♪♫♪ ...music makes the people come together... ♪♫♪

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Sonntag, 28. September 2014

Besprochen: PERFUME GENIUS - "TOO BRIGHT"

 Perfume Genius entwickelt sich auf seinem dritten Album hörbar weiter - und erschafft dabei ein Werk, das wunderschön, filigran, episch und verstörend zugleich ist. Ein Hochgenuss.

Es gibt diese Musiker, die ein so gewaltiges Talent besitzen, dass sie nicht viele und aufwendige Mittel benötigen, um einen ganz und gar zu fesseln - deren Kunst Herz und Seele des Hörers berührt, ihn ganz einnimmt und nicht mehr los lassen will. Auch wenn es sie zugegeben ausgesprochen selten gibt. Und wohl nicht nur für mich zählte von Anbeginn an Perfume Genius zu eben diesen Musikern. Der junge und offen homosexuelle Musiker aus Seattle, der auf den bürgerlichem Namen Mike Hadreas hört, hat dies bereits mit zwei großartigen Alben hinreichend bewiesen. Schon sein 2010er Debüt "Learning" war ein minimalistisches, bis auf die Knochen herunter geschältes Stück Kunst, dem er 2012 sein schlichtweg perfektes Zweitwerk "Put Your Back N 2 It" folgen ließ - trotz seines ebenfalls minimalistischen Aufbaus, wurde es ein opulentes, emotionales und ergreifendes Meisterwerk, dass mir persönlich bis heute tief unter der Haut sitzt. Zwei Manifeste über die Liebe, den Schmerz und den Tod. Und vieles von all dem entsprang dem Leben des Musikers selbst, der seine Kunst von Anbeginn zum Anlass nahm, seine unglückliche Vergangenheit und seine schmerzhaften Erfahrungen zu verarbeiten. Und nun gibt es noch mehr davon, hat Hadreas doch gerade erst sein neues und drittes Album "Too Bright" unters Volk gestreut. Dieses wurde ja bereits in den letzten Woche durch dessen erste Single "Queen" angekündigt - die schon einen kleinen Vorgeschmack darauf gab, was auf dem neuen Album anders sein sollte als zuvor. Für seine Verhältnisse hört man hier einen satt und zeitweilig gar blumig arrangierten Song, der nahezu optimistische, irgendwie angeraut glamouröse Vibes ausstrahlt. 


Das nimmt natürlich nicht den gesamten Sound vorweg - auch "Too Bright" ist eine in vielen Facetten dunkle und emotionale Platte, die auch wieder einige der für den Musiker mittlerweile typisch wundervollen, tieftraurigen und spartanisch arrangierten Perlen beherbergt. So etwa das tief melancholische, von Piano und sanften Streichern untermalte "No Good" (♪♫♪), oder das wundervolle, emotionale und zugleich sanft perlende "Don't Let Them In" (♪♫♪).  Doch zu weiten Teilen des Albums erschafft Hadreas hier noch deutlichere und schärfere Kontraste, was sich zum Teil auch in komplexeren Arrangements niederschlägt, als man sie von dem Herren bislang gewohnt war. Das kann sich musikalisch etwa auch in optimistischeren Klängen niederschlagen - "Fool" (♪♫♪) zeigt dies ganz vortrefflich: ein großartiger Song, der anfangs von 80s-affinen Synthesizern angeführt wird, bald darauf in einen atmosphärisch schwebenden und majestätischen Mittelteil übergeht, ehe es zuletzt in einer fingerschnippenden Indiepop-Perle mündet. Und das fabelhafte "Longing" (♪♫♪) wird gleich von atmosphärischen Synthesizern eingeführt, die mich persönlich stark an Kavinsky erinnern. Aber auch seine dunklen Seiten zeigt der Künstler hier mitunter in experimentellerem Gewand. So etwa mit "My Body" (♪♫♪), einem düster verstörenden Mini-Epos von gerade einmal gut 2 Minuten, der den Hörer aber mit Industrial-artigen Elementen auch in so kurzer Zeit ganz in seinen dunklen Bann zieht. Oder aber auch mit dem extrem schwermütigen, von todtraurigem Gesang und dunklen Ambient-Klangflächen begleiteten "I'm a Mother" (♪♫♪), das einem wahrhaft schaurig-schöne Gänsehaut über den Rücken zu jagen vermag. 

Auf "Too Bright" scheint alles anders und doch ganz beim alten. Es ist wunderschön, verstörend, in sich zerrissen und ganz und gar stimmig zugleich. Es ist, als würde es einen erst zärtlich in den Arm nehmen, nur um einen im nächsten Moment in einen tiefen und dunklen Abgrund zu stoßen. Und doch gerade erst das ist es, was diesen ganz besonderen Reiz seines neuen Werks ausmacht. 

 

Sonntag, 21. September 2014

Besprochen: CLUESO - "STADTRANDLICHTER"

Auch wenn die Entwicklung schon in den letzten Jahren spürbar war, muss man doch mit einer kleinen Portion Wehmut feststellen, dass Clueso auf seiner neuen Platte allmählich bei nettem und gefälligem Deutsch-Pop für "Brigitte"-Leserinnen angekommen ist.

Eine gewisse Weiterentwicklung ist ja in der Regel für Musiker eine wichtige Sache. Wer ewig immer nur dieselbe Schiene fährt, der fängt meist auch recht schnell an zu langweilen. Und auch der Erfurter Musiker Clueso hat sich in seiner Karriere merklich entwickelt - wenn auch aktuell nicht unbedingt immer zum Positiven. Denn wer ihn erst auf seinen letzte paar Alben kennengelernt hat, der wäre wohl nicht so leicht darauf gekommen, dass er seine Laufbahn doch ursprünglich im deutschen HipHop begann. Der Wandel hin zum Pop kam dann schleichend, war aber schon früh relativ deutlich zu erkennen. Und vor allem auf seinem zweiten Album "Gute Musik", sowie dessen Nachfolger "Weit weg" (2006) erreichte er seinen bisherigen künstlerischen Höhepunkt,  indem er nahezu perfekt das Verhältnis zwischen HipHop und Pop ausbalancierte - doch von da an sollte er sich ganz dem Deutsch-Pop widmen, ohne auch nur die geringste Ahnung davon übrig zu lassen, worin er einst so brillierte. Und doch waren Alben wie "So sehr dabei" oder zuletzt vor 3 Jahren "An und für sich" keine Reinfälle. Mit seinem Hang zu eingängigen Melodien konnte er einen doch immer wieder kriegen - aber trotz alledem konnte man sich des Eindruckes nicht erwehren, dass die Musik des recht ansehnlichen jungen Mannes zusehends braver wurde. Immer mehr schien er sich im gemächlichen, wenn auch meist recht geschmackvollen Wohlklang zu verirren. Die erste Vorabsingle seines neuen Albums "Stadtrandlichter" kann diesen Eindruck auch noch weiter erhärten: anfangs war ich von "Freidrehen" auch nur mäßig begeistert, wenngleich sich der Song nach mehrmaligem Genuss in meinem Ansehen steigern konnte. So bleibt davon am Ende ein gut hörbarer, auf einer Synthie-Hookline daher gleitender Pop-Ohrfänger, dessen blumig-bildhafter Text sogar überraschend gut darüber hinweg täuschen kann, dass er im Grunde eigentlich  keine wirkliche Aussage besitzt.


Das Album kann aber auch sonst durchaus den einen oder anderen Song hervor bringen, der einen wenigstens halbherzig zu bezirzen weiß. Das melodische "Wach auf" (♪♫♪) zählt etwa dazu, der flotte und leichtfüßige Opener "Pack meine Sachen" (♪♫♪), so wie auch der nachdenkliche angelegte Titelsong "Stadtrandlichter" (♪♫♪). Alles ganz schön und gut - und bis auf das recht doofe Duett mit Udo Lindenberg in "Sein Song" (♪♫♪), geht hier auch eigentlich nichts so richtig daneben. Letztendlich hilft es aber doch alles nichts: Clueso's neues Album kratzt fast ausschließlich an der auf Hochglanz polierten Oberfläche und bleibt musikalisch nur eine lauwarme und meist recht fade Angelegenheit, während man die Texte zunehmend als eine künstlich mit Bedeutung aufgeblasene Aneinanderreihung von Metaphern und Wortspielen wahrnimmt - deren tatsächlicher Inhalt aber erschreckend überschaubar bleibt. Ein Kritiker des "Intro"-Magazins nannte es kürzlich sogar sarkastisch "hoch gepimpten Schlager". Und auf seine extrem überspitzte Art und Weise hat der Herr da gar nicht mal so unrecht. 

Sicherlich, Schlager ist dann schon noch etwas anderes - das hier ist eher nette, brave und maßgeschneiderte Popmusik, die perfekt auf die Hörgewohnheiten des typischen Radio-Hörers zugeschnitten ist. Das muss natürlich nicht schlecht sein. Und das ist es in diesem Fall auch nicht wirklich. Mit "Stadtrandlichter" wählt Clueso nur einmal mehr den Weg des geringsten Widerstands und knüpft dabei fast nahtlos an seine letzten paar Alben an. Bis auf die Tatsache, dass er sich diesmal noch eine ganze Ecke stärker in Richtung des netten und gefälligen Deutsch-Pop für "Brigitte"- oder "In Touch"-Leserinnen bewegt. Kann man gut finden. Oder eben auch nicht. 


Freitag, 19. September 2014

Besprochen: TONY BENNETT & LADY GAGA - "CHEEK TO CHEEK"

Lady Gaga hat zusammen mit Tony Bennett ein Jazz-Album aufgenommen - und liefert damit einen nahezu radikalen, aber ebenso gelungenen Gegenentwurf zu ihren bisher stark synthetisch geprägten Klängen.

Es soll ja ein Traum für Stefani Germanotta alias Lady Gaga gewesen sein, einmal ein Jazz-Album aufzunehmen. Dieser ist für sie nun Wahrheit geworden - und erst recht dadurch, dass sie dieses auch noch an der Seite einer Legende aus diesem Genre bestreitet: Tony Bennett. Denn wie die meisten wohl schon etwas länger wissen, haben die beiden nun gemeinsam das Jazz-Album "Cheek To Cheek" aufgenommen. Doch Jazz ist natürlich nicht gleich Jazz - das reicht von gemächlichem Jazz für den Abend mit dem Glas Wein vorm Kamin, bis hin zu wildem und kreativem Free-Jazz. Davor, dazwischen und dahinter ist fast alles möglich. Aber bei der Wahl des Partners bei diesem Album, war die stilistische Ausprägung wohl von vornherein klar einzuordnen. Und so handelt es sich bei dieser Platte auch streng genommen um ein Cover-Album, beschränken sich die beiden Musiker doch ausschließlich auf Neuinterpretationen von populären Jazz-Standards. So sind die musikalischen Grenzen auch für den Hörer schnell abgesteckt. Man hört bekannte Melodien und Kompositionen von oft großen und berühmten Komponisten wie Cole Porter, George Gershwin oder Irving Berlin. Mal geht es angenehm schwülstig-romantisch zu, mal verspielt tänzelnd und leidenschaftlich, oder ein andern mal im Stil hochwertiger Fahrstuhlmusik. Einen ersten Eindruck konnte man bereits vor einigen Wochen durch die Single "Anything Goes" erhaschen - eine flotte und leidenschaftlich swingende Nummer des gleichnamigen Musicals aus dem Jahr 1934. Wenngleich hier auch die leichte Befürchtung im Raum stand, dass das ganze Album doch ein wenig zu sehr die Gefilde beackern könnte, die Robbie Williams mit seinem 2001er "Swing When You're Winning" bereits längst abgegrast hat - gefolgt von einer gewaltigen Herde von Nachahmungstätern, versteht sich, die sogar solche gruseligen Auswüchse wie die No Angels, Westlife und DSDS erreichten.

Tony Bennett & Lady Gaga - Anything Goes from Trend Hunters Eye on Vimeo.

Doch schon die zweite Vorab-Single "I Can't Give You Anything But Love" (♪♫♪) (im Original aus dem Jahr 1928) machte da etwas mehr Hoffnungen, mit ihrer unaufgeregten und coolen Ausstrahlung und den herrlich angestaubten, oldschooligen Orgeln. Des weiteren finden sich hier Standards wie das sehr fein inszenierte "Nature Boy" (♪♫♪), welches bereits von Nat King Cole und Frank Sinatra, oder zuletzt auch von David Bowie und Celine Dion gesungen wurde. Aber auch der von Irving Berlin komponierte Titelsong "Cheek To Cheek" (♪♫♪) aus dem Jahr 1935, oder das romantisch-blumige "But Beautiful" (♪♫♪), das erstmals 1947 im Film "Road To Rio" verwendet wurde, bilden weitere Glanzlichter. Sehr fabelhaft gelungen ist auch das von Gaga im Alleingang gesungene "Ev'ry Time We Say Goodbye", eine Komposition von Cole Porter aus dem Jahr 1944 - welche aber nur auf der Deluxe-Edition des Albums zu finden ist. Und ein weiteres Highlight stellt das ebenfalls von Gaga allein bestrittene "Lush Life" dar: in diesem Klassiker, der in den 1930er Jahren entstand, kann Gaga die verschiedensten Facetten ihrer stimmlichen Fähigkeiten eindrucksvoll unter Beweis stellen.

Nun kann man sich über Sinn und Zweck des Albums streiten. Denn die Idee, alte Jazz-Standards neu zu interpretieren, ist wahrlich alles andere als neu oder einfallsreich - was man schon daran erkennt, dass im Grunde aller der hier vertretenen Songs schon von unzähligen Musikern verwendet wurden. Und doch ist es auch eine Verneigung vor den Klassikern der Vergangenheit, die so im besten Fall auch den nachgeborenen Generationen im Gedächtnis erhalten werden. Entscheidend ist aber natürlich vor allem die Qualität der Umsetzung - und die ist im Falle von "Cheek To Cheek" fast erstaunlich hoch! Stimmlich brillieren die beiden Musiker hier praktisch ausnahmslos - und trotz eines Altersunterschiedes von 60 Jahren (!), harmonieren Gaga und Bennett auf ganzer Linie. Und auch musikalisch erweisen sie den Originalen größten Respekt und lassen den Hörer in eine Atmosphäre längst vergangener Zeiten eintauchen, in der man sich vor dem inneren Auge (oder Ohr) mal in einer verrauchten Jazz-Bar oder in einem cineastischen Hollywood-Klassiker wähnt. 

Und gerade in Zeiten wie unseren, in denen der Alltag der Menschen zunehmend synthetischer, elektronischer und digitaler wird, kommt es schon einem äußerst erholsamen Umstand gleich, dass sich jemand wie Gaga (die bisher ja selber sehr synthetisch, elektronisch und digital zu Werke ging), auf so klassische Töne zurück besinnt. So mag "Cheek To Cheek" zwar nicht unbedingt ihr bestes Album sein, ihr zeitlosestes Album ist es aber allemal.



Montag, 1. September 2014

Mixtape-Special: DIE 20 BESTEN SONGS VON KATE BUSH!

Kate Bush war immer schon ein Phänomen und wird es auch immer bleiben - das ist quasi ein popkultureller Fakt! Und das, obwohl die Dame sich mit der Zeit immer mehr rar machte. Seit Anfang der 90er sind bis heute gerade einmal 3 Studioalben erschienen - und doch fesselt die Dame immer wieder. Egal wie gering ihr Output zuletzt gewesen sein mag, so war er doch beständig von hoher Qualität. Doch auch auf den Bühnen dieser Welt machte sie sich sehr rar - zuletzt stand sie vor 35 Jahren mit einer Live-Show auf der Bühne, weshalb es einer Sensation gleicht, dass sie nun ihr Bühnencomeback in England feiert. Das hat in ihrer Heimat durchaus Folgen: das Interesse an der Dame ist wieder derart groß, dass 11 Platten von ihr erneut in die britischen Albumcharts einstiegen - alle ihre 9 Studioalben, plus zwei Compilations. All das ist Grund genug, das musikalische Genie von Mrs. Bush wieder mal ein wenig zu feiern. In diesem Fall mit ihren meiner Ansicht nach 20 besten Songs!



20. "WOW" (1979)

Eine frühe Perle der Kate Bush war "Wow", die als zweite Single ihres zweiten Albums "Lionheart" (1978) veröffentlicht wurde. Ein charmanter, blumiger und irgendwie auf eine gewisse Weise auch spaciger Ohrfänger, der laut Bush durch den Versuch entstand, einen Pink-Floyd-Song zu komponieren. Und dabei ist ihr ein unwiderstehliches Stück Pop gelungen, welches sich inhaltlich mit dem Musikbusiness befasst.


 

19. "KING OF THE MOUNTAIN" (2005)

Die erste und einzige Single aus ihrem 2005er Comebackalbum "Aerial" (ihrem einst ersten Album nach 12 Jahren!) mag auf den ersten Blick etwas unscheinbar wirken - doch lässt man das brillante "King of the Mountain", das man als eine Hymne auf Elvis Presley verstehen kann, erst einmal so richtig auf sich wirken, wird man dem Song wohl nur schwerlich entkommen können. 





18. "BABOOSHKA" (1980)

Ein weiterer großer Hit der Dame darf hier nicht fehlen: das melodisch ohrwurmige und in den Refrains herrlich überdrehte "Babooshka" - welches laut Sängerin von einer Ehefrau kündet, welche die Treue ihres Mannes auf die Probe stellt, indem sie sich in Briefen an ihn als eine jüngere Frau namens Babooshka ausgibt. Und doch auf charmante Weise paradox: Kate Bush sollte später erzählen, dass sie sich seinerzeit nicht darüber bewusst gewesen sei, dass Babuschka das russische Worte für Großmutter ist.  




17. "50 WORDS FOR SNOW" (2011)

Der Titelsong ihres 2011 erschienenen Albums "50 Words For Snow", zählt für mich ebenfalls zu einem ihrer besonderen Highlights. Dieses nahezu schwerelos anmutende Art-Pop-Juwel mit einer epischen Länge von fast 9 Minuten, bezieht sich auf die Legende, dass die Eskimo 50 unterschiedliche Worte für Schnee kennen würden - sicherlich nur eine Legende, was Kate Bush aber nicht davon abhält, sich diese Worte eben selbst auszudenken. Und dabei kommen dann so wundervolle und herrliche Fantasieworte wie "Swans-a-melting", "Stellatundra", "Shimmerglisten" oder "Hunter's dream" heraus, die von Schauspieler Stephen Fry ("Oscar Wilde") verlesen werden. 





16. "THE MAN WITH THE CHILD IN HIS EYES" (1978)

Diese zärtliche, warme und sehnsüchtig romantische Ballade aus ihrem Debütalbum "The Kick Inside", zeigte einmal mehr sehr früh, was für ein phänomenales Talent hinter der einst jungen Dame steckte. Denn Bush schrieb diesen bis heute zeitlos schönen Song im zarten Alter von 13 Jahren und nahm ihn mit nur 16 Jahren auf. Und wie viel Talent schon so früh in ihr steckte, kann beim Genuss dieses Stückes auch heute noch schier sprachlos machen.  


 
15. "DEEPER UNDERSTANDING" (1989)

Mit "Deeper Understanding", einem Track aus ihrem 1989er Album "The Sensaul World", gelang Kate Bush ein  Song, der nicht nur durch seine wunderbare Melodie und seine allgemein fabelhafte und emotionale Umsetzung hervor sticht - sondern der vor allem auch in Anbetracht seiner Thematik seine volle Größe entfaltet. So handelt er von einer tiefen und innigen Beziehung zwischen einem einsamen Menschen und seinem Computer! Eine fast schon erschreckende Szenerie, die seinerzeit wohl noch etwas exotisch anmutete - von heute aus betrachtet aber nahezu prophetisch wirkt! 


 
14. "AND SO IS LOVE" (1994)

Ein ganz und gar wunderbarer, aber vielleicht bei vielen etwas in Vergessenheit geratener Song aus ihrem 1993er Album "The Red Shoes", welcher dann Ende 1994 als dessen letzte Single veröffentlicht wurde. "And So Is Love" besticht als eine getragene und leidenschaftlich dargebotene Ballade, auf der niemand geringeres als Eric Clapton an der Gitarre zu hören ist. Wenn man mich fragt, ein unkaputtbarer Klassiker, der eigentlich in jede Kate-Bush-Playlist gehört.





13. "MISTY" (2011)

So zärtlich, so romantisch und doch so gewaltig: denn "Misty" von Bush's bislang letztem Album "50 Words for Snow", ist ein wahrer Brocken von einem Song. Zumindest was seine Spieldauer anbelangt: über gute 13 Minuten erstreckt sich dieser erhabene und sanfte Epos, der von Piano, Gitarren und schwebenden Streichern untermalt wird. Und dabei von einer leidenschaftlichen Liebesnacht mit einem Schneemann erzählt - von dem schlussendlich nur noch eine Pfütze übrig bleibt. 

  

12. "ARMY DREAMERS" (1980)

Ein so simpel aufgebauter, ein anfangs so leichtfüßig anmutender und ein dennoch so intensiver und einprägsamer Song: "Army Dreamers", die letzte Single aus Bush's 1980er Album "Never For Ever". Musikalisch eine wunderbar spärlich arrangierte und vor allem auf akustischen Gitarren und ein wenig barock anmutenden Klängen basierende Ballade, die mit einem leichten Walzer-Flair gesegnet ist. Inhaltlich drückt sie hier die Gedanken einer Mutter aus, dessen Sohn im Krieg gefallen ist - die sich fragt, wie sie dies hätte verhindern können und die zurecht den Sinn des Krieges infrage stellt.





11. "BREATHING" (1980)

Es ist ein zugleich wunderbares, dramatisches und emotionales kleines Kunststück, was der Britin da 1980 mit Breathing", der ersten Single ihres Albums "Never For Ever", gelang. Eine lebendige und mit voller Inbrunst vorgetragene Perle, die zunehmend einen progressiven Charakter entwickelt. Und auch die Geschichte die hier erzählt wird, zeugt erneut von Bush's kreativem Geist: so spricht sie hier aus der Perspektive eines Fötus - und wie er aus dem Leib seiner Mutter heraus, eine post-apokalyptische Welt nach einer nuklearen Katastrophe erlebt. 

  



10. "PULL OUT THE PIN" (1982)

Kate Bush konnte ja immer schon gerne mal politisch werden - so auch auf "Pull Out The Pin", einem grandiosen Albumtrack von "The Dreaming". Denn in diesem düster angehauchten Stück Art-Pop, zeichnet sie auf packende Art und Weise den Vietnam-Krieg nach. Und mit den stets wiederkehrenden Geräusch-Samples von Hubschraubern und dem immer wieder verzweifelt von Kate hinaus geschrienen  "I love life", erzeugt der Song eine so beklemmende Atmosphäre, dass er geradewegs unter die Haut geht.




9. "AND DREAM OF SHEEP" (1985)

Die wundervolle Ballade "And Dream of Sheep" eröffnet die zweite Hälfte des 1985er  Albums "Hounds of Love" und bildet somit den Anfang des darauf befindlichen, separaten Konzeptwerks "The Ninth Wave", welches die Visionen und Träume einer im Meer treibenden Person umschreibt. In diesem eröffnenden und inhaltlich recht komplexen Stück kann man heraus lesen, wie sie darum kämpft wach zu bleiben, nicht einzuschlafen,  um nicht zu ertrinken - auch wenn ein Teil von ihr aufgeben und den Tod Willkommen heißen will. Aber auch ohne große Analyse ist "And Dream of Sheep" ein Song, der einem auf Anhieb direkt ans Herz geht. 

KATE BUSH And Dream Of Sheep from Sky Vibes on Vimeo.


8. "WILD MAN" (2011)

Im Jahr 2011 erschien das bislang letzte Album von Kate Bush: "50 Words for Snow", ein Konzeptalbum über Schnee und Winter. Und es wurde ein Meisterwerk, welches vor allem auf ruhige und bedächtige Töne setzte. Als dessen erste Single fungierte auch einer ihrer bislang besten Songs: das atmosphärische und getragene "Wild Man" - ein 7-minütiger, hypnotischer Artpop-Epos, der von sanft gehauchten Spoken-Word-Versen bis hin zu majestätischen Refrains führt, und sich inhaltlich mit der Legende um den Yeti befasst. Ein weiterer magischer Moment im Schaffen der Kate Bush!
  

7. "HOUNDS OF LOVE" (1985)

Auch auf meinem 7. Platz gibt es ein Wiedersehen mit dem Album "Hounds of Love" - und es wird auch nicht das letzte in dieser Liste bleiben. Hier geht es nun um den Titelsong höchstpersönlich. Ein bis heute auf Anhieb fesselnder, von mitreißenden Trommel-Beats angeheizter Pop-Ohrwurm, der sich trotz all seiner offenkundig zur Schau gestellten Reize, seine liebevollen und wunderbaren Eigenheiten bewahrt und diese ausgiebig zelebriert. Und eben gerade das ist es, was auch diesen Kracher bis heute so herausragend macht. 



6. "THE DREAMING" (1983)

Mit dem Titelsong ihres Albums "The Dreaming", welcher zugleich als erste Auskopplung daraus fungierte, sollte ihr eine ihrer bis dahin komplexesten und unkommerziellsten Singles gelingen. Mit allerlei im Pop unkonventionellen Mitteln, arbeitete sie hier ein sehr ernstes Thema auf: die Vernichtung der Aborigines in Australien durch die weißen Siedler. So ist dieser fantastische und atmosphärisch intensive Song bewusst an der Kultur der australischen Ureinwohner angelehnt - und bringt mit dem Didgeridoo auch eines ihrer bekanntesten Musikinstrumente zum Einsatz. 




5. "CLOUDBUSTING" (1985)

Und wieder einmal "Hounds of Love" - denn auch daraus stammt dieser herrliche Song, der als dessen zweite Single veröffentlicht wurde: das optimistisch anmutende, melodische und warme, von stimmungsvollen Streichern dominierte "Cloudbusting", aus dem sich in seinem weiteren Verlauf zunehmend herrliche Chöre und softe Synthesizer heraus schälen.



4. "GET OUT OF MY HOUSE" (1982)

Dieser Albumtrack aus Bush's 1982er Album "The Dreaming", ist einer meiner ganz besonderen Lieblinge: musikalisch verströmt "Get Out of My House" nicht nur aus purem Zufall eine spukige, nahezu paranoide, haarsträubend schaurige, aber ebenso auch fesselnde Atmosphäre. So hat Kate Bush doch mit diesem genialen Stück Art-Pop nichts geringeres versucht, als den Stephen King-Roman "The Shining", sowie dessen 1980er Verfilmung von Stanley Kubrick (mit Jack Nicholson in der Hauptrolle) zu vertonen. Und das mit einem ohne Übertreibung eigenwilligen, aber gerade deshalb ja so außerordentlich großartigen Ergebnis!  





3. "HELLO EARTH" (1985)

Ebenfalls einer der ganz großen Momente von Kate Bush: "Hello Earth", welches auf der zweiten, als "The Ninth Wave" betitelten Hälfte des Albums "Hounds of Love" zu finden ist. Es stellt ein in sich geschlossenes Konzeptwerk dar, welches die Träume und Visionen einer im Meer treibenden Person widerspiegelt, in denen der Tod in all seinen Ausprägungen symbolisiert wird. Das wunderbare, emotional einnehmende und geradezu hymnische "Hello Earth" ließe sich diesbezüglich als der Selbstmord interpretieren. Und am Ende haucht eine Stimme in der Tat einen deutschen Satz: "Tiefer, tiefer, irgendwo in der Tiefe, gibt es ein Licht." Ganz große Kunst!

KATE BUSH Hello Earth from Sky Vibes on Vimeo.


2. "RUNNING UP THAT HILL (A DEAL WITH GOD)" (1985)

Irgendwo angesiedelt zwischen grandiosem Art-Pop und erstaunlich zeitlosem New Wave, gelang Kate Bush mit "Running Up That Hill" (welches ursprünglich "A Deal With God" heißen sollte, aber in der Befürchtung umbenannt wurde, dass womöglich viele Radios in sehr christlichen Ländern den Song boykottiert hätten), ihr größter Hit der 80er Jahre. Diese erste Single ihres Meisterwerks "Hounds of Love" wurde mit den Jahren vielfach gecovert, blieb aber stets unerreicht - und kommt zudem mit einem ganz fabelhaften Musikvideo daher, welches die Emotionen des Songs auf seine ganz eigene Weise transportiert. 



1. "WUTHERING HEIGHTS" (1978/1986) 

Dieser erste Hit der einst noch blutjungen Kate Bush, ist nicht nur eines meiner prinzipiellen Lieblingssongs, es stellt zudem auch die Vertonung eines meiner liebsten Bücher dar: das gleichnamige "Wuthering Heights" (im deutschen: "Sturmhöhe") von Emily Brontë, aus dem Jahr 1847 - welches man kurz und treffend als eine Geschichte über eine Liebe umschreiben kann, die im Leben keine Erfüllung und im Tode keine Ruhe findet. Und offenbar ganz durchdrungen vom Geist dieses literarischen Meisterstückes, gelang Bush mit dessen Vertonung ein zeitlos wundervoller Popsong - und auch wenn das Original aus dem Jahr 1978 stammt und dereinst ein großer Hit war, bevorzuge ich dennoch die Neuaufnahme, die Bush 1986 für ihre Best-of "The Whole Story" anfertigte. Weil eben hier ihre Stimme viel reifer und ausdrucksstärker ist. Doch im Grunde ist es eigentlich egal, welche Variante man nun persönlich bevorzugen mag: denn so oder so ist und bleibt dieser Song ein Stück (Literatur-) Pop für die Ewigkeit.



Freitag, 22. August 2014

10th Anniversary: BJÖRK - "MEDÚLLA" (2004)

10 Jahre ist "Medúlla" nun alt - das bis dahin wohl radikalste und vielleicht auch schönste Album von Björk: denn die Isländerin sollte hier eindrucksvoll beweisen, welch erhabene Kunstwerke nahezu alleine mit der menschlichen Stimme möglich sind... 

Wer die isländische Künstlerin Björk kennt, dem muss man wahrlich nicht mehr erklären, was für ein Ausnahmetalent sie stets darstellte. Dabei schaffte sie es schon immer die Geister zu scheiden - schon seit dem richtigen Beginn ihrer Solokarriere in den frühen 90er Jahren (die einem ersten Soloalbum im Kindesalter, sowie einer nicht erfolglosen Karriere mit ihrer vorangegangenen Band Sugarcubes folgte), erlebte man bei Björk einen Effekt, der bis heute derselbe geblieben ist: entweder musste man sie lieben oder hassen. Die einen feierten stets ihre Eigenwilligkeit, ihre Kreativität, ihre Innovationsfreude und ihre radikale künstlerische Rastlosigkeit. Und die anderen konnten nie verstehen, was die Musik der Dame für viele bis heute so magisch macht. Eigentlich kann man es selbst als Liebhaber der Künstlerin niemandem verübeln, wenn er ratlos vor ihrem künstlerischen Schaffen hockt, sich ungläubig den Kopf kratzt und die (Musik-)Welt nicht mehr versteht. Nachdem noch vereinzelte Songs ihrer ersten Alben zwar immer auch ein paar Radiohörer hinterm Ofen hervor locken konnten, zeigte sie sich im Jahr 2004 auf ihrem 6. Soloalbum "Medúlla" so radikal wie nie - und entfernte sich endgültig von dem, was man gemeinhin unter Pop zu verstehen glaubte. Und mit einer ebenso deutlichen Endgültigkeit, ließ sie spätestens hier die Formate Radio und Musikfernsehen weit, weit hinter sich. 

"Medúlla" stellt sozusagen eine Reise in ein Paralleluniversum des Pop dar - indem es ihn auf seinen kleinsten denkbaren Nenner reduziert, jedoch dieses minimalistische Konzept gleichzeitig durch experimentellen und vielschichtigen Einsatz der wenigen Mittel sabotiert. Denn was der unbefangene Hörer hier alles an unterschiedlichsten Mitteln, Instrumenten und Sounds wahrzunehmen glaubt, ist in Wirklichkeit so gar nicht da. Denn: "Medúlla" besteht nahezu ausschließlich aus der menschlichen Stimme. Doch ist es, wie man sich ja nun bereits vorstellen kann, kein reines A-cappella-Album. Es ist keine Platte, in der nur Björks eigenwilliges und einzigartiges Organ aus den Boxen hallt. Hier wird die menschliche Stimme auf jede nur denkbare Weise eingesetzt. Von Chören, Beatbox, oder Kanon- und Oberton-Gesängen, über Knurr-, Jauchz-, Summ- oder Stöhn-Geräusche, bis hin zu am Computer entfremdeten Stimmfetzen, wurde sich hier diverser kreativer Spielarten bedient. Und aus all dem baute Björk mit "Medúlla" ein grandioses Klang-Mosaik. Einen düsteren und mächtigen Monolithen, der ihr vielleicht (nach Pop-Maßstäben) unzugänglichstes und (nach allen denkbaren Maßstäben) atemberaubendstes Werk zugleich markiert. 



Die Isländerin ließ hier ein schattiges Kunstwerk entstehen, welches wie aus einem Guss klingt, dabei aber doch die unterschiedlichsten klanglichen Spähren durchstreift. Angefangen etwa mit dem schwebenden Opener "The Pleasure Is All Mine" - einer mythischen Gänsehaut-Nummer, die auf hechelnden Atemgeräuschen, softem Beatboxing, Wimmern, Stöhnen und prachtvollen Chören basiert. Es geht hier allerdings auch mal ganz simpel zu, wenn Björk etwa gleich darauf die bedächtige Ballade "Show Me Forgiveness" (♪♫♪) als klassisches A-cappella-Stück darbietet. Doch die experimentelle Eigenwilligkeit, die immer schon ein untrennbarer Teil von Björks künstlerischen Ausdrucksformen war, lässt auch hier nicht lange auf sich warten - und erreicht direkt darauf mit "Where Is The Line" einen ersten Höhepunkt: ein düsteres und komplexes Stück Art-Pop, das auf asymmetrischen Beats des Beatboxers Rahzel, auf dramatisch inszenierten Chor-Fetzen und allerlei verwirrend-schönen Geräuschen basiert - und fast eher wie ein avantgardistisches Elektronica-Feuerwerk anmutet, würde man hier nicht eigentlich nur Stimmen hören. Nach nicht unähnlichem Schema, aber dabei noch eine Ecke melodischer, fällt auch die erste Single "Who Is It?" aus, die mit einer majestätischen und teilweise fast euphorischen Melodie und mit genial triphopigem Beatboxing  gesegnet ist. 

BJÖRK // Who Is It from Daniel J. Kelly on Vimeo.


Von seiner gesamten, schwerelos bittersüßen Ausstrahlung, hätte "Desired Constelation" (♪♫♪) auch wunderbar auf das Vorgänger-Album "Vespertine" gepasst - und ist auch darüber hinaus mit selbigem verwandt: die atmosphärisch flächigen Soundschwaden, die den gesamten wunderbaren Song dominieren, sind nichts anderes, als ein stark verfremdetes Gesangs-Sample der Zeile "I'm not sure what to do with it" aus ihrem Song "Hidden Place" - der ersten Single aus "Vespertine". Einen ganz wunderbaren, ja im Grunde sogar ziemlich radiotauglichen Song, hat sie hier mit der hypnotischen Hymne "Oceania" (♪♫♪) im Gepäck: ein popmusikalisches Meisterstück, gebaut aus Björks wunderbaren Vocals, fabelhaftem und softem Beatboxing, sowie in den prächtigsten Farben strahlenden Chören -  später wurde dies ihr Beitrag zu den Eröffnungsfeierlichkeiten der olympischen Sommerspiele 2004 in Griechenland. Und auch "Triumph of a Heart", die letzte Single aus dem Album, hätte das Zeug zum (durchaus unkonventionellen) Hit gehabt: ein melodisch packender Song, angetrieben von (selbstverständlich menschlichen) HipHop-Beats. Doch auch die politischen Dimensionen waren hier laut der Künstlerin selbst so deutlich ausgeprägt wie nie zuvor, entstand das Album doch auch unter dem Eindruck der Geschehnisse nach dem 11. September und dem Irak-Krieg - was sich am deutlichsten im atmosphärisch dichten "Mouth's Cradle" manifestiert, in dessen letzten Zeilen es heißt: "I need shelter to build an altar away from all the Osamas and Bushes"


Björk - Triumph Of A Heart on MUZU.TV.


Für die einen war, ist und bleibt dieses Album wohl avantgardistisches Kunst-Pop-Gedöns, dass die vom Formatradio geprägten Hörgewohnheiten womöglich komplett überfordert. Für andere - und so auch für mich - ist "Medúlla" hingegen ein zeitlos geniales Meisterwerk, welches eindrucksvoll demonstriert, welch große Kunst man allein mit der menschlichen Stimme erschaffen kann. Schon für sich alleine, aber erst recht vor dem Hintergrund seiner Entstehung, erstrahlt "Medúlla" auch 10 Jahre später immer noch als eines der wichtigsten und besten Werke in ihrem gesamten Schaffen - und wenn man mich fragt: auch als eines der besten Platten der 2000er!




Sonntag, 17. August 2014

Besprochen: FKA TWIGS - "LP1"

Ist das jetzt avantgardistischer Electro-RnB, was uns die britische Musikerin FKA Twigs auf ihrem Debütalbum serviert? Oder ist es doch eher dem viel zitierten Genre PBR&B zuzuordnen? Am Ende vielleicht gar irgend etwas dazwischen? Gleichgültig: denn einer der besten musikalischen Momente des bisherigen Jahres, ist es allemal. 

Lange Zeit war der RnB für mich ziemlich tot - ein im Wachkoma dahin siechendes Genre, dass zwar immer wieder vortreffliche Dinge zu leisten im Stande war, aber selbst in seinen prominentesten und erfolgreichsten Ausprägungen eine ganze Zeit lang überwiegend...tja...stinklangweilig war. Es zwinge mich bitte niemand dazu, mir nochmal eine 00er-Platte von Usher, Ne-Yo oder Amerie anhören zu müssen. Und selbst so eine Lichtgestalt, so ein (Genre-) Superstar wie Beyoncé Knowles, war lange nicht in der Lage ein wirklich gelungenes Album vorzulegen - was sie aber bekanntlich mit ihrem aktuellen Album "Beyoncé" endlich nachholen konnte. Das passt ins Bild, erlebte der RnB in den letzten paar Jahren so etwas wie eine kreative Renaissance, wodurch das Genre heute so spannend klingt wie schon lange nicht mehr. Das ist in der Tat aber vor allem den jungen kreativen Geistern zu verdanken, die neu nachrückten - vor allem etwa Frak Ocean, The Weeknd oder Janelle Monáe, aber auch Beyoncé's kleine Schwester Solange stachen dabei besonders positiv ins Auge - bzw. ins Ohr. Dem gesellt sich nun endgültig die britische Musikerin Tahliah Barnett hinzu - besser bekannt unter ihrem Künstlernamen FKA Twigs! Und dem einen oder anderen wird sie vielleicht tatsächlich bekannt sein, machte sie doch in den letzten Jahren durch ihre 2 EP's mit den minimalistischen Titeln "EP1" und "EP2" erstmals auf sich aufmerksam. Nun endlich schickt die 26jährige ihr Debütalbum hinterher - welches den ebenso schlichten Namen "LP1" trägt. Diese Vorgehensweise hat etwas von einem subtilen Markenzeichen. Doch allzu pompöse Titel würden auch nur in die Irre führen und ablenken. Zum einen, weil es zur spartanischen Manier passt, in der Barnett ihre Klangkunst präsentiert. Und zum anderen, weil hier trotzdem so viel spannendes passiert, das es jede nur verfügbare Aufmerksamkeit wert ist. Diese Erkenntnis offenbart sich gleich von Anbeginn, wenn man im Intro-artigen "Preface" (♪♫♪) durch mythisch anmutende Gesänge, verzerrte Stimmen, asymmetrische Beats und leidenschaftliche, aus weiter Ferne herüber wehende Gitarren watet - um dann sogleich mit "Lights On" (♪♫♪) in eine atmosphärisch im Raum schwebende und von sanfter Elektronik verzierte RnB-Perle gebeamt zu werden...wenn man das denn überhaupt noch RnB nennen kann. Auch die erste und schlichtweg fantastische Single des Albums kann uns davon im wahrsten Sinne des Wortes ein Lied singen: das ganz und gar zauberhafte, von einer fast magnetischen Anziehungskraft beseelte "Two Weeks" - das ich hiermit zu einem der definitiven Sogs des Jahres 2014 erkläre.

FKA TWIGS [two weeks] from nabil elderkin on Vimeo.


Sie kann aber ohne weiteres auch noch eine Spur experimenteller zu Werke gehen, wenn sie etwa in "Numbers" (♪♫♪) streckenweise ein wenig an Björk erinnert - zum einen gleich bei den ersten Klängen des Stückes, aber auch wenn der (durchaus in seinen Details sehr vielschichtig produzierte) Song immer wieder von hektisch triphopigen Beats unterwandert wird. In "Pendulum" (♪♫♪) schafft sie es mit sehr wenig Mitteln einen starken Effekt zu erzielen - lässt den Song dabei aber dennoch wachsen und sich entwickeln, bis er sich gen Ende zu voller Pracht entfaltet. "Closer" (♪♫♪) lässt eine wunderbare, elektronische und nahezu psychedelisch veranlagte Perle erkennen, "Video Girl" (♪♫♪) überzeugt als potentieller, eindringlich melodischer Hit und "Kicks" (♪♫♪) kann sich - seiner Unaufdringlichkeit zum Trotz - als ein zeitloser und sanfter Epos in den Hirnwindungen festsetzen. So wie auch das gesamte Album. 

"LP1" ist zwar sicherlich keine Platte von der Sorte, die sich bei den meisten Menschen gleich nach dem ersten Hörversuch endgültig durchsetzt. Aber eine Platte, die beständig im Ohr zu wachsen und reifen scheint, die mit jedem Mal neue Facetten und Höhepunkte offenbart und einen auf emotionaler Ebene ganz und gar aus den Socken hauen kann...wenn man sie denn nur lässt. Dazu trägt nicht nur die kreative und etwas andere Produktion bei, sondern vor allem auch FKA Twigs oft fast hypnotisch sinnlicher Umgang mit ihrer Stimme - und nicht zuletzt die sich samtig und zart in die Gehörgänge schmiegenden Melodien. "LP1" hat bei mir jetzt schon einen Platz unter den musikalischen Highlights des Jahres reserviert. Und wird mit Sicherheit auch noch weit darüber hinaus fesseln. 



     


Mittwoch, 2. Juli 2014

Besprochen: JENNIFER LOPEZ - "A.K.A."

Die unvermeidliche J.Lo hat mal wieder ein paar Songs zusammen geschmissen, um sie der Welt als Album zu verkaufen. Die etwas grotesk anmutende Edelhuren-Ästhetik des Album-Covers, bleibt somit immerhin nicht das einzige abschreckende Merkmal der neuen Platte.


Kann man Jennifer Lopez eigentlich überhaupt ernst nehmen? Diese Frage ist gar nicht so rein gehässig gemeint, wie sie nun womöglich wirken könnte. Denn sehr vieles spricht bei der Amerikanerin dafür, dass man sie einfach nicht für voll nehmen kann. Schon als Schauspielerin, als die sie zuerst auf den Plan trat, konnte sie kaum bewunderungswürdige Leistungen vollbringen, während sie in ihrem Privatleben hingegen eher dadurch auffiel, dass sie am laufenden Band mit jemand anderem verliebt, verlobt oder verheiratet (oder eben auch wieder getrennt oder geschieden) war, oder einfach mal ihren eigenen Allerwertesten versichern ließ. Und auch musikalisch bleiben einem nicht viele lobende Worte. Die ersten 2 oder 3 Platten mögen seinerzeit in den späten 90ern und frühen 00ern noch relativ gut funktioniert und auch ein paar Hits abgeworfen haben - doch danach folgte ein langer und zäher Abstieg, der wohl eher die wirkliche Bedeutung der Dame widerspiegelte. Denn viel Substanz war bei ihr noch nie vorhanden, auf der sich eine anständige und respektable Musikerkarriere aufbauen ließe. Ein teurer Hintern reicht dafür bei weitem nicht aus und auch eine "Jenny from the block"-Attitüde kaufte man ihr nie wirklich ab  - sie hat es einfach stets vermieden, eigene und persönliche Impulse zu setzten oder gar so etwas wie einen eigene Persönlichkeit zu entwickeln.
Ein weiterer Beleg dafür ist nun ihr neues und mittlerweile bereits 8. Studioalbum "A.K.A.". Kein Wunder, dass dieses bei vielen Kritikern derzeit durchfällt - so kann es doch in keinem Moment den Hörer wirklich überzeugen. Schon die erste, von der großen Öffentlichkeit weitgehend ignorierte Single mit dem fürchterlichen Titel "I Luh Ya Papi", zeigt sich als ziemlicher Rohrkrepierer. Zwar nicht ganz so peinlich wie sein Titel, dafür aber hochgradig uninteressant. Und vollkommen unnötig.


Und dann folgt eben noch ein großes und austauschbares Sammelsurium unterschiedlichster Songs, welche die zahlreichen verpflichteten Produzenten wohl noch irgendwo in den Schubladen herum liegen hatten. Ob nun der nichtssagende Dance-Pop-Titelsong "A.K.A.", das irgendwie nach einer RnB-lastigen Kylie Minogue müffelnde "First Love", (♪♫♪) der stinklangweilige  RnB-Schleicher "Acting Like That" (in dem sogar die gerade viel gefeierte, wie auch herum gereichte Iggy Azalea mächtig gelangweilt klingt), die etwas schmierige und mit Latino-Einflüssen verklebte Ballade "Let It Be Me", mit dem sie wohl zuletzt Mitte der 90er noch einen Blumentopf hätte gewinnen können, oder eben das nervige und vom enorm peinlichen Pitbull begleitete "Booty", in dem es vor allem (welch Überraschung) um große Ärsche geht. 
Ihr eigener Einfluss auf Songwriting und Produktion ist auch auf ihrem neuen Album praktisch nicht vorhanden, und wie immer versucht sie stets dem aktuellen Zeitgeist hinterher zu eilen. Zwar mögen neben ihr viele andere ähnlich vorgehen - aber selbst eine Britney Spears schafft es, daraus erheblich mehr zu machen. Denkt man etwa an Britney, dann man zwar auch an ein paar Skandale, aber vor allem an eines: Hits! Bei der Lopez hingegen denke ich dann eher an den nervigen Ben Affleck, an eine verunglückte "Flashdance"-Kopie und ein mieses "Lambada"-Rip-off. Und eben an ganz viel Arsch.