MGMT - "MGMT"

Am Anfang herrschte die Ratlosigkeit mit aller Macht, doch am Ende siegte die Kunst: das 3. Album von MGMT erweist sich nicht nur als Grower, sondern schnell auch als ein kleines, psychedelisches Meisterwerk!

Man kann bzw. sollte sogar Andrew VanWyngarden und Ben Goldwasser von MGMT, als DAS dynamische Duo des modernen Indiepop begreifen. Denn was die beiden Herren aus New York seit den vergangenen Jahren künstlerisch so veranstalten, spielt seit eh und je in einer ganz eigenen Liga. So konnten die beiden Herren mit ihrer Kunst nicht nur hartgesottene Musikliebhaber und weltweite Kritiker restlos überzeugen, ja sogar zu Lobhmynen und Begeisterungsstürmen verleiten, sondern auch den Mainstream für sich einnehmen - was sie einst mit "Time To Pretend" und vor allem "Kids" eindrucksvoll unter Beweis stellten. Diese beiden Hits stammten aus ihrem Debüt "Oracular Spectacular" aus dem Jahr 2008, dass zurecht hoch gelobt wurde. Und mit ihrem 2010er Zweitwerk "Congratulations" konnten sie diese künstlerische Leistung dann sogar noch toppen - und machten zudem ihre in Wirklichkeit eher unkommerziellen Interessen deutlich. Ein wenig genervt von der Tatsache, dass viele Leute sich nur mit den Hitsingles, aber nicht mit dem Album als Gesamtwerk beschäftigten, gaben die beiden schon im Vorfeld zu verstehen, dass es auf ihrem zweiten Album keinen Hit á la "Kids" geben werde - und man zudem keine Singles veröffentlicht, damit das Album von dem Hörer als eben das Gesamtwerk betrachtet würde, als welches es von ihnen erdacht war. Doch auch MGMT können wohl nicht aus ihrer Haut - denn hörte man das Album nur ein paar Mal, wurde schnell klar: es war in Wirklichkeit voll von Hits! Seitdem ist es etwas ruhiger geworden, und weitere 3 Jahre zogen ins Land - doch nun ist es endlich soweit, und MGMT legen uns ihr mit Spannung erwartetes drittes Album vor, dass sie schlicht und ergreifend nach sich selbst "MGMT" benannten. Und schon nach dem erstmaligen Genuss des neuen Albums wird einem klar, dass ihnen hier das gelungen ist, was sie eigentlich für ihr letztes Album geplant hatten: denn wirkliche Hits sucht man hier vergeblich! Sicherlich gibt es ein paar Hingucker, die dem nahe kommen. So etwa das durchweg großartige, von Kindergesang eingeleitete, und in den schönsten Psychedelic-Farben gemalte "Alien Days" (♪♫♪), welches bereits Anfang des Jahres als erste Single erschien - im Format der Musikkassette!!! In einer besseren Welt hätte es auch ein Hit werden können. Und auch die zweite vorab veröffentlichte Single "Your Life Is a Lie" - ein etwas "rotziger" veranlagter, aber dennoch höchst melodischer Indie-Pop-Ohrwurm - entwickelt mit jedem Hören mitreißendere Wirkungen.


MGMT - Your Life Is A Lie on MUZU.TV.

Aber dennoch hinterlässt einen der erste Durchlauf ein wenig verwirrt und unentschlossen. Findet man das hier nun deshalb gut, weil man es einfach gut finden will, oder weil es wirklich gut ist? Nun, bei vielen wird sich diese Frage mit Sicherheit erst nach einigen Hördurchläufen geklärt haben. Denn einfach macht es uns die Band hier wirklich nicht - doch gerade dies ist es, was schon von Anfang an eine Art unbestimmten Reiz ausmacht. Man weiß, dass man hier ohne Frage etwas besonderes in den Händen hält...nur direkt mit dem Finger darauf zeigen, das kann man irgendwie doch noch nicht. Das besondere an "MGMT" ist eben: man hört der neuen Platte in jedem Moment deutlich an, dass es ihnen niemals an Kreativität oder Inspiration mangelte. Sie hätten auch Welthits schreiben können, wenn sie das gewollt hätten. Doch das ist nicht ihr Ziel - und allein dafür gebührt dem Duo eine Menge Respekt. Man muss sich schon hinein hören, in diesen psychedelischen und verwinkelten, in seiner Grundstimmung etwas mehr zum düsteren neigenden Song-Zyklus, der aber mit jedem Mal mehr von seinem schillernden Innenleben preisgibt. Die leicht abgedunkelte und psychedelisch brodelnde neue Single "Cool Song No.2" (♪♫♪) mausert sich beständig zu einem der ohrwurmigsten Anti-Hit des Jahres, und "Mystery Desease" (♪♫♪) entpuppt sich letztendlich als ein schwebendes und atmosphärisch dichtes Indie-Pop-Highlight mit Tiefenwirkung, das von schwerfälligen, triphopigen Beats untermalt wird. "A Good Sadness" (♪♫♪) bietet uns hingegen einen psychedelisches, soft düsteres und elektronisch unterwandertes Sound-Universum, durch welches der nahezu hynpotische Gesang von Sänger Andrew VanWyngarden schwebt. Und "A Plenty Girls In The Sea" (♪♫♪) beginnt mit imaginären Jacko-Beats, ermächtigt sich dann bald einer Art verwunschenen Beatles-Atmosphäre, und ergibt letztendlich einen herrlich bedrogten, vom Geist der 60er Jahre erfüllten Indie-Pop-Hingucker.

Und so haben MGMT wieder mal hervorragende Arbeit geleistet - nur ist es beim neuen Album so schwer wie noch nie, tatsächlich auch dahinter zu kommen. So ist es durchaus möglich, dass es sich zu einem der umstritteneren Alben seines Jahrganges entwickelt - Lob und Ratlosigkeit scheinen sich schon jetzt die Waage zu halten. Aus meiner Sicht ist "MGMT" allerdings wieder mal ein großartiges Album - auch wenn durchaus viele Hördurchläufe nötig waren, um schlussendlich bis zu diesem Punkt zu gelangen. Und gerade dies soll dem vielleicht noch unentschlossenen Hörer etwas Mut machen: die anfängliche Ratlosigkeit weicht schon bald immer mehr einem psychedelischen Indie-Pop-Trip, den man nicht einfach hören, sondern ganz und gar erleben muss. Bis sich dann irgendwann aus all dem ein kleines Meisterwerk heraus schält.