♪♫♪ ...music makes the people come together... ♪♫♪

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Montag, 15. Oktober 2012

Besprochen: LENA MEYER-LANDRUT - "STARDUST"

Da geht was: Wider Erwarten werden Lena und ihre Musik auf Album No.3 endlich erwachsen.  

Ach ja, die gute "alte" Lena Meyer-Landrut. Eigentlich hatte ich keine allzu große Lust, mich für die zwar nicht unsympathische, aber auch nicht gerade übermäßig talentierte Lena Meyer-Landrut zu einer Rezension aufzuraffen. Ja gut, sie hat uns 2010 nach 28 Jahren wieder mal einen (haushohen) Sieg beim Eurovision Song Contest einbegracht - und sie offenkundig NICHT zu mögen, kam eine Zeit lang für die Mehrheit der Deutschen fast einem größeren Vaterlandsverrat gleich, als das öffentliche verbrennen unserer Nationalflagge. Aber auf den direkten Wunsch einer Leserin hin, werde ich mich nun einmal ihrem neuen und 3. Album "Stardust" widmen. Ja, und schon die erste Single selben Titels, zeigte sich als eine gar nicht so üble Nummer. Klingt nicht allzu deutsch, und hätte auch durchaus international Chancen - würde einem hier nicht ihr doch recht dünnes Stimmchen auffallen. Das macht "Stardust" zu einem schön Liedchen, aber auch nicht viel mehr.


Lobend erwähnen ließe sich hier jedoch, dass es ihr erstes Album darstellt, mit dem Stefan Raab nichts zu tun hat. Hatte ihr musikalischer Ziehvater nahezu die kompletten beiden Vorgänger produziert, fand hier ein deutlicher Wechsel statt. Auf "Stardust" teilten sich Swen Meyer, der in der Vergangenheit viel mit Tomte, Kettcar oder den Kilians arbeitete, und Sonny Boy Gustaffson der schwedischen Rockband Captain Murphey, die Arbeit hinter den Reglern. Und das macht ihren Sound auch gleich einen Deut reifer. Und die beteiligten haben hier auf Albumlänge gar keine schlechte Arbeit geleistet. Es fällt eigentlich nichts negativ auf, es begegnen einem hier immer wieder hübsche Melodien, eingebettet in stets stimmungsvolle und warme, aber nie zu einfalls- oder lieblose Arrangements. Positiv stechen dabei vor allem der wahrhaft hittaugliche (irgendwie an Florence & The Machine erinnernde) Piano-Pop "I'm Black" (♪♫♪), das melodische und stimmungsvolle "ASAP" (♪♫♪) im Duett mit der schwedischen Sängerin Miss Li, die warme und vom Country geküsste Ballade "Goosebumps" (♪♫♪), das soft jazzig-bluesige "Neon (Lonely People)" (♪♫♪), oder das Kate Nash nicht unähnliche "Better News" (♪♫♪) hervor. Und gerade das mehrmalige Hören überzeugt noch ein wenig mehr von dem was hier so passiert. Lena wird auf ihrem neuen Album wider Erwarten vor den Ohren des Hörers erwachsen. Und vor allem das Fehlen von Stefan Raab scheint der jungen Dame musikalische Dimensionen zu eröffnen, mit denen die meisten Hörer (den Autor dieser Zeilen eingeschlossen) nicht gerechnet hätten. Denn Lena macht hier eine erstaunlich gute Figur, was durchaus Neugierig darauf macht, was da in Zukunft noch möglich sein könnte. Dadurch ist "Stardust" zwar noch kein ausgesprochenes Highlight des Jahres 2012, aber definitiv ein wesentlich besseres Album als man erwartet hätte. Da geht was.

Sonntag, 14. Oktober 2012

Besprochen: BRANDY - "TWO ELEVEN"

 Brandy's erstes Album nach 4 Jahren ist durchaus nicht zu verachten - zielt am Ende aber doch zu sehr auf den amerikanischen Massengeschmack.

Was hatte die Karriere von Brandy doch einst für viel versprechende Dimensionen angenommen: Ende der 90er gelang ihr gemeinsam mit Monica der weltweite No.1-Hit "The Boy Is Mine", was das Interesse an der Dame auch hierzulande enorm steigerte. Anfang der 00er gelang ihr dann mit ihrem Cover des Phil Collins-Song "Another Day In Paradise" ein weiterer Hit - aber dann war erst mal Ruhe im Karton. Zumindest was ihren Erfolg in Deutschland angeht. Das änderte auch ihr famoses 2004er Album "Afrodisiac", oder ihr tolles letztes Album "Human" (2008) nicht grundlegend. Was äußerst schade ist, entgingen den meisten hiermit zwei äußerst gelungene RnB/Pop-Platten, gegen die manch erfolgreichere Kollegin qualitativ einpacken konnte. 4 Jahre später ist nun auch endlich ihr neues und 7. Studioalbum "Two Eleven" erschienen - und das war keine leichte Geburt. Kurz nach ihrem letzten Album verließ sie ihr Label Epic und wechselte zu RCA. Die Arbeiten am Album begannen bereits 2009, wurden aber erst nach 3 Jahren zu Ende gebracht, worauf hin das Veröffentlichungsdatum vom März diesen Jahres öfters aufgeschoben wurde- doch nun hat sie es ja endlich geschafft. Und es ist auch vom Sound ein recht deutlicher Wandel gegenüber dem Vorgänger zu bemerken. Der popige Grundton von "Human" weicht hier einer verstärkten Rückkehr zum RnB. Allerdings nicht ganz von der Sorte und Qualität, wie man dies etwa auf "Afrodisiac" zu hören bekam. Aber: Brandy stellt sich dennoch alles andere als blöd an. Der erste Vorbote des Albums mag auf den ersten Blick noch etwas zwiespältige Gefühle provoziert haben, doch "Put It Down", das im Duett mit Chris Brown entstand, ist ein durchaus catchy RnB-Floorfiller, der zwar nicht für die Ewigkeit gemacht ist, aber im Hier und Jetzt durchweg Spaß macht, und in den westlichen RnB-Charts einige Erfolge aufweisen kann. 



Und auch die zweite Single "Wildest Dreams" (♪♫♪) mag einem zu Anfang nicht gerade den Schalter raus hauen, mausert sich jedoch bald zu einer warmen und mit einer feinen Melodie ausgestatteten Midtempo-RnB-Ballade. Das Album hat aber noch ein paar andere kleine Highlights zu bieten. Das schafft sie vor allem mit den ruhigeren Klängen. So etwa mit der warmen, vom RnB geküssten Ballade "No Such Thing As Too Late" (♪♫♪), der romantischen, melodischen und soft an die späte Whitney Houston gemahnenden Perle "Without You" (♪♫♪), dem getragenen und atmosphärisch-schönen "Hardly Breathing" (♪♫♪), dem wunderbaren und von Frank Ocean mit komponierten "Scared of Beautiful" (♪♫♪), oder dem auf schicken Beats daher treibenden "Paint This House" (♪♫♪). Die schnelleren Nummern sind hier sehr rar gesät, und werden (neben der ersten Single) am ehesten mit dem eher mittelmäßig produzierten "Let Me Go" (♪♫♪) bedient. Im allgemeinen ist "Two Eleven" keine üble Angelegenheit. Nur hört man dem Album leider trotzdem seine schwierige und langwierige Entstehung an. Natürlich ist es ein Mainstream-Album, wo zu hoch gesteckte Erwartungen eh fehl am Platz sind. Wie man sehen kann, bringt es ja so manch gelungenen Song mit. Und dennoch ist es der Gesamteindruck, der hier nicht so recht zünden will. Nur ein knappes Jahr nach der Veröffentlichung ihres letzten Album "Human" sagte Brandy in einem Interview über selbiges: "To hell with that album." Schade, denn es war im direkten Vergleich das bessere Album. "Two Eleven" ist hingegen eine wirklich solide Leistung, mit der sie aber streckenweise zu sehr darauf bedacht ist, dem amerikanischen Massengeschmack zu entsprechen - ein bisschen mehr Mut hätte man sich dann doch gewünscht.



Samstag, 13. Oktober 2012

Besprochen: TORI AMOS - "GOLD DUST"

Mit ihrem neuen Orchester-Album liefert Tori Amos solides Material für den Weihnachtsbaum - aber nicht unbedingt viel mehr.

Es ist ja immer eine recht leidliche Angelegenheit, wenn alle Jahre wieder zur Weihnachtszeit von der Musikindustrie erneut perfektes Material für unterm Weihnachtsbaum in die Musikwelt geblasen wird. Wenn sie sich gerade mal nicht zu lieblos zusammen gestellten Best-Of's, diversen Box-Sets oder Editionen erfolgreicher Alben herab lassen, dann müssen eben oft auch Platten mit neu aufgenommenen Versionen der eigenen Klassiker für das Weihnachtsgeschäft herhalten. Ob nun bei jedem Release dieser Art immer nur der wirtschaftliche Faktor überwiegt, darüber kann man sich mit Sicherheit streiten. Auffällig ist aber dennoch die Masse jener Platten, die ausgerechnet stets im letzten Jahresquartal den Markt überspülen. In dieser Weihnachtssaison mit dabei: die Fanta 4 mit ihrem zweiten Unplugged-Album, Patrick Wolf mit Akustikversionen seiner Klassiker, und selbiges Schema als Orchesterversionen von Kylie Minogue - und Tori Amos. Letztere hat gerade "Gold Dust" auf den Markt geworfen. Hier hat sie 14 selbst ausgewählte Klassiker ihrer bisherigen Karriere mit Orchester neu aufgenommen. Der Sinn dahinter soll der sein, dass sie sich durch ihr erstes rein orchestrales Konzert dadurch inspiriert fühlte - was aber auch schon mehr als 2 Jahre zurück liegt. Doch distanzieren wir uns mal vom Zeitpunkt der Veröffentlichung, und kümmern uns lieber um das, was am Ende ganz alleine zählt: die Musik! Und die ist - wie von Tori Amos wohl nicht anders zu erwarten - von beständig hoher Qualität. Handwerklich, stimmlich und emotional sitzt hier alles. Und auch das Orchester geht einem nie auf die Nerven - was ein gehöriges Plus bei einer solchen Angelegenheit darstellt. Zu oft beglücken uns derartige Alben mit klebrigen Orchester-Klängen aus der Dose - was man aber von Tori Amos schon im Vorfeld nicht erwarten konnte und durfte. Dabei sind sogar ein paar Kontraste zu den Originalen drin, auch wenn diese eher zaghaft, aber gelungen ausfallen. So das wunderbare "Yes, Anastacia", welches etwa um die Hälfte seiner ursprünglichen Länge beschnitten wurde, und mit ein paar mehr majestätischen Spitzen versehen wurde. 


Ein paar seltene weitere Beispiele dafür kann man noch ausmachen. "Precious Things" (♪♫♪) erlebt einen Hauch mehr Dramatik, und "Star of Wonder" zeigt sich mit zeitweilig etwas pompöserer Ausstattung. "Gold Dust" ergibt im Ganzen eine vorhersehbar runde und  stimmige Platte, die das Konzept der orchestralen Umdeutung ihrer Klassiker durchweg sehr solide umsetzt. Doch am Ende einer jeden Platte dieser Art, stellt man sich dann doch die stets quälende Frage: wie viel Sinn macht so etwas nun wirklich? Da sich hier vieles nur im Detail von seinen Originalen unterscheidet, hätte man sich stattdessen wohl lieber einen Mitschnitt eines orchestralen Live-Konzertes gewünscht, das mit der zusätzlichen Magie der Live-Aura hätte punkten können. Trotz der qualitativ hochwertigen Neuinterpretation muss auch hervorgehoben werden, dass für ungeübte Hörer der großen Dame, der Besitz der Originale von weitaus größerer Bedeutung wäre. Aber eine Fehlinvestition stellt "Gold Dust" deshalb trotzdem nicht zwingend dar. Ob man jetzt sein Geld unbedingt darin investieren möchte, das muss jeder für sich entscheiden - aber unterm Weihnachtsbaum würde man es wohl dennoch gerne wieder finden.



Sonntag, 7. Oktober 2012

Ausgegraben: SOLANGE KNOWLES - "SOL-ANGEL & THE HADLEY ST. DREAMS"

Aus Vorfreude auf ihr kommendes drittes Album hier ein Rückblick darauf, wie Solange Knowles - von der Welt nahezu unbemerkt - mit ihrem 2008er Zweitwerk ihre ältere Schwester Beyoncé locker in die Tasche steckte.

Man hat es nicht immer leicht, wenn man als Musiker stets im Schatten eines berühmten Verwandten steht. Das musste schon so manch einer erfahren - so auch Solange Knowles, die kleine Schwester der US-RnB-Queen Beyoncé Knowles. Hatte das bei ihrem 2002er Debüt "Solo Star" noch durchaus seine Berechtigung, so sollte sich dies mit ihrem 2008er Zweitwerk "Sol-Angel And The Hadley St. Dreams" schlagartig ändern. Zwar verdingt sie sich bis heute in einer  künstlerischen Existenz, die wohl eher einer recht überschaubaren Gruppe bekannt sein dürfte, doch was sie hier musikalisch ablieferte, war um Längen besser als alle Alben ihrer großen Schwester zusammen genommen. Das hört sich übertrieben an? Nun gut - betrachten wir mal die musikalischen Leistungen von Beyoncé genauer: Zwar ist sie immer wieder für waschechte Hits zu haben, doch auf Albumlänge konnte sie bisher höchstens auf ihrem letzten Album "4" überzeugen, welches aber auch noch deutlich hinter dieser zweiten Platte ihrer kleinen Schwester zurück bleibt. Denn der künstlerische Ansatz ist bei Solange ein völlig anderer. Auf "Sol-Angel & The Hadley St. Dreams" fixiert sie sich nicht wie ihre Schwester auf eine Ansammlung unterschiedlicher Songs, auf der sie eine handvoll Hits mit durchschnittlichem Füllmaterial auf Albumlänge streckt. Nein, das gesamte Album durchzieht ein roter Faden, der sich deutlich am Motown, Soul und R&B der 60er und 70er orientiert. Und Elemente dieser musikalischen Phasen, verbindet sie hier spielerisch mit modernen Auszügen aus Pop, RnB und Dance - spart sich aber gänzlich die Ausflüge in den HipHop. Hier versucht niemand seiner großen Schwester nach zu eifern, sondern versucht auf den eigenen Füßen zu stehen. Und etwas besseres hätte ihr fürwahr nicht einfallen können. Schon die erste Single dieses Albums verdeutlichte dies, und hätte eigentlich ein Welthit werden müssen: "I Decided" heißt die Nummer, und begeistert auch 4 Jahre später noch immer als fabelhafter und stark 60s-infizierter Soul-R&B-Ohrwurm, der Handclaps aus "Where Did The Love Go" von The Supremes sampled, und zudem auf der Melodie aus "(Love is lke a) Heatwave" von Martha and the Vandellas basiert. 


Solange -- I Decided - MyVideo


 "T.O.N.Y." (♪♫♪), die dritte Single der Platte, empfiehlt sich als catchy Soul-Perle, die den Hörer unnachgiebig, aber behutsam auf die Tanzfläche lockt. "Dancing In The Dark" (♪♫♪) beschert uns federleichten, und dennoch funky in die Glieder fahrenden Soul-Pop, der sich hervorragend an einem Sample aus Heinz Kiessling's 1960er "Feeling Young" bedient. "Would've Been The One" (♪♫♪) sorgt mit hervorstechender Melodie und leidenschaftlichem Stimmeinsatz für ein stimmungsvolles Highlight, das sich vor Größen der 60er und 70er nicht verstecken muss. Auch "Sandcastle Disco" (♪♫♪) - welch herrlicher Titel allein schon - punktet als fabelhafter und souliger 60s-Pop, der so unwiderstehlich daher kommt wie mundwarmer Karamellpudding. Und mit "This Bird" (♪♫♪) taucht sie in sphärische, psychedelische und gewohnt großartige Soul-Sphären ein, die auch einer Erykah Badu nicht unbekannt sind. Ganz andere, sich hier aber erstaunlich genial einfügende Saiten, schlägt sie dann in "Cosmic Journey" (♪♫♪) an, das sie im Duett mit Bilal vorträgt: angefangen als schillernde, von hypnotischen Klängen und soften Beats getragene Pop-Perle, die sich etwa ab der Hälfte in eine mitreißende und spacige Dance-Hymne wandelt. Wie sie hier dem guten alten Soul, Funk und R&B der 60er und 70er Jahre abklappert, und all dem mit "Sol-Angel & The Hadley St. Dreams" eine modernes Denkmal setzt, das kann einen auch heute noch immer ein wenig sprachlos machen. So ist ihr hier etwas gelungen, was ihrer Schwester noch nie glückte: ein großartiges Album, das noch sehr, sehr lange begeistern wird. Lange war es seitdem ruhig um die Dame geworden - doch gerade erschien die erste Single "Losing You" (♪♫♪) ihres für Anfang 2013 geplanten 3. Albums - und damit ist sie nun erfolgreich in den 80ern angekommen, hat dabei eine Menge von Madonna gelernt, haucht dem Song aber mehr Anspruch ein, als der Pop seinerzeit gemeinhin zuließ. Und das macht Hoffnungen, dass auch ihrer nächster Streich wieder ein Volltreffer werden könnte. Doch bis es endlich soweit ist, ergötzen wir uns noch ein wenig an "Sol-Angel & The Hadley St. Dreams" - und das am besten immer und immer wieder.



Freitag, 5. Oktober 2012

Besprochen: ELLIE GOULDING - "HALCYON"

Nach ihrem gefeierten Debüt vor 2 Jahren, schickt Ellie Goulding nun ihr wahrhaft gelungenes Zweitwerk hinterher, das ihren guten Ruf im zeitgenössischen Pop noch fester zementieren wird.

Vor 2 Jahren war Ellie Goulding mit ihrem Debüt "Lights" eine kleine Pop-Sensation in Großbritannien sicher. Ein äußerst schickes Erstlingswerk, das so manch ein Kritiker in die Sphären des Folktronica schmiss, und auch über die einst laufende Pop-Saison hinaus überzeugen konnte. 2 Jahre sind seitdem vergangen, da steht nun Miss Gouldings 2. Album ins Haus. Nachdem sie beim Vorgänger mit Produzent Starsmith arbeitete, nahm sie bei der neuen Platte "Halcyon" nun Jim Eliot von der britischen Elektropop-Band Kish Mauve bei der  Hand. Stilistisch verändert dies manches, wenn auch nicht gravierend. Die soft folkigen Klänge sind nahezu verschwunden, wobei diese beim Debüt schon nicht allzu stark heraus gearbeitet waren. So bietet sich für "Halcyon" nun nicht mehr der Ausdruck "Folktronica" an, sondern wäre mit Synth- oder Dance-Pop besser benannt. Doch das sind nur Details. Denn auch bei ihrem zweiten Versuch stellt sich Ellie Goulding alles andere als blöd an. Sie verschreibt sich hier dem was sie am besten kann (genannt "Pop"), vermischt dies aber mit verschiedenen sanften oder auch stärkeren Einflüssen der zeitgenössischen Musikkultur, ohne sich aber damit anzubiedern. Eher erweckt es den Eindruck, als wenn sie hier den Zeitgeist der Pop-Musik der Gegenwart einfängt, und daraus ein paar knackige, oft auch nicht unspannend produzierte Hits dreht. Als erster Vorbote kam bereits im August die Single "Anything Could Happen" daher. Ein ohne Frage guter Dance-Pop-Song, der aber keine zu großen Versprechungen macht. Aber eine gute Taktik: mit einer eher "okayen" Single keine zu hohen Erwartungen schüren, um dem ein im Ganzen deutlich besseres Album folgen zu lassen.


Und eben dieses "deutlich bessere" Album ist "Halcyon" durchaus geworden. Betrachten wir nur einmal den Opener "Don't Say a Word" (♪♫♪): die ersten 1 1/2 Minuten hat man das Gefühl es mit einen typischen (und guten) Album-Intro zu tun zu haben. Doch dann kriegt das Stück mehr Substanz, ehe es sich zum echten und fabelhaften Song entwickelt, der gen Ende nochmal mit soften Synthesizern  geschmückt wird. "My Blood" (♪♫♪) kann sich als soft-bombastische und leidenschaftliche, von Florence & The Machine nicht allzu weit entfernte Pop-Perle behaupten, die man sich allzu gerne gefallen lässt. "Only You" (♪♫♪) bietet einen elektronisch angereicherten, flotten Pop-Ohrwurm, der auf simplen, aber wirkungsvollen Gesangssamples reitet; im fabelhaften und mitreißend melodischen "Figure 8" (♪♫♪), meint man in den explodierenden Refrains beinah eine leise Ahnung von dem zu erhaschen, was die Welt seit Skrillex unter Dubstep versteht. Aber eben auf die sanfte Art und Weise, die dem Song wunderbar zu Gesicht steht. "JOY" (♪♫♪) weist sich als ganz zarte, warme und romantische Ballade aus, in der sie sich mehrheitlich von Piano, Streichorchester, Chor und pulsierenden Beats begleiten lässt - kann man so stehen lassen. Mit "Hanging On" (♪♫♪) hingegen kann man hier auch ein Cover finden, das ursprünglich von der britischen Band Active Child stammt, und im vergangenen Jahr erschien. Sicherlich kann Goulding dem atemberaubenden Original hier nicht bei kommen, doch sie interpretiert ihn mehr als solide, und schneidert ihn sich auf ihre eigenen Maße zurecht. Und "Explosion" (♪♫♪) ist wieder so eine Ballade der jungen Dame, die man anfangs noch als eher durchschnittlich schelten will - ehe einem der Refrain aber dann mitten ins Herz kriecht. 
Die Musik von Ellie Goulding ist halt oft mehr, als sein erster flüchtiger Eindruck preisgeben mag. Natürlich sollte man nicht anfangen, all das künstlerisch größer und wichtiger zu reden, als es in der Tat ist - und "Halcyon" ist nun mal eine POP-Platte, nicht mehr und nicht weniger. Aber eben eine wirklich gute.


Mittwoch, 3. Oktober 2012

DISKOGRAFIE: BJÖRK

Ursprünglich der Alternative-Band Sugarcubes entsprungen, machte sich Björk seit 1993 daran, mit ihrer Musik die Popwelt zu spalten: Die einen lieben sie, die anderen hassen sie. Mit welch einer ungebrochenen Konstanz sie sich nicht nur musikalisch, sondern auch optisch stets abstrakt und exzentrisch darstellt, ist in der (jüngeren) Musikgeschichte so nur selten anzutreffen. Und ob sie nun zukunftsweisend, minimalistisch, experimentell oder poppig klang: es war immer große Kunst. Und deshalb widme ich mich nun endlich ihrer Diskografie!




"DEBUT" (1993)

 Um die Bedeutung und Wichtigkeit von "Debut" ganz zu verstehen, muss man die Zeit verstehen, in der es erschien. In den frühen 90er Jahren zog sich eine Dance-Welle über den halben Globus, Techno entwickelte sich zum Flächenbrand, und der House eroberte langsam aber sicher die Clubs. Dies war die Zeit, in der das Debüt der Dame aus Island entstand - und durchaus seine Spuren hinterließ. Obwohl der Titel hier eher irreführend ist. Ihr eigentliches Solodebüt erschien schon 1977, im Alter von 12 Jahren, unter dem Titel "Björk". Und doch kann man durchaus "Debut" als ihr eigentliches Debüt betrachten, hatte das einstige (durchweg isländisch gesungene) Album doch herzlich wenig mit dem gemein, was hier zu hören war. Einen wirklichen roten Faden kann man hier zwar nur schwer erkennen, aber dieser erste Solo-Versuch im Erwachsenenalter zeigte ein paar erstaunliche, spinnerte und geniale Ansätze, die einst bei manchen Jubelschreie und bei anderen Stirnrunzeln zur Folge hatte. Irgendwo findet sich hier aber immer ein Song, der jeden kriegt. "Human Behaviour" (♪♫♪) ist und bleibt ein großartiges Stück Pop mit hohem Weirdness-Faktor; "Venus As A Boy" (♪♫♪) präsentiert sich als nachdenklicher Pop mit Streichern und softelektronischer Untermalung; das zum Teil auf einer Toilette aufgenommene "There Is More To Life Than This" (♪♫♪) kommt mit einem flotten Dance-Groove daher; beim housigen Kracher "Big Time Sensuality" (♪♫♪) konnte selbst der größte Kritiker nicht die Füße still halten, und "Play Dead" (♪♫♪) zeigt sie von einer düsteren, aber sehr wohl melodischen und einnehmenden Seite. Der Gesamteindruck des Albums ist aufgrund seiner stilistisch sehr unterschiedlichen Ausrichtungen vielleicht ein wenig schwammig - aber der Wichtigkeit im Pop der frühen 90er und in der künstlerischen Entwicklung Björk's, tut dies keinen Abbruch. Ein gelungener Einstand, an dem der Zahn der Zeit in Björks Backkatalog allerdings am meisten genagt hat.

 






"POST" (1995)

 Das zweite Album von Björk (fortan werde ich ihr 1977er Kindheits-Debüt "Björk" der Einfachheit halber nicht mehr mit zählen) sollte ein kleiner Quantensprung werden, im Vergleich zu ihrem Erstlingswerk. Auf der einen Seite wurden die Songs noch deutlicher greifbar, und der rote Faden noch erkennbarer, aber auf der anderen Seite wurden auch ihre Experimente noch ausgeprägter. Stilistisch tanzt sie auch hier wieder auf den verschiedensten Hochzeiten, was im Großen und Ganzen aber sogar noch besser miteinander harmonieren sollte, als das beim vorangegangenen Versuch der Fall war. Da hätten wir etwa den grandiosen und genial abgefahrenen Elektropop-Bastard "Army Of Me" (♪♫♪), der sich auf Anhieb in die Hirnwindungen fräst. "Hyper-Ballad" (♪♫♪) macht als fabelhafte und melancholisch-elektronisch schwebende Perle eine hervorragende Figur; "It's Oh So Quiet" (♪♫♪) zeigt sich als tadelloser und mitreißend stimmungsvoller Big-Band-Kracher; "Enjoy" (♪♫♪) empfiehlt sich als düster dräuender Elektropop mit Tiefenwirkung; "Possibly Maybe" (♪♫♪) kommt ganz zerbrechlich und nachdenklich daher geschwebt, und "I Miss You" (♪♫♪) entwickelt sich zur schicken, von zeitweilig tribalen Beats und fiebrigen Bläsern unterstützten Dance-Perle. Zwar hatte sie auf "Post" noch immer nicht ganz zu ihrer künstlerischen Perfektion gefunden, aber der Grundstein für folgende Großtaten war gelegt. Ein äußerst gelungenes Album, das dem Zahn der Zeit diesmal deutlich besser widerstehen konnte. 









"TELEGRAM" (1996) 

Eines sei Neulingen gleich vorweg gesagt: Nein, "Telegram" ist kein offizielles Studioalbum der isländischen Sängerin. Es war ihr erstes Remix-Album. Hier sammelte sie Remixe zu fast allen Songs ihres vorangegangenen Albums "Post", zusammengestellt mit dem Hintergedanken "fuck what people think". Bearbeitet von diversen Remixern entstand hier eine Platte, welche die bekannten Originale vermehrt nackter und minimalistischer präsentierte - wie dies etwa bei "Possibly Maybe", welches auf atmosphärischer Elektronik daher geistert, sowie dem nun nur noch von leidenschaftlichen Streichern umschwärmten "Hyperballad" zu hören ist. "I Miss You" wird mit relaxten oldschool-HipHop-Klängen entschleunigt, was sogar einen Rappart des britischen MC's Rodney P einschließt. "You've Been Flirting Again" erinnert in seiner hypnotisch elektronischen Färbung an spätere Großtaten der "Vepsertine"-Phase, ehe es von nahezu romantischen Streichern erobert wird. "Cover Me"  wird hier auf das dreifache seiner ursprünglichen Länge gestreckt, und zusätzlich mit Elektro-Elementen und stampfenden Beats angereichert. Und von "Army of Me" bleibt in seiner hier zu hörenden Fassung fast gar nichts mehr übrig, was noch an das Original erinnern würde - selbst der Gesang ist fast vollständig verschwunden. Zudem gab es hier den herrlichen "neuen" Song "My Spine"(♪♫♪) zu hören, der ursptünglich für "Post" gedacht war, doch zugunsten von "Enjoy" von dem Album entfernt wurde. Im Ganzen ist "Telegram" eine sehr interessante Angelegenheit - aber der Griff zu Original-Album "Post" ist dann doch weitaus verlockender.









"HOMOGENIC" (1997)

 Das dritte Album von Björk sollte einen Wendepunkt in ihrem künstlerischen Schaffen darstellen. "Homogenic" wurde ihr erstes vollwertiges Meisterwerk, das den weiteren Verlauf ihrer Karriere maßgeblich prägen und beeinflussen sollte. Beinah ausnahmslos hervorragende Songs und futuristisch-elektronische Klänge, vereinten sich im Jahr 1997 hier zu einem der herausragendsten (Elektro-)Pop-Alben der 90er Jahre - das so manchem vor Staunen die Kinnlade herunter krachen ließ. Noch nie zuvor klang ein Album von Björk so schlüssig, gradlinig und experimentell zugleich. Und zum ersten mal konnte man so etwas wie einen deutlichen roten Faden erkennen, der sich durch das gesamte Album zieht - ohne dabei aber auch nur ansatzweise dem Gleichklang zu erliegen. Zwar kommen auch hier, ähnlich wie bei den beiden Vorgängern, die unterschiedlichsten Zutaten zusammen, aber Björk hatte sich zu einer hörbar gereiften Künstlerin gewandelt, die ihre Kräfte besser zu bündeln verstand. Zum Einstieg fesselt einen bereits "Hunter" (♪♫♪), ein düster getragenes und meisterhaftes Stück Elektropop, das von minimalistisch puckernden Beats, Marschtrommeln und Björk's zwischen sanft bis leidenschaftlich oszillierender  Stimme zusammengehalten wird. Großartig geht es dann auch sofort mit "Jóga" (♪♫♪) weiter, auf dem sich elegische Streicher, emotionale Vocals und futuristisch ungerade Elektrobeats, die klingen, als hätte man das Knacken und Splittern des Polareises in digitale Klänge gebannt, zu einem wahrhaften Meisterstück vereinen. "Bachelorette" (♪♫♪), das Herzstück der Platte, manifestiert sich mit dramatischem Gesang, schwelenden James-Bond-Streichern und experimentellen Beats, zur weit in den Himmel empor ragenden Pop-Kathedrale. Mit krachend-verzerrten Beats und minimalistischen Synthieklängen gibt sie "5 Years" (♪♫♪) zum besten, "Pluto" (♪♫♪) jagt einem als verstörendes Acid-Elektro-Rumpelstilzchen einen wohligen Schauer über den Rücken, und das grandiose "All Is Full Of Love" (♪♫♪) gibt sich als nahezu perfekte Hymne die Ehre.
"Homogenic" wurde schon zur Zeit seines Erscheinens von Kritikern vollkommen zurecht umjubelt, und ist wohl bis heute eines ihrer mit Abstand besten und überzeugendsten Werke, dem die Zeit rein gar nichts anhaben konnte. Ein Meilenstein im Elektro-Pop - und nicht weniger!









"SELMASONGS" (2000)

Im Grunde genommen ist "SelmaSongs", dass im Jahr 2000 erschien, kein reguläres Studioalbum von Björk. Die hier vertretenen 7 Songs bilden den Soundtrack zum düsteren Independent-Musical-Film "Dancer In The Dark" von Lars von Trier, in dem Björk zudem auch die Hauptrolle spielte. Ein dunkelgraues und aufwühlendes Drama, in dem Björk eine aufgrund einer Erbkrankheit fast blinde Frau mimt, die täglich hart in einer Fabrik arbeitet, um ihrem Sohn eine Operation zu ermöglichen, die ihm ihr eigenes Schicksal ersparen soll. Als sie heraus findet, dass ihr ein Freund das ersparte Geld gestohlen hat, erschlägt sie ihn im Affekt - und wird zum Tode durch den Strang verurteilt. Keine leichte Kost also - was man den von Björk vorgetragenen Songs (welche sie im Film in ihren zahlreichen Tagträumen singt) zum Glück nicht anhört. Passend zu seiner Funktion als Soundtrack, ist auf "SelmaSongs" vermehrt Orchester zu hören - dem Björk allerdings immer wieder elektronische Beats und Soundspielereien entgegensetzt. Das großartige "Cvalda" (♪♫♪), dass im Duett mit Catherine Deneuve entstand, beginnt mit Sounds aus Bohrern, Hammerschlägen und Geräuschen diverser Fabrikmaschinen, die bald einen ganz eigenen Groove bilden, ehe sich im weiteren Verlauf Glockenspiel, Streicher und Bläser hinzu gesellen. Unterlegt von Geräuschen einer Lokomotive, gibt sie dann zusammen mit Radiohead-Sänger Thom Yorke die sehnsüchtige und melancholische Perle "I've Seen It All" (♪♫♪) zum besten. Das nachdenkliche und fein elektronisch arrangierte "Scatterhaert" (♪♫♪) sollte einen ersten Eindruck davon geben, was einem auf ihrem nächsten regulären Studioalbum erwarten würde. Während des dramatisch-schönen "107 Steps" (♪♫♪) zählt sie im Film singend ihre letzten Schritte zum todbringenden Galgen, und das finale "A New World" (♪♫♪), welches sie im Film a cappella kurz vor der Vollstreckung der Todesstrafe darbietet, präsentiert sich hier als von Orchester und soften Elektrobeats unterlegte Hymne. Eine großartige Songsammlung, die den Film (für den Björk heute selber keine guten Worte mehr findet) bei weitem überstrahlt.

 







"VESPERTINE" (2001)


Wer dieses Album nicht kennt, aber im Vorwege erfährt, dass Björk hier diverse ungewöhnliche Klangquellen zusammengetragen und unzählige Soundschichten übereinandergelegt hat, um den gewünschten Sound zu extrahieren, der würde wohl etwas ganz anderes erwarten, als hier tatsächlich dargeboten wird. "Vespertine" ist eine dunkles Album, zerbrechlich und widerspenstig zugleich, aber immer auf seine eigene düstere Weise ganz und gar bezaubernd. Sie wollte ein Album für den Winter erschaffen, was ihr auch vortrefflich geglückt ist. Unterkühlte Soundscapes treffen auf experimentelle Beats und melancholische Gesänge, atmosphärische Klangwelten, und geisterhafte und doch liebevolle Song-Kunstwerke. Und so ruhig der Gesamteindruck des Albums auch sein mag, so passiert in den Details doch eine Menge - was sich vor allem bei mehrmaligem Hören heraus kristallisiert. Die erste Single "Hidden Place" (♪♫♪) stand bereits exemplarisch für den Klang des ganz Werkes: minimalistische Soundlandschaften treffen auf flüsternden Gesang und düster schwebende Chöre, untermalt mit herzschlagartigen Beats. Aus dem wunderbaren und feingliedrig arrangierten "It's Not Up To You" (♪♫♪), schälen sich klackernde Sounds, Harfen, engelsartige Chöre, leidenschaftliche Streicher und softe Beats heraus. Die berauschende Art-Pop-Perle "Pagan Poetry" (♪♫♪) bildet mit bezaubernden Spieldosen-Klängen, tief verzerrten Beats und einer himmlischen Melodie, das Herzstück dieser Platte. Und das großartige und einnehmend emotionale "Aurora" , dass mit hypnotischen Gesängen, fein frickelnder Elektronik und Harfen bezirzt, basiert auf einem Sound-Sample von Fußschritten im Schnee. Ihr ist hier wahrlich ein dunkles, aber ebenso fabelhaftes Album gelungen, das sich - wenn man ihm erst einmal die Chance gibt - fest in den Hirnwindungen verankert, und einen weiteren berauschenden Höhepunkt in Björks beispielloser künstlerischer Karriere markiert.









"GREATEST HITS" (2002) 

Knapp 10 Jahre nach dem Solo-Debüt von Björk, war es an der Zeit für einen vorläufigen Karriererückblick. Auf dem 2002 erschienenen "Greatest Hits" versammelte Björk 14 ihrer größten Hits, die alle ihre Soloalben seit "Debut" umfasste. Und das dies zu einer unschlagbaren Songsammlung führen musste, wird jedem klar sein, der die Musik der Dame zu schätzen weiß. Angeführt wird diese Compilation von dem großartigen "All is full of Love" (♪♫♪), das hier nun auch in der abgeänderten Single-Edit enthalten ist. Danach folgt ein musikalisches Feuerwerk, das sich von "Human Behaviour" und "Army of Me", über "Jóga" oder "Hunter", bis hin zu "Hidden Place" und "Pagan Poetry" erstreckt. Eine erstklassige Zusammenstellung, ganz ohne Zwiefel. Und auch die hierfür aufgenommen neue Single "It's In Our Hands" (♪♫♪) liefert ein neues Highlight, das stilistisch nahtlos an den Stil ihres letzten Album "Vespertine" anknüpft. "Greatest Hits" stellt somiz einen sehr guten Querschnitt durch ihr bisheriges Schaffen dar, welche die wichtigsten Singles von Björk auf einer Disc versammelte.

 






"FAMILY TREE" (2002)  

Zeitgleich mit der regulären "Greatest Hits", erschien ebenso eine aufwändige 6-Disc-Box, die den Namen "Family Tree" trug. Und diese macht als Alternative zum regulären Release durchweg Sinn. Jedes Disc hatte hier sein eigenes Motto. Die erste CD "Roots 1" widmete sich der Musik vor ihrem '93er Solodebüt "Debut". So hören wir hier etwa das wunderbare ""Síðasta Ég" aus ihrer Zeit mit The Elgar Sisters, das leicht strange und düster anmutende "Fuglar" ihrer 80er Jahre Anarcho-Punk-Band KUKL, oder die wunderbare erst Single "Ammæli" mit ihren Sugarcubes. Die zweite Disc mit dem Titel "Roots 2" versammelt B-Seiten und alternative Versionen einige ihrer Album-Tracks, was u.a. die zauberhafte "Hidden Place"-B-Seite "Mother Heroic" (♪♫♪) einschließt. Die dritte Disc "Beats" fokussierte Songs mit elektronischerem Einschlag, wie etwa auch das famose und futuristische "Nature is Ancient" (♪♫♪). Die vierte und fünfte Disc, "Strings 1" und Strings 2", bestanden dann wiederum aus Live- und Studio-Aufnahmen diverser Album-Tracks mit Begleitung des Streicher-Quartetts Brodsky Quartet. Und die letzte und sechste Disc stellt eine alternative "Greatest Hits" dar, die im Gegensatz zur regulären, parallel  erschienen Compilation, von Björk selbst zusammengestellt wurde, und sich so zum Teil von der Tracklist unterschied. So bedachte sie etwa auch 2 Stücke aus dem "Dancer in the Dark"- Soundtrack "SelmaSongs", welches auf der herkömmlichen Version komplett außen vor gelassen wurde. Einziger Wermutstropfen: den auf der regulären Fassung enthaltenen neuen Song "It's In Our Hands", sucht man hier vergebens. Dennoch stellt "Family Tree" eine hervorragendes Box-Set dar, welches noch ausführlicher die Geschichte der Sängerin erzählte. 










"MEDÚLLA" (2004)


Mit diesem Album war der Moment gekommen, in dem sich Björk endgültig von Formatradio und Musikfernsehen los sagte. Denn was sie der Welt mit "Medúlla" lieferte, sollte die Gemüter endgültig spalten. Zu verkopft und experimentell empfanden sie die einen - während die anderen staunend vor diesem Meisterstück hockten, noch unfähig all die seltsamen und überwältigenden Strukturen und Sounds einzuordnen, die scheinbar unentwegt auf einen einströmten. Dabei war der Ursprung aller hier gehörten Klänge, in einer einfachen und allgegenwärtigen Quelle auszumachen: der menschlichen Stimme! Eben daraus hat Björk hier alle nur erdenklichen Klänge destilliert. Vom Heulen, Jaulen, Jauchzen, Keuchen und Stöhnen, von Chören, über Beatbox, bis hin zu am Computer bis zur Unkenntlichkeit verzerrten Tönen, ist hier die volle Bandbreite des menschlichen Kommunikationsorgans zu hören. Und das erstaunlichste bei all dem: Wenn man es nicht wüsste, man würde meinen Synthesizer und diverse undefinierbare Instrumente wahrzunehmen. Denn was Björk hier schuf war ganz große Kunst, die sie mit einem Schlag wieder mal ganz an die kreative Spitze im Pop katapultierte. Oder um es mit den Worten des Musikexpress auszudrücken, in dessen Leserpoll Björk im selben Jahr die Liste der besten Solokünstlerinnen anführte: "Auf dem ersten Platz kommt Björk - und danach lange nichts!" Und den Grund dafür, konnte und kann man noch immer in praktisch jedem einzelnen Song hören. Im melancholischen, von dunklen Chören und verzerrtem Keuchen unterlegten Opener "Pleasure Is All Mine". Oder im düsteren, von manischen und futuristisch-markanten Beatbox-Effekten, sowie schwerelosen Chorgesängen begleiteten "Where Is The Line" (♪♫♪). Hinter den johlenden und flötenden Stimmsamples und dem triphopigen Beatboxing von "Who Is It"(♪♫♪), hält sich in Wirklichkeit nicht anderes als ein nahezu catchy Ohrwurm versteckt. "Desired Constellation" (♪♫♪) offenbart sich als melancholisch-emotionales Meisterstück, dessen atmosphärisches und den gesamten Song dominierendes Flirren, aus einem Stimmsample von Björk's Song "Hidden Place" entstand. "Oceania" (♪♫♪) präsentiert eine fabelhafte und unmittelbar einnehmende Art-Pop-Perle, das ruhige "Sonnets/Unrealities XI" nimmt hingegen gar wahrhaft sakrale Formen an, und auf "Ancestors" bilden Stöhnlaute und krudes Knurren eine geschlossene Einheit mit Björk's überirdischen Gesängen. Ein wahrlich erhabenes und zugleich dunkles Meisterwerk hat Björk hier geschaffen, dessen emotionale und künstlerische Tiefe sich unmöglich nach wenigen Hördurchläufen erschließen lassen. Dieses Album braucht Zeit um sich ganz zu entfalten. Doch hat es einen erst einmal ganz gepackt (und das wird es zweifellos), lässt es einen nicht wieder los. Ein Triumph!










"DRAWING RESTRAINT 9" (2005) 

Aus dieser Diskografie sticht "Drawing Restraint 9" wohl am stärksten heraus. Denn ebenso wie beim 2000er "SelmaSongs" handelt es sich auch hier um kein offizielles Studioalbum. Auch dies ist ein Soundtrack, von Björk erarbeitet für den gleichnamigen Experimentalfilm  ihres Lebensgefährten Matthew Barney. 'Ähnlich experimentell wie in dem Film, der auf einem japanischen Walfänger spielt, und in seinen gut 130 Minuten Spieldauer nur einen einzigen (japanischen) Dialog enthält, geht es hier auch musikalisch zu - so kommt hier etwa auch oft das japanische Instrument Shō zum Einsatz, welches der Musik einen ganz eigenen Klangcharakter verleiht. Auch vergangene Experimente werden hier erneut aufgegriffen - so kann man im düster getragenen und diabolisch anmutenden "Pearl" ähnliche Stimmexperimente wahrnehmen, die ihr vorangegangenes Album "Medúlla" prägten, während das bezaubernde "Ambergis March" Erinnerungen ihres 2001er Albums "Vespertine" mobilisiert. Und solche von dramatischen Bläsern dominierten Stücke wie "Hunter Vessel" oder "Vessel Shimenawa",  sollten einen deutlichen Einfluss auf einige Stücke ihre folgenden Studioalben "Volta" und "Biophilia" ausüben.  Doch wo der vorangegangene Soundtrack "SelmaSongs", der im Grunde als eigenständiges Album durchgehen kann, durchweg neue famose Songs von Björk hochpersönlich darbot, hält sie sich gesanglich auf dieser Arbeit geflissentlich zurück. Nur in wenigen Stücken dieses Soundtracks ist sie zu hören. So etwa im fragilen, aber wunderbaren "Bath" (♫♪), dem grandios atmosphärischen "Storm" (♪♫♪), oder dem leidenschaftlich verträumten "Cetacea" (♪♫♪). Trotzdem ein kunstvoller Soundtrack, den es durchaus zu entdecken lohnt - wenn auch wohl am ehesten für Fans der Künstlerin brauchbar.








"VOLTA" (2007)


Es ging schon ein erstauntes und oft auch empörtes Raunen durch die Reihen der Musikkenner, als noch vor Release von Björks 2007er Album "Volta" bekannt wurde, dass der unvermeidliche Timbaland an der Produktion ihrer neuen musikalischen Kopfgeburt teilhaben würde. Eben jener Produzent, der zur selben Zeit die gefühlte Hälfte der westlichen Chartswelt mit Mainstream-Hits bestückte. Eigentlich ein Kreis, in dem sich die exzentrische Isländerin weniger bewegt. Doch eine gewisse Erleichterung machte sich breit, als sich herausstellte, dass die Liaison sich über nur knapp 3 Songs erstrecken sollte. Jedoch wurde schon beim ersten Hören klar, dass alle Sorgen unbegründet waren: auf dem famosen Opener "Earth Intruders" (♪♫♪) sind zwar Timabaland-ähnliche Strukturen deutlich zu erkennen, die Björk aber mit genügend eigenwilligen elektronischen Eigenheiten sabotiert, um ihren eigenen Stil nicht zu verwässern, oder gar endgültig dem Mainstream preiszugeben. Ähnliches ist auch beim großartigen "Innocence" (♪♫♪) zu vermerken, auch wenn selbiges noch mal zusätzlich eine kräftige Schippe Exzentrik zulegt. Und im deutlich ruhigere Saiten anschlagenden "Hope" (♪♫♪), ist sein Einfluss sehr gedämpft, der sich hier aber auch nur auf das Co-Songwriting beschränkt. Und auch sonst hat "Volta" so einige Perlen in petto. So gerät "Wanderlust" (♪♫♪) zur atmosphärischen, von ungeraden Beats getragene Hymne; auf dem wundervollen und emotionalen, von majestätischen Bläsen angeführten "The Dull Flame of Desire" (♪♫♪), sowie der zärtlich fragilen Ballade "My Juvenile" (♪♫♪), macht sie gemeinsame Sache mit Antony Hegarty (von Antony & The Johnsons); "Pneumonia" erklärt sich als grandiose und vor Emotionen nur so berstende Ballade, in der sie ein paar einsame Bläser hoch hinauf in den Himmel tragen; und mit dem radikal kratzbürstigen "Declare Independence" (♪♫♪) gibt sie uns in Form von Elektro-Rock-Elementen und fiesen Acid-Sounds, ordentlich einen auf die Mütze. Ein äußerst gelungenes Album - welches allerdings das erste seit langer Zeit darstellt, das einen greifbaren roten Faden, oder ein übergeordnetes Konzept vermissen lässt. Es ist vielmehr ein Querschnitt aus ihrern poppigeren Tagen der 90er Jahre, und ihrer experimentelleren Phase in den 00ern. Und auch wenn das ganze am Ende nicht so schlüssig klingt wie seine Vorgänger, so gelang ihr doch auch ihr ein famoses Werk, das noch heute zu begeistern weiß.








"BIOPHILIA"  (2011)

Manch einen Fan von Björks Experimenten der vorangegangenen Alben, dürfte ihr bis hierher letztes Album "Volta" ein wenig verunsichert haben. Trotz seiner hohen Qualität, vermissten selbige allzu schmerzlich das übergeordnete Konzept, das seit Jahren ihre Kunst prägte. Doch mit ihrem 7. Studioalbum aus dem Jahr 2011, sollte sie ihre Fans voll und ganz entschädigen. Denn "Biophilia" sollte ein Konzeptalbum in mehrerer Hinsicht werden. Zum einen stellt es das erste App-Album der Welt dar: natürlich gab und gibt es das Album als regulären physischen Tonträger und Download, doch der ursprüngliche Gedanke war ein Release in Form einer Reihe von interaktiven Apps, die für das iPad von Apple kreiert wurden, und auf die der Nutzer selbst einwirken und so zum Teil die Songs sogar verändern kann. Zum anderen trieb sie hier der Anspruch, stilistisch als auch inhaltlich Naturphänomene mit  Musik zu verbinden - was wiederum auch optisch in den dazugehörigen Apps verdeutlicht wird. Die wunderbare Ballade "Moon" (♪♫♪) etwa, scheint durch verschiedene sich wiederholende Klang-Zyklen, die Rotation des Erdtrabanten zu symbolisieren. Das atmosphärische, von Sequenzer-Klängen dominierte "Thunderbolt" (♪♫♪) enthält Arpeggios, welche die Zeitspanne zwischen Blitz und Donner darstellen sollen. Die erste und grandiose Single "Crystalline" (♪♫♪) beschäftigt sich thematisch mit Kristallstrukturen, und bewegt sich als experimentell veranlagter, aber hochmelodischer Elektro-Pop im Terrain der "Verspertine"-Ära, bis es am Ende von einer famosen Drum'n'Bass-Einlage sabotiert wird. "Dark Matter" (♪♫♪), welches in der von Björk bekannten Kunstsprache Glibberish vorgetragen wird, setzt sich mit dunkler Materie auseinander, und kommt passend dazu als düster getragener Art-Pop daher. Das dunkle, von bedrohlich orgelnden und elektronischen Klängen durchsetzte "Hollow" (♪♫♪), setzt sich mit der menschlichen DNS auseinander, während das musikalisch in zauberhaft schöne Klänge gebannte "Virus" (♪♫♪) von einer parasitären Liebesbeziehung kündet, wie sie zwischen Virus und Zelle herrscht. "Mutual Core" (♪♫♪) ist eine wahrhaft berauschende Elektro-Art-Pop-Hymne, die zwischen bedächtig orgelnden Versen, und explosiv mitreißenden Refrains pendelt, und die Bewegung der tektonischen Platten versinnbildlicht. Und die warme, minimalistisch aufgebaute, aber emotional eindringliche Ballade "Solistice",  nimmt in seiner Klangstruktur Bezug auf die Bewegung der Planeten und die Erdrotation. "Biophilia" ist ein höchst inspiriertes und wundervoll experimentierfreudiges Gesamtkunstwerk, mit dem Björk ein weiteres Meisterstück ablieferte. Und zudem versehen mit einem genialen Konzept, auf das Darwin mit Sicherheit stolz gewesen wäre.


Dienstag, 2. Oktober 2012

Besprochen: PATRICK WOLF - "SUNDARK AND RIVERLIGHT"

Mit neu eingespielten Akustik-Versionen, wagt Patrick Wolf eine Rückschau auf seine 10jährige Karriere. Nett gemeint, durchweg solide umgesetzt - aber am Ende doch irgendwie unnötig.

Man muss es ganz klar sagen: Patrick Wolf ist eine enorme Bereicherung für den zeitgenössischen Pop! Vor fast 10 Jahren veröffentlichte er sein geniales Debüt "Lycanthropy", das seiner Zeit um Jahre voraus war, und irische Folklore mit düsterer Elektronik von fast björk'scher Futuristik auf einen Nenner brachte. Und eben dieses nahende Jubiläum, feiert der Engländer nun mit einer Art Best-of. Bei "Sundark And Riverlight" handelt es sich um ein Doppel-Album, auf dem Wolf insgesamt 16 Songs aus dem letzten 10 Jahren seiner Karriere, in Akustik-Versionen neu aufgenommen hat. Das ist eine nette, wenn auch wahrlich keine neue Idee. Etwas interessanter macht das ganze dann das Konzept, welches dahinter steht. Auf der ersten CD "Sundark" widmet er sich eher düsterem Material: Dazu zählt etwa "Overture", im Original von seinem dritten Album "The Magic Position".  Als erste Single dieser Aufnahme, zeigt es auch ziemlich deutlich was einen hier sonst so erwartet - eine geschmackvolle und gelungene Interpretation, die dem Original aber dennoch nicht viel hinzuzufügen hat.


Durch die Verwendung rein akustischer Mittel, bekommen viele Songs zum Teil aber auch einen neuen Anstrich. Das zeigt sich etwa bei "The Libertine", welches in der neue Version ruhiger, wenn auch etwas spannungsärmer daher kommt. Das im Original als synthetisch-perfekte Pop-Hymne bekannte "Vulture", wird in der neuen Fassung dann gar zur tieftraurigen Ballade, und das ursprünglich hymnische und wundervoll verstörende Elektro-Pop-Ereignis "Paris", welches seinem Debüt "Lycanthropy" entstammt, kommt hier dann doch sehr brav und blumig daher. Dies hätte wohl in dieser Version besser auf die zweite Disc "Riverlight" gepasst, die sich laut Sänger mit hoffnungsvolleren und optimistischeren Songs beschäftigt. Die wird auch gleich von der neuen Deutung des Songs "Together" eingeführt: eine solide und schöne Neuinterpretation, die aber an das Original - welches wohl den besten Song seines letztjährigen Album "Lupercalia" darstellt - nicht heran reichen kann. "Bluebells" gelingt hier als durchaus leidenschaftliche und berührende Ballade, "Teignmouth" büßt die hymnische Kraft seiner Ursprünge zugunsten einer zurückhaltenderen, aber höchst emotionalen Darstellung ein, und "London" (dessen Lyrics übrigens der Albumtitel "Sundark And Riverlight" entnommen wurde) zeigt keine allzu einschneidenden Veränderung, gegenüber seiner gewohnten Version.   
Wer die Originale kennt und besitzt, für den stellt sein neues Dopplalbum eine durchaus nette und liebevolle kleine Abwechslung dar. Allen anderen seien dann aber mit aller Deutlichkeit die Originalfassungen der Songs zu empfehlen. Denn da Patrick Wolf seine Alben stets fast im Alleingang schreibt, interpretiert und produziert, zeigen nur diese das ganze Facettenreichtum seiner Experimentierfreude und seines unbändigen künstlerischen Talents. "Sundark And Riverlight" ist eine handwerklich durchweg gelungene und mit viel Gefühl vorgetragene Platte geworden, an der es oberflächlich betrachtet fast gar nichts zu meckern gibt. Einen wirklich essentiellen Nutzen stellt sie allerdings auch nicht dar.