♪♫♪ ...music makes the people come together... ♪♫♪

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Mittwoch, 3. Oktober 2012

DISKOGRAFIE: BJÖRK

Ursprünglich der Alternative-Band Sugarcubes entsprungen, machte sich Björk seit 1993 daran, mit ihrer Musik die Popwelt zu spalten: Die einen lieben sie, die anderen hassen sie. Mit welch einer ungebrochenen Konstanz sie sich nicht nur musikalisch, sondern auch optisch stets abstrakt und exzentrisch darstellt, ist in der (jüngeren) Musikgeschichte so nur selten anzutreffen. Und ob sie nun zukunftsweisend, minimalistisch, experimentell oder poppig klang: es war immer große Kunst. Und deshalb widme ich mich nun endlich ihrer Diskografie!




"DEBUT" (1993)

 Um die Bedeutung und Wichtigkeit von "Debut" ganz zu verstehen, muss man die Zeit verstehen, in der es erschien. In den frühen 90er Jahren zog sich eine Dance-Welle über den halben Globus, Techno entwickelte sich zum Flächenbrand, und der House eroberte langsam aber sicher die Clubs. Dies war die Zeit, in der das Debüt der Dame aus Island entstand - und durchaus seine Spuren hinterließ. Obwohl der Titel hier eher irreführend ist. Ihr eigentliches Solodebüt erschien schon 1977, im Alter von 12 Jahren, unter dem Titel "Björk". Und doch kann man durchaus "Debut" als ihr eigentliches Debüt betrachten, hatte das einstige (durchweg isländisch gesungene) Album doch herzlich wenig mit dem gemein, was hier zu hören war. Einen wirklichen roten Faden kann man hier zwar nur schwer erkennen, aber dieser erste Solo-Versuch im Erwachsenenalter zeigte ein paar erstaunliche, spinnerte und geniale Ansätze, die einst bei manchen Jubelschreie und bei anderen Stirnrunzeln zur Folge hatte. Irgendwo findet sich hier aber immer ein Song, der jeden kriegt. "Human Behaviour" (♪♫♪) ist und bleibt ein großartiges Stück Pop mit hohem Weirdness-Faktor; "Venus As A Boy" (♪♫♪) präsentiert sich als nachdenklicher Pop mit Streichern und softelektronischer Untermalung; das zum Teil auf einer Toilette aufgenommene "There Is More To Life Than This" (♪♫♪) kommt mit einem flotten Dance-Groove daher; beim housigen Kracher "Big Time Sensuality" (♪♫♪) konnte selbst der größte Kritiker nicht die Füße still halten, und "Play Dead" (♪♫♪) zeigt sie von einer düsteren, aber sehr wohl melodischen und einnehmenden Seite. Der Gesamteindruck des Albums ist aufgrund seiner stilistisch sehr unterschiedlichen Ausrichtungen vielleicht ein wenig schwammig - aber der Wichtigkeit im Pop der frühen 90er und in der künstlerischen Entwicklung Björk's, tut dies keinen Abbruch. Ein gelungener Einstand, an dem der Zahn der Zeit in Björks Backkatalog allerdings am meisten genagt hat.

 






"POST" (1995)

 Das zweite Album von Björk (fortan werde ich ihr 1977er Kindheits-Debüt "Björk" der Einfachheit halber nicht mehr mit zählen) sollte ein kleiner Quantensprung werden, im Vergleich zu ihrem Erstlingswerk. Auf der einen Seite wurden die Songs noch deutlicher greifbar, und der rote Faden noch erkennbarer, aber auf der anderen Seite wurden auch ihre Experimente noch ausgeprägter. Stilistisch tanzt sie auch hier wieder auf den verschiedensten Hochzeiten, was im Großen und Ganzen aber sogar noch besser miteinander harmonieren sollte, als das beim vorangegangenen Versuch der Fall war. Da hätten wir etwa den grandiosen und genial abgefahrenen Elektropop-Bastard "Army Of Me" (♪♫♪), der sich auf Anhieb in die Hirnwindungen fräst. "Hyper-Ballad" (♪♫♪) macht als fabelhafte und melancholisch-elektronisch schwebende Perle eine hervorragende Figur; "It's Oh So Quiet" (♪♫♪) zeigt sich als tadelloser und mitreißend stimmungsvoller Big-Band-Kracher; "Enjoy" (♪♫♪) empfiehlt sich als düster dräuender Elektropop mit Tiefenwirkung; "Possibly Maybe" (♪♫♪) kommt ganz zerbrechlich und nachdenklich daher geschwebt, und "I Miss You" (♪♫♪) entwickelt sich zur schicken, von zeitweilig tribalen Beats und fiebrigen Bläsern unterstützten Dance-Perle. Zwar hatte sie auf "Post" noch immer nicht ganz zu ihrer künstlerischen Perfektion gefunden, aber der Grundstein für folgende Großtaten war gelegt. Ein äußerst gelungenes Album, das dem Zahn der Zeit diesmal deutlich besser widerstehen konnte. 









"TELEGRAM" (1996) 

Eines sei Neulingen gleich vorweg gesagt: Nein, "Telegram" ist kein offizielles Studioalbum der isländischen Sängerin. Es war ihr erstes Remix-Album. Hier sammelte sie Remixe zu fast allen Songs ihres vorangegangenen Albums "Post", zusammengestellt mit dem Hintergedanken "fuck what people think". Bearbeitet von diversen Remixern entstand hier eine Platte, welche die bekannten Originale vermehrt nackter und minimalistischer präsentierte - wie dies etwa bei "Possibly Maybe", welches auf atmosphärischer Elektronik daher geistert, sowie dem nun nur noch von leidenschaftlichen Streichern umschwärmten "Hyperballad" zu hören ist. "I Miss You" wird mit relaxten oldschool-HipHop-Klängen entschleunigt, was sogar einen Rappart des britischen MC's Rodney P einschließt. "You've Been Flirting Again" erinnert in seiner hypnotisch elektronischen Färbung an spätere Großtaten der "Vepsertine"-Phase, ehe es von nahezu romantischen Streichern erobert wird. "Cover Me"  wird hier auf das dreifache seiner ursprünglichen Länge gestreckt, und zusätzlich mit Elektro-Elementen und stampfenden Beats angereichert. Und von "Army of Me" bleibt in seiner hier zu hörenden Fassung fast gar nichts mehr übrig, was noch an das Original erinnern würde - selbst der Gesang ist fast vollständig verschwunden. Zudem gab es hier den herrlichen "neuen" Song "My Spine"(♪♫♪) zu hören, der ursptünglich für "Post" gedacht war, doch zugunsten von "Enjoy" von dem Album entfernt wurde. Im Ganzen ist "Telegram" eine sehr interessante Angelegenheit - aber der Griff zu Original-Album "Post" ist dann doch weitaus verlockender.









"HOMOGENIC" (1997)

 Das dritte Album von Björk sollte einen Wendepunkt in ihrem künstlerischen Schaffen darstellen. "Homogenic" wurde ihr erstes vollwertiges Meisterwerk, das den weiteren Verlauf ihrer Karriere maßgeblich prägen und beeinflussen sollte. Beinah ausnahmslos hervorragende Songs und futuristisch-elektronische Klänge, vereinten sich im Jahr 1997 hier zu einem der herausragendsten (Elektro-)Pop-Alben der 90er Jahre - das so manchem vor Staunen die Kinnlade herunter krachen ließ. Noch nie zuvor klang ein Album von Björk so schlüssig, gradlinig und experimentell zugleich. Und zum ersten mal konnte man so etwas wie einen deutlichen roten Faden erkennen, der sich durch das gesamte Album zieht - ohne dabei aber auch nur ansatzweise dem Gleichklang zu erliegen. Zwar kommen auch hier, ähnlich wie bei den beiden Vorgängern, die unterschiedlichsten Zutaten zusammen, aber Björk hatte sich zu einer hörbar gereiften Künstlerin gewandelt, die ihre Kräfte besser zu bündeln verstand. Zum Einstieg fesselt einen bereits "Hunter" (♪♫♪), ein düster getragenes und meisterhaftes Stück Elektropop, das von minimalistisch puckernden Beats, Marschtrommeln und Björk's zwischen sanft bis leidenschaftlich oszillierender  Stimme zusammengehalten wird. Großartig geht es dann auch sofort mit "Jóga" (♪♫♪) weiter, auf dem sich elegische Streicher, emotionale Vocals und futuristisch ungerade Elektrobeats, die klingen, als hätte man das Knacken und Splittern des Polareises in digitale Klänge gebannt, zu einem wahrhaften Meisterstück vereinen. "Bachelorette" (♪♫♪), das Herzstück der Platte, manifestiert sich mit dramatischem Gesang, schwelenden James-Bond-Streichern und experimentellen Beats, zur weit in den Himmel empor ragenden Pop-Kathedrale. Mit krachend-verzerrten Beats und minimalistischen Synthieklängen gibt sie "5 Years" (♪♫♪) zum besten, "Pluto" (♪♫♪) jagt einem als verstörendes Acid-Elektro-Rumpelstilzchen einen wohligen Schauer über den Rücken, und das grandiose "All Is Full Of Love" (♪♫♪) gibt sich als nahezu perfekte Hymne die Ehre.
"Homogenic" wurde schon zur Zeit seines Erscheinens von Kritikern vollkommen zurecht umjubelt, und ist wohl bis heute eines ihrer mit Abstand besten und überzeugendsten Werke, dem die Zeit rein gar nichts anhaben konnte. Ein Meilenstein im Elektro-Pop - und nicht weniger!









"SELMASONGS" (2000)

Im Grunde genommen ist "SelmaSongs", dass im Jahr 2000 erschien, kein reguläres Studioalbum von Björk. Die hier vertretenen 7 Songs bilden den Soundtrack zum düsteren Independent-Musical-Film "Dancer In The Dark" von Lars von Trier, in dem Björk zudem auch die Hauptrolle spielte. Ein dunkelgraues und aufwühlendes Drama, in dem Björk eine aufgrund einer Erbkrankheit fast blinde Frau mimt, die täglich hart in einer Fabrik arbeitet, um ihrem Sohn eine Operation zu ermöglichen, die ihm ihr eigenes Schicksal ersparen soll. Als sie heraus findet, dass ihr ein Freund das ersparte Geld gestohlen hat, erschlägt sie ihn im Affekt - und wird zum Tode durch den Strang verurteilt. Keine leichte Kost also - was man den von Björk vorgetragenen Songs (welche sie im Film in ihren zahlreichen Tagträumen singt) zum Glück nicht anhört. Passend zu seiner Funktion als Soundtrack, ist auf "SelmaSongs" vermehrt Orchester zu hören - dem Björk allerdings immer wieder elektronische Beats und Soundspielereien entgegensetzt. Das großartige "Cvalda" (♪♫♪), dass im Duett mit Catherine Deneuve entstand, beginnt mit Sounds aus Bohrern, Hammerschlägen und Geräuschen diverser Fabrikmaschinen, die bald einen ganz eigenen Groove bilden, ehe sich im weiteren Verlauf Glockenspiel, Streicher und Bläser hinzu gesellen. Unterlegt von Geräuschen einer Lokomotive, gibt sie dann zusammen mit Radiohead-Sänger Thom Yorke die sehnsüchtige und melancholische Perle "I've Seen It All" (♪♫♪) zum besten. Das nachdenkliche und fein elektronisch arrangierte "Scatterhaert" (♪♫♪) sollte einen ersten Eindruck davon geben, was einem auf ihrem nächsten regulären Studioalbum erwarten würde. Während des dramatisch-schönen "107 Steps" (♪♫♪) zählt sie im Film singend ihre letzten Schritte zum todbringenden Galgen, und das finale "A New World" (♪♫♪), welches sie im Film a cappella kurz vor der Vollstreckung der Todesstrafe darbietet, präsentiert sich hier als von Orchester und soften Elektrobeats unterlegte Hymne. Eine großartige Songsammlung, die den Film (für den Björk heute selber keine guten Worte mehr findet) bei weitem überstrahlt.

 







"VESPERTINE" (2001)


Wer dieses Album nicht kennt, aber im Vorwege erfährt, dass Björk hier diverse ungewöhnliche Klangquellen zusammengetragen und unzählige Soundschichten übereinandergelegt hat, um den gewünschten Sound zu extrahieren, der würde wohl etwas ganz anderes erwarten, als hier tatsächlich dargeboten wird. "Vespertine" ist eine dunkles Album, zerbrechlich und widerspenstig zugleich, aber immer auf seine eigene düstere Weise ganz und gar bezaubernd. Sie wollte ein Album für den Winter erschaffen, was ihr auch vortrefflich geglückt ist. Unterkühlte Soundscapes treffen auf experimentelle Beats und melancholische Gesänge, atmosphärische Klangwelten, und geisterhafte und doch liebevolle Song-Kunstwerke. Und so ruhig der Gesamteindruck des Albums auch sein mag, so passiert in den Details doch eine Menge - was sich vor allem bei mehrmaligem Hören heraus kristallisiert. Die erste Single "Hidden Place" (♪♫♪) stand bereits exemplarisch für den Klang des ganz Werkes: minimalistische Soundlandschaften treffen auf flüsternden Gesang und düster schwebende Chöre, untermalt mit herzschlagartigen Beats. Aus dem wunderbaren und feingliedrig arrangierten "It's Not Up To You" (♪♫♪), schälen sich klackernde Sounds, Harfen, engelsartige Chöre, leidenschaftliche Streicher und softe Beats heraus. Die berauschende Art-Pop-Perle "Pagan Poetry" (♪♫♪) bildet mit bezaubernden Spieldosen-Klängen, tief verzerrten Beats und einer himmlischen Melodie, das Herzstück dieser Platte. Und das großartige und einnehmend emotionale "Aurora" , dass mit hypnotischen Gesängen, fein frickelnder Elektronik und Harfen bezirzt, basiert auf einem Sound-Sample von Fußschritten im Schnee. Ihr ist hier wahrlich ein dunkles, aber ebenso fabelhaftes Album gelungen, das sich - wenn man ihm erst einmal die Chance gibt - fest in den Hirnwindungen verankert, und einen weiteren berauschenden Höhepunkt in Björks beispielloser künstlerischer Karriere markiert.









"GREATEST HITS" (2002) 

Knapp 10 Jahre nach dem Solo-Debüt von Björk, war es an der Zeit für einen vorläufigen Karriererückblick. Auf dem 2002 erschienenen "Greatest Hits" versammelte Björk 14 ihrer größten Hits, die alle ihre Soloalben seit "Debut" umfasste. Und das dies zu einer unschlagbaren Songsammlung führen musste, wird jedem klar sein, der die Musik der Dame zu schätzen weiß. Angeführt wird diese Compilation von dem großartigen "All is full of Love" (♪♫♪), das hier nun auch in der abgeänderten Single-Edit enthalten ist. Danach folgt ein musikalisches Feuerwerk, das sich von "Human Behaviour" und "Army of Me", über "Jóga" oder "Hunter", bis hin zu "Hidden Place" und "Pagan Poetry" erstreckt. Eine erstklassige Zusammenstellung, ganz ohne Zwiefel. Und auch die hierfür aufgenommen neue Single "It's In Our Hands" (♪♫♪) liefert ein neues Highlight, das stilistisch nahtlos an den Stil ihres letzten Album "Vespertine" anknüpft. "Greatest Hits" stellt somiz einen sehr guten Querschnitt durch ihr bisheriges Schaffen dar, welche die wichtigsten Singles von Björk auf einer Disc versammelte.

 






"FAMILY TREE" (2002)  

Zeitgleich mit der regulären "Greatest Hits", erschien ebenso eine aufwändige 6-Disc-Box, die den Namen "Family Tree" trug. Und diese macht als Alternative zum regulären Release durchweg Sinn. Jedes Disc hatte hier sein eigenes Motto. Die erste CD "Roots 1" widmete sich der Musik vor ihrem '93er Solodebüt "Debut". So hören wir hier etwa das wunderbare ""Síðasta Ég" aus ihrer Zeit mit The Elgar Sisters, das leicht strange und düster anmutende "Fuglar" ihrer 80er Jahre Anarcho-Punk-Band KUKL, oder die wunderbare erst Single "Ammæli" mit ihren Sugarcubes. Die zweite Disc mit dem Titel "Roots 2" versammelt B-Seiten und alternative Versionen einige ihrer Album-Tracks, was u.a. die zauberhafte "Hidden Place"-B-Seite "Mother Heroic" (♪♫♪) einschließt. Die dritte Disc "Beats" fokussierte Songs mit elektronischerem Einschlag, wie etwa auch das famose und futuristische "Nature is Ancient" (♪♫♪). Die vierte und fünfte Disc, "Strings 1" und Strings 2", bestanden dann wiederum aus Live- und Studio-Aufnahmen diverser Album-Tracks mit Begleitung des Streicher-Quartetts Brodsky Quartet. Und die letzte und sechste Disc stellt eine alternative "Greatest Hits" dar, die im Gegensatz zur regulären, parallel  erschienen Compilation, von Björk selbst zusammengestellt wurde, und sich so zum Teil von der Tracklist unterschied. So bedachte sie etwa auch 2 Stücke aus dem "Dancer in the Dark"- Soundtrack "SelmaSongs", welches auf der herkömmlichen Version komplett außen vor gelassen wurde. Einziger Wermutstropfen: den auf der regulären Fassung enthaltenen neuen Song "It's In Our Hands", sucht man hier vergebens. Dennoch stellt "Family Tree" eine hervorragendes Box-Set dar, welches noch ausführlicher die Geschichte der Sängerin erzählte. 










"MEDÚLLA" (2004)


Mit diesem Album war der Moment gekommen, in dem sich Björk endgültig von Formatradio und Musikfernsehen los sagte. Denn was sie der Welt mit "Medúlla" lieferte, sollte die Gemüter endgültig spalten. Zu verkopft und experimentell empfanden sie die einen - während die anderen staunend vor diesem Meisterstück hockten, noch unfähig all die seltsamen und überwältigenden Strukturen und Sounds einzuordnen, die scheinbar unentwegt auf einen einströmten. Dabei war der Ursprung aller hier gehörten Klänge, in einer einfachen und allgegenwärtigen Quelle auszumachen: der menschlichen Stimme! Eben daraus hat Björk hier alle nur erdenklichen Klänge destilliert. Vom Heulen, Jaulen, Jauchzen, Keuchen und Stöhnen, von Chören, über Beatbox, bis hin zu am Computer bis zur Unkenntlichkeit verzerrten Tönen, ist hier die volle Bandbreite des menschlichen Kommunikationsorgans zu hören. Und das erstaunlichste bei all dem: Wenn man es nicht wüsste, man würde meinen Synthesizer und diverse undefinierbare Instrumente wahrzunehmen. Denn was Björk hier schuf war ganz große Kunst, die sie mit einem Schlag wieder mal ganz an die kreative Spitze im Pop katapultierte. Oder um es mit den Worten des Musikexpress auszudrücken, in dessen Leserpoll Björk im selben Jahr die Liste der besten Solokünstlerinnen anführte: "Auf dem ersten Platz kommt Björk - und danach lange nichts!" Und den Grund dafür, konnte und kann man noch immer in praktisch jedem einzelnen Song hören. Im melancholischen, von dunklen Chören und verzerrtem Keuchen unterlegten Opener "Pleasure Is All Mine". Oder im düsteren, von manischen und futuristisch-markanten Beatbox-Effekten, sowie schwerelosen Chorgesängen begleiteten "Where Is The Line" (♪♫♪). Hinter den johlenden und flötenden Stimmsamples und dem triphopigen Beatboxing von "Who Is It"(♪♫♪), hält sich in Wirklichkeit nicht anderes als ein nahezu catchy Ohrwurm versteckt. "Desired Constellation" (♪♫♪) offenbart sich als melancholisch-emotionales Meisterstück, dessen atmosphärisches und den gesamten Song dominierendes Flirren, aus einem Stimmsample von Björk's Song "Hidden Place" entstand. "Oceania" (♪♫♪) präsentiert eine fabelhafte und unmittelbar einnehmende Art-Pop-Perle, das ruhige "Sonnets/Unrealities XI" nimmt hingegen gar wahrhaft sakrale Formen an, und auf "Ancestors" bilden Stöhnlaute und krudes Knurren eine geschlossene Einheit mit Björk's überirdischen Gesängen. Ein wahrlich erhabenes und zugleich dunkles Meisterwerk hat Björk hier geschaffen, dessen emotionale und künstlerische Tiefe sich unmöglich nach wenigen Hördurchläufen erschließen lassen. Dieses Album braucht Zeit um sich ganz zu entfalten. Doch hat es einen erst einmal ganz gepackt (und das wird es zweifellos), lässt es einen nicht wieder los. Ein Triumph!










"DRAWING RESTRAINT 9" (2005) 

Aus dieser Diskografie sticht "Drawing Restraint 9" wohl am stärksten heraus. Denn ebenso wie beim 2000er "SelmaSongs" handelt es sich auch hier um kein offizielles Studioalbum. Auch dies ist ein Soundtrack, von Björk erarbeitet für den gleichnamigen Experimentalfilm  ihres Lebensgefährten Matthew Barney. 'Ähnlich experimentell wie in dem Film, der auf einem japanischen Walfänger spielt, und in seinen gut 130 Minuten Spieldauer nur einen einzigen (japanischen) Dialog enthält, geht es hier auch musikalisch zu - so kommt hier etwa auch oft das japanische Instrument Shō zum Einsatz, welches der Musik einen ganz eigenen Klangcharakter verleiht. Auch vergangene Experimente werden hier erneut aufgegriffen - so kann man im düster getragenen und diabolisch anmutenden "Pearl" ähnliche Stimmexperimente wahrnehmen, die ihr vorangegangenes Album "Medúlla" prägten, während das bezaubernde "Ambergis March" Erinnerungen ihres 2001er Albums "Vespertine" mobilisiert. Und solche von dramatischen Bläsern dominierten Stücke wie "Hunter Vessel" oder "Vessel Shimenawa",  sollten einen deutlichen Einfluss auf einige Stücke ihre folgenden Studioalben "Volta" und "Biophilia" ausüben.  Doch wo der vorangegangene Soundtrack "SelmaSongs", der im Grunde als eigenständiges Album durchgehen kann, durchweg neue famose Songs von Björk hochpersönlich darbot, hält sie sich gesanglich auf dieser Arbeit geflissentlich zurück. Nur in wenigen Stücken dieses Soundtracks ist sie zu hören. So etwa im fragilen, aber wunderbaren "Bath" (♫♪), dem grandios atmosphärischen "Storm" (♪♫♪), oder dem leidenschaftlich verträumten "Cetacea" (♪♫♪). Trotzdem ein kunstvoller Soundtrack, den es durchaus zu entdecken lohnt - wenn auch wohl am ehesten für Fans der Künstlerin brauchbar.








"VOLTA" (2007)


Es ging schon ein erstauntes und oft auch empörtes Raunen durch die Reihen der Musikkenner, als noch vor Release von Björks 2007er Album "Volta" bekannt wurde, dass der unvermeidliche Timbaland an der Produktion ihrer neuen musikalischen Kopfgeburt teilhaben würde. Eben jener Produzent, der zur selben Zeit die gefühlte Hälfte der westlichen Chartswelt mit Mainstream-Hits bestückte. Eigentlich ein Kreis, in dem sich die exzentrische Isländerin weniger bewegt. Doch eine gewisse Erleichterung machte sich breit, als sich herausstellte, dass die Liaison sich über nur knapp 3 Songs erstrecken sollte. Jedoch wurde schon beim ersten Hören klar, dass alle Sorgen unbegründet waren: auf dem famosen Opener "Earth Intruders" (♪♫♪) sind zwar Timabaland-ähnliche Strukturen deutlich zu erkennen, die Björk aber mit genügend eigenwilligen elektronischen Eigenheiten sabotiert, um ihren eigenen Stil nicht zu verwässern, oder gar endgültig dem Mainstream preiszugeben. Ähnliches ist auch beim großartigen "Innocence" (♪♫♪) zu vermerken, auch wenn selbiges noch mal zusätzlich eine kräftige Schippe Exzentrik zulegt. Und im deutlich ruhigere Saiten anschlagenden "Hope" (♪♫♪), ist sein Einfluss sehr gedämpft, der sich hier aber auch nur auf das Co-Songwriting beschränkt. Und auch sonst hat "Volta" so einige Perlen in petto. So gerät "Wanderlust" (♪♫♪) zur atmosphärischen, von ungeraden Beats getragene Hymne; auf dem wundervollen und emotionalen, von majestätischen Bläsen angeführten "The Dull Flame of Desire" (♪♫♪), sowie der zärtlich fragilen Ballade "My Juvenile" (♪♫♪), macht sie gemeinsame Sache mit Antony Hegarty (von Antony & The Johnsons); "Pneumonia" erklärt sich als grandiose und vor Emotionen nur so berstende Ballade, in der sie ein paar einsame Bläser hoch hinauf in den Himmel tragen; und mit dem radikal kratzbürstigen "Declare Independence" (♪♫♪) gibt sie uns in Form von Elektro-Rock-Elementen und fiesen Acid-Sounds, ordentlich einen auf die Mütze. Ein äußerst gelungenes Album - welches allerdings das erste seit langer Zeit darstellt, das einen greifbaren roten Faden, oder ein übergeordnetes Konzept vermissen lässt. Es ist vielmehr ein Querschnitt aus ihrern poppigeren Tagen der 90er Jahre, und ihrer experimentelleren Phase in den 00ern. Und auch wenn das ganze am Ende nicht so schlüssig klingt wie seine Vorgänger, so gelang ihr doch auch ihr ein famoses Werk, das noch heute zu begeistern weiß.








"BIOPHILIA"  (2011)

Manch einen Fan von Björks Experimenten der vorangegangenen Alben, dürfte ihr bis hierher letztes Album "Volta" ein wenig verunsichert haben. Trotz seiner hohen Qualität, vermissten selbige allzu schmerzlich das übergeordnete Konzept, das seit Jahren ihre Kunst prägte. Doch mit ihrem 7. Studioalbum aus dem Jahr 2011, sollte sie ihre Fans voll und ganz entschädigen. Denn "Biophilia" sollte ein Konzeptalbum in mehrerer Hinsicht werden. Zum einen stellt es das erste App-Album der Welt dar: natürlich gab und gibt es das Album als regulären physischen Tonträger und Download, doch der ursprüngliche Gedanke war ein Release in Form einer Reihe von interaktiven Apps, die für das iPad von Apple kreiert wurden, und auf die der Nutzer selbst einwirken und so zum Teil die Songs sogar verändern kann. Zum anderen trieb sie hier der Anspruch, stilistisch als auch inhaltlich Naturphänomene mit  Musik zu verbinden - was wiederum auch optisch in den dazugehörigen Apps verdeutlicht wird. Die wunderbare Ballade "Moon" (♪♫♪) etwa, scheint durch verschiedene sich wiederholende Klang-Zyklen, die Rotation des Erdtrabanten zu symbolisieren. Das atmosphärische, von Sequenzer-Klängen dominierte "Thunderbolt" (♪♫♪) enthält Arpeggios, welche die Zeitspanne zwischen Blitz und Donner darstellen sollen. Die erste und grandiose Single "Crystalline" (♪♫♪) beschäftigt sich thematisch mit Kristallstrukturen, und bewegt sich als experimentell veranlagter, aber hochmelodischer Elektro-Pop im Terrain der "Verspertine"-Ära, bis es am Ende von einer famosen Drum'n'Bass-Einlage sabotiert wird. "Dark Matter" (♪♫♪), welches in der von Björk bekannten Kunstsprache Glibberish vorgetragen wird, setzt sich mit dunkler Materie auseinander, und kommt passend dazu als düster getragener Art-Pop daher. Das dunkle, von bedrohlich orgelnden und elektronischen Klängen durchsetzte "Hollow" (♪♫♪), setzt sich mit der menschlichen DNS auseinander, während das musikalisch in zauberhaft schöne Klänge gebannte "Virus" (♪♫♪) von einer parasitären Liebesbeziehung kündet, wie sie zwischen Virus und Zelle herrscht. "Mutual Core" (♪♫♪) ist eine wahrhaft berauschende Elektro-Art-Pop-Hymne, die zwischen bedächtig orgelnden Versen, und explosiv mitreißenden Refrains pendelt, und die Bewegung der tektonischen Platten versinnbildlicht. Und die warme, minimalistisch aufgebaute, aber emotional eindringliche Ballade "Solistice",  nimmt in seiner Klangstruktur Bezug auf die Bewegung der Planeten und die Erdrotation. "Biophilia" ist ein höchst inspiriertes und wundervoll experimentierfreudiges Gesamtkunstwerk, mit dem Björk ein weiteres Meisterstück ablieferte. Und zudem versehen mit einem genialen Konzept, auf das Darwin mit Sicherheit stolz gewesen wäre.


Dienstag, 2. Oktober 2012

Besprochen: PATRICK WOLF - "SUNDARK AND RIVERLIGHT"

Mit neu eingespielten Akustik-Versionen, wagt Patrick Wolf eine Rückschau auf seine 10jährige Karriere. Nett gemeint, durchweg solide umgesetzt - aber am Ende doch irgendwie unnötig.

Man muss es ganz klar sagen: Patrick Wolf ist eine enorme Bereicherung für den zeitgenössischen Pop! Vor fast 10 Jahren veröffentlichte er sein geniales Debüt "Lycanthropy", das seiner Zeit um Jahre voraus war, und irische Folklore mit düsterer Elektronik von fast björk'scher Futuristik auf einen Nenner brachte. Und eben dieses nahende Jubiläum, feiert der Engländer nun mit einer Art Best-of. Bei "Sundark And Riverlight" handelt es sich um ein Doppel-Album, auf dem Wolf insgesamt 16 Songs aus dem letzten 10 Jahren seiner Karriere, in Akustik-Versionen neu aufgenommen hat. Das ist eine nette, wenn auch wahrlich keine neue Idee. Etwas interessanter macht das ganze dann das Konzept, welches dahinter steht. Auf der ersten CD "Sundark" widmet er sich eher düsterem Material: Dazu zählt etwa "Overture", im Original von seinem dritten Album "The Magic Position".  Als erste Single dieser Aufnahme, zeigt es auch ziemlich deutlich was einen hier sonst so erwartet - eine geschmackvolle und gelungene Interpretation, die dem Original aber dennoch nicht viel hinzuzufügen hat.


Durch die Verwendung rein akustischer Mittel, bekommen viele Songs zum Teil aber auch einen neuen Anstrich. Das zeigt sich etwa bei "The Libertine", welches in der neue Version ruhiger, wenn auch etwas spannungsärmer daher kommt. Das im Original als synthetisch-perfekte Pop-Hymne bekannte "Vulture", wird in der neuen Fassung dann gar zur tieftraurigen Ballade, und das ursprünglich hymnische und wundervoll verstörende Elektro-Pop-Ereignis "Paris", welches seinem Debüt "Lycanthropy" entstammt, kommt hier dann doch sehr brav und blumig daher. Dies hätte wohl in dieser Version besser auf die zweite Disc "Riverlight" gepasst, die sich laut Sänger mit hoffnungsvolleren und optimistischeren Songs beschäftigt. Die wird auch gleich von der neuen Deutung des Songs "Together" eingeführt: eine solide und schöne Neuinterpretation, die aber an das Original - welches wohl den besten Song seines letztjährigen Album "Lupercalia" darstellt - nicht heran reichen kann. "Bluebells" gelingt hier als durchaus leidenschaftliche und berührende Ballade, "Teignmouth" büßt die hymnische Kraft seiner Ursprünge zugunsten einer zurückhaltenderen, aber höchst emotionalen Darstellung ein, und "London" (dessen Lyrics übrigens der Albumtitel "Sundark And Riverlight" entnommen wurde) zeigt keine allzu einschneidenden Veränderung, gegenüber seiner gewohnten Version.   
Wer die Originale kennt und besitzt, für den stellt sein neues Dopplalbum eine durchaus nette und liebevolle kleine Abwechslung dar. Allen anderen seien dann aber mit aller Deutlichkeit die Originalfassungen der Songs zu empfehlen. Denn da Patrick Wolf seine Alben stets fast im Alleingang schreibt, interpretiert und produziert, zeigen nur diese das ganze Facettenreichtum seiner Experimentierfreude und seines unbändigen künstlerischen Talents. "Sundark And Riverlight" ist eine handwerklich durchweg gelungene und mit viel Gefühl vorgetragene Platte geworden, an der es oberflächlich betrachtet fast gar nichts zu meckern gibt. Einen wirklich essentiellen Nutzen stellt sie allerdings auch nicht dar.


Sonntag, 30. September 2012

Besprochen: FLYING LOTUS - "UNTIL THE QUIET COMES"

 Mit "Until The Quiet Comes" lässt Flying Lotus Ruhe einkehren, in das  junge, von ihm eigens erschaffene Universum - und haucht ihm vielfältiges und ganz und gar wundervolles Leben ein.

Wer das letzte Album "Cosmogramma" von Steven Ellison alias Flying Lotus kennt, bei dem wird selbiges wohl einen bis heute nachwirkenden Eindruck hinterlassen haben. Es war nichts geringeres als ein Meisterwerk was er dort 2010 auf die Welt los ließ - so verstörend wie auch schlicht und ergreifend wunderbar. Eine Art "kosmische Oper", mit der er das Universum musikalisch neu erschuf. Und sein junges Universum war ein gnadenloses und unberechenbares: die unterschiedlichsten Elemente und Bausteine, Stile und Einflüsse, Samples, Sounds und Stimmfetzen kreisten umeinander, stießen sich ab und strebten auseinander, oder zogen sich gegenseitig an, kollidierten und verschmolzen zu stetig neuen Klang-Galaxien. Es offenbarte die bizarre Schönheit der Abstraktion, und die Erhabenheit im geordneten Chaos. Ein Brocken von einem Album, der sich einem unmöglich beim ersten Versuch in seiner ganzen Größe erschließt. Nun 2 Jahre später kommt das neue Album des jungen Mannes aus Los Angeles daher. Und schon der Titel "Until The Quiet Comes" deutet folgerichtig an, dass nun Ruhe in das neue Universum des Flying Lotus eingekehrt ist. Alles verläuft auf seinen vorbestimmten Bahnen, und offenbart dem Hörer nun ganz neue Facetten der Schönheit. Zwar vermischt er wieder einmal instrumentalen HipHop mit experimenteller Elektronik, doch hier kommen weit ruhigere Töne auf den Hörer zu, die aber nicht weniger faszinierend sind, als dies der große Vorgänger vormachte. Wieder einmal ist es auch hier relativ schwer, auf einzelne herausragende Songs hinzuweisen - geschweige denn auf so etwas, was der Pop-Konsument gemeinhin als "Hit" bezeichnen würde. Die "Songs" sind hier vielmehr Fragmente, die sich gemeinsam zu dem atemberaubenden Album zusammen setzten, das "Until The Quiet Comes" geworden ist. Zumal sie auch den typischen Regeln des Kosmos von Flying Lotus unterliegen: das Album bietet mit 18 Stücken recht viele Songs, die aber selbst selten die 3-Minuten-Grenze überschreiten, und oft gar mit weniger als 2 Minuten auskommen. Doch was in ihnen alles passiert, lässt einen aus dem Staunen kaum heraus kommen - quasi Haken schlagender, atmosphärischer und experimenteller Elektro-Art-HipHop, mit doppeltem Boden. Nie ahnt man, was im nächsten Moment passieren wird. Zudem ist auch wieder der Mörderanteil Instrumental - und das, trotzdem hier mehr Gesangsbeiträge zu hören sind, als auf jedem anderen Album des Künstlers. So etwa "Getting There" (♪♫♪), auf dem bezaubernd glöckelnde Sounds und klare, aber ungerade HipHop-Beats, auf den schwerelos durch den Raum schwebenden, nahezu hypnotischen Gesang von Gastvokalistin Niki Randa treffen.



Thom Yorke, der auch schon beim Vorgänger-Album mit von der Partie war, ist auch hier erneut an Bord: "Electric Candyman" heißt der Song, den der Radiohead-Frontmann diesmal mit seinen Vocals zum formvollendeten Elektro-Art-Pop-Kunststück adelt. Und auch sein Bandkollege, der Gitarrist Johnny Greenwood, ist indirekt hier vertreten, welcher das von psychedelisch-mystischen Klängen geprägte Meisterstück "Hunger" (♪♫♪) komponierte - und auf dem es zudem ein Wiederhören mit Gastsängerin Niki Randa gibt. Zudem wäre da auch noch das temperamentvolle und zugleich getragen bluesig-jazzige "See Thru To U" (♪♫♪), das niemand geringeres als die famose Erykah Badu mit ihrer Stimme veredelt. Und Laura Darlington, die bislang auf jedem seiner Alben zu hören war, besorgt ihren Gastauftritt im sphärisch schwebenden und schillernden "Phantasm". Somit finden sich hier ohne Frage auch einzelne  Songs, die ganz allein für sich durchweg zu überzeugen wissen. Und doch sollte hier das Album als Ganzes für sich sprechen - so wie man auch keine einzelnen Kapitel aus einem Buch heraus reißt, so sollte man auch hier die ganze Geschichte erfahren. Denn mit "Until The Quiet Comes" haucht Flying Lotus seinem jungen Universum ein so vielfältiges, und ganz und gar wundervolles Leben ein, dass es einen ganz benommen machen kann vor Freude und Faszination. Ein Gesamtkunstwerk, das in dieser Form derzeit wohl keinem zweiten gelingen würde. 






HIER könnt ihr das komplette Album im Stream hören!

Freitag, 28. September 2012

Besprochen: GRIZZLY BEAR - "SHIELDS"

Überraschungen bieten Grizzly Bear auf ihrem neuen Album nur wenige - dafür aber wieder einmal brillanten Folk-Pop in Tüten!

Wenn Grizzly Bear in den vergangenen Jahren für etwas bekannt waren, dann war dies hinreißender Folk-Pop mit langem Haltbarkeitsdatum. Wer das nicht bereits bei ihrem 2006er Zweitwerk "Yellow House" merkte, der kapierte den Witz wohl spätestens mit ihrem letzten Album "Veckatimest" - und nicht nur weil es den unsterblichen Hit "Two Weeks" mit an Bord hatte, der recht massenwirksam auch bereits bei der Sitcom "How I Met Your Mother" zum Einsatz kam. Wer an der Band bislang dennoch  vorbei geschlittert ist, der hat nun mit ihrem 4. Album die Gelegenheit, sich in das Brooklyner Quartett zu verknallen. Und dazu hat der Hörer auch hier wieder allen Grund. Zwar bleiben auf "Shields" die großen  Überraschungen nahezu gänzlich aus, aber dennoch kann die Band immer wieder mit einem trumpfen: großen Melodien, verpackt in zeitlos schönen Folk-Pop. Ein perfektes Beispiel dafür ist der Albumopener "Sleeping Ute" (♪♫♪), der ja bereits in den letzten Monaten durch die Landen geisterte, und als großartige, psychedelisch veranlagte Folkrock-Perle auftrumpfen konnte. Den Hang zu scheinbar formvollendetem Folk-Pop macht auch der folgende Song deutlich, der auf den Namen "Speak In Rounds" (♪♫♪) hört - ein fabelhafter und getragener Song, der mit einer enorm zeitlosen Ausstrahlung gesegnet ist. Und jetzt heißt es: anschnallen! Denn mit "Yet Again" gibt es dann den wohl stärksten Song der neuen Platte, der sich wie eine strahlende Kathedrale hoch hinauf in den Folk-Himmel bohrt. 



Mit "Gun-Shy" (♪♫♪) segelt die Band vor dem inneren Auge in einen melancholisch-schönen Sonnenuntergang, während sanfte Synthesizer am Horizont tanzen. Und "Half Gate" (♪♫♪), das vergleichsweise sanft und verträumt beginnt, schwingt sich zur erhabenen Hymne empor. "Shields" ist ein Album geworden, das es einem anfangs vielleicht nicht immer allzu leicht macht. Das soll die letztendlich oft phänomenalen Qualitäten des Albums nicht herunter spielen - es ist nur vielmehr so, dass hier bei genauem Hinhören wahrlich wunderschöne Schätze zu finden sind, die sich gemeinschaftlich dem Hörer als ein herausragendes Album ergießen. Doch es braucht schon zu Beginn viel Zuwendung - im falschen Moment ein wenig unaufmerksam, und plötzlich rauschen viele Songs nahezu unbemerkt ein einem vorüber. Doch es wäre zu schade, all das zu verpassen, was die Band hier anzubieten hat. Was beim beiläufigen Hören unterging, eröffnet einem bei genauerer Betrachtung ungeahnte Schönheiten. Mit jedem Mal schälen sich mehr Highlights heraus, bis die Lieblingssongs sich mit jedem Genuss abwechseln. Wer neu im Kosmos von Grizzly Bear ist, den wird "Shields" wohl ohne Wenn und Aber sofort liebevoll unter die klatschen. Ausgerechnet Kenner und Liebhaber der Band, müssen hier wohl hingegen manchmal ein wenig aufmerksamer hinhören. Und das macht man als solcher wohl nur allzu gerne - denn wenn sich das nicht bei einer Band wie Grizzly Bear lohnt, bei welcher dann?


Donnerstag, 27. September 2012

Besprochen: JESSIE WARE - "DEVOTION"

The Groove Is In Her Heart: Jessie Ware schließt mit ihrem Debüt die Lücke zwischen Adele, Sade und SBTRKT - und legt damit ein massives Fundament für eine große Zukunft.

Man muss sich ja immer wieder fragen, ob in England irgend etwas besonderes im Trinkwasser ist, spuckt das Vereinte Königreich doch immer wieder neue fesselnde Künstler aus, die weit mehr schaffen, als reine Musik für den Moment. Vielmehr rieseln in diesem Land seit den Beatles scheinbar unaufhörlich neue Musiker aus allen Ritzen, die das Zeug für mehr haben. Wesentlich mehr. Dieser Trend bleibt auch in der Gegenwart unverändert, und bedient dabei nahezu alle Stilrichtungen. Eine neue Sensation aus Great Britain vereint verschiedene Stile, und stellt dabei eine Art Missing Link, irgendwo zwischen Adele, SBTRKT  und Sade dar: von Jessie Ware ist die Rede, einer jungen Singer/Songwriterin, die nun mit "Devotion" ihr Debütalbum vorlegt. Es ist eine leidenschaftliche, eine verträumte, eine eindringliche und sinnliche Platte geworden - und eine großartige noch dazu. Doch das dies für manche keine allzu große Überraschung darstellte, erklären bereits die 3 vorab veröffentlichten Singles. Zuerst einmal war da "Running" (♪♫♪), die erste Single des Albums, die Anfang diesen Jahres erschien - und als getragene und doch groovige, sanft elektronisch gefärbte R&B-Perle verzauberte, welche schon die sinnliche Ausstrahlung von Sade zitierte, die uns in ihrer Musik noch öfter begegnen wird. Danach folgte "110%" (♪♫♪), ein wunderbares und auf atmosphärischer Elektronik schwebendes Pop-Kunststück,  welches bereits fleißig durch die Blogosphäre gepeitscht wurde. Wem bis hierher noch nicht der Schalter rausflog, bei dem wird dies mit Sicherheit die 3. und aktuelle Single "Wildest Moments" besorgt haben: eine grandiose und einnehmende Ballade, die zentimeterdicke Gänsehaut herauf beschwört, und  die erhabene Größe eines zukünftigen Klassikers besitzt.



Spätestens von hier an konnte man nicht mehr genug bekommen von der 26jährigen Britin - und diesen Hunger stillt sie nun mit ihrem Debütalbum "Devotion", das einen aber gleichzeitig nach immer mehr betteln lässt. Wie aus einem Guss, und dennoch so facettenreich klingt das, was sie uns hier gezaubert hat. Auf "Still Love Me" (♪♫♪) vereint sie warmen und groovigen Soul mit minimalistischer und hypnotischer Elektronik, der Titelsong (und Album-Opener) "Devotion" (♪♫♪) gibt ein erotisches und gleichzeitig romantisch warmes Highlight zum besten, die kommende Single "Night Light" (♪♫♪) offenbart einen fabelhaft in Szene gesetzten und leidenschaftlichen Pop-Hit, und mit "Taking The Water" setzt sie dann noch eine gefühlvolle und erhabene, vom Synthpop geküsste Hymne oben drauf. Jessie Ware hat mit ihrem Debüt eines dieser seltenen Alben vollbracht, das nicht einfach nur ein weiteres neues Album, eines weiteren Newcomers darstellt. Das hier ist mehr - "Devotion" ist so etwas wie eine sinnliche Revolution, ein zärtlicher Epos, und ein massives Fundament für eine große Zukunft.



Dienstag, 25. September 2012

Besprochen: PLAN B - "ILL MANORS"

Auf seinem neuen Album kehrt Plan B dem Soul verstärkt den Rücken, und umso deutlicher zu seinen Rap-Wurzeln zurück - und bleibt dabei genauso unverzichtbar.

Was war doch "The Defamation of Strickland Banks", das 2. und bislang letzte Album von Plan B aus dem Jahr 2009, für eine Sensation. Der von seinem Debüt "Who Needs Action When You Got Words" eher im spröden "weißen" HipHop-Stil à la Eminem bekannte Engländer, warf die alten Gewohnheiten über Bord, und sich selbst ganz dem Neo-Soul in die Arme, der ihm so wunderbar zu Gesicht stand, dass man sich in dieses Konzept-Album, welches das fiktive Schicksal eines unschuldig wegen Mordes verurteilten und inhaftierten Mannes erzählt,  einfach verlieben MUSSTE. Aber eingefleischte Fans der Vorgängers, könnten nun in ihren Erwartungen vielleicht ein wenig enttäuscht werden: denn ließ das offene Ende seines letzten Werkes auf eine Fortsetzung von Stil und Story schließen, kehrt Ben Drew alias Plan B auf seinem neuen Album "Ill Manors" zu seinen Rap-Wurzeln zurück. Doch das Album ist noch viel mehr. Es wird als eine Art "HipHop-Musical für das 21. Jahrhundert" beschrieben, das auch den Soundtrack des gleichnamigen Filmes darstellt, zu dem der Künstler nicht nur das Drehbuch schrieb, sondern auch gleich selber Regie führte. Ein gewaltiges Gesamtkunstwerk also, dessen akustische Hälfte schon durchweg zu überzeugen und begeistern weiß. Denn wenn sie zumindest keine vollständige Abneigung gegenüber diversen Spielarten des HipHop haben, wird hier nicht einmal den eingefleischten Fans der letzten Platte ein Grund zur Enttäuschung geboten. Denn trotz seiner Rückkehr zum HipHop zeigt sich Plan B hier von einer enorm kreativen Seite - und auch die Melodiösität kommt nie zu kurz. Die erste Single und Titelnummer "Ill Manors" zeugt bereits davon, bei der sich vor allem deutschsprachige Hörer verwundert die Ohren reiben werden. Denn, ja: es basiert in der Tat auf einem Sample aus "Alles neu" von Peter Fox, der aber seinerseits bereits die 7. Sinfonie von Shostakovich zitierte.
Plan B - ill Manors. from Rokkit on Vimeo.

Und was auf seinem neuen Meisterstreich sonst noch so auf uns wartet, hält die Spannungskurve - ähnlich wie bei dem erfolgreichen Vorläufer - konstant hoch.  So zeigt er auf "I Am The Narrator" (♪♫♪) wie atmosphärisch und authentisch HipHop sein kann, was er daraufhin im noch melodischeren "Drug Dealer" (♪♫♪) erneut unter Beweis stellt. "Playing With Fire" (♪♫♪), das in den Versen auf einsamen Akustikgitarren balanciert, und im Refrain zu seiner vollen und hymnischen Größe empor steigt, birgt enorme Hitqualitäten, und wird bereits als kommende (dritte) Single gehandelt. Bis dahin ergötzen wir uns aber noch an der aktuellen und zweiten Single "Deepest Shame" (♪♫♪), einem großartigen Song-Meisterwerk, das wieder verstärkt auf Soul-Elemente setzt - und einen schier aus den Schuhen fegt. "Lost My Way" (♪♫♪) zeigt sich ordentlich aufgedreht, aber mindestens ebenso facettenreich und enorm spannend. "Great Day For a Murder" (♪♫♪) ist ein weiteres Highlight der Platte, das spröde Raps, Rock-Elemente und einen höchst melodischen Refrain, zu einem todsicheren Hit vereint. Und im famosen "Falling Down" (♪♫♪) kommen ein düsteres Piano und atmosphärische Gitarrenakkorde zum Einsatz, ehe es von TripHop-Beats, dunklen Synthies und sich in immer weitere Höhen schraubendem Gesang erobert wird. Und so hat Plan B - trotz der überdimensionalen Erwartungen nach dem fantastischen Vorgänger - wieder einmal alles richtig gemacht.

 

Montag, 24. September 2012

Besprochen: MUSE - "THE 2ND LAW"

Auch auf Album No.6 sitzen bei Muse wieder einmal Pomp und Pathos verdammt locker. Nur die guten Songs dazu, sind ihnen leider nicht eingefallen.

Muse stellen mich von Album zu Album vor mehr Schwierigkeiten. Bis zu ihrem 3. Album "Absolution" im Jahr 2003, lief noch alles glatt, aber mit dem 2006er Album "Black Holes & Revelations" war es dann schon etwas schwieriger. Anfangs konnte das Album zwar durchaus überzeugen, aber der Zahn der Zeit ließ nicht viel übrig von dem Album, bis auf gepflegte Langeweile mit 1 oder 2 memorablen Perlen. Und ihr letztes Album "The Resistance" war dann ein noch größerer Reinfall, von dem bei mir rein gar nichts hängen geblieben ist - bis auf das Wissen um dessen enormen Erfolg, der im Vergleich dazu aber höchst ironisch wirkte. Der Wirbel, der nun im Vorfeld bereits um ihr neues Album "The 2nd Law" gemacht wurde, machte einen schon zu Anbeginn skeptisch - die vorab veröffentlichte Musik daraus, aber mindestens ebenso. Man nehme etwa "Survival" - quasi erste Single des neuen Albums und zudem der offizielle Song der oylmpischen Spiele diesen Sommer in London. Also mächtig wichtig und so - und sehr wichtig scheint sich die Band auch in dem Song selbst zu fühlen. Doch wer nicht Queen ist, der sollte auch nicht versuchen so zu klingen - denn sonst kommt eben so ein bis weit über die Schmerzgrenze hinaus zugekleisterter Klumpen aus Glam-Rock dabei heraus, wie hier wunderbar zu hören ist:  


Und auch die zweite Single "Madness" (♪♫♪) kam als recht schnarchige Angelegenheit des Weges, die zumindest zum Ende hin ein wenig Fahrt aufnimmt - was den Song selbst aber auch nicht wesentlich interessanter macht. Doch die Singles sagen oft nur wenig über ihre zugehörigen Alben aus. Bei "The 2nd Law" fällt auf, dass die Band deutlich versucht, in den verschiedensten Richtungen zu experimentieren, was einen deutlich positiven Effekt haben könnte. Wenn man seine Songs dann allerdings immer mit allem verfügbaren Pomp und Pathos voll stopft, wirkt das ganze am Ende dann doch ziemlich aufgesetzt. Und das ist wohl auch das Problem, welches das neue Album von Muse hat. Schon zum Auftakt begrüßt uns die Band etwa via "Supremacy" mit einem Kitschbrocken, der klingt wie ein überambitionierter und verunglückter 007-Song. "Panic Station" weckt dann zeitweilig den Verdacht, als würde die Band sich auf recht unbeholfene Weise, am eh ziemlich uninteressanten Bowie der 80er Jahre versuchen. "Follow Me" macht Anfangs gar keine schlechte Figur, ehe sie die Nummer mit stressigen Techno-Attacken á la Skrillex, übertrieben donnernden Gitarren-Gewittern, und letztendlich etwas zu klebrigen Synthies, mit voller Wucht gegen die Wand fahren. Und beim (instrumentalen) Titel-Zweiteiler "The 2nd Law" wird es dann ganz gefährlich: bei der ersten Hälfte "Unsustainable" (♪♫♪), sieht man wieder einmal James Bond vorm inneren Auge seine Posen schmeißen, nur das es sich so anhört, als hätte Skrillex das ganze am Ende nochmal durch seine ADHS-Techno-Maschinerie laufen lassen. Und die zweite Hälfte "Isolated System" (♪♫♪), schiebt dann eine eher ruhige Kugel - nicht unschön, aber eben auch nicht wirklich essentiell. Ein paar seltene Momente zum aufatmen gibt es hier aber dennoch: das zurückgenommene und von Pathos fast gänzlich befreite "Save Me", kann sich durchaus sehen lassen, und ohne seine übertriebenen Hard-Rock-Riffs, wäre auch "Liquid State" nicht von schlechten Eltern. Fans werden natürlich wieder feiern, als wäre "The 2nd Law" das größte Album der Welt. Sollen sie - mich hingegen lässt die Band ein weiteres Mal ziemlich kalt. Und man kann nicht behaupten, dass ich etwas anderes erwartet hätte.