Nach dem erfolgreichen Comeback im vergangenen Jahr, legt Europas größte Boygroup nun nach. Schön zu hören, dass sie noch immer in Form sind.
Wer Take That in den 90er Jahren bewusst miterlebt und nur ein wenig für guten Pop übrig hatte, für den sollte es schwer gewesen sein, ihren Ohrwürmern nicht zu verfallen. Nach dem Ausstieg von Bandküken Robbie Williams im Jahr 1995, und ihrer spektakulären und medienwirksamen Trennung im Jahr darauf, hielt man lange ein Comback für ausgeschlossen. Ehe man 10 Jahre später eines besseren belehrt wurde, als Gary Barlow, Jason Orange, Howard Donald und Mark Owen zurückkehrten - zwar in der Form ihres Lebens, aber dennoch ohne Robbie Williams, mit dem sie sich noch immer nicht restlos ausgesöhnt hatten. Lange wurde über eine Rückkehr von Robbie spekuliert, aber nie ernsthaft daran geglaubt. Doch auch hier sollte man im vergangenen Jahr eines besseren belehrt werden - plötzlich war Robbie wieder dabei und alles schien mit einem mal wieder so zu sein wie damals, in den guten alten 90ern. Und doch anders. Denn die endgültige Wiedervereinigung nach 15 Jahren, feierten Take That mit einem saftigen und gelungenen Stilwandel. Runter vom Pop und rauf auf die Tanzflächen! Mit Stuart Price (Madonna, The Killers) an den Reglern, ließen sie Ende letzten Jahres das Album "Progress" auf die Welt los. Und mit Songs wie der grandiosen Pop-Hymne "The Flood" (♪♫♪), dem tanzbaren und feisten Kracher "Kidz" (♪♫♪), dem schick rockig-tanzbaren Ohrwurm "SOS" (♪♫♪), dem stylisch discoiden Hit "Happy Now" (♪♫♪), oder dem maschinellen und unterkühlten Dance-Stampfer "Underground Machine" (♪♫♪), schufen sie ihr bis dato vielleicht sogar bestes Album. Kaum hat man dieses Hitbündel verdaut, legen sie nun gerade einmal 7 Monate später, die Neuauflage "Progressed" nach. Neben dem Original-Album gibt es auf einer zusätzlichen CD ein Minialbum mit 8 brandneuen Songs der 5 Herren! Und hier zeigen sie deutlich, dass sie auf dem aktuellen Album ihr Pulver noch lange nicht verschossen haben. Ganz zu Beginn hört man Robbie Williams, der gemeinsam mit Gary Barlow in den Leadvocals den Opener "When We Were Young" (♪♫♪) bestreitet: Eine gefühlvoll melodische und leidenschaftliche Ballade, nach der guten alten TT-Manier. Doch dann ziehen die 5 Jungs erneut die Tanzschuhe an! "Man" (♪♫♪) kommt als großartiger Dance-Pop-Ohrwurm des Weges, der Elemente der Pet Shop Boys und des Dance der frühen 90er, zu einem potentiellen Hit vereint. Die neue Single "Love Love" (♪♫♪) gibt einen stampfenden und vor flirrenden Synthies untermauerten Dance-Kracher ab, der sich mit jedem Hördurchlauf tiefer in den Gehörgang schraubt. "The Day The Work Is Done" (♪♫♪) offenbart sich als fantastische, leidenschaftliche und elektronisch verzierte Pop-Hymne, die sich verdammt gut als nächste Single machen würde. "Don't Say Goodbye" (♪♫♪) gibt sich dann in Form einer soft synthetischen Pop-Perle die Ehre, während sich "Alien" (♪♫♪) als dancerockender und discoider Ohrwurm in die Hirnwindungen schmiegt. Waren Take That einst das Beste was man in der Kategorie Boygroup je zu hören bekam, so können sie sich auch als gereifte Männer im Hier und Jetzt behaupten. Denn es macht immer noch verdammt Spaß ihnen zuzuhören!

Horror klingt anders: Die Schweden bezirzen uns auf Album No.3 mit schwelgerischem Indie-Pop, in den man sich einfach verknallen muss.
Wenn unwissende Hörer den Bandnamen The Horror The Horror hören, können schonmal leicht Missverständnisse entstehen. "Die Leute denken meist an Psychobilly- oder Horrorbilly-Sachen wenn sie unseren Namen hören", erklärte die Band in einem Interview. Nun, danach klingen sie wirklich nicht. Die 5 jungen Männer aus der schwedischen Universitätsstadt Uppsala benannten sich vielmehr nach der Novelle "Herz der Finsternis" von Joseph Conrad, auf die der legendäre Film "Apocalypse Now!" basiert. Aber auch die Apokalypse wird hier nicht mit musikalischen Mitteln dargestellt. Viel mehr machen sich die jungen Männer auf ihrem nunmehr 3. Album "Wilderness" daran, so etwas wie die neuen Phoenix zu werden. In den hier vertretenen 10 Songs baden sie in so ziemlich allen Spielarten des Indiepop - und darüber hinaus. Das verpacken sie in melodische, zum Teil federleichte, aber dennoch oft zwingende Ohrwürmer, die mit warmen Melodien, hervorragend ausgearbeiteter Produktion und auf den Punkt gebrachten Kompositionen glänzen. Schon zum Auftakt werfen sie den Titelsong "Wilderness" (♪♫♪) als von dengelnden Gitarren, Uh-Uh-Chören und einer extra Portion guter Laune beseelten Pop in Schale. Mit prächtigen 80s-artigen Gitarrenriffs und nahezu catchy Refrain, empfiehlt sich "Believe In Magic" (♪♫♪) zum potentiellen Hitkandidaten, der an die britischen Kollegen von The Drums erinnert. In "Move It" wandeln sie mit soften Afrobeat-Einflüssen in den Fußstapfen von Vampire Weekend - und meistern auch dies vortrefflich. "Submission" betört als zurückgelehnter und unaufgeregter Singalong mit minimalistischen Synthie-Spielereien. Ganz groß wird's dann im Finale "Out Of Here", das sich anfangs als 80s-infizierte und im Refrain hymnisch ausartende Indie-Pop-Perle darstellt - nur um gegen Ende immer stärker in Eurodance-Synthies auszufransen. Eine bunte musikalische Stilmischung, die aber zu jeder Zeit stimmig und authentisch rüberkommt.

Amerika's RnB-Queen kommt mit ihrem vierten und vielleicht besten Album daher - aber ein wirkliches Meisterwerk bleibt sie uns noch immer schuldig.
Beyoncé Knowles machte es einem bisher nicht gerade einfach. Definitiv kommen bei ihr hervorragendes Aussehen und eine große Stimme zusammen. So war die Dame in der Vergangenheit auch für so manch hervorragende Songs zu haben. Man erinnere sich nur an Smasher wie "Crazy In Love", "Irreplaceable", "Halo" oder "Sweet Dreams". Hits wie sie verführerischer kaum sein könnten. Aber ein durchgehend hervorragendes Album, hat die Dame bislang noch nicht hinbekommen. Das Problem bei ihr ist viel mehr, dass sie keine Alben macht - sondern Sammlungen unterschiedlicher Songs. Wahrlich oft nicht schlechte, aber einen roten Faden hat man bislang vergeblich gesucht. Und dazu kommt ihr Hang zum absoluten Perfektionismus, der bislang manches zu kühl und kalkuliert erscheinen ließ. Und am Ende stets darin ausartete, dass einige hochkarätige Hits mit ebenso viel Füllmaterial auf Albumlänge gestreckt wurden. Mit ihrem letzten und 3. Album "I Am...Sasha Fierce", versuchte sie tatsächlich ein grobes übergeordnetes Konzept zu verwirklichen - was schlussendlich doch nur ein halbherziger Versuch bleiben sollte. Nun steht also ihr viertes, schlicht "4" betiteltes Album in den Startlöchern. Und man kann sich nicht der Hoffnung verweigern, dass sie vielleicht endlich mal ein Album gemacht haben könnte, dass von Anfang bis Ende überzeugt - mit Langzeitwirkung. Janet Jackson hat es damals mit "The Velvet Rope" ja auch wenigstens einmal geschafft. Und auch "4" fängt schonmal alles andere als schlecht an. Hängt der Opener "1+1" (♪♫♪) Anfangs noch etwas quer im Ohr, zeigt er sich im Albumkontext allerdings als erstaunlicher Opener, der sich als soft jazzige Soul-Ballade offenbart, die streckenweise gar an die frühe Whitney Houston denken lässt. Noch besser wird's danach mit "I Care", dass sich als schicker Soul-Pop-Kracher mit soft elektronischem Background, präsenten Beats und energischem Gesang behauptet. Danach gibt sie mit der soft beatigen, herrlich melodischen und minimalistisch in Szene gesetzten Ballade "I Miss You" (♪♫♪) einen weiteren Höhepunkt zum Besten, während sich dann die 2te und neue Single "Best Thing I Never Had" (♪♫♪) als etwas harmlosere, aber durchaus wirklich schöne kleine Schwester von "Irreplaceable" outet. Ach, und wie Kanye West sie auf erfrischende Art und Weise mit "Party" durch den Soul-Pop der 80er jagt, lässt sich wahrlich hören. Bisher kein Grund zu meckern - doch Beyoncé wäre eben nicht Beyoncé, wenn sie nicht wieder einmal mit ein paar Nummer-sicher-Songs, ihre konservativen US-Fans befriedigen würde. Das soft jazzige "Rather Die Young" kommt da noch äußerst passabel und stimmig daher, ehe die Qualitätskurve mit dem sonnenscheinigen aber ziemlich braven "Love On Top", oder dem netten aber nicht essentiellen "End Of Time" leicht nach unten zeigt. Ein kleiner Trost ist da allerdings, das sie die recht ätzende erste Single "Run The World (Girls)" (♪♫♪) - dessen einzig positiven Aspekt das Sample aus Major Lazer's Kracher "Pon De Floor" darstellt - an das Ende des Albums verbannte. So kommt man eben ein bisschen früher aus dem Album raus. Welches aber genau genommen wahrlich kein schlechtes ist. Der Gesamteindruck ist erstaunlich präsent und irgendwie ist man gewillt, ihr den Witz diesmal abzukaufen. Zwar beinhaltet das Album insgesamt weniger herausragende Hits als seine Vorgänger, kann dafür allerdings zum ersten Mal auf Albumlänge überzeugen - was durch den weiteren Pluspunkt aufgewertet wird, dass sie sich hier nicht wieder an endlosen RnB-Standards abarbeitet, die in den USA scheinbar nie aus der Mode gekommen sind. Sicherlich bleibt sie uns zwar immer noch ein wirkliches Meisterwerk schuldig, und auch die Langzeitwirkung ist noch nicht abzusehen - aber im Moment hat Beyoncé mit "4" ihr bis dato bestes Album abgeliefert.

Auf dem fünften Album von Gang Gang Dance trifft Exeperimental-Pop auf Electronica, Ambient und Worldmusic. Ein Triumph!
In Bezug auf Gang Gang Dance, das experimentelle Künstlerkollektiv aus New York, trifft man wohl nur auf 3 Sorten Menschen: Die einen die sie lieben, jene die sie hassen...und der große Rest, der sie gar nicht kennt. Doch letztere beiden Punkte sollten sich schleunigst ändern. Und dafür eignet sich das neue Album "Eye Contact" ganz hervorragend. Doch nicht, weil dieses so eingängig wäre. Musikalische Qualität hat sich noch nie über Radiotauglichkeit definiert. Und das tut sie auch hier nicht. Wobei die Band jedoch allerlei hochkarätige Melodien und noch mehr kreative Ideen im Gepäck hat. Die Musik der Band gleicht einem Mosaik - es kommen die verschiedensten und gegensätzlichsten Elemente zusammen und ergeben aus der Distanz betrachtet ein großes Gesamtkunstwerk. Für ungeübte Hörer wird schon der Opener zum Schlüsseltrack, der zudem exemplarisch für das Schaffen des Kollektivs steht. Der fast 12-minütiger Experimental-Epos "Glass Jar" (♪♫♪) beginnt zunächst mit einem Stimm-Sample des ehemaligen Bandmitglieds Nathan Maddox, umgarnt von zarter Ambientbegleitung - nachdem Maddox durch einen Blitzschlag getötet wurde, entschied die Band, dass er auf jedem Album zu hören sein soll. Bald darauf offenbaren sich plötzlich glitzernde Sytnhesizer und vermischen sich mit tribalen Beats, soften Gitarrenakkorden, Dub-Sprengseln und sich im Mix verlierenden Vocals von Sängerin Lizzi Bougatsos zu einer perfekten Einheit. Wenn man das erstmal verdaut hat, kann es so richtig losgehen. Im großartigen und atmosphärischen "Adult Goth" (♪♫♪) geben sich fantastische Synthieflächen und orientalisch geflavourter Gesang die Klinke in die Hand, und verschmelzen zu einer etwas anderen, aber atemberaubenden Hymne. "Chinese High" unternimmt einen feinen Ausflug in fernöstliche Soundsphären, gepaart mit schön spinnert verspielter Elektronik, herrlich käsigen 80s-Synthesizern und einer Prise Sonnenschein. "MindKilla" (♪♫♪) offenbart sich als ungerader, eindringlicher und grandioser Electro-Wave-Hirnfick mit Eurotrash-Elementen, das einem nur so die Füße jucken. Und im herrlich soulig-jazzigen und von dezenten Synthies getragenen "Romance Layers" (♪♫♪), ist auch Alexis Taylor von Hot Chip mit von der Partie.
Dabei mitzuhalten ist leichter als es sich anhört. Denn solche formvollendeten Klangkunstwerke wie sie hier aus den Boxen rieseln, bleiben einem etwas länger im Fell hängen. Man muss sich nur von den Vorstellungen und Erwartungen gängiger Songstrukturen lösen - und schon hält einen nichts mehr auf, sich voll und ganz in dieses Stück Experimental-Pop zu verknallen.

Coldplay - für die einen die größte Band der Welt, für die anderen bequemer Radiopop und U2-Klon. Im Herbst soll nun das neue und fünfte Studioalbum der äußerst erfolgreichen britischen Band um Sänger Chris Martin in den Läden stehen. Unterdessen gehen wir noch einmal der Frage nach: Was ist bislang geblieben von der Musik der Band? Ein Rückblick.
"PARACHUTES" (2000)
Oft sind es die frühen Alben mancher Musiker, entstanden im Saft der Jugend, die eine besondere Magie entfalten. So auch bei Coldplay. Denn was sie im Jahr 2000 auf ihrem Debütalbum "Parachutes" so trieben, war direkt, inspiriert und auf den Punkt gebracht. Kein überflüssiger Ballast verklebte die Songs - hier entstand der Bombast ganz aus den Kompositionen heraus, ohne durch die Produktion künstlich aufgebläht werden zu müssen. 10 nahezu perfekte Indie-Pop-Rock-Songs reihten sich hier aneinander, die ein äußerst gelungenes Erstlingswerk bildeten. Man höre nur das Gefühl in Chris Martin's Gesang und die manchmal scheuen, aber gnadenlos herzwringenden Melodien. Exemplarisch dafür steht etwa der Opener "Don't Panic" (♪♫♪) - ein grandios zeitloses und meisterhaftes Stück Pop, das nicht viel Zeit braucht um seine Wirkung voll zu entfalten: Nach 2 Minuten und 17 Sekunden ist gesagt, was gesagt werden muss. Doch das Album hat noch mehr Klassiker im Angebot. Man nehme etwa das herrlich melancholisch-euphorische "Yellow" (♪♫♪), das etwas rockiger veranlagte "Shiver" (♪♫♪), das beinah zu Tränen rührende "Spies" (♪♫♪), das hymnische und nachdenkliche "Trouble" (♪♫♪), oder das getragene und gefühlvolle "High Speed" (♪♫♪). Auch nach 11 Jahren noch immer ein fabelhaftes Album, dem es aber auch an Ironie nicht mangelt: Denn das Coldplay ihr Debüt heute selbst als "terrible music" empfinden, dürfte erklären, warum man von der Band nie wieder ein so überzeugendes Album hören konnte.
"A RUSH OF BLOOD TO THE HEAD" (2002)
Viele Lobeschöre gingen auf "A Rush Of Blood To The Head", das Zweitwerk von Coldplay, zur Zeiten seines Erscheinen nieder. Nicht wenige jubelten sogar, dass es besser sei als ihr Debüt. Doch der Autor dieser Zeilen möchte da um ein wenig Differenzierung bitten. Anfangs möchte man tatsächlich meinen, es mit etwas ganz großem zu tun zu haben. Der Opener "Politik" (♪♫♪) präsentiert sich gleich zu Beginn schonmal als fabelhafte, zwischen mitreißend rockigen und melancholisch getragenen Passagen oszillierende Indie-Perle. Doch das ist erst der Anfang. "In My Place" (♪♫♪) manifestiert sich schon beim ersten hören als zeitloser Klassiker mit herrlicher Gitarren-Hookline. "God Put A Smile Upon Your Face" (♪♫♪) besticht als grundsolider Indie-Pop mit zeitweilig mitreißenden Eigenschaften. "The Scientist" (♪♫♪) wartet mit einer weiteren zeitlosen Melodie auf, die den Song auf ganz natürliche Weise zum Evergreen macht. Und was "Clocks" (♪♫♪) betrifft, hätten sie schon allein für die simple, aber ganz und gar perfekte Piano-Hookline einen Orden verdient. Bis hierher alles bestens - wäre da nicht ein dickes, fettes "aber": Etwa ab der Hälfte des Albums beschleicht einen dann doch das Gefühl, das die Band ihr Pulver bereits in der ersten Hälfte verschossen hat - um sich über die restliche Strecke hinweg im Wohlklang zu verlieren. Sie können hier auch durchaus ihre Momente haben, wie das durchweg gelungene und persönliche "Green Eyes" (♪♫♪) vortrefflich dokumentiert. Aber von dem Rest will dann doch erstaunlich wenig in den Gehörgängen kleben bleiben. Das und die Tatsache das sich der Mörderanteil der Songs jenseits der 5-Minuten-Marke bewegt, lassen zum Ende hin die Aufmerksamkeit leider empfindlich schrumpfen. Sie haben hier im Grunde nichts falsch gemacht - konnten aber den fabelhaften Gesamtewindruck des Vorgängers dennoch nicht ganz erreichen. Aber ein Album zu machen, das zu knapp 50% aus Klassikern besteht, kriegt nun auch nicht jeder hin.
"X & Y" (2005)
Was für manch gefeierten Newcomer das berühmte "schwierige 2. Album" ist, das war für Coldplay - nach dem kometenhaften Erfolg des Vorgängers - das schwierige 3. Album. Und schwierig sollte "X & Y" in der Tat werden. Noch nach fast 6 Jahren begleiten gemischte Gefühle den Hörgenuss der hier versammelten 13 Songs. Was sie mit dem Vorgänger noch stilvoll und gelungen andeuteten, setzten sie hier in vollem Umfang in die Tat um - und klatschten uns ein Album voller Stadion-Breitwand-Hymnen um die Ohren, mit dem sie kräftig an ihrer U2-isierung arbeiteten. In einzelnen Dosen genossen, gibt es auch tatsächlich so manches her. Und doch bleibt auch bei den besseren Momenten ein "aber" oft nicht aus. Beweise? Die erste Single "Speed Of Sound" (♪♫♪) kommt als hymnischer und mitreißender Ohrwurm daher, der sich auf Anhieb in die Synapsen schmiegt - sich bei genauerem hinhören dann aber doch als auf Stadionmaße aufgeblasenes Remake von "Clocks" outet. Der Hit "Talk" (♪♫♪) besticht durch eine grandiose und zeitlos perfekte Hookline - die sie sich allerdings aus Kraftwerk's Klassiker "Computerliebe" ausborgten. "White Shadows" (♪♫♪) kann wahrhaft große Momente haben - aber nur wenn sie gegen Ende die gewaltigen Soundschichten abtragen und der wahre Song zum Vorschein kommt. Und "The "Hardest Part" (♪♫♪) gibt einen warmen und fein melodischen Pop-Songs her, der beinah zeitlose Züge hat - unterm Strich dann aber nur ein Versuch bleibt, so wie R.E.M. zu klingen. "X & Y" hat im Grunde viel mit "Be Here Now" von Oasis gemeinsam, das nach ihrem atemberaubenden Erfolg von "(What's The Story) Morning Glory" erschien: Beide Bands hatten eindeutig zu viel Zeit und zu viel Geld. Und das führte bei "X & Y", ebenso wie einst bie ihren Kollegen von Oasis, zu einem überambitionierten und überladenen Album, das zu allem Überfluss die Schwächen im Songwriting mit viel Produktionsbombast zu kaschieren versucht.
"VIVA LA VIDA or DEATH AND ALL HIS FRIENDS" (2008)
Auch wenn die qualitative Bauchlandung ihres dritten Albums "X & Y" sich nicht im kommerziellen Erfolg negativ zu Buche schlug, schien die Band 3 Jahre später bei ihrem vierten Album "Viva La Vida or Death And All His Friends" dazu gelernt zu haben. Die Songs gewannen wieder an Struktur, gepaart mit dem Willen, dem selbst angelegten Soundkorsett zu entfliehen. Das gelingt hier zwar nicht immer, aber die Ansätze sind deutlich zu erkennen - wie man schon in der ungewohnt ruppig-düsteren, und dabei absolut überzeugenden ersten Single "Violet Hill" (♪♫♪) hören konnte. "42" (♪♫♪) schwankt vortrefflich zwischen trauriger Ballade, reissendem Indierock und sonnenscheinigen Ohrwurm, das man es fast schon Prog-Pop nennen darf. Und auch das fabelhafte "Cemeteries Of London" (♪♫♪) setzte ein paar gelungen ungewohnte Akzente. Aber auch wo keine offenkundigen Neurungen am Werke sind, gibt es einiges zu entdecken. "Lost!" (♪♫♪) kann sich mit toller Orgelbegleitung, stampfenden Beats und tadellosen Gitarrenparts, als neuer kleiner Coldplay-Klassiker etablieren. Und mit dem (ersten) Titelsong "Viva La Vida" (♪♫♪) schufen sie nicht weniger als eine nahzu perfekte Pop-Hymne, die im Backkatalog der Band ihren Platz direkt hinter Songs wie "Clocks" oder "The Scientist" einnimmt. Warum sich allerdings das schicke "Lovers In Japan" (♪♫♪) einen Track mit dem unsäglich langweiligen Schlaflied "Reign Of Love" teilen muss, bleibt einem wohl auf ewig schleierhaft. Ihnen ist hier zwar kein durchweg großartiges Album gelungen, aber sie konnten sich vorbildlich aus ihrem kreativen Tief befreien und ein gutes bis sehr gutes Album vorlegen.
"PROSPEKT'S MARCH" - EP (2008)
Wenige Monate nach ihrem 4. Studioalbum, legten sie sogleich eine 8 Tracks starke EP mit dem Titel "Prospekt's March" nach, die man als eine Art Ergänzung des Album betrachten kann. Und die ist für ein paar angenehme Überraschungen gut. Wie man etwa in "Life In Technicolor II" (♪♫♪) hören kann - denn hier wurde der einst instrumentale Opener des Albums zu einem richtigen und vollwertigen Song umgebaut. Und das auch noch gut. Wo er der Song auf dem Album noch "Lost!" hieß, kann man ihn hier als "Lost+" (♪♫♪) finden - ergänzt um hervorragende Raps von Jay-Z. "Glass Of Water" (♪♫♪) offenbart sich als ordentlich euphorisierende kleine Hymne für den Hausgebrauch. Im (kaum hörbar veränderten) Osaka-Sun-Remix kann man hier das tolle "Lovers In Japan" (♪♫♪) endlich ohne das unfassbar öde "Reign Of Love" genießen. Und "Prospekt's March/Poppyfields" (♪♫♪) bildet das absolut wunderbare Herzstück dieser Songsammlung. Nicht alles hier überzeugt auf ganzer Länge, bildet aber dennoch eine gelungene Ergänzung.
The Rascals sind Geschichte - und nun verdreht uns Miles Kane auf Solopfaden und mit fabelhaftem Psychedelic-Indie-Pop, erst so richtig den Kopf.
Man wusste, das irgendwas dran sein muss an Miles Kane, dem jungen Musiker aus Großbritannien. Nur so richtig beweisen konnte er es bisher nur zum Teil. Sicher, da waren ja immerhin die Last Shadow Puppets: Als er sich gemeinsam mit Alex Turner von den Arctic Monkeys aufmachte, uns 2008 das grandiose 60s-Orchesterpop-Meisterwerk "The Age Of The Understatement" zu kredenzen. Doch mit dem Debüt "Rascalize" seiner eigenen Band The Rascals, konnte er auf längere Sicht nur schwer überzeugen. 2009, nur ein Jahr nach dem gemeinsamen Debütalbum, verließ Kane seine Band um sich fortan auf seine Solokarriere zu konzentrieren. Eine verdammt gute Idee, wenn man sich sein nun erschienenes Solodebüt "Colour Of The Trap" anhört. Mit herzhaftem Indierock, ruppigem Britrock und verführerisch 60s-infiziertem Psychedelic-Pop verdreht er uns hier gehörig den Kopf. Das geht schon prächtig mit dem Opener "Come Closer" (♪♫♪) los, das mit seinem schicken Groove auf Anhieb die Füße zum wippen bringt. Auch merken sollte man sich "My Fantasy" (♪♫♪), eine zärtlich-naive Britpop-Perle, die von harmonischen Gitarrenakkorden und sanften Streichern umweht wird, wie von einem warmen Sommerwind. "Inhaler" (♪♫♪) zeigt sich als offenkundig 60s-informiertes Britrock-Rumpelstilzchen, das gehörig zum mitgröhlen einlädt. "Kingcrawler" (♪♫♪) versteht sich als berauschendes und bewusstseinsweiterndes kleines Pop-Meisterstück, das mit galoppierendem Groove und einnehmender Melodie große Kreise zieht. Und "Happenstance" fasziniert als großartiger Psychedelic-Pop mit Langzeitwirkung - ganz im Sinne dessen ist, was er mit den Last Shadow Puppets großartiges verbrochen hat. Viel mehr beschleicht einen letzteres Gefühl des öfteren im Verlaufe von "Colour Of The Trap". Doch dies verwundert nicht, hat doch Alex Turner bei der Hälfte dieser dutzend Song als Co-Autor fungiert. Hört man diese hier mal wieder mehr als fruchtbare Zusammenarbeit, wirkt das neue Album "Suck It And See" von Turner's Stammband noch spannungs- und blutärmer, als es dies eh schon tut. Doch in dieser Hinsicht freut es zu hören, das ein zweites Album geplant ist. Doch bis es soweit ist, trösten wir uns mit diesem, das einen fulminanten Soloeinstand des jungen Herren darstellt.

Düster und Experimentell war gestern. Heute tupft uns Patrick Wolf ein in Pastellfarben gemaltes Album über die Liebe. Noch nie wurde bei ihm so viel geknutscht wie hier.
Patrick Wolf war schon immer ein Ausnahmetalent. 2003, im zarten Alter von 20 Jahren, legte der Multiinstrumentalist sein fast im Alleingang geschaffenes Debüt "Lycantrophy" vor, das in seiner Mischung aus irischer Folklore und Elektronik von Björk'scher Futuristik, seiner Zeit um Jahre voraus war. Der Nachfolger "Wind In The Wires" (2005) führte dieses Klangkonzept kongenial weiter - ehe er dann mit seinem dritten und ungewohnt poppigen Werk "The Magic Position" (2007) den kommerziellen Durchbruch schaffte, aber künstlerisch nicht mehr ganz so zu überzeugen vermochte. Doch nach diesem Zugeständnis an seine Plattenfirma, trennte er sich von selbiger und ging auf seinem 4. Album "The Bachelor" (2009) wieder zu seinen düsteren Wurzeln zurück. Letzteres war wiederum ursprünglich als Doppelalbum mit dem Titel "Battle" geplant, sollte dann aber doch getrennt voneinander erscheinen. Doch den Titel des geplanten 2. Teils "The Conquerer" verwarf Wolf bald wieder. Aber in wenigen Tagen steht nun das von einigen mit Spannung und Hoffnung erwartete 5. Album mit dem neuen Titel "Lupercalia" des exzentrischen Briten in den Läden. Und hier hat er zu unserer Überraschung den Pop für sich wiederentdeckt. Wie in Pastellfarben gemalte Liebeslieder werden hier offenbart, die für Verehrer seiner frühen Werke sicherlich ordentlich gewöhnungsbedürftig sein werden. Kannte man aus früheren Tagen noch verstörende Elektro-Elemente und Wolf's Stimme, die sich bisweilen auch in schmerzverzerrten Schreien oder düsterem Raunen ausdrückte, kommen diese hier auch in wesentlich optimistischeren und fluffigeren Tönen daher. Auch die Lyrics sind nicht mehr so kryptisch wie bislang, alles hier ist laut Sänger direkt aus dem Leben gegriffen. Davon zeugten in den vergangenen Wochen und Monaten bereits die Vorab-Singles: "Time Of My Life" (♪♫♪), der erste Vorgeschmack auf "Lupercalia", präsentierte sich als beherzte, von Streichern fulminant begleitete kleine Hymne auf die Liebe, "The City" (♪♫♪) kam mit Saxofon als waschechter Ohrwurm und mit reichlich guter Laune des Weges, und die neue Single "House" (♪♫♪) reiht sich hier als romantische und sehnsüchtige Pop-Perle ein. Und damit wäre der grundlegende Klangcharakter seines neuen Werkes auch perfekt umrissen. Verehrer seiner frühen Tage werden hier auf exeprimentelle Soundsperenzchen und düstere Klänge vergeblich warten - werden aber mit so manch herrlichen und schwelgenden Pop-Spielereien entlohnt, die durchaus Laune und Lust auf mehr machen können. "The Future" (♪♫♪) gibt sich ganz euphorisch, "Armistice" (♪♫♪) fällt mit Piano und Chor etwas melancholischer und balladesker aus, "Slow Motion" hält zarte Anspielungen auf Kraftwerk bereit, und "Together" bringt einen willkommen soften Dance-Groove und eine wunderbare Melodie mit ins Spiel.
Neben all diesen durchaus positiv zu wertenden Attributen, wird eines doch zur Gewissheit: Das all dies hier herzlich wenig mit dem zu tun hat, was einem Patrick Wolf einst so an genialen Skurrilitäten um die Ohren schleuderte. Keine Experimente - aber die wollte Wolf hier auch gar nicht haben. Er wollte weg vom Industrial-Sound des Vorgängers und stattdessen ein weniger provokatives und klareres Album schaffen. Bei "Lupercalia" werden sich jedoch die Geister mit Sicherheit scheiden: Für die einen mag das ganze oft brav, seltener auch mal kitschig und mehrheitlich sehr massenkompatibel anmuten. Und die anderen werden sehnsüchtig zu seinen in butterweichen Melodien getupften neuen Songs kuscheln und knutschen, und sie mit schmelzender Seele in ihr Pop-Herz schließen. Und am Ende haben dann doch beide Recht.
