♪♫♪ ...music makes the people come together... ♪♫♪

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Freitag, 15. Mai 2015

Besprochen: BLUR - "THE MAGIC WHIP"

Blur sind nach mehr als einem Jahrzehnt wieder ganz zurück und ergänzen ihren Backkatalog um einen weiteren Meisterstreich. Und das Musikjahr 2015 um einen seiner definitiven Höhepunkte. 

Eigentlich müsste man Blur offiziell zu einer der wichtigsten und besten Bands der letzten 25 Jahre erklären, könnte man über die Bedeutung und die Vielfalt ihres musikalischen Wirkens doch gar Bücher schreiben. So waren die Jungs schon seit den frühen 90er Jahren musikalisch aktiv, während sie spätestens ab Mitte selbigen Jahrzehnts zu großer Berühmtheit fanden - als sie recht medienwirksam mit Oasis das Britpop-Battle ausfochten. Kurzfristig mögen sie diese Schlacht zwar gegen ihre einstigen Konkurrenten verloren haben - aber den künstlerischen Krieg sollten Blur gewinnen. Denn wo sich Oasis nach ihren ersten 2 Alben vorrangig darin gefielen, immer wieder den nächsten Aufguss vom Aufguss zu liefern, war Blur die weit talentiertere, facettenreichere und experimentierfreudigere Band. Es schien gar nicht genügend Stile, Sounds und Bezüge zu geben, an denen sie sich bedienen konnten. Das reichte von Shoegaze und Britpop, über Indierock, Psychedlia oder Lo-Fi, und bis hin zu Art-Rock, elektronischen Einflüssen und Experimental. Doch irgendwann schien es tatsächlich zu Ende gewesen zu sein. Nachdem 2003 das letzte (und sehr gute) Album "Think Tank" bereits ohne ihren Stammgitarristen Graham Coxon entstand, war es fortan still um die Band - und Frontmann Damon Albarn war unterdessen eh schon längst mit anderen Dingen beschäftigt. Zum Beispiel mit seinen Gorillaz, wo er einen Haufen virtueller Primaten so famose Hits wie "Clint Eastwood", "Feel Good Inc.", "Kids With Guns" oder "Stylo" in die Welt setzten ließ. Aber auch diverse andere Projekte verfolgte er, zu denen u.a. The Good The Bad & The Queen oder Rocket Juice & The Moon zählten, während er erst im letzten Jahr dann auch sein erstes offizielles Soloalbum nachlegte. Nachdem auch die anderen Bandmitglieder musikalisch eigene Wege gegangen waren, folgte die Reunion der Band in ihrer Urbesetzung zwar schon 2009, aber Pläne für ein weiteres gemeinsames Album schienen noch in den Sternen zu stehen. Aber nun ist es endgültige Gewissheit geworden: 12 Jahre nach dem letzten Blur-Album, sowie 16 Jahre nach ihrer letzten Platte in Urbesetzung ("13"), haben sie also nun ihr neues und 8. Studioalbum "The Magic Whip" veröffentlicht.  Dem hatten sie Anfang des Jahres mit "Go Out" bereits einen handfesten Ohrwurm als erste Single voraus geschickt, der mit seiner herrlich popigen Melodie und seinen schick widerborstig rockenden Ecken und Kanten, an Zeiten des Albums "Blur" (1997) zu erinnern vermag.


 
Das muss auch nicht groß verwundern, ist das neue Album doch wieder mit ihrem einstigen Stammproduzenten Stephen Street entstanden, der bis zu besagtem Album alle Werke von Blur (co-) produzierte. Doch Blur ist es bei ihrem Comeback-Album nicht daran gelegen, an den Sound ihrer großen Tage in den 90er Jahren anzuknüpfen. Stattdessen zeigen sie sich wieder einmal ganz in ihrem Element: sie bündeln all die Stärken die sie als Band  ausmachen und vermengen sie mit den musikalischen Erfahrungen, die sie in all den Jahren abseits der Band gemacht haben. Der Opener (und dritter Single-Release) "Lonesome Street" haut dabei schon gleich in eine ähnliche Kerbe wie schon die erste Single, scheint mit seinem noch stärker ausgeprägten Pop-Appeal, als auch seinen soft elektronischen Bezügen eher in einer ähnlichen Tradition wie ihr '94er "Parklife" zu stehen. Aber auch ruhige und wehmütigere Momente kostet die Band aus, was etwa die grüblerische zweite Single "There Are Too Many of Us" (♪♫♪) auf den Plan ruft, die sich in einen Sound mit unterschwelligen Marsch-Beats und asiatischen Klängen  bettet, durch die zunehmend sanfte elektronische Effekte hindurch funkeln. Die wunderschöne und melancholische Indie-Perle "My Terracotta Heart" (♪♫♪) muss in dem Kontext dann ebenso erwähnt werden, wie auch das fantastische "Pyongyang" (♪♫♪), welches in seinen Versen fast düster anmutet, sich aber spätestens im Refrain zu einer strahlenden Hymne erhebt. Manchen Stücken meint man auch Einflüsse von Albarn's Gorillaz anzuhören, so wie im indirekten Titelsong "Ice Cream Man" (♪♫♪), welches sich schnell als eines der Highlights des Album heraus stellt. Und auch das fantastische "Thought I Was a Spaceman" (♪♫♪) passt in diese Reihe, das sich durch eine nachdenkliche, ambientartige und fast hypnotische Atmosphäre auszeichnet, dabei asiatische Einflüsse verarbeitet und sich zum Ende hin in schillernde Synthesizer hüllt.

Blur - Lonesome Street from drew bienemann on Vimeo.

Auch wenn "The Magic Whip" weder inhaltlich noch musikalisch einem klaren Konzept zu folgen scheint, so muss man es dennoch als ein in sich geschlossenes Konzeptwerk betrachten. So ist etwa der Umstand, dass das Album maßgeblich in Hong Kong entstand, ein wichtiger und auf vielen verschiedenen Ebenen spürbarer Einfluss auf das gesamte Werk. Zum einen ist es in vielen musikalischen Aspekten zu spüren, in den Musikvideos ganz genauso - und auch der Titel symbolisiert dies, hinter dem nämlich noch viel mehr steckt. So gab Damon Albarn selbst zu Protokoll, dass "The Magic Whip" viele grundverschiedene Bedeutungen hat, die zum Teil auch durch das Cover-Artwork symbolisiert werden: so kennt man in China unter dem Namen etwa Feuerwerkskörper und in Großbritannien eine Eiscreme - während man bei letzteren unter "whip" im politischen Sinne auch einen Fraktionschef versteht. Und so sollen diese  Extreme auch die verschiedenen Facetten ihres neuen Albums widerspiegeln - was man durchweg als geglückt bezeichnen kann. Denn aus all seinen unterschiedlichen Zutaten hat die Band mit "The Magic Whip" schließlich ein hervorragendes Album destilliert, das ihren Backkatalog um ein weiteres essentielles Werk bereichert. Und das Musikjahr 2015 um einen seiner Höhepunkte.







Besprochen: MARIAH CAREY - "#1 TO INFINITY"

 Zur Feier ihrer wohl recht überraschenden Rückkehr zu Sony, sowie ihrem 25jährigen Karriere-Jubiläum, lässt Mariah Carey mit ihrem neuen alten Label eine Compilation mit all ihren bisherigen 18 US-No.1-Hits springen. Kann man machen.

Damals im Jahr 1998, als die amerikanische Pop-Diva Mariah Carey noch zweifellos ganz oben auf ihrer Erfolgswelle schwamm, erschien ihre erste No.1-Hit-Compilation "#1's". Nur 8 Jahre nach der ersten Single, mag dies bei den meisten anderen Musikern eine ziemlich kurze Zeitspanne für eine derartige Zusammenstellung sein. Zumal wenn man wie Carey bis dahin noch nicht einmal eine gewöhnliche Best-of-Compilation veröffentlicht hat, zu der ja gewöhnlich viel eher gegriffen wird. Doch wer die 90er Jahre bewusst miterlebt hat, den wunderte dies einst überhaupt nicht: als insgesamt erfolgreichste Musikerin der gesamten Dekade, konnte sie bis 1998 bereits auf 13 No.1-Hits in den USA zurück blicken. Ergänzt mit einer knappen handvoll neuer Nummern, blieb an Qualität und Relevanz dieser Compilation einst kaum ein Zweifel. Doch wie sieht das nun bei der neuen Compilation dieser Art aus? "#1 To Infinity" steht auf jeden Fall deutlich in der Tradition seines 17 Jahre alten Vorgängers, was auch das Cover-Artwork betrifft. Derselbe Stil, dieselbe Pose - und auch dieselbe gertenschlanke Figur. Zwar sieht Mariah Carey auch heute immer noch wirklich super aus, aber Hand auf's Herz: für eine derart schlanke Linie, hat sich Mariah offensichtlich einer strikten Photoshop-Diät unterzogen. Der Titel bezieht sich logischerweise auch auf die vorangegangene Compilation - nimmt aber ebenso auch Bezug auf den einzigen neuen Song, den sie auch vorab als Single veröffentlichte: das wirklich wunderbare "Infinity", dass musikalisch mit ihrer "The Emancipation of Mimi"-Phase verwandt scheint.


Ansonsten bietet die Tracklist wie zu erwarten natürlich keine großen Überraschungen. Wie auch? So sind hier logischerweise all ihre US-No.1-Hits versammelt, die zum größten Teil ja bereits auf "#1's" zu hören waren. Das geht los mit frühen Perlen, wie etwa gleich ihrer 1990er Debütsingle: das warme und sanft schunkelnde Liebeslied "Vision of Love" (♪♫♪). Das setzt sich dann mit schmachtenden Pop-Balladen wie "Love Takes Time" oder "I Don't Wanna Cry" (♪♫♪) fort, aber auch mit so flotten, tanzbaren und stimmungsvollen Ohrwürmern wie "Someday"  und "Emotions" (♪♫♪). Später begegnen wir dann unter anderem noch ihrem wunderbaren Jackson5-Cover "I'll Be There", dass aus ihrer MTV-Unplugged-Session im Jahr 1992 stammt, sowie auch der unsterblichen und heute noch Gänsehaut provozierenden  Power-Ballade "Hero". Der unfassbar erfolgreiche Klassiker "One Sweet Day" (♪♫♪), den sie im Duett mit Boyz II Men einspielte, ist natürlich auch mit dabei - denn insgesamt 16 Wochen konnte sich diese wunderbare Ballade auf Platz 1 der US-Charts halten, was sonst noch niemals jemandem gelungen ist. Und mit dem großartigen RnB-Ohrfänger "Honey" (♪♫♪), sowie dem leidenschaftlich-emotionalen Tearjerker "My All", endete zu Zeiten von "#1's" die bis dahin schon lange Liste von No.1-Hits.



Danach konnte sie jedoch bei weitem nicht mehr den konstanten Erfolg der 90er Jahre aufrecht erhalten, weshalb seit 1998 auch nur noch fünf weitere No.1-Hits dazu kamen, die nun die Tracklist ergänzen. So konnte sie mit der gut gelaunten RnB-Pop-Nummer "Heartbreaker" (♪♫♪) die 90er noch mit einem großen Erfolg beenden und mit "Thank God I Found You" (♪♫♪) auch pünktlich zum ultimativen Beginn des neuen Jahrtausends einen weiteren No.1-Hit nachlegen. Doch dann folgte die längste Abwesenheit von der Pole Position der US-Charts, die es in Carey's Karriere bis dahin je gegeben hatte - war ihre Karriere seit Beginn der 2000er doch kräftig ins straucheln geraten. Diese Phase wurde begleitet von einem Nervenzusammenbruch, dem kommerziellen Flop ihres Albums und gleichnamigen Films "Glitter" und dem Verlust ihres Plattenvertrags mit Sony. Doch um die Mitte des neuen Jahrzehnts herum, lief sie völlig überraschend wieder zur alten Höchstform auf - weshalb die restlichen Songs auch ausschließlich aus dieser Phase stammen: die beiden artverwandten und schlicht und ergreifend großartigen RnB-Pop-Balladen "We Belong Together" (welches direkt nach ihrem eigenen Hit "One Sweet Day" den zweitlängsten No.1-Hit der US-Chartgeschichte darstellt) und "Don't Forget About Us" (♪♫♪) aus dem Jahr 2005, sowie der catchy Midtempo-RnB-Pop "Touch My Body" (♪♫♪), der im Jahr 2008 erschien. 

mariah carey "we belong together" from LOUIS MARINO on Vimeo.

Gegenüber dem Vorgänger, bietet "#1 To Infinity" allerdings etwas weniger Kaufanreiz. Zwar wird hier das Konzept strikt durchgezogen und bis auf den einen neuen Song all ihre mittlerweile 18 US-No.1-Hits dargeboten. Und diese dürfen sich auch zum größten Teil zurecht solche nennen. Das der 1995er Hit "Fantasy" als einer der besten davon hier leider in dem wesentlich schlechteren Bad-Boy-Remix enthalten ist, mag durchaus ärgerlich sein - war dies aber schon auf der letzten Compilation der Fall. Selbige hatte aber immerhin noch ein paar andere neue Stücke im Gepäck, was auch für Fans und Kenner die Sache etwas interessanter machte. Und als Bonus-Track wurde einst auch noch ein Song beigefügt, auf den der Hörer nun auf der neuen Zusammenstellung verzichten muss: ihr 1994er Hit "Without You". In den USA schaffte es der Song zwar "nur" auf Platz 3 der Charts, weshalb sein Fehlen in dieser Tracklist nicht verwunderlich ist. Doch in zig anderen Ländern der Welt sollte der Song die Spitzen der Charts stürmen und mancherorts gar zu ihrem größten Hit überhaupt avancieren. So etwa in Deutschland, wo es der Song 1994 sowohl an die Spitze der regulären Singlecharts, als auch der gesamten Jahrescharts schaffte! Doch auch wenn dieses Stück wohl vielen Kennern der Dame auf "#1 To Infinity" fehlen wird, so ist es musikalisch betrachtet dennoch eine sehr schöne Compilation. 

Was das Produkt an sich angeht, könnte man nun allerdings streiten. So scheint auf den ersten Blick auch der Zeitpunkt etwas willkürlich, liegt ihr letzter No.1-Hit mittlerweile auch schon 7 Jahre zurück. In Wirklichkeit ist der Anlass aber doch gar nicht so abwegig: neben der Tatsache, dass diese Compilation auf den Tag genau 25 Jahre nach ihrer Debütsingle erscheint, soll hiermit vor allem auch Carey's Rückkehr zu ihrem alten Label Sony gefeiert werden. Nachdem selbiges die Sängerin nach ihrem "Glitter"-Flop im Jahr 2001 mit einer hohen Abfindung aus ihrem laufenden Plattenvertrag bugsierte, konnte sich wohl kaum jemand vorstellen, dass sie jemals wieder zueinander finden würden. Und da kann man wohl als symbolische Geste auch ruhig so eine Compilation springen lassen. Ob man diese dann auch selbst haben muss, kann ja jeder für sich entscheiden. An der musikalischen Qualität der Songs ändert dies allerdings nichts. Wenngleich eine gut sortierte Best-of an dieser Stelle wohl dennoch ein wenig besser funktioniert hätte.





Mittwoch, 6. Mai 2015

Besprochen: MUMFORD & SONS - "WILDER MIND"

Mumford & Sons sind mit ihrem dritten Album zurück - auf dem sie sich ganz dem pompösen Stadionrock in die Arme werfen. Denn die Zeiten des rastlosen Folk-Rock sind für die Band auf "Wilder Mind" vorbei. Die Zeiten der guten Musik aber leider auch.

Die grobe Thematik der künstlerischen Weiterentwicklung, ist wahrlich und bekanntlich keine allzu leichte. Der eine Konsument und Kritiker fordert sie immerfort und unermüdlich - und freut sich, wann immer er ihr begegnet. Der andere hingegen wünscht sich eher Beständigkeit und will das der Künstler sich selbst treu bleibt. Doch eine noch viel größere Problematik ist die, eine Weiterentwicklung richtig einzuordnen. Denn: manch einer wünscht sich einfach nur eine WIRKLICHE Weiterentwicklung. Doch gerade da wird es heikel: in der Einordnung dessen, was man in diesem Kontext unter "wirklich" zu verstehen hat. Um einen pophistorischen Vergleich anzustrengen, der mir persönlich immer recht locker von der Zunge geht: als sich Radiohead von Garage-, über Prog- und bis hin zu elektronisch-jazzig unterfütterten Art-Rock bewegten, konnte man dies zweifellos eine Weiterentwicklung nennen. Weil die Band sich zunehmend von gängigen Songstrukturen löste und mit weniger massentauglichen, aber dennoch künstlerisch durchdachten Klängen experimentierte. Oder eben das umgekehrte Beispiel: als ein David Bowie von Post-Punk, Glam- und Art-Rock plötzlich in den 80ern zu uninspiriertem Radio-Pop überging, konnte man dies alles mögliche nennen - nur mit Sicherheit nicht Weiterentwicklung. Und doch wird von vielen Menschen einem Musiker selbiges zugesprochen, wann immer er sich von einem angestammten musikalischen Stil löst. Manchmal mag das auch zutreffen - oft genug aber auch wiederum nicht. Und so werden es nun wohl vor allem auch einige eingefleischte Fans der britischen Band Mumford & Sons sein, die von einer Weiterentwicklung schwadronieren werden. Denn kannte man diese bisher immer als wahrlich talentierte Folk-Band, hat sich auf ihrem 3. Album "Wilder Mind" der Wind kräftig gedreht. Hatte man ihnen auf ihren vorangegangenen Alben noch überschwänglich dafür danken wollen, dass sie dem Radiohörer hervorragende zeitgenössische Folk-Musik näher brachten, ist davon nun gar nichts mehr übrig. So scheint die Band in eben dieselbe Falle getappt zu sein, in die schon so viele vor ihnen traten: sie haben sich dem Mainstream angebiedert...so hart das nun auch klingen mag. Denn wo vorher so wunderbare Folk-Perlen wie "Little Lion Man", "Babel" & Co. waren, da findet man nun plötzlich pathetischen Stadionrock. Davon bekam man schon vor einigen Wochen mit der ersten Single "Believe" einen Vorgeschmack. 



Dabei ist der Song genau genommen gar nicht mal unbedingt schlecht oder misslungen. Im Grunde liefern sie keine üble Komposition ab und auch die Melodie hat seine Reize - was im übrigen auch für die zweite Vorab-Single "The Wolf" (♪♫♪) gilt. Doch hört man richtig hin, dann wird einem schnell klar, wo hier der Haken ist: mit dem deutlichen Soundwechsel scheint die Band all das verloren zu haben, was sie und ihre künstlerische Identität bisher ausgemacht hat. Sie mögen zwar beileibe nicht die einzige Folkband gewesen sein, aber doch konnte sich die Band von den vielen, vielen Stadion-Rockern unserer Zeit abheben, die unermüdlich die Radios mit ihren immergleichen musikalischen Ergüssen verstopfen. Eine Band wie die Mumford & Sons gehörten bislang zu eben jenen, die dort einen frischen, inspirierten und fast unverwechselbaren Kontrast hinein brachten. Doch nun gehen sie mit "Wilder Mind" in einer Atmosphäre des Gleichklangs unter, der sie stilistisch in keiner Weise mehr von den ganzen Coldplay-Klonen zu unterscheiden vermag. Dieser Trend setzt sich nämlich auch auf den restlichen Stücken der neuen Platte fort. Der Titelsong "Wilder Mind" (♪♫♪) könnte dabei vielleicht noch als gemächliches Liedchen mit einer recht hübschen Melodie durchgehen - doch spätestens die kitschigen U2-Gitarren lassen den Song endgültig verrecken. "Broad-Shouldered Beasts" (♪♫♪) ist wohl der einzige auffindbare Moment, der immerhin ein wenig von der Atmosphäre der letzten beiden Alben reanimieren kann - aber deren songschreiberisches Niveau dennoch nicht erreicht. Und die jüngste Single "Tompkin Square Park" (♪♫♪) kann sich im Albumkontext auch noch ein wenig hervor heben - kann es doch mit einer recht feinen Melodie glänzen....wenngleich das Endresultat so oder so ähnlich auch von Coldplay & Co. stammen könnte. Und der ziemlich gesamte Rest des Albums ergeht sich unterdessen in ähnlich gepflegter Langeweile.

Zwar mögen Mumford & Sons streng genommen noch weit davon entfernt sein, wahrhaft miese Musik zu fabrizieren. Aber dem leidenschaftlichen Jubel über ihre letzten beiden Alben, folgt nun auf "Wilder Mind" die bittere Ernüchterung. Der rastlose Geist und die inspirierende Energie ihrer vorangegangenen Werke scheinen hier vollkommen verschwunden zu sein. Zu hören gibt es stattdessen eine eigentlich talentierte Band, die es sich nun aber in ziemlich gesichtslosem und uninspiriertem Stadionrock gemütlich macht - und damit ihr drittes Album leider komplett gegen die Wand fährt.




Donnerstag, 9. April 2015

Besprochen: TWIN SHADOW - "ECLIPSE"

 Schon wieder eine 80's-Pop-Platte? Wo einem diese Nachricht sonst eigentlich eher ein müdes Gähnen entlockt, darf bei Twin Shadow geradezu frohlockt werden. Denn auch auf Album No.3 kann man von seinen persönlichen 80's einfach nicht genug kriegen.

Seit einer gefühlten Ewigkeit wird von diversen Musikern ja nur allzu gerne der typische Sound der 80er Jahre wiedergekäut - fast so, als würde die Geschichte der populären Musik keine anderen Bezüge und Inspirationsquellen bereit halten. Obgleich der amerikanische Musiker Twin Shadow diese Zeit selbst nur als Kind erlebte, gehört er dennoch zu jenen Künstlern, die von Anfang an diese musikalische Dekade in den Fokus ihres künstlerischen Wirkens gestellt haben. Angesichts der Tatsache, dass die 80er mitunter ja auch zu einigen Schandtaten bereit waren, die heute noch gewaltig in den Ohren schmerzen, muss sich hier allerdings niemand Sorgen machen. Denn George Lewis Jr. alias Twin Shadow hat bereits in den vergangenen Jahren auf seinen ersten beiden Alben "Forget" (2010) und "Confess" (2012) deutlich bewiesen, dass er sich nur der besten, wertvollsten und reichhaltigsten Elemente besagter Dekade bedient - um sie in  erstaunlich authentischem und dennoch zeitgemäßem Sound ins Heute zu transferieren. Eine wahre Schande, dass die beiden Alben nie die Beachtung gefunden haben, die sie verdient hätten. Denn Twin Shadow leistet nicht nur stimmlich hervorragende Arbeit, sondern ist auch ein ganz fabelhafter Songwriter, dem immer wieder die feinsten Melodien aus den Ärmeln purzeln. Doch es ist noch nicht zu spät, dass er endlich mehr Ohren erreicht - denn sein neues und drittes Studioalbum "Eclipse" in erwartungsgemäß wieder einmal hervorragend und bündelt alle Stärken, die er bereits auf seinen ersten zwei Werken wunderbar zur Schau stellte. Davon konnte man nach den schon vorab veröffentlichten Songs der neuen Platte allerdings bereits ausgehen. 

Twin Shadow - Turn Me Up from Alex Turvey on Vimeo.

Der erste davon war "Old Love/New Love" (♪♫♪), welcher bereits im Spiel "GTA V" zu hören war - und mit seinen tanzbaren Beats, stimmungsvollen Pianos, funky Gitarren und seiner schillernden Elektronik, als einziger Song stärker in den 90ern verwurzelt ist. Danach folgte der wieder deutlich in den 80ern zu verortende und fabelhafte Pop-Ohrwurm "To The Top" (♪♫♪), der mit einem mitreißenden Refrain gesegnet ist. Und die dritte und bislang letzte im Bunde, ist die fantastische aktuelle Single "Turn Me Up": eine wunderbare, von New Wave und R&B beeinflusste Hymne, die bei mir seit Monaten auf heavy rotation läuft. Und dies komplettierte er mit einigen weiteren Stücken nun zu einem fabelhaften dritten Album, das seinen Vorgängern im Grunde in kaum etwas nachsteht. So kann schon der Einstieg mit dem hervorragenden, eher melancholisch gefärbten Opener "Flatliners" (♪♫♪) ein wenig sprachlos machen, wenn Lewis hier voller Inbrunst und Leidenschaft einen fast perfekten Popsong darbietet. Das optimistisch-melodische und von beherzten Streichern untermalte "When The Lights Turn Out" erweist sich daraufhin gleich als der nächste Ohrwurm - dem sich dann auch sofort das wundervolle und eher balladeske, aber dennoch ziemlich hymnische "Alone" hinzu gesellt, das er im Duett mit der Sängerin Lily Elise darbietet. Und auch der soulig atmosphärische und vom Synthpop geküsste Titelsong "Ecplipse" (♪♫♪) überzeugt auf ganzer Linie, ebenso wie der schillernd epische Popsong "Half Life" (♪♫♪) oder das eine Ecke düsterer veranlagte und elektronisch verzerrte "Watch Me Go" (♪♫♪).

Man kann sich ja schon seit Jahren nicht mehr vor Platten voll mit diversen Einflüssen der Musik der 80er Jahre retten. Diesbezüglich kann eine weitere dieser Sorte auch durchaus leicht untergehen. Es wäre aber sehr schade, wenn "Eclipse" dieses Schicksal ereilen würde, fanden doch auch die beiden großartigen Vorgänger-Alben von Twin Shadow schon viel zu wenig Aufmerksamkeit. Und auch "Eclipse" ist einfach wieder einmal zu gelungen, als das man es ignorieren dürfte.



 

Mittwoch, 8. April 2015

Besprochen: THE PRODIGY - "THE DAY IS MY ENEMY"

 Mit ihrem neuen Album "The Day Is My Enemy" servieren uns The Prodigy überwiegend ein solch leidenschaftslos hin geklatschtes ADHS-Big-Beat-Geballer, dass einem der Gedanke kommen kann, dass ihr Feind in Wirklichkeit nicht der Tag, sondern die Musik ist.

Mindestens jene, welche die 90er Jahre bewusst miterlebt haben, könnten auch einst zu der Erkenntnis gelangt sein, dass die britische Elektro-Truppe The Prodigy seinerzeit mitunter ziemlich relevant und fähig sein konnte. Schon bei früheren Hits wie "No Good (Start The Dance)", "Poison" oder "Voodoo People", sowie dem dazugehörigen Album-Klassiker "Music For The Jilted Generation" (1993), war trotz der deutlichen Dance-, Elektro- und Techno-Elemente, immer eine rotzige, kantige und widerborstige Atmosphäre zu spüren - was sie etwa durch geschickt genutzte Industrial- oder Jungle-Einflüsse erreichten. Und dies sollten sie auf ihrem 3. Album "The Fat of The Land" (1997) und mit so mitreißenden Elektro-Rock-Bastarden wie "Firestarter", "Breathe" oder "Smack My Bitch Up" noch auf die Spitze treiben. Und mit diesem Stil, den man dann vor allem seinerzeit gerne Big Beat nannte, hatten The Prodigy nun entscheidenden Anteil daran, die beiden einst verfeindeten Lager Techno und Rock miteinander zu versöhnen. Doch der Siegeszug dieses Genres - dem sich mitunter auch Fatboy Slim oder Appollo 440 auf ihre Weise anschlossen - sollte nicht lange anhalten. So sollte es auch geschlagene 7 Jahre dauern, ehe The Prodigy mit "Always Outnumbered, Never Outgunned" im Jahr 2004 wieder ein Album vorlegten - welches allerdings so uninspiriert, flach und schlichtweg stinklangweilig daher kam, dass die Musikwelt es bis heute wohl schon nahezu verdrängt hat. Doch gerade als man so gar nicht mehr mit ihnen gerechnet hatte, kehrten sie dann im Jahr 2009 mit ihrem bislang letzten Album "Invaders Must Die" zurück - und konnten in der Tat wieder ein wenig musikalischen Boden gut machen. Wirklich neu oder originell klangen sie nicht, aber sie machten ihre Sache wieder hörbar besser, als auf dem ziemlich missratenen Vorgänger. Aber letztendlich blieb auch dieses Album eine gute Ecke hinter dem Niveau ihrer frühen Arbeiten zurück. Und doch wäre man dieser Tage beinahe schon froh darüber, wenn ihr brandneues und nunmehr sechstes Studioalbum "The Day Is My Enemy" wenigsterns diese Klasse erreichen  würde. Sicherlich: Singles wie "Nasty", "Wild Frontier" (♪♫♪) oder das von Martina Topley-Bird besungene "The Day Is My Enemy" (♪♫♪) konnten durchaus kurzweilig bespaßen - und ein klein wenig von den Erinnerungen an ihre guten alten Zeiten reanimieren. Aber eben doch nur ein wenig. Und auch nur kurzweilig.



Denn spätestens in Kenntnis des gesamten neuen Albums, macht sich eine immense Ernüchterung breit. Von Kreativität und Einfallsreichtum findet man hier keine Spur, stattdessen funktioniert alles nach dem Schema F. Zusammen gesetzt aus den ewig gleichen Bestandteilen, schleudern uns The Prodigy hier mehr als ein Dutzend beinahe durchgehend nichtssagender Haudrauf-Songs um die Ohren, die sich zusammen zu einer knappen Stunde fast durchgängiger Langeweile aufblähen. Band-Mastermind Liam Howlett gefällt sich offenbar vor allem darin, die meisten Songs aus stets identisch schmeckenden Zutaten zusammen zu panschen - die sich vor allem auf ballernden Bass, sich selbst (und mitunter auch den Hörer) schwindelig wirbelnde Beats, fadenscheinig heraus gebolzte Gitarrenriffs und die immer wieder eingestreuten Synthesizer-Fanfaren beschränken, die zuletzt ca. Mitte der 90er noch als halbwegs originell durchgehen konnten. Das bandeigene Rumpelstilzchen Keith Flint keift sich zwar auch dieses Mal wieder auf gewohnt herrliche Weise die Seele aus dem Leib, aber begleitet wird er dabei mehrheitlich von recht lieblos hin konstruiertem Gleichklang - der dem Hörer fast immer gleich von Anfang an kräftig auf die Mütze geben will. Hier wird im Grunde nie versucht, auch nur ansatzweise eine Art Spannungsbogen aufzubauen oder auch nur ein paar halbwegs prägnante Höhepunkte zu erzeugen.  

Die wenigen Ausnahmen, wo man auch ein paar kleine erhellende Momente aus dieser musikalischen Einöde mitnehmen kann, beschränken sich dann etwa auf "Beyond The Deathray" (♪♫♪), wo mal das Tempo kräftig herunter gefahren und dem Stück etwas Raum für Melodie gelassen wird - und für etwas, das man ansatzweise Seele nennen könnte. Und auch "Invisible Sun" (♪♫♪) stimmt versöhnlicher, drosseln sie hier doch ebenfalls mal das Testosteron und erschaffen immerhin ein wenig Atmosphäre.  Hier und da gibt es in manch anderen Stücken zwar auch immer wieder recht ansprechende Momente - die dann in der Regel aber alsbald in indifferent daher polterndem ADHS-Big-Beat-Geballer ersaufen. Damals, vor bummelig 20 Jahren, beherrschten sie ihr Handwerk noch mit Raffinesse - heute hingegen wirken The Prodigy nur noch verkrampft und eindimensional. 
So war ich schon im ersten Moment ein wenig erschrocken, als ich las, dass der große und berühmte britische NME dem Album 8 von 10 Punkten gibt - und es zum besten Album der Band seit "The Fat of The Land" erklärt. Aber dann erinnerte ich mich daran, dass derselbe NME ja auch Oasis bis heute für die beste Band seit den Beatles hält...



Sonntag, 15. März 2015

Besprochen: MARINA & THE DIAMONDS - "FROOT"

Nach der ziemlich ernüchternden Mainstream-Anbiederung ihres letzten Werkes, gehört Marina & The Diamonds mit ihrem dritten Studioalbum endlich wieder zu den Guten.

Noch allzu frisch erscheinen einem doch die Erinnerungen, als die walisisch-griechische Sängerin Marina Diamandis alias Marina & The Diamonds im Jahr 2010 mit ihrem herrlichen Debüt "The Family Jewels" daher kam, um unseren Alltag mit so unwiderstehlichen Pop-Köstlichkeiten wie "I am Not a Robot", "Hollywood" oder "Mowgli's Road" zu versüßen. Und uns dabei die Hoffnung auf ein neues kleines Pop-Phänomen mit auf den Weg zu geben. Doch die Freude währte leider nicht sehr lange, konnte sie die Erwartungen mit ihrem Zweitwerk "Electra Heart" (2012) doch keineswegs erfüllen. Wenn das Album auch durchaus seine Momente hatte, so war der charmant-eingängige Sound des Debüts doch einer recht austauschbaren Dance-Pop-Platte gewichen, die kaum noch etwas davon erkennen ließ, was einem auf dem Vorgänger noch so bezaubert hatte. Mit einer Vielzahl von Produzenten und Co-Songwritern wie Dr. Luke, Benny Blanco oder Stargate, erschien das Album wie eine ziemlich plumpe Anbiederung an den aktuellen Mainstream, und ließ kaum Spielraum für die eigene Persönlichkeit der Sängerin. Doch dem will die Dame nun auf ihrem neuen und dritten Album "Froot" quasi mit dem genauen Gegenteil begegnen: hier wurden zum ersten Mal auf einem ihrer Alben sämtliche Songs von ihr allein geschrieben und komponiert, wofür sie nach eigener Aussage ihre Art des Songwritings komplett verändert hat. Und zusammen mit David Kosten (Bat for Lashes, Everything Everything) hat sie es zugleich auch co-produziert. Und diese veränderten Umstände hört man dem neuen Album auch deutlich an, welches sich nun akustisch von seinem Vorgänger hörbar positiv abhebt!



So geht es schon ganz wunderbar los, wenn sie mit dem Opener "Happy" (♪♫♪) in das neue Album startet. Wer dahinter jetzt allerdings einen nervtötend fröhlichen Gassenhauer wie seinen Namensvetter von Pharrell Williams befürchtet, der sei unbesorgt: denn entgegen seinem Titel versteckt sich dahinter eine eigentlich gar nicht so fröhliche, sondern eher melancholische, beizeiten traurige und dennoch wunderschöne Ballade, die auch für ein paar kleine Gänsehautmomente gut ist. Im schicken Titelsong "Froot" (♪♫♪) verschwören sich daraufhin die wunderbar süße Melodie und der tänzelnde Disco-Groove zu einem äußerst unterhaltsamen Pop-Vergnügen, ehe sie mit "I'm a Ruin" einen ganz fabelhaften Ohrwurm mit leicht melancholischer Schlagseite folgen lässt. Aber auch abseits dieser ersten drei Stücke kann das Album mit ein paar Highlights strahlen. So etwa mit der neuen Single "Forget" (♪♫♪), einem melodisch einnehmenden Song, der ein wenig die Atmosphäre eines zeitlosen Pop-Ohrwurms ausstrahlt. Aber auch so kleine Perlen wie das eingängig melodische "Can't Pin Me Down" (♪♫♪), das verträumte und harmonisch-schöne "Weeds" (♪♫♪), das zugleich tief melancholische und optimistisch melodische "Solitaire" (♪♫♪) oder das nachdenkliche "Immortal" (♪♫♪), kann man auf ihrem neuen Album finden.  

Insgesamt klingt "Froot" geschlossener und persönlicher als sein Vorgänger. Es jagt nicht mehr krampfhaft den hipsten Musiktrends hinterher, zeigt wieder weit mehr Seele als zuvor und kann mit ein paar sehr feinen Melodien punkten. Zwar ist aus Marina & The Diamonds immer noch nicht das einst versprochene Pop-Phänomen geworden, aber mit "Froot" ist ihr dafür immerhin ein grundsolides Pop-Album gelungen, mit dem sie künstlerisch endlich wieder Boden gut machen und sich zugleich als fähige Songwriterin beweisen kann. Sie gehört wieder zu den Guten. 



 

Samstag, 7. März 2015

Besprochen: MADONNA - "REBEL HEART"

Nachdem Madonna's Herrschaft in den vergangenen Jahren doch immer wackeliger und instabiler zu werden drohte, sitzt die "Queen" mit  ihrem neuen und 13. Studioalbum "Rebel Heart" endlich wieder fest auf dem Pop-Thron.

Wenn man wie meine Wenigkeit in den 1980er und 1990er Jahren aufgewachsen ist, wurde man irgendwie auch automatisch in dem Selbstverständnis groß, dass Madonna unangefochten den Thron der "Queen of Pop" besetzte. Ganz gleichgültig, ob man sie nun mochte oder auch nicht. Und eigentlich hat sich daran bis heute nicht viel geändert - auch der Tatsache zum Trotz, das ja immer mal wieder darum gestritten wird, ob nun Lady Gaga oder vielleicht doch eher Taylor Swift die neuen Thronhüter wären. Nur kann eben keiner von ihnen auf eine so beispiellose und mehr als 30 Jahre andauernde Karriere zurückblicken, wie dies Madonna Louise Ciccone kann. Doch in den letzten paar Jahren konnte man doch ohne viel Mühe den Eindruck gewinnen, als würde Madonna's Pop-Thron spürbar zu wackeln beginnen. So waren es vor allem im Rückblick betrachtet ihre letzten beiden Alben, die einen ziemlich ratlos hinterließen. "Hard Candy" und "MDNA" hatten zwar fraglos ihre Momente - aber wurde bei ihnen doch auf kurz oder lang nur allzu deutlich klar, dass Madonna sich künstlerisch kräftig verzettelt hatte. Wo sie in der Vergangenheit immer wieder neue Trends geprägt und losgetreten hatte, schien sie zuletzt eher verzweifelt zu versuchen, auf bereits rollende Züge aufzuspringen. Es blieb einem jedoch immer noch die Hoffnung, dass sich dies beim nächsten Album wieder ändern könnte. Weil man eben nur zu genau wusste: Madonna kann es doch eigentlich besser. Und diese Hoffnungen wurden dann auch bald ganz unerwartet genährt. 

Denn nachdem Ende letzten Jahres illegal zahlreiches neues Demo-Material von Madonna im Internet auftauchte, war selbige zwar gar nicht amused, aber trat kurz darauf die Flucht nach vorne an. Und so stellte sie kurz vor Weihnachten 2014 bereits die ersten 6 Songs ihres neuen und 13. Albums "Rebel Heart" via iTunes zur Verfügung. Und man musste allein nur den großartigen Opener "Living for Love" hören, um deutlich zu merken, dass sich bei Madonna einiges geändert hat: eine Art erhebende und mitreißende Durchhalte-Hymne für gebrochene Herzen, die von House-Elementen, 90s-Piano (welches übrigens von Alicia Keys beigesteuert wurde) und Gospel-Gesang begleitet wird - und so auch perfekt in den aktuellen Zeitgeist passt, der ja u.a. durch so junge Vertreter wie Kiesza unlängst den House der frühen 90er für sich wiederentdeckt hat. Doch damit biedert sich Madonna in der Tat keinem vorherrschenden Trend an, hat sie diese Ära doch einst selbst gelebt! Aber spätestens wenn man erst den offiziellen Clip dazu gesehen hat, sollte es endgültig um einen geschehen sein: denn damit gelang Madonna ihr bestes Musikvideo seit mehr als einer Dekade, indem sie auf famose Art und Weise eigene frühere Clips wie "Take a Bow", "Open Your Heart", "La Isla Bonita" oder "Girl Gone Wild" zitiert.

Madonna // Living For Love from HSL2014 on Vimeo.

Und auch wenn das restliche vorab bekannte Material diesen Eindruck schon Ende vergangenen Jahres ganz deutlich bestärkte, so ist doch spätestens jetzt nach dem kompletten Genuss von "Rebel Heart" klar: Madonna kann dieses erste Versprechen auch auf Albumlänge ganz und gar einlösen. Und das schafft sie mit einer Riege an famosen Songs und potentiellen Hits, die sie endlich wieder in Höchstform präsentieren. Etwa mit dem Ohrwurm "Devil Pray" (♪♫♪), der sich der Thematik des Drogenkonsums aus spirituellen Gründen widmet und der durch Einsatz von Akustikgitarren und softer Elektronik, Erinnerungen an ihre "Music"-Ära herauf beschwört. Ein äußerst gelungener Song, was aber auch überraschen kann - zumindest wenn man weiß, dass Avicii an der Produktion beteiligt war. 
"Ghosttown" erweist sich hingegen als fantastische und hoffnungsvolle Pop-Perle, die von ruhigen Versen geprägt ist, zwischen denen der hymnische und von stimmungsvollen Beats begleitete Refrain fast schon majestätisch empor ragt - und die sich inhaltlich mit einer Art postapokalyptischen Welt befasst, in der die Menschen nichts mehr haben, außer sich selbst: "That song is kind of looking at the world in a way, seeing civilization collapse around us, for lack of a better word. And at the end of the day, if we run out of oil and we don't have electricity and we don't have all the modern conveniences, and we have no phones and computers, all we're going to have is each other, is humans", wie sie in einem Interview mit dem Rolling Stone schilderte. Man benötigt nicht viel Fantasie, um sich denken zu können, dass der aktuell wahrhaft katastrophale Zustand der Welt sie zu dem Thema inspiriert hat. 
Auf dem genialen "Unapologetic Bitch" (♪♫♪) zeigt sich Madonna dann endlich mal wieder von einer bislang ganz neuen Seite: zusammen mit Produzent Diplo (der auch einige weitere Songs des neuen Albums betreute) versuchte sie sich hier tatsächlich an Raggae-, Dub- und Dancehall-Klängen, was ihr (selbst zu meiner Überraschung) ganz außerordentlich gut gelungen ist. Beim hervorragenden "Illuminati" (♪♫♪) arbeitete Madonna wiederum mit Produzent Kanye West zusammen - der sich den Song aus Madonna's Demo-Katalog explizit aussuchte, nachdem er laut Sängerin schon beim ersten Hören ganz aus dem Häuschen war. Und dem verpasste er dann seine ganz persönliche Note, was sich in dem kühl-minimalistischen und vielseitigen Sound niederschlägt, der sich irgendwo zwischen Electronica, Synth-Pop, RnB und HipHop einpendelt. 


Als eine weitere große Perle des Albums zeigt sich die warme und melodieverliebte, stark auf Akustikgitarren basierende Midtempo-Ballade "Joan of Arc", in der sich Madonna aber keineswegs mit der französischen Nationalheldin und Heiligen der römisch-katholischen Kirche vergleichen will. Vielmehr zeigt sie hier einerseits die verletzliche Seite eines Superstars. "Each time they write a hatefull word, draggin' my soul into the dirt, I wanna die. Never admit it, but it hurts", heißt es dort etwa. Oder wenn sie dann später mit Zeilen fortfährt, wie: "I can be a superhero right now, even hearts made out if steel can break down. I'm not Joan of Arc, not yet. I'm only human." Doch bald merkt man, dass Madonna sich hier nicht in Selbstmitleid zerfließend die Wunden lecken will - sondern das es sich dabei in Wirklichkeit um ein ganz wunderbares Liebeslied handelt, wenn sie im Refrain weiter singt: "Anything they did to me, said to me, doesn't mean a thing cause you're here with me now. Even if the world turns it's back on me. There could be a war, but I'm not going down".  
"Hold Tight" (♪♫♪) erweist sich hingegen als famoser und atmosphärischer, von mitreißenden Beats angeheizter Pop-Ohrfänger mit kräftigem Synthie-Einschlag - und zudem auch ziemlich hohen Hitqualitäten. Das anfänglich für manche vielleicht etwas unscheinbar wirkende "Body Shop" (♪♫♪) mausert sich alsbald zu einem weiteren Höhepunkt der Platte, der als warme und von Akustikgitarren dominierte Perle besticht, in der Madonna schon allein durch ihren beinah scheuen Gesang glänzt. Und mit dem Finale des Albums gelingt ihr auch ganz Wundervolles, was man zumindest als Kenner der geleakten Demos so wohl kaum erwartet hätte: war seine Demo noch recht einfach gestrickter Dance-Pop mit Avicii-typischem Trance-Geballer, so ist es ein wahrer Segen, was Madonna aus der finalen Version von "Wash All Over Me" (♪♫♪) gemacht hat - ist daraus doch schlussendlich eine ziemlich klassische, Piano-lastige und von soften Beats und Chören begleitete Ballade geworden.  



Ein paar kleine Abstriche muss manch einer hier aber auch machen. So könnten vor allem eher etwas aufgedrehte Nummern wie "Bitch, I'm Madonna" (♪♫♪) oder "Iconic" (♪♫♪) für manch einen (wenn auch nicht zwingend für mich selbst) recht gewöhnungsbedürftig sein. Und gerade in diesem Kontext erscheint es einem dann fast schon wie eine Schande, dass gleich mindestens zwei Songs als Bonus-Tracks auf die Deluxe-Edition des Albums verbannt wurden, die qualitativ eigentlich auf das reguläre Albums gehört hätten. Allen voran kein geringerer Song, als der Titelsong (!) des Albums höchstpersönlich: warum sich Madonna dazu entschieden hat, den großartigen und autobiographischen Gitarren-Pop-Ohrwurm "Rebel Heart" (♪♫♪) nicht auch auf das reguläre Album zu nehmen, wird mir wohl auf ewig schleierhaft bleiben. Und dann wäre da auch noch das fantastische "Messiah" (♪♫♪): eine erhabene und wunderschöne, von Piano und Streichern untermalte Ballade, die man in meinen Ohren gerne mit zu den besten Balladen der Dame zählen darf. Doch das sind im Grunde nur Fußnoten - zumal hier sowieso mindestens die Deluxe-Edition die erste Wahl sein sollte.
 

Mit "Rebel Heart" hat Madonna nun also endlich einen spürbaren und auch überfälligen Kurswechsel in ihrem musikalischen Schaffen eingeleitet. Dem neuen Album hört man deutlich an, dass es Madonna hier nicht vorrangig um fette Sounds und möglichst zeitgemäße Produktion ging. Ganz im Gegensatz zu ihren letzten beiden Alben, die spätestens in Nachhinein wie recht ungelenke Versuche wirkten, Anschluss an den aktuellen Mainstream zu finden. Doch "Rebel Heart" ist da hör- und spürbar anders gestrickt. Hier liegt der Fokus wieder so deutlich auf Melodie, Songwriting und Gesang, wie bei Madonna schon eine ganze Weile nicht mehr. Trotzdem es zwar sicherlich kein Meisterwerk par excellence hergibt, so ist "Rebel Heart" aber dennoch ein spannendes und wirklich fabelhaftes Pop-Album, das mit seiner stilistischen Vielfältigkeit über seine gesamte Strecke hervorragend funktioniert. Und zudem Madonna's mit Abstand bestes Album seit mindestens 10 Jahren markiert.