♪♫♪ ...music makes the people come together... ♪♫♪

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Mittwoch, 2. Dezember 2015

Besprochen: JUSTIN BIEBER - "PURPOSE"

Justin Bieber wird langsam erwachsen und demonstriert mit seinem neuen Album "Purpose" den definitiv größten Fortschritt in seiner bisherigen musikalischen Entwicklung. 

Es scheint fast so, als wenn jede Pop-Generation immer wieder ihre eigenen Nachwuchs-Stars braucht, auf die sie auch mal so richtig schön verachtend herab blicken kann. Eben solche, die bei den einen zwar sehr beliebt, bei den anderen dafür aber umso verhasster sind. So oder so ähnlich gab es dieses Phänomen wohl schon immer - auch in meiner Jugend in den 90er Jahren. Aber damals war es dann doch noch etwas anderes: abgesehen von ein paar Ausfällen in den Boulevardmedien, blieben die ärgsten Lästereien in der Regel auf dem Schulhof oder im Freundeskreis. Doch das hat sich mit den Zeiten von Internet und Social-Networks grundlegend geändert - heute kann jeder online genügend Aufmerksamkeit bekommen, wenn er im Zweifelsfall einfach nur laut genug schreit. Da entwickelt dieses hier angesprochene Phänomen ein sehr dynamisches Eigenleben - und das äußerte sich in den letzten Jahren bekanntlich darin, dass Justin Bieber von vielen Seiten mit einem derartigen Hass und Spott überzogen wurde, wie man das in derartiger Ausprägung wohl auch noch nicht erlebt hat. Denn ein paar schnelle Lacher oder FB-Likes kann man selbst mit noch so drittklassigen Verbalattacken auf den 21-jährigen Kanadier provozieren. Aber trotz relativ eingehender Betrachtung seines bisherigen Werdegangs, will sich mir der Grund dafür nach wie vor nicht so recht erschließen. Sicherlich: auch er hat zweifellos seine Fehler und Macken, hat so manch eine jugendliche Dummheit verzapft und ist auch des öfteren mal kräftig in das eine oder andere Fettnäpfchen gelatscht. Allerdings dürften die meisten von uns wohl insgeheim froh darüber sein, dass unsere eigenen Jugendsünden  nicht von der weltweiten Presse und der noch weitaus gnadenloseren Internet-Community auseinander genommen wurden - viele von uns wären wahrscheinlich kaum besser dabei weg gekommen. Zudem: in einer Zeit, in der so manch ein "Gangsta-Rapper" eine umso größere Popularität genießt, je länger sein Vorstrafenregister ist, sollte ein Justin Bieber wohl kaum Anstoß für derartige Verachtung geben. Schon gar nicht in Anbetracht seines doch recht merkbaren Wandels. So scheint er nicht nur etwas ruhiger geworden zu sein, als in den Jahren zuvor, in denen er vor allem die Klatschspalten der Boulevardpresse füllte. Denn wer sich nicht verbissen an die kindische Vorstellung klammert, dass man Justin Bieber prinzipiell und ohne wenn und aber ganz kacke finden muss, der konnte auch schon in den letzten Jahren einen leichten musikalischen Reifeprozess bei ihm bemerken. Schon sein zweites Album "Believe" (hier klammere ich bewusst sein Weihnachtsalbum "Under The Mistletoe" aus, das gemeinhin als reguläres zweites Album gezählt wird, was mir aber noch nie einleuchtete) war ein deutlicher Sprung gegenüber seinem Debüt "My World 2.0", schmeckte aber immer noch überwiegend nach Teen-Pop-Kost. Das Compilation-Album "Journals" (welches gegenüber dem Weihnachtsalbum im Grunde schon so etwas wie ein richtiges Album war, aber offiziell nicht als ein solches vermarktet wurde) klang dann aber noch einmal eine Spur erwachsener, setzte er hier doch vermehrt auf getragene R&B-Klänge. Doch spätestens dann dürften einige mächtig überrascht von dem jungen Mann gewesen sein, als er vor einigen Wochen "What Do You Mean?" als erste Single seines neuen Albums veröffentlichte - und daraufhin völlig zurecht die weltweiten Chartspitzen stürmte. Denn in Mainstream-Maßstäben betrachtet, haben wir hier einen catchy, relaxten und vor allem beinah perfekten Ohrwurm, der von Flöten und Piano begleitet und von Tropical-House-Elementen beeinflusst wird. 



Bezieht man das schon einige Monate zuvor veröffentlichte "Where Are Ü Now" mit ein, welches er für das gemeinsame Projekt von Diplo und Skrillex sang (und das zum Glück auch mit auf sein neues Album genommen wurde), dann sollte sich bei manch einem schon langsam der Gedanke breit gemacht haben, dass sich Justin Bieber tatsächlich weiterentwickelt und reifer wird - auf jeden Fall mindestens musikalisch. Und das setzt sich auf seinem neuen und 3. Album "Purpose" nun auch ebenso fort. So zeigt sich auch die zweite Single "Sorry" (♪♫♪) als ein wahres Pop-Vergnügen, das erneut mit Tropical-House-Elementen spielt, aber das Tempo hin zum tanzbaren Ohrwurm anzieht. "Love Yourself" (♪♫♪) hingegen beschränkt sich auf das wesentliche, indem Justin's Gesang nur von soften Gitarren begleitet wird, während zwischendurch auch mal eine einsame Trompete vorbei schaut. Das sehr schöne "No Pressure" (♪♫♪) mit Gast-Rap von Big Sean ähnelt dann mit seinem nachdenklichen R&B-Sound wieder ein wenig seiner "Journals"-Phase, und "The Feeling" (♪♫♪) zeigt sich als ein feines, getragenes und soft elektronisches Pop-Duett mit der Newcomerin Halsey. Man merkt hier vor allem auch, dass einige Texte deutlich persönlicher anmuten, als das meiste, was bisher von dem jungen Mann so zu hören war. "Life Is Worth Living" (♪♫♪) zeigt sich etwa als eine nur von Piano begleitete Ballade, in der Justin seine hier anfangs beschriebene Rolle des Prügelknaben im zeitgenössischen Pop zu reflektieren scheint - ohne dabei aber in Selbstmitleid zu zergehen. Im Gegenteil, denn stattdessen übt er sich nahezu in Demut, wenn er etwa singt: "What I'd give for my affection, is a different perception / For what the world may see, they try to cucify me / I ain't perfect, won't deny / My reputation's on the line / So I'm working on a better me." Ähnlicher Thematik widmet er sich auch auf dem sehr gelungenen und als Promo-Single veröffentlichten "I'll Show You" (♪♫♪). Und man sollte auch durchaus geneigt sein ihm beizupflichten, wenn es hier heißt: "Sometimes it's hard to do the right thing, when the pressure's coming down like lightning / It's like they want me to be perfect, when they don't even know that I'm hurting / This life's not easy, I'm not made out of steel / Don't forget that I'm human, don't forget that I'm real / You act like you know me, but you never will."



Abschließend betrachtet ist ihm mit "Purpose" ein Album gelungen, auf dem er nicht nur zum Teil persönlichere Themen anspricht, sondern das auch endlich mal so etwas wie ein paar richtige eigene Hits mitbringt. Hits, die einem auch wirklich im Kopf hängen bleiben können - die er aber nicht mit den derzeit weit herum gereichten großen Namen im Pop umsetzte. So hätte er mit Sicherheit auch wieder die üblichen Verdächtigen der aktuellen Musikszene zusammen trommeln können, die in den letzten Jahren zig Hits zu verantworten hatten. Der abseits seiner eigenen Karriere ja auch noch nicht allzu abgenutzte Elektro-Musiker Skrillex, mag neben Benny Bianco oder The Audibles hingegen wohl einer der prominentesten Produzenten des Albums sein, während einem hier aber sonst eher unbekannte bis kaum abgegriffene Namen wie etwa Blood Diamonds, MdL, Jason "Poo Bear" Boyd oder The Mogul begegnen. Damit schafft es Justin auf einigen Stücken seines neuen Albums einen recht frischen Sound zu entwickeln, der nicht voller Verzweiflung nach Aufmerksamkeit in den Mainstream-Medien bettelt. Stattdessen gelingt ihm ein mehrheitlich getragener bis nachdenklicher Klangcharakter, der es mitunter gar schafft, erstaunlich angenehm aus dem Wust zeitgenössischer Mainstream-Produktionen herauszustechen. Das macht "Purpose" in meinen Ohren zwar wahrlich nicht zu einem Meisterwerk. Aber allemal zu einem wirklich guten Pop-Album, das den bisher gelungensten Schritt in seiner musikalischen Weiterentwicklung markiert. Justin Bieber scheint tatsächlich erwachsen zu werden - und das steht ihm auch verdammt gut.





Samstag, 21. November 2015

Besprochen: ADELE - "25"

Adele mag zwar auch auf "25" nicht weit über die musikalische Bandbreite von Celine Dion & Co. hinaus kommen, bietet uns dabei aber wieder eine Riege romantischer, emotionaler und herzwringender Balladen, mit denen sie mindestens bei den Romantikern da draußen auf Anhieb offene Türen und Herzen einrennen wird.

Als einstiger Teenager der 90er Jahre (und bekennender Romantiker) muss ich ja ganz ehrlich gestehen: ein klein wenig habe ich ja manchmal diese typischen, kraftvollen, emotionalen und dramatischen Songs der großen weiblichen Stimmen im Pop vermisst, welche vor allem die Dekade meiner Jugend prägten, aber seit den 2000ern zunehmend aus der Mode geraten waren. Auch heute begegnet man diesen besagten Damen nicht häufig - doch vor allem eine stimmgewaltige junge Frau hat diese emotionalen Power-Balladen von einst wieder so in den Fokus aktueller Pop-Musik gerückt, wie wahrscheinlich keine zweite: die britische Singer/Songwriterin Adele Adkins, die bereits 2008 mit ihrem Debüt "19" überraschte und zuletzt vor allem mit ihrem 2011er Zweitwerk "21" einen enormen Erfolg einfuhr, welches sich bis heute über 30 Millionen mal verkaufte. Abseits dessen wurde es dann aber still um Adele, die zwischenzeitlich Mutter wurde und als sie dann mit einem neuen Album beginnen wollte, einer Schreibblockade verfiel. Irgendwann kam es Adele sogar in den Sinn, ein Album nur über ihre neue Mutterschaft zu schreiben - verwarf diese Idee aber bald wieder, weil sie die Songs als zu langweilig befand. Und kaum einer wird ihr für diese Entscheidung dankbarer sein, als meine Wenigkeit. So haben doch bereits einige Musikerinnen vor ihr mit kitschigen Mutterschafts-Alben den Tiefpunkt ihrer Karriere markiert. Nach weiteren unfruchtbaren Sessions mit Ryan Tedder oder (was einen besonders traurig macht) Damon Albarn, hat sie nun aber doch noch ihr drittes Album "25" fertig gestellt, dessen erste Single wohl jedem bekannt sein dürfte: das ganz wundervolle, gefühlsbetonte und ergreifende "Hello", welches auf Anhieb rund um den Globus die Chartspitzen stürmte. Und dies ist genau so eine Power-Ballade, von der ich eingangs sprach - eine die vielleicht sogar das Zeug hätte, für die heutige Pop-Generation so etwas ähnliches zu werden, was etwa (und jetzt lehne ich mich bewusst recht weit aus dem Fenster) "I Will Always Love You" von Whitney Houston, "Without You" von Mariah Carey oder "My Heart Will Go On" von Celine Dion für die 90er Jahre waren.



Und wie die Single schon andeutet, folgen auf ihrem Album nun keine großen soundästhetischen Experimente, sondern in etwa das, was man von einer Adele erwarten würde. Denn seien wir ehrlich: über eine musikalische Bandbreite einer Celine Dion kam sie bisher nicht weit hinaus. Und das tut sie auch auf "25" nicht, was aber auch überhaupt nichts ausmacht. So glänzt sie hier zwar wieder überwiegend in ihrer persönlichen Meisterdisziplin: den schmachtenden Balladen. Aber davon hat sie uns hier auch wieder einige sehr schöne Exemplare gezaubert. So wie etwa das bittersüße, soulig angehauchte und von Ariel Rechtshaid (Madonna, Solange Knowles) produzierte "When We Were Young" (♪♫♪), das von einem sanften Groove untermalte und zeitweilig hymnisch anschwellende "Water Under The Bridge" (♪♫♪), das fast schon andächtig anmutende und von Piano und Streichorchester eingerahmte "Love In The Dark" (♪♫♪) oder das leicht düster angehauchte "I Miss You" (♪♫♪), dem man die Produktion von Paul Epworth (Florence & The Machine, Bloc Party) recht deutlich anhören kann. Aber ein paar kleine soundtechnische Überraschungen, die recht merkbar aus dem restlichen Albumkontext ausbrechen, gibt es hier auch zu bestaunen. Das von Max Martin (Katy Perry, Taylor Swift) co-komponierte und -produzierte "Send My Love (To Your New Lover)" (♪♫♪), welches als so beschwingter und melodischer Ohrwurm daher tänzelt, dass es einen fast schon automatisch von der Couch zieht, ist ein sehr gutes Beispiel dafür. Oder aber natürlich auch das atmosphärische und ziemlich fantastische, von Brian Burton alias Danger Mouse (Broken Bells, Gnarls Barkley, Beck, The Black Keys) betreute "River Lea" (♪♫♪).  Irgendwie hätte man sich von dieser Sorte Songs dann aber noch ein paar mehr gewünscht....wenngleich das Album dennoch immerhin einen winzigen Hauch mehr Vielseitigkeit ausstrahlt, als er der Vorgänger vermochte.

Letztendlich hat Adele mit "25" ein durchweg grundsolides Album vorgelegt, dass mit Sicherheit mindestens bei den eingefleischten Romantikern dort draußen offene Türen und Herzen einrennen wird. Ein ultimatives musikalisches Meisterwerk mag es zwar nicht sein, aber das ist ja auch gar nicht nötig. Denn das war der viel gelobte Vorgänger "21" genau genommen schließlich auch nicht. Eine sehr gute und mitunter wunderschöne Pop-Platte war es aber allemal. Und auch eine Platte, die eine beinahe "klassische" Atmosphäre ausstrahlte - und diesbezüglich ist "25" fraglos ein würdiger Nachfolger. Nicht unbedingt viel mehr, aber vor allem auch nicht weniger.

 


Sonntag, 8. November 2015

Besprochen: JOANNA NEWSOM - "DIVERS"

Nach einer halben Dekade der Abwesenheit ist die wunderbare Joanna Newsom endlich zurück - und hat mit ihrem vierten Album "Divers" ein erhabenes und fesselndes Meisterwerk im Gepäck, das ihren bisher eh schon beeindruckenden Backkatalog noch weit zu überstrahlen vermag.

Wie wohl so manch eine Kunstform neben ihr, kann Musik oft sehr unterschiedliche Wirkungen beim Hörer erzeugen - kann aber eben auch sehr verschiedene Anforderungen an ihn stellen. Manchmal ist sie vor allem zur Unterhaltung gedacht, ist ganz dem Massengeschmack angepasst, soll sich gut verkaufen und kann sich an Hits und Chartrekorden bemessen lassen. Kann dabei aber natürlich dennoch begeistern. Und doch unterscheidet sich solche Musik sehr von einer anderen Ausprägungsform - von eben der, die sich vor allem als Kunst begreift. Die mit manchmal gewagten oder von aktuellen Trends unabhängigen Mitteln arbeitet, welche die Grenzen gängiger Songstrukturen überwindet und auch musikalisch wie lyrisch anspruchsvollere Wege geht. Die sich nicht danach bewerten lässt, wie viele potentielle Hits sie hervorzubringen vermag, wie oft sie im Radio gespielt oder wie häufig sie bei Streamingportalen geklickt wird. Sie will und kann vielleicht am besten auf einer emotionalen Ebene funktionieren. Und wer sich in den vergangenen 10 Jahren ihrer bisher andauernden Karriere mit der amerikanischen Singer/Songwriterin Joanna Newsom befasst hat, der weiß wohl nur zu gut, warum dabei nun ihr Name fast schon zwangsläufig ins Spiel kommen muss. Denn das die 33jährige alles andere als eine gewöhnliche Künstlerin ist, hat sie in der Vergangenheit oft genug unter Beweis gestellt. Dabei durchstreifte sie bislang vor allem die Weiten der Folk-Gefilde - das aber auf ihre ganz eigene (wunderbare) Weise: verspielt und avantgardistisch, begleitet von Streichern, Pianos, Bläsern und vielen, vielen Harfen, sowie durchsetzt von nicht selten popigen, häufig auch barocken und vor allem in früheren Tagen manchmal auch polyrhythmischen Elementen. Dabei erschafft Joanna Newsom immer wieder ganz große Kunst, die aber manch einen auch vor Herausforderungen stellen kann. So bot etwa ihr zweites Album "Ys" (2006) eine knappe Stunde Musik, verteilt auf nur 5 (dementsprechend lange) Songs, wohingegen der Nachfolger "Have One On Me" (2010) als 3-fach-Album mit 18 Songs  sogar die 2-Stunden-Marke knackte. Doch sie hat uns eine Menge Zeit gelassen, um diesen wahrhaftigen (wenngleich auch ziemlich fantastischen) Brocken von einem Album zu verdauen - denn 5 Jahre ist es inzwischen schon her, das wir zuletzt neue Musik von Joanna Newsom zu hören bekamen. Doch in diesem Sommer schickte sie den ersten Vorboten ihres vierten Albums mit der wunderbaren Single "Sapokanikan" in die Welt: eine verspielte und optimistisch tänzelnde Folk-Nummer, die aber auch ihre nachdenklichen, schwelgerischen und gar feierlichen Momente hat.


Konnte diese Perle doch schon recht hohe Erwartungen an das kommende Album stellen, so wurden diese mit "Divers" nun aber weit übertroffen. Und das liegt nur zum Teil an der Tatsache, dass sie hier zum ersten Mal seit ihrem Debüt "The Milk-Eyed Mender" (2004) wieder in gewohnte Album-Formen zurück kehrt: mit einer knappen Stunde Musik auf 11 Songs kriegt auch der nicht an ihre Kunst gewohnte Hörer in puncto Quantität etwa das, was er gemeinhin von einem Album erwartet. Das mag das Gesamtwerk vielleicht etwas zugänglicher machen, weil die Geduld eines manchen nicht mit diversen Überlängen strapaziert werden kann. Aber das sind eher Fußnoten. Es sind vor allem ganz die Songs an sich, die hier den besonderen Reiz ausmachen - und die irgendwie noch farbenprächtiger, noch experimentierfreudiger und zugleich auch noch greifbarer ausfallen, als wohl fast alles, was die Dame bisher gemacht hat. Schon "Anecdotes" (♪♫♪) lädt als warmer und blumig-melodischer Opener in das Album ein, der stimmungsvoll von Flöten, Piano, Bläsern, Harfen und Streichern untermalt wird. Es blitzen hier auch immer wieder Erinnerung an die Kunst einer Kate Bush auf - was auf dem gesamten Album irgendwie immer wieder unterschwellig zu spüren ist, aber im großartigen "Leaving The City" (♪♫♪) meiner Meinung nach besonders zur Geltung kommt, welches deutlich von Harfen geprägt ist und im Refrain gar mitreißende Formen annimmt. Das wunderbar melodische "Goose Eggs" (♪♫♪) kombiniert auf gelungene Art popige und psychedelisch-barocke Elemente, lässt aber auch Einflüsse erkennen, die mich an Soul oder Country denken lassen. Mit dem Titelsong "Divers" bietet sie uns einen sanften, verträumten und nachdenklichen 7-Minuten-Epos, der mit relativ wenig Aufwand eine enorm einnehmende Atmosphäre entwickelt. Ganz groß ist auch "You Will Not Take My Heart Alive" (♪♫♪), welches anfangs vor allem von Harfen begleitet wird und romantisch barocke Züge annehmen kann, bis dann beim krönenden Höhepunkt sanfte und schillernde, aber dennoch einprägsame Synthesizer durch den Song schweben. Oder etwa auch die wundervolle, nachdenkliche und schon fast philosophisch anmutende Ballade "Time, As a Symptom" (♪♫♪), die anfangs nur von einem Piano und zunehmend von Vogelgesängen begleitet wird, aber in seinem weiteren Verlauf zu einer fast epischen Hymne heranwächst, zu der sich etwa noch Bläser, Streicher und Flöten hinzu gesellen.



Doch wer versucht, auf Anhieb aus all dem schlau zu werden, was während der Spieldauer des Albums so alles passiert, der wird wohl mit hoher Wahrscheinlichkeit kläglich daran scheitern. Denn "Divers" ist ein Album, das eher unzählige Fragen aufwirft, anstatt sie zu beantworten. Es ist wie eine facettenreiche und atemberaubende Reise durch eine von ihr eigens erschaffene Märchenwelt, voll verschlungener und bunt bewachsener Pfade, die  einen immer tiefer in ihr musikalisches Labyrinth führen - in dem aber nur ihre ganz eigenen Regeln existieren. Man muss mir hier solche leicht schwülstigen Metaphern verzeihen - doch wer erst einmal der zauberhaften Magie von "Divers" ebenso verfallen ist, der kann vielleicht nachempfinden, wie Joanna Newsom es schafft, einem derartige Bilder vorm inneren Auge herum tanzen zu lassen. Man möchte ja am liebsten schon ganz tief in die verbale Kitschkiste greifen und es mit einer fast schon "spirituellen" Erfahrung vergleichen - auch wenn ich derartige Umschreibungen sonst eher verabscheue. Doch wie bereits erwähnt: diese Musik kann vor allem auf emotionaler Ebene am besten funktionieren. Denn trotzdem es hier zunehmend eine Spur eingängiger zugeht, als auf den vorangegangenen Platten der Newsom, so ist "Divers" dennoch kein Album, das man auflegt, weil man gerade eine nette Hintergrunduntermalung beim Staubwischen braucht. Mit einem edlen Wein mixt man ja schließlich ebenso wenig eine Sangria, so wie man auch kein kunstvolles Gemälde dazu verwenden würde, um die Abstellkammer optisch aufzuwerten. "Divers" braucht Aufmerksamkeit und Zeit, um all seine Facetten entfalten zu können. Doch dafür wird man auch reich belohnt: mit einem erhabenen, zauberhaften und zeitlosen Meisterwerk - und dem besten Album, das man von Joanna Newsom bisher zu hören bekam. Das es zudem auch jetzt schon definitiv zu den besten Alben des Jahres zu zählen ist, erklärt sich dabei wohl von selbst.





Montag, 19. Oktober 2015

Besprochen: MILEY CYRUS - "MILEY CYRUS & HER DEAD PETZ"

 Es schien bislang unzählige Gründe dafür zu geben, Miley Cyrus als Musikerin nicht ernst nehmen zu müssen. Doch mit ihrem neuen Album liefert sie den einen perfekten Grund, warum man seine Meinung darüber nun grundlegend überdenken sollte!

Selbst wer Miley Cyrus aus welchem Grund auch immer nicht leiden kann, muss eingestehen: es kommt einem wahren Kraftakt gleich, einen derartigen Imagewandel zu vollziehen, wie die 22jährige ihn hinter sich hat. Sicherlich fiel es dabei auch so manch einem schwer einzuschätzen, wie authentisch und glaubwürdig so ein radikaler Wandel ist. So hatte sich Miley Cyrus zuvor zum einen als Sprössling des in den USA populären Country-Sängers Billy-Ray Cyrus hervor getan, aber vor allem durch ihre Verkörperung der Titelfigur in der Kiddy-Serie "Hannah Montana" - sozusagen als blondiertes und mit einem wie ins Gesicht gefrästen Colgate-Grinsen ausgestattetes Disney-Girly. Doch binnen ein paar Jahren wandelte sie sich zu dem, was sie heute ist. Den Hang zur ästhetischen Perfektion hat die Dame zum Glück weit hinter sich gelassen - bekanntlich braucht sie gar oft genug eh nur sehr wenig Kleidung, aber kann dann nebenbei auch mal in einem Nilpferd-Kostüm auftauchen. Das scheinbar stets brave und artige Mädchen von einst, mutierte zur einer ziemlich schrägen und irgendwie immer sympathischer wirkenden Göre, die zwar jeder Kamera ihre Zunge entgegen streckt, nie mit Schimpfwörtern oder vulgären Entgleisungen geizt und der scheinbar immer wieder etwas neues verrücktes einfällt, aber die bei all dem offensichtlich das Herz am rechten Fleck trägt. So bot sie irgendwie immer mehr Anreiz, sie wirklich sympathisch finden zu können - nur musikalisch haperte es noch immer. Zwar konnte sie mit ihrem letzten Album "Bangerz" vor 2 Jahren durchaus einen Wandel in ihrer Karriere einleiten, aber bis auf Singles wie "We Can't Stop" oder "Wrecking Ball" war nicht viel spannendes dabei. Und doch ließ sie einen in den letzten Jahren immer mal wieder aufhorchen. So etwa mit einigen sehr gelungenen Darbietungen zusammen mit diversen anderen Musikern im Hintergrund ihrer Happy-Hippie-Foundation, oder aber auch als Gaststimme auf "With a Little Help From My Fwends", mit dem die Flaming Lips die Mutter aller Pop-Alben coverten: "Sgt. Pepper's Lonely Hearts Club Band" von den Beatles (Cyrus ist in "Lucy In The Sky With Diamonds" und "A Day In The Life" zu hören). Das waren alles durchaus positive Vorzeichen - doch was dann plötzlich kommen sollte, hätte wohl niemand geahnt, als sie zum Ende der diesjährigen VMA's überraschend die sofortige Online-Veröffentlichung ihres neuen und fünften Albums "Miley Cyrus And Her Dead Petz" bekannt gab. Gefolgt von einer Live-Darbietung des Album-Openers "Dooo It", für den sie am darauf folgenden Tag auch ein schräges, buntes, minimalistisches und irgendwie großartiges Video nachreichte. Was auch zum ebenfalls großartigen Song passt, denn schon hier wird der radikale Wandel deutlich, den sie auf ihrem fünften Album musikalisch vollzieht. Elektronische Beats und Elemente treffen auf eine tanzbare und dennoch experimentelle bis düstere Atmosphäre - und dazu gibt's dann Textzeilen wie "Yeah I smoke pot / Yeah I love peace / But I don't give a fuck / I ain't no hippie"



Wie bei diesem Song, hat Cyrus auf dem Großteil des neuen Albums bei Songwriting und  Produktion wieder mit den Flaming Lips zusammen gearbeitet, aber vereinzelt auch mit anderen Leuten wie Mike Will Made It oder Oren Yoel. Und dabei kam ein stramm geschnürtes Bündel von 23 Songs heraus, mit einer Gesamtspieldauer von gut anderthalb Stunden! Doch es ist so spannend, so unerwartet und gar so spektakulär, was während dieser Zeit so alles passiert, dass "Miley Cyrus & Her Dead Petz" fast durchgehend zu begeistern vermag. Zwar spielt sich ihre Musik hier noch immer grob im Pop-Universum ab, zeigt sich aber weit kunstvoller, inspirierter, experimenteller und innovativer, als alles was man bisher von der jungen Frau zu hören bekam. So kommt etwa  das schwelgerisch-melancholische "Karen Don't Be Sad" () recht 60s-inspiriert daher, während der nachdenkliche "The Floyd Song (Sunrise)" () psychedelischere Wege geht und sie in "Pablow The Blowfish" () in Form einer herzzerreißenden Ballade ihr verstorbenes Haustier besingt - um gen Ende in erstaunlich authentische Weinkrämpfe auszubrechen. Und das sind noch nicht mal die größten Highlights, die aber auch ziemlich zahlreich auf der neuen Platte vertreten sind. Zum Beispiel hätten wir da die warme und mit wunderschöner Melodie gesegnete, atmosphärische Synthpop-Perle "Space Boots" () und das leicht oldschoolig veranlagte, zwischen gesprochenen und gesungenen Passagen pendelnde "BB Talk" (). Aber auch das düster-leidenschaftliche und durchweg grandiose Meisterstück "Cyrus Skies" () oder das fantastische und nahezu zeitlos schöne "I Get So Scared" (), welches von einem ebenso zeitlosen Gitarrenakkord untermalt wird. Die warme und deutlich in den 80ern verwurzelte New-Wave-Ballade  "Lighter" () hätte man dann auch noch im Angebot, ebenso wie das schattig-psychedelische und atmosphärische "Tiger Dreams" (), das sie im Duett mit dem großartigen Ariel Pink darbietet. Aber auch "1 Sun" darf man nicht übersehen: ein eingängiger, mitreißender, aber dennoch nicht zu glatter und zudem mit einem Auge auf Lady Gaga schielender Elektro-Pop-Kracher, der es zum echten Hit bringen könnte.



Ob "Miley Cyrus And Her Dead Petz" nun dauerhaft zu ihrem künstlerischen Befreiungsschlag wird, der es ihr erlaubt auch weiterhin so neugierig die Grenzen und Möglichkeiten des Pop auszuloten, bleibt noch abzuwarten. Aber das wichtigste ist: er könnte es tatsächlich sein! Denn das Potential steht dabei außer Frage - was sie hier veranstaltet hat, kann ohne weiteres dazu führen, dass dem Hörer auch schon mal vor Staunen die Kinnlade zu Boden kracht. So etwas hätte man der jungen Frau nun wirklich nicht zugetraut - und umso schöner ist die Überraschung darüber, was für ein Talent tatsächlich in ihr schlummert. Eine beeindruckende Leistung, die in ihrer eigentlichen Mainstream-Pop-Liga so im Grunde fast nie vorkommt. Das mag allerdings nicht jeder so sehen, denn bei vielen stößt das Album auf sehr gemischte Gefühle. Und gerade so manch einem Fan mag sie damit gehörig vor den Kopf gestoßen haben. Warum jedoch das Album gerade bei vielen professionellen Kritikern durchgefallen ist, kann ich mir beim besten Willen nicht erklären -  denn in meinen Ohren hat Miley Cyrus hier derart glänzende Arbeit geleistet, dass man es als eine der größten Pop-Überraschungen des Jahres bezeichnen kann. 

Sonntag, 11. Oktober 2015

Besprochen: JANET JACKSON - "UNBREAKABLE"

Ein Comeback, das auch wirklich eines ist: mit "Unbreakable" findet Janet Jackson nach 7-jähriger Plattenpause endlich wieder zu alter Größe zurück - und legt ihr bestes Album seit dem 1997er Meisterwerk "The Velvet Rope" vor.
 
Schon lange hatte man musikalisch nichts neues mehr von Janet Jackson gehört - und so richtig aufgefallen war das zumindest meiner Wenigkeit nicht unbedingt. Denn Janet konnte auch in den Jahren davor nicht wirklich mit erlesener Musik glänzen. Zwar konnte sie sich ab ihrem 3. Album "Control" im Jahr 1986, sowie über die gesamten 90er Jahre hinweg zum musikalisch erfolgreichsten Mitglied des Jackson-Clans nach ihrem Bruder Michael mausern, doch über die 2000er und Platten wie "Damita Jo" (2004), "20. Y.O." (2006) oder "Discipline" (2008) hinweg, spielte sie sich kontinuierlich tiefer in die künstlerische Belanglosigkeit. Letzteres konnte zwar ein paar relativ passable Ohrwürmer abwerfen, rückte aber viel zu sehr von dem eigenen Stil der Musikerin ab - was vor allem dem Umstand geschuldet war, dass hier zum ersten Mal seit langer Zeit ihre Stammproduzenten und Co-Songwriter Jimmy Jam & Terry Lewis gänzlich fehlten, die zuvor seit  "Control" ausnahmslos an jedem weiteren Album beteiligt waren. Da mit dieser Kombination aber auf ihren letzten Alben auch nicht mehr so viel los war, kann man sowas schon mal machen. Geglückt ist es langfristig dennoch nicht. Janet klang hier zwar nicht unbedingt noch weniger spektakulär, als sie das auf den paar mageren Vorgängern eh schon tat, aber sie schien sich zu sehr dem vorherrschenden Zeitgeist anzubiedern und sich in einen Sound zu flüchten, mit dem andere zur selben Zeit so viel erfolgreicher waren als sie. Dann folgte im Jahr 2009 der tragische und unerwartete Tod ihres Bruders Michael - und fortan sollte es musikalisch still um sie werden. Doch in diesem Jahr kam scheinbar wie aus dem Nichts plötzlich die Ankündigung ihres neuen und 11. Studioalbums "Unbreakable". Doch durch ihre schwachen bis langweiligen Platten der letzten gut 10 Jahre, war auch hier die Erwartungshaltung eher gemäßigt. Selbst die Comeback-Single, die dem Album voraus ging, wirkte dafür auf den ersten Blick erstaunlich unauffällig: so ist "No Sleeep" kein offenkundiger Hit, der nach Dauerpräsenz in sämtlichen Radio-Playlists schreit. Stattdessen serviert sie uns hier eine getragene und  erotisch säuselnde R&B-Perle, die sich samtig in die Gehörgänge schmiegt. Eine wirklich gute Nummer - doch hätte sie den grundlegenden Sound des gesamten Albums vorweg genommen, hätte man eine weitere eher seichte R&B-Platte erwarten können...


Doch der Sound der ersten Single steht alles andere als stellvertretend für das gesamte Album - welches sich nun nach eingehender Beobachtung als unerwartet großartig herausstellt! Nach der Pause mit dem letzten Album reanimierte sie hier wieder die Zusammenarbeit mit ihren langjährigen musikalischen Weggefährten Jimmy Jam & Terry Lewis - und diese kreative Pause scheint beiden verdammt gut getan zu haben. Denn endlich hat Janet Jackson wieder so viel zu erzählen, wie man dies schon lange nicht mehr erlebt hat. So besticht "Unbreakable" durch hervorragendes Songmaterial, famose Produktion, Kreativität und Vielseitigkeit. Dabei feiert sie auf der ersten guten Albumhälfte überwiegend Pop-, Dance- und R&B-Einflüsse in seinen verschiedensten Ausprägungen.  Das beginnt schon mit dem Opener, der auch zugleich als Titelsong und zweite Single fungiert: die geschmeidig groovige und unwiderstehliche R&B-Nummer "Unbreakable", die man als so etwas wie eine Ode an ihre Fans verstehen kann. Sehr stark zeigt sich dann auch der lasziv mit dem Hüften kreisende R&B-Club-Kracher "Burnitup!" (♪♫♪) im Duett mit Rap-Legende Missy Elliot - welches von seiner tadellosen Produktion ein wenig an Justin Timberlake's "Futuresex/Lovesounds"-Phase erinnert. Das leicht elektronische "The Great Forever" (♪♫♪) orientiert sich hörbar am Sound ihres verstorbenen Bruders, was vor allem ihren Gesang betrifft, welcher nicht selten fast genauso wie der seinige klingt. Mit dem wunderbaren "Broken Hearts Heal" (♪♫♪) verewigt sie hier dann auch einen musikalischen Nachruf auf Michael - der aber nicht in Gestalt einer rührseligen Ballade daher kommt (wie es vielleicht zu erwarten gewesen wäre), sondern als  von seiner Grundstimmung optimistischer und warmer Midtempo-Dance-Pop, den sie im Refrain mit der wunderbaren Textzeile "Our love ain't no material thing/ Inshallah, see you in the next life" krönt - und musikalisch ein wenig an ihre 1997er Single "Together Again" erinnern kann. Auch "Should've Known Better" (♪♫♪) bleibt einem als weiterer Höhepunkt auf Anhieb im Trommelfell hängen, welches in seinen Versen einer getragenen und warmen Ballade gleicht, doch dann im Refrain zur strahlenden, mitreißenden und elektronisch angereicherten  Pop-Hymne empor steigt. Und "Night" (♪♫♪) offenbart ein leidenschaftliches, fast schon feierliches Liebeslied, das veträumt über einen Soundteppich aus House-, Disco- und Funk-Elementen tänzelt. 


Auf der zweiten Hälfte des Albums geht sie aber mitunter auch etwas experimentierfreudiger und stilistisch noch vielfältiger zu Werke - wodurch sie den Spannungsbogen auf "Unbreakable" bis zum Ende konstant hoch hält. Mit dem fabelhaften Ohrwurm "Take Me Away" (♪♫♪) bedient sie sich etwa sowohl elektronischer als auch rockiger Elemente, während "Black Eagle" (♪♫♪) spirituelle Themen behandelt und durch atmosphärisch getragenen Sound überzeugt. Das wunderbare "Well Traveled" (♪♫♪) kann man sogar recht gut ins Stadionrock-Genre einordnen und in Bezug auf das von Funk und Psychedelic-Soul beeinflusste "Gon' B Alright" (♪♫♪), wurden bereits  sehr treffende Vergleiche zu Sly & The Family Stone laut.   

Selbst für mich unglaublich, aber wahr: mit "Unbreakable" ist Janet Jackson nach 7 Jahren Plattenpause ihr bestes Album seit dem 1997er Meisterwerk "The Velvet Rope" gelungen - nie wieder danach hat man Janet derart kreativ, relevant und inspiriert erleben dürfen, wie auf ihrem neuesten Streich. Hier vereint Miss Jackson all das, was sie als Musikerin bislang besonders auszeichnete, und ergänzt dies zusätzlich um Inspirationen und Experimente in alle möglichen Richtungen. Zwar kann "Unbreakable" am Ende auf eine stolze Spieldauer von einer guten Stunde zurück blicken (zumindest in der Standard-Edition), fällt dabei aber dennoch um keine Minute zu lang aus. Denn hier hat sie endlich wieder alles richtig gemacht.




 

Dienstag, 29. September 2015

Besprochen: RYAN ADAMS - "1989"

Songs covern kann ja jeder. Aber weil Ryan Adams bekanntlich nicht wie jeder ist, nimmt er sich einfach mal ein ganzes Album vor - und lässt Taylor Swift's letztjähriges Album "1989" in seiner Interpretation weit über sich selbst hinaus wachsen.

Wer den amerikanischen Musiker Ryan Adams kennt, der weiß auch was für ein äußerst umtriebiger Künstler er ist. Neben vor allem zahlreichen eigenen Songs (denn auch mehrere Alben in einem Jahr sind für ihn nicht unbedingt ungewöhnlich), ist er auch bereits für einige sehr wunderbare Coverversionen bekannt. Und nachdem der Herr sich erst im letzten Jahr mit seinem bislang letzten Album "Ryan Adams" immer noch in Höchstform zeigte, hat er sich dieses Jahr nun für ein ganz besonderes Projekt entschieden, das einem einerseits gehörig Respekt abverlangt und das  andererseits auch mächtig erstaunt. Denn sein neues und 15. Studioalbum ist nichts anderes als ein vollständiges Cover von Taylor Swift's letztjährigem Millionen-Seller "1989". Zwar stammt Swift bekanntlich aus Country-Pop-Wurzeln (wenn auch in ziemlich seichtem Gewand) aber "1989" war ihr erstes wahrhaftes Pop-Album, das so Pop war, wie es nur sein konnte. So entstammen auch fast alle Songs des Albums der Zusammenarbeit mit dem schwedischen Songwriter/Produzenten Max Martin, der in den letzten 20 Jahren unzählige Welthits für u.a. Ace of Base, die Backstreet Boys, N'Sync, Celine Dion, Britney Spears, Pink oder Katy Perry besorgte. Dementsprechend eine vollkommen andere Baustelle, als eben jene, auf denen sich Adams für gewöhnlich so austobt und die von Indiepop über Rock'n'Roll und bis hin zu Alternative-Country reichen. Und so macht sich der gute Mann hier das Album der Swift einfach mal vollständig zu eigen, indem er es auf seine ganz eigene Weise neu interpretiert. So wird schon gleich der Opener "Welcome To New York" (♪♫♪), der im Original eine eher mittelmäßige Synthpop-Nummer war, in Adams Händen zu einem leidenschaftlichen Rock-Hit. Der schmachtend melodische Pop-Ohrfänger "Blank Space" verwandelt sich hier zur emotionalen und minimalistischen Folk-Ballade, die schillernde Disco-Funk-Pop-Nummer "Style" (♪♫♪) mutiert zur fantastischen und atmosphärischen Indierock-Hymne mit leichtem 80's-Touch, und das in seiner Urfassung recht neutral popige "Out of the Woods" kommt nun noch melancholischer, emotionaler und irgendwie auch eine Spur "barocker" daher. 



Laut Adams selbst, wollte er das Album im musikalischen Stil der britischen Band The Smiths inszenieren - was einem auch besonders bei seiner großartigen Interpretation des ursprünglichen Dance-Pop-Ohrwurms "All You Had To Do Was Stay" (♪♫♪) auffällt, welcher nun ziemlich deutlich an den Indie-Pop der legendären britischen Band zu erinnern vermag. Bei seiner Version des Welthits "Shake It Off" (♪♫♪) blitzen diesbezüglich ebenfalls leichte Erinnerungen auf, doch auch vage Alternative-Country-Andeutungen und ein paar minimalistische Synthies kommen zum Einsatz. Trotz manch hörbarer Einflüsse, klingt das meiste hier jedoch vor allem ganz nach ihm selbst - und das ist auch gut so. Das im Ursprung in eine Pop-Richtung á la Lana Del Rey pendelnde "Wildest Dreams" (♪♫♪), hätte in Adams' nachdenklicher und warmer Indie-Pop-Fassung etwa auch ganz großartig auf sein Meisterwerk "Love is Hell"  gepasst. Das lockerflockige und melodisch tänzelnde "How You Get The Girl" (♪♫♪) denkt er dann kurzerhand zu einer beinah traurigen Singer/Songwriter-Ballade um, während er dann "This Love" (♪♫♪) seiner Ausgangsfassung ähnlich auch im balladigen Umfeld ansiedelt, den Song aber in derartige emotionale Höhen katapultiert, wie man es beim Original nicht mal hätte erahnen können. Und "Bad Blood", angeblich so etwas wie Talyor Swift's musikalische Kriegserklärung an Katy Perry, lässt Ryan Adams aus seiner Sichtweise nun als zeitlos famose Indie-Pop-Perle erstrahlen - und lässt dabei auch gleich das eh schon tolle Original weit hinter sich.   



Doch diese letzte Bemerkung lässt sich auch ganz wunderbar auf das gesamte Album anwenden. Zwar war auch das Original von Taylor Swift ein tolles und mitreißendes Pop-Album, das auch zurecht solch einen Erfolg einfuhr - aber was Ryan Adams daraus gemacht hat, fällt auf seine Weise nochmal eine ganze Spur atemberaubender und eindringlicher aus. Letztendlich stellen beide Versionen - trotz identischer Songs, aber durch komplett unterschiedliche Herangehensweisen - im Grunde für sich völlig eigenständige Platten dar. Und auch in jeder Plattensammlung können die beiden problemlos friedlich nebeneinander koexistieren. Aber Ryan Adams hat aus "1989" nun ein so erstaunlich zeitloses Meisterstück heraus gekitzelt, dass seine Interpretation  in Zukunft ohne jeden Zweifel meine erste Wahl sein wird.


Freitag, 25. September 2015

Besprochen: LANA DEL REY - "HONEYMOON"

Irgendwie paradox, aber doch vor allem wunderbar: auf ihrem 4. Album "Honeymoon" zelebriert Lana Del Rey den künstlerischen Rückschritt auf überraschend hohem Niveau!

Lana Del Rey hatte dem zeitgenössischen Pop ja gerade noch gefehlt - und das ist auch ganz ohne die Ironie gemeint, die dieser Redensart sonst oft innewohnt. Denn trotz all der anfänglichen und nicht ganz unberechtigten Skepsis gegenüber dem Hype um die Dame, sowie um ihr insgesamt relativ durchwachsenes Durchbruchsalbum "Born To Die" aus dem Jahr 2012, konnte man der Amerikanerin nie den beliebten und oft auch berechtigten Vorwurf machen, sie würde nur auf einen rollenden Zug aufspringen. Lana machte es sich stattdessen in einer Nische gemütlich, die bis dahin im Pop vollkommen unbesetzt war. So flirtete sie seit eh und je ausgiebig und leidenschaftlich mit dem romantisierten Zeitgeist  eines  längst vergangenen Amerikas, bei dem man unweigerlich an die Ära von James Dean, Marilyn Monroe oder Jim Morisson denken muss. Auf ihrem Zweitwerk "Born To Die" war das durchaus schon recht gut zu erkennen, doch war hier einiges einfach noch zu "billig" produziert. Doch schon kurz darauf konnte sie das mit der famosen "Paradise"-EP spielend ausgleichen, die das eigentliche Album weit überstrahlte. Und was sie dann im letzten Jahr fantastisches auf ihrem 3. Album "Ultraviolence" anstellte, sitzt einem immer noch in den Knochen. Zusammen mit Produzent Dan Auerbach von The Black Keys zauberte sie dort nicht nur eine deutlich spürbare künstlerische und stilistische Weiterentwicklung, sondern auch gleich ein so kunstvolles, einnehmendes, düsteres und doch wunderschönes Meisterstück, dass es für mich bis heute zurecht eines der besten Platten seines Jahrgangs darstellt. Bis hierher konnte man bei Lana Del Rey eine kontinuierlich ansteigende musikalische Qualität und künstlerische Entwicklung beobachten, sodass es auch alles andere als verwunderlich erschien, dass man sie immer mehr als eigenständige Künstlerin akzeptierte. Und auch was schon im Vorwege über ihr neues Album bekannt wurde, ließ an der Fortführung dieser Entwicklung kaum einen Zweifel aufkommen. Allen voran etwa der Titelsong "Honeymoon" selbst: eine ganz wunderbare, von Streichern und Piano eingerahmte, cineastisch-emotionale Ballade, die einem sofort  Bilder wie aus den klassischen Hollywood-Dramen früherer Tage vor das innere Auge projiziert. 


 
Und betrachtet man nun das gesamte Album, so merkt man, dass sich soundtechnisch wieder etwas merkbar gegenüber dem Vorgänger verändert hat. Nur diesmal vielleicht nicht so ganz in die Richtung, in die ich es erhofft hatte. Oder wollte man es kritischer ausdrücken: wenn "Ultraviolence" ein künstlerischer Schritt nach vorne war, so ist "Honeymoon" nun ein halber Schritt zurück. So bewahrheitet sich hier auch offiziell das, was die Sängerin zuvor verriet: der Sound entfernt sich hier hörbar von dem des letzten Albums und bezieht sich wieder stärker auf die "Born To Die"/"Paradise"-Phase. So hat sie hier auch wieder Rick Nowels als Co-Songwriter und -Produzent verpflichtet, der ja bereits an dieser Phase beteiligt war. Aber das ist alles in allem natürlich kein Grund zur Sorge. Denn diese frühere Phase war ja mitunter durchaus fruchtbar. Und auch auf "Honeymoon" hat uns Lana wieder einige ganz wundervolle, wie aus der Zeit gefallene Songperlen gezaubert. So zeigte sich schon die offizielle erste Single "High By The Beach" als ein überaus fähiger Popsong, aber auch die neue und zweite Single "Music To Watch Boys To" (♪♫♪) erweist sich als sinnlich-getragene Pop-Perle, die noch wesentlich stärker hängen bleibt. Einige Albumtracks bieten aber noch mehr Potential. So etwa die großartige, emotionale und verträumte Ballade "Terrence Loves You" (♪♫♪), die mit getragener Atmosphäre und Jazz-Einflüssen spielt - und letzteres betrifft so ähnlich dann auch das atmosphärisch-schillernde "Art Deco" (♪♫♪), welches auch unbedingt als eines der Highlights der Platte anzusehen ist. Welche aber doch recht zahlreich vertreten sind. Denn auch das leidenschaftliche und beinahe schon erhabene "Religion" (♪♫♪), dass großartige, düster schattierte und in Auszügen fast epische "The Blackest Day" (♪♫♪) oder die zeitlose, schwermütig-schöne und getragene Ballade "24" (♪♫♪) sind ziemlich großes Kino. Ebenso wie aber auch ihre Version des Klassikers "Don't Let Me Be Misunterstood" (♪♫♪), der ja schon in vielen berühmten Versionen dargeboten wurde. Lana Del Rey orientiert sich hier zwar schon ein klein wenig in die Richtung des Originals von Nina Simone aus dem Jahr 1964, arbeitet aber dennoch mit der berühmten (in ihrem Fall allerdings von einer Orgel gespielten) Hookline, welche The Animals dem Song in ihrer 1965er Version in dieser populären Form zu ersten Mal hinzufügten. Aber dennoch klingt der Song am Ende hauptsächlich wieder ganz nach Lana selbst - und vor allem ganz wunderbar.



Gesamt betrachtet hat uns Lana Del Rey mit "Honeymoon" ein zeitloses und bezauberndes Album gebastelt, das wieder mit so manch einer schmachtenden Perle aufwarten kann. Und doch hat es wie bereits erwähnt gegenüber seinem Vorgänger knapp das Nachsehen. So war es doch gerade der spürbare soundästhetische Wandel, der für mich den ganz besonderen Reiz auf "Ultraviolence" ausmachte. Ihre nun schnelle Rückkehr zum bislang gewohnteren Stil mutet da vielleicht anfangs ein wenig banal an - denn künstlerische Weiterentwicklung sieht ja nun einmal anders aus. Aber hört man genau hin, kann man nur in jeder denkbar positiven Hinsicht sagen, dass "Honeymoon" so etwas wie einen kleinen künstlerischen Rückschritt auf hohem Niveau darstellt. Und damit kann man wohl auch durchaus gut leben.